Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 1 (3.1.1930)
- Date
- 1930-01-03
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Persönlichkeit über Parkei. Ser deutsche Zude Franz Rosenzweig. Wer Franz Rosenzweig, den Philosophen, den Uebersetzer, den Juden, charakterisieren will, der mutz das heute viel mißbrauchte Wort „schöpserisch" gebrauchen. Denn die Kraft zu n e u e n Gestaltungen ist das hervorstechendste Merkmal seines Wirkens. Ob es sich im „Stern der Erlösung", seinem Hauptwerke, um die Philosophie handelt, ob er sich als Uebersetzer um die Verdeutschung des Hebräischen mühte, ob er zu den Fragen der jüdischen Politik oder der jüdischen Erziehung Stellung nahm, immer und überall erschloß Rosenzweig neue Wege. Deshalb ist er in die bestehenden Gruppierungen weder nach seiner philosophischen noch nach seiner jüdischen Einstellung einzuordnen. Den Neuleistungen des schöpferischen Menschen gegenüber versagen die alten Bezeichnungen von Parteien und Standpunkten. Im heutigen Judentum sind in Fragen der Religion Liberalismus und Orthodoxie, in Fragen der Politik Nationaljudentum und C. V. Gegensätze. Rosenzweig aber fand für seine Erkenntnis und auch für sein persönliches Leben einen Standpunkt, in dem diese Gegensätze aufgehoben sind. Keiner bestehenden Richtung gehörte er restlos an; er war ein Mann, der sich die Bahn selber suchen mußte, der in keiner gegebenen Gestaltung des Judentums aufgehen konnte. „Alle Rezepte, das orthodoxe wie das zionistische wie das liberale, erzeugen, je rezeptmäßiger sie befolgt werden, um so lächerlichere Karikaturen von Menschen... Es gibt nur das eine Rezept, das den Menschen zum jüdischen und damit ... zum wahren Menschen macht: das Rezept der Rezeptlosigkeit. . ."*) Ein schwacher Kompromiß lag weit unter der Ebene seines Denkens und seines Tuns. Er fand und lebte eine echte Synthese zwischen diesen scheinbaren oder wirklichen Gegensätzen, eine Synthese, die aus seiner religiös-philosophischen Urkraft geboren ward. Er hatte einen Begriff vom lebendigen Judentum, der ihm zu sagen gestattete: „Nichts Jüdisches ist mir fremd.^) Ob Rosenzweigs Auffassung vom Judentum die Wirklichkeit des religiösen und politischen Lebens gestaltend beeinflussen wird, das kann hier nicht entschieden werden. Aber auf keinen Fall war Rosenzweig ein Liberaler, ein Orthodoxer oder gar ein Nationaljude in der üblichen Bedeutung dieser Bezeichnungen. Wenn letzthin in jüdischen Zeitungen versucht wurde, ihn für eine dieser Richtungen zu beschlagnahmen, so wird damit der Gestalt Rosenzweigs und der Sache des Judentums Abbruch getan. Mag es immerhin noch auf lange Sicht so bleiben, daß die Strömungen im Judentum sich wie Gegensätze gegenüberstehen, mag man auch in Zukunft eine klare Entscheidung für eine dieser Gruppierungen fordern, so ist es selbst für diesen Standpunkt wesentlich, daß es Menschen wie Rosenzweig gibt, die zwar mit ihrem Denken und ihrem Tun in alle Parteien hineinragen, aber auch hinter leicht allzu fest werdende Formeln die nötigen Fragezeichen zu setzen wissen. Dadurch entsteht der heilsame Zwang, das Problematische in jeder Einstellung zu beachten und den eigenen Standpunkt immer auss neue zu prüfen, eine Prüfung, die für alle jüdischen Standpunkte notwendig ist, damit der innerjüdische Kampf nicht zuviel wertvolle Kraft verzehrt. Dies ist für Liberalismus und Orthodoxie, für Nationaljudentum und C. V. viel wichtiger, als die Zahl der eigenen Anhänger um einen großen und klangvollen Namen zu bereichern. Die Eigengestalt schöpferischer Menschen, die ja an sich so selten find, muß gewahrt werden, nur so kann ihre Krast sich zu fruchtbarer Wirkung entfalten. Wenn hier von der Einstellung Rosenzweigs zum C. V. gesprochen wird, so soll nicht in den oben angedeuteten Fehler verfallen werden, ihn restlos für den C. V. zu fordern; dies soll nicht geschehen, obwohl Rosenzweig bis zu seinem Tode Mitglied des C. V. war und obwohl er — nicht nur am Anfang seiner Entwicklung, sondern auch in jüngster Zeit — sich zu den Grundsätzen des C. V. bekannt hat. Er schreibt in den „Briefen eines Nichtzionisten an einen Antizionisten" (1927): „Wir vom C. V. . . ."a) Es handelt sich nicht darum, die Parteizugehörigkeit Rosenzweis festzustellen, wesentlich ist die Frage: wie hat der Philosoph den C. V., seine Arbeit und seine Ziele beurteilt; nicht nur die Zustimmung, sondern auch die K r i t i k, die aus einem solchen Munde kommt, ist wertvoll und beachtlich. Die Grundgedanken des C. V., die Vereinigung von Deutschtum und Judentum, die Ueberzeugung, daß eine künstliche Isolierung der *) „Zweistromland", Philo-Verlag, Berlin 1926, S. 43. 2) A. a. O. S. 42. V „Der Jude", Sonderheft zu Bubers 50. Geburtstag, S. 82. deutschen Juden weder möglich noch wünschenswert ist, die Forderung, für die Gleichberechtigung der Juden zu kämpfen, alle diese Gedanken hat Rosenzweig immer bejaht und zu Voraussetzungen seiner Einstellung gemacht. Das zeigt sich überall in seinen Schriften. Aus diesen Gedanken heraus kritisiert er die Galuthpolitik des Zionismus: „Der Zionismus glaubt, die europäischen Nöte der jüdischen Gegenwart zu heben, indem er einen Ausweg in eine palästinensische Zukunft eröffnet. Indem er aber wie verzaubert auf diesen Ausweg aus Europa starrt, gerät er für den jüdischen Menschen der „Zwischenzeit" — und Gegenwart ist immer „Zwischenzeit" —- immer wieder auf Versuche, ihn möglichst zu isolieren. Da alles Heil in der Errichtung eines isolierten Staates gesehen wird, so isoliere man — rechnet der Zionismus — zunächst einmal schon hier den jüdischen Menschen. . . So ist der jüdische Mensch, wie ihn die Galuthpolitik des Zionismus allein kennen will, schließlich ... doch etwas durchaus Negatives, etwas sich Abgrenzendes und dadurch selber nur Beschränktes. . . Wer für den Augenblick, das Heute, arbeiten will, ohne die Hauptlast der Arbeit aus ein unsicheres Morgen abzuschieben, der kann darum nicht in den zionistischen Geleisen gehen. Er muß mit dem jüdischen Menschen, dem ganzen in seiner Ganzheit, hier und heute Ernst machen."4) Aus diesem Eintreten für die Wirklichkeit, in der die deutschen Juden mit Deutschland verwachsen sind, schreibt Rosenzweig: „Ich gebe unser deutsches Judentum nicht verloren. . . Ich halte die Arbeit des C. V. für gut und nötigt) Verficht Rosenzweig so die Grundeinstellung des C. V. ohne Einschränkung, so übt er andererseits Kritik an der Haltung des C. V. zum Nationaljudentum. Rosenzweig lehnt zwar die nationaljüdische Theorie ab, in „deren Geleisen man nicht gehen könne", er nennt sich einen „Nichtzionisten", er rechnet sich zu denen, die — nach dem Worte Hermann Co h e n s — den Zionismus „nur für eine Episode" halten, aber auf der anderen Seite will Rosenzweig die wirklichen Leistungen der Zionisten anerkannt wissen. Mag die zionistische Theorie, der jüdische Nationalismus, falsch sein, Rosenzweig findet, daß der Zionismus jüdische Kräfte wachgerufen hat, daß der gegenwärtige Aufbau Palästinas unabhängig von aller Politik für das Judentum in allen seinen Formen von höchster Bedeutung ist. „Unter den Zionisten finde ich die — Theorie hin, Theorie her — besseren Juden als unter uns"?) schreibt er an den Antizionisten. Rosenzweig hat für sein eigenes. Leben eine Synthese zwischen Deutschtum und Zionismus gefunden.: Dieser Glaube Rosenzweigs, daß man Zionist in seinem Sinne und zugleich Anhänger des C. V. sein könne, läßt ihn wünschen, daß der Gegensatz Zwischen diesen Richtungen grmildert werde: „Daß der C. V. es Zionisten heute unmöglich macht, seine Mitglieder zu sein, halte ich für einen Fehler, aber für keinen entscheidenden."^) Diese Ansicht Rosenzweigs soll hier erwähnt sein, ohne daß es möglich ist, das ganze Problem aufzurollen. Kritik an den Mitgliedern des C. V., nicht am C. V. selbst und seiner Arbeit ist es, wenn Rosenzweig feststellt, daß in manchen Kreisen die Zugehörigkeit zum C. V. das einzige Bindeglied mit dem Judentum ist. Er vermißt in vielen Kreisen des deutschen Judentums die Lebendigkeit und Unmittelbarkeit des Judeseins. Aber die Heilung kann nur .durch Maßnahmen der Erziehung, durch Aenderung der geistigen Haltung ein treten. Das ist aber nach Rosenzweig nicht Aufgabe des C. V. Daß der C. V. sich religiös neutral verhält, findet seine Zustimmung: „Der C. V. soll ein nur politischer Verein sein."^) Die berechtigte Kritik, die Rosenzweig an weiten Kreisen der deutschen Juden übt, geht also nicht auf den C. V, Sehr feine Worte hat Rosenzweig über Apologetik gesagt, also über ein Problem, das in der praktischen Arbeit des C. V. eine große Rolle spielt. In dem Aufsatz „Apologetisches Denken", der im „Zweistromland" (Seite 69—81) wieder abgedruckt ist, zeichnet er die Grenzen jeder Apologetik und schildert die Vorurteile, die gegen „das Verteidigen" bestehen. „Aber trotzdem kann Verteidigen eine der edelsten menschlichen Beschäftigungen sein. Nämlich wenn es bis aus den Grund der 4) „Zweistromland", S. 41/42. ö) „Der Jude", a. a. O., S. 82 und 84. A. a. O. S. 84. A. a. O. S. 83. 6) A. a. O. S. 82.