Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 1 (3.1.1930)
- Date
- 1930-01-03
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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r Dinge und der Seele geht und, auf die kleinen Mittel der Lüge x verzichtend, mit der Wahrheit selbst, der ganzen Wahrheit nämlich, ent—schuldigt. In diesem großen Sinne kann auch literarische Apologetik verteidigen." Es ist das Bestreben des C. V. das Judentum in diesem Sinne zu „verteidigen". Das Bekenntnis zu Deutschtum und Judentum hat Rosenzweig nicht nur durch seine theoretischen Darlegungen, durch seine Stellung zum C. V. abgelegt, in einem tieferen Sinne ist das Ganze seines Werkes ein Bekenntnis. Er hat ein hervorragendes Werk „Hegel und der Staat" veröffentlicht, das, von der Fachwelt anerkannt, von seiner Verbundenheit mit der deutschen Kultur zeugt, und es ist ein Symbol für Deutschtum und Judentum, wenn seine letzten Jahre der Verdeutschung jüdischen Geistesguts galten! Dr. Siegfried Weinberg. Rritik muß frei von Haß fein! Bemerkungen zu Wilhelm Dieses Buch besteht aus Glossen zu Zeitungsüußerungen und Zeiterscheinungen der letzten 10 Jahre und ist eine Polemische Verlautbarung völkisch-antisemitischen Geistes. Es sind besonders jüdische Literaten, die in diesen Glossen hergenommen werden. Aber auch andere geraten gelegentlich in die Schußlinie der Stapelschen Angriffe, sofern sie pazifistische oder auch nur demokratische Anschauungen vertreten. Der Angreifer hat ohne Zweifel Intelligenz, aber seine Polemik, selbst wo sie witzig sein möchte, ist gallenbitter. Man sieht ein von Haß verzerrtes Gesicht; und das ist ein- Anblick, dessen auch derjenige nicht froh wird, der sich außerstande sieht, in jedem Falle für die von Stapel angegriffenen Aeußerungen einzutreten. Wenn Ernst Toller meint, es gebe kein dümmeres Ideal als das Ideal vom Helden, wenn Alfred Polgar die Deutschen von 1914 bewitzelt als „Hornvieh", das die der Keule verfallenen Stirnen hoch durch die Straßen trägt, wenn Alfred Kerr gouvernantenhafte Bedenken gegen den Wolf im „Rotkäppchen" und die glühenden Pantoffeln im „Schneewittchen" anmeldet, wenn Wolfgang v. Weisl über hinduistifche Glaubensdinge alberne Reporterspäße reißt, wenn das „Hamburger Echo" schulmeisterliche Einwände gegen das jugendverderberische Nibelungenlied abdruckt — so ist Widersptuch durchaus am Platze. Es wäre jämmerlich, wenn er ausbliebe. Aber Schlimmeres geschieht doch wohl da, wo der Widerspruch sich ins Dämonische treiben läßt und jene höllischen Haßkräste entwickelt, die nichts mehr davon wissen wollen, daß dem Menschen gerade im Kampfe Grenzen gesetzt sind — nicht nur mit Rücksicht auf den Gegner, sondern vor allem mit Rücksicht auf sich selbst. Stapel mag mit seinem Widerspruch in einzelnen Fällen noch so sehr im Recht sein: die Art, wie er ihn verficht, verneint den Geist positiven, tapferen und sich einsetzenden Menschentums (für das sein Widerspruch einzutreten behauptet), noch viel schlimmer als die Gegner. Was tut Stapel, um einer gewissen Sorte journalistischer Witzelei zu begegnen? Er witzelt ebenfalls. Er sucht seinen Stolz darin, mit des Gegners eigenen Waffen zu fechten. Er sieht nicht, daß er damit von vornherein verloren hat. Er sieht nicht, daß es gerade seine Ausgabe sein müßte, dem Negativen (und was er dafür hält) das Positive ruhig entgegenzusetzen. t Statt dessen fetzt er der Grimasse die Fratze, der Leichtfertigkeit die schreiende Ungerechtigkeit entgegen. Er verwendet fortwährend Waffen, mit denen Stapels „Literatenwäsche". man tausend schlechte, minderwertige Dinge verteidigen kann — nur eben nicht das Innige und Gerade, das Ritterliche und Fromme der deutschen Seele. Seine Antwort auf den Hornvieh-Spruch von Polgar stilisiert Stapel unbedenklich so, daß eine Pogromdrohung herauskommt. Keine kleinliche Wortverdrehung, keine rabulistifche Zuspitzung, keine keifende Bosheit ist Wilhelm Stapel zu schlecht, um sich ihrer als Waffe zu bedienen — wo es doch gerade ihm darauf ankommen müßte, das Gehör seines Volkes solcher Dinge zu entwöhnen. Daß er sich für das verspielte und gaufrierte Deutsch von Alfred Kerr nicht begeistern kann, nehme ich ihm nicht übel. Aber das Zischen und Geifern, das er selbst verübt, will mir noch weniger gefallen. Ganz abgesehen davon, daß Haß das Gehaßte nicht vertreibt, sondern es geradezu ernährt. Und daß er den Geist abwürgt, wohin er reicht; vor allem in den Menschen selbst, die sich dem Haß dahingeben. Auch mir liegt von Jahr zu Jahr weniger an den Grimassenschneidern und Witzbolden, an den Nur-Beweglichen, die sich nicht einsetzen und immer - lachend danebenstehen, an den Verkleinerern und Heldentötern, mögen sie selbst den bedeutenden künstlerischen Rang eines Chaplin oder eines Shaw (vor der „Heiligen Johanna") einnehmen. Aber man bekämpft diesen Geist nicht, indem man seine Methoden eifrig verwendet. Man bekämpft ihn nur durch reales Anderssein, durch faktische Uebernahme der Führung, wie sie in der deutschen Klassik, in der deutschen Romantik geleistet worden ist. Gezeter ist aber nicht Führung, und Gekeife stiftet keine neue Gestalt. Stapel scheint zu glauben: Man knebele Demokraten, Pazifisten und einige jüdische Literaten — so ist das Nötige getan. Sieht er nicht, wie viele der von ihm bekämpften Geisteserscheinungen sich heute am „arischen" Amerika orientieren? Sieht er nicht, daß Gefchichtsmächte und zivilisatorische Mächte unsere Lebenslage faktisch verändert haben, so daß wir nun-' bestens gezwungen sind, das, was uns von alters her heilig ist, neu in sie einzubauen? Es ist das Schlimme an der völkischen Ideologie (wie übrigens auch an der pazifistischen und jeder anderen), daß sie nicht geschichtlich, das heißt irdisch, konkret und menschengemäß zu denken vermag. Sie erkennt die historisch gestellte Aufgabe nicht an. Sie will nicht zugeben, daß die alten Kräfte in Deutschland abgewirtschaftet haben; abgewirtschaftet in ihrer früheren Gestalt; schon ein Blick auf die unwiderrufliche Ueberwundenheit von Wilhelm Michel (varmftaötl. der Dynastien und der Ländereinteilung müßte das klarstellen. Sie weiß das, was seither gekommen ist, nicht als eine Folge dieses furchtbaren Versagens zu verstehen, als notgedrungene Erörterungszeit, als eine Wegstrecke voll Zweifeln und Erprobungen, voll erster Hilfeleistung und kurzfristiger Planungen. Ueber der Treue zum Volk versäumt sie die Treue zur Zeit — als gäbe es jemals „Volk", das der Zeit, das heißt der bestimmten geschichtlichen Lage enthoben wäre! Sie sucht den ersten, besten Sündenbock und drischt mit Wutgebärden auf ihn los. Das mag entlasten, aber es ändert nicht, es führt nicht weiter, es bringt erst recht den Unsinn und das Widermenschliche hoch. Kämpft Stapel u. a. gegen die rationale Dürre, die sich in unserer Epoche breitmacht: wie rational und dürr ist feine eigene Aetiologie der ihm unerwünschten Erscheinungen! Wir haben vom geschichtlichen Gesamtgeschehen nur das eine in der Hand, daß es m e n s ch l i ch darin zugehe. Die Kräfte, die großen Gewalten stiftet der Herr der Geschichte, Gott. Uns ist aufgegeben, alles Geschehen, das erwünschte wie das unerwünschte, in Menschengestalt zu überdauern. Wer dieses letzte menschliche Können und Verpflichtetsein klein macht, spielt ein gefährliches Spiel. Er streift immer die letzte Auflehnung, er stürzt den Menschen in die Leere, in die frevlerische Ungeduld, die genau in dem Augenblick, da sie Gewalt, Herrschaft und Lebensfülle zu ergreifen meint, Boden und Wirklichkeit verliert. * Paul Fechter über Stapels „Lrteratenwäfche". In der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" Nr. 512, Jahrgang 1929, kritisiert Paul Fechter unter der Ueberschrift „Die Waffe des Stärkeren" Stapels ..Lireraren - Wäsche". Seinen wichtigen Ausführungen entnehmen wir folgende Zeilen: „Stapels Buch ... ist als Kampfbuch gegen die Lireratenbeschimpsungen des Reichs und seiner Menschen, seiner Führer und seines Geistes gedacht; der Verfasser ist mit vollem Recht der Meinung, daß wir nicht nötig haben, uns das länger stillschweigend gefallen zu lassen. Er hat mit dieser Grundtendenz feines Buches überhaupt vollkommen recht: nur ist es ihm unter den Händen leider in eine ganz andere Richtung abgerutscht. Er wollte, sagen wir einmal, den Antigermanismus bekämpfen, der sich heute in gewissen Bezirken der sogenannten Literatur in peinlichster Weise breitmacht: er hat im Eifer des Gefechtes diese Abwehrstellung überrannt, ist selbst zum Angriff übergegangen und hat diesen Angriff zum großen