Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 1 (3.1.1930)
- Date
- 1930-01-03
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277676-2277677--05733-2286497- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
tduacd ^Bernstein. Zu seinem 80. Qe&uctstage, Am 6. Januar feiert das kulturell fortgeschrittene Europa den achtzigsten Geburtstag Eduard Bernsteins; denn das schöpferische Wirken dieses weitsichtigen und rückgratfesten Politikers hat weit über die Grenzen Deutschlands hinausgegriffen. Bernstein hat in allen Kultursprachen Europas zu den großen kämpfenden Armeen der Demokratie und des Sozialismus geredet. Seine Ideen trug er weiter in alle Kreise der intellektuellen Welt. Er schrieb für die „Neue Zeit", für „Ille Nation", für die „Revue Poli- .tique Internationale", für „The Contemporary Review", für „De sozialistische Gids", für den „Jiddischen Vorwärts", für die „Sozialistischen Monatshefte", für die „Dokumente des Sozialismus". Im Lause einer fünfzigjährigen unermüdlichen literarischen Tätigkeit wurde Bernstein zu einer Leuchte der Wissenschaft — aber die „offizielle W i s s e n s ch a f t" ging an ihm achtlos vorüber. Und doch hatte manche seiner wissenschaftlichen Arbeiten den Gedankengehalt und das stossliche wissenschaftliche Material eines Dutzends akademischer Doktordissertationen in sich! Das wissenschaftliche Europa hat erfreulicherweise mehr als nur Doktorwürden zu verteilen; es bildet eine umfassende sichtbare und unsichtbare Gemeinde, die nur die Männer und Frauen in sich ausnimmt, die wirklich Großes, die Zeiten Ueberdauerndes geschaffen haben. Und zu dieser Gemeinde der „Unsterblichen" zählt vor allem Eduard Bernstein. Wer die Geistesgeschichte Europas auch nur in allgemeinen großen Zügen aufzeichnet, der wird der wissenschaftlichen Bewegung des Marxismus einen verhältnismäßig großen Raum in ihr gewähren müssen. Millionen von Arbeitern Europas standen und stehen im Banne dieser Bewegung. Aber der Marxismus hat nicht nur programmatische Ideen der europäischen Arbeiterbewegung gegeben, er befruchtete im allgemeinen die G e s ch i ch t s Philosophie und die Geschichtsschreibung. Historiker von der Bedeutung eines Karl L a m P r e ch t, eines Jean Jaures haben sich mit den Grundgedanken der ökonomischen Geschichtsauffassung von Karl Marx auseinandergesetzt und erhielten von ihr schöpferische Anregungen. Die geistige Bewegung des Marxismus ist nun untrennbar mit dem Namen Eduard Bern st eins verknüpft, der durch seine glänzenden, durchweg volkstümlich gehaltenen Artikel die Marxfchen Gedanken dem allgemeinen Bewußtsein einverleibte. Bernstein ist aber nicht nur ein bloßer Interpret der Jdeengänge von Marx gewesen, er wurde zu ihrem fruchtbarsten Kritiker. Er erweiterte die Marxsche Geschichtsauffassung, und er arbeitete die Prinzipien einer schöpferischen politischen, wirtfHaftlichen und sozialen Demokratie so klar heraus, daß sie lebensge st alte n d für Deutschland, ja für Europa geworden find. In der programmatischen Schrift Bernsteins: „Die Voraussetzungen des Sozialismus", namentlich in seiner Kritk Von daul JCaMpWm&jfec. der „Diktatur des Proletariats" ist manches wahrhaft prophetisch erschaut. Eduard Bernstein nahm seinen Aufstieg aus einem jüdischen Hause, das geistig in den Ideen der jüdischen Nesormgemeinde wurzelte, deren Tätigkeit er einmal mit der des Protestantenvereins in der evangelischen Christenheit vergleicht. Der Kultus dieser Reformgemeinde entsprach nach Bernstein den Tendenzen des liberalen Bürgertums um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Und so wurden denn in dem jungen Bernstein auch von religiöser Seite aus die demokratisch-liberalen Ideen gefördert, die er später zu einem sozialistischen Demokratismus sortentwickelte. Höchste Verehrung genoß in dem Bernsteinschen Familienkreise der Demokrat Johann Jacoby, der nach dem Leipziger Hochverratsprozeß gegen Bebel, Liebknecht und Hepner ebenfalls zur sozialen Demokratie überging. , Mit welch regem Interesse Eduard Bernstein die Fortentwicklung des Judentums heute verfolgt, das beweist seine Polemik mit Kautsch über die „Aussichten des Zionismus". Bernstein bekennt sich als Gegner eines politischen Zionismus, der sich für die Umwandlung Palästinas in einen nationalistischen jüdischen Staat einsetzt. Er hält dieses Ziel nicht nur für ganz aussichtslos für eine absehbare Zeit, sondern auch für abträglich für die Judenheit selbst; aber mit dem Feuer seines noch jung gebliebenen Herzens gönnt er dem Judentum eine öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte. Man darf sagen: das sozialistische Gefühl für alle Unterdrückten und Ausgebeuteten, das in Eduard Bernstein glühte, seitdem er sich eine eigene politische Ueberzeugung erkämpft hatte, vertiefte sein Verständnis für die Leiden verfolgter, entrechteter Juden. In seinem vielbewegten Leben hat Bernstein mit heiligem Ernst den Satz des sozialistischen Programms zu erfüllen gesucht: „Die Sozialdemokratische Partei kämpft nicht für neue Klassenprivilegien und Vorrechte, sondern für die Abschaffung der Klassenherrschaft und der Klassen selbst, für gleiche Rechte und Pflichten aller, ohne Unterschied des Geschlechts und der Abstammung. Von dieser Anschauung ausgehend, bekämpft sie nicht nur die Ausbeutung und Unterdrückung der Lohnarbeiter, sondern jede Art der Ausbeutung und Unterdrückung, richte sie sich gegen ein Volk, eine Klasse, eine Partei, ein Geschlecht oder eine Rasse." * (gfeuatb Bernstein gewährte unserem R. M. - Mitarbeiter eine Unterredung, in der er stch über seine Stellung zum Judentum folgendermaßen äußerte: „Wenn ich auch in den siebziger Jahren still und unbemerkt der jüdischen Gemeinschaft den Rücken gekehrt habe, so bin ich doch immer Jude geblieben und bin stolz daraus, von Juden abzustammen. In den siebziger Jahren hat Stoecker. der Vater der heutigen Nationalsozialisten, ganz besonders in Berlin den Rassenhaß geschürt, und da hielten wir als Gegenwehr es für richtig, den Kirchenaustritt zu empfehlen. Wenn ich auch als Redner nirgends den Kirchenaustritt propagiert habe, so hielt ich mich doch, da ich dem Büro jener Austrittsversammlungen angehörte, für verpflichtet, auch für mich den Twnnnungsstrich zu zrehen. Ich habe es damals im stillen getan und niemand hat etwas davon erfahren. Heute würde ich es nicht mehr tun. Denn man kann es einem Juden, der jetzt die Gemeinschaft verläßt, als Feigheit auslegen. Wer eine bedrängte und unterdrückte Religion verläßt, ist feig. Die heutige antisemitische Welle ist giftiger denn je. Und darum würde ich in der Jetztzeit niemals den Schritt tun. Ich stehe nicht an, dies an meinem Lebensabend zu erklären. Als Parlamentarier und Politiker habe ich dann als „Konfessionsloser" immer die berechtigten Forderungen der deutschen Juden weitgehend unterstützt. Erst in allerletzter Zeit hatte ich mit Karl Kautsky wegen des Zionismus eine Auseinandersetzung. Ich habe nämlich in einem Artikel den Standpunkt vertreten, daß die Juden eine Heimstätte haben mühten, daß diese Heimstätte aber niemals nationalistisch und völkisch aufgezogen werden dürfe. Durch die heutige landläufige zionistische Propaganda werde unbewußt den Völkischen ein großer Dienst erwiesen. Ich wünsche aber eine Heimstätte, die wirklich auch eine Heimstätte sei und der jeder nationalistische Beigeschmack fehlt. Sie sehen," sagte Bernstein zum Schluß, „daß ich also trotz der äußeren Abkehr positiv zum Judentum stehe." L. v.-ttalender M«. Lin Handbuch sürjeden deutschenJuden. Der C. B.-Kalender hat im Laufe der Jahre viel Anklang gefunden und zahlreiche Freunde gewonnen. Nunmehr liegt die vierte Auflage vor, die wiederum von dem unter Führung Dr. Bruno Glaserfelds stehenden Landesverbände Groß-Berlin herausgegeben ist. Der Kalender ist gegenüber seinen Vorgängern um manchen Beitrag bereichert und in allen Teilen auf den neuesten Stand der Dinge gebracht worden. Der vielseitige Inhalt kann hier nur stichwortartig angedeutet werden. Neben kleineren Abhandlungen zur Geschichte der Berliner Juden enthält er eine knappe Betrachtung der palästinensischen Wirren des Jahres 1929, eine Abhandlung über das europäische Nationalitätenproblem, eine Einführung in die wesentlichen Bestimmungen des Ioung-Planes und Würdigungen Moses Mendelsohns wie Gustav Stresemanns; daneben gibt er einen Ueberblick über die zahlreichen jüdischen Organisationen und die jüdische Presse in Deutschland, namentlich in Berlin. Dem C. V. ist natürlich der weitaus größte Raum gewidmet; über Entstehung, Tätigkeit und Ziele dieses größten jüdischen Vereins im Deutschen Reiche unterrichtet ein besonderer Abriß. Nicht nur die Satzungen des Gesamtvereins und des Landesverbandes Groß-Berlin, sondern auch die Namen und Anschriften der Mitglieder der Geschäftsstellen, Ausschüsse und Vorstände, der Frauengruppen und Jugendbünde sind in dem Kalender wiedergegeben. Der Kalender enthält weiter ein Verzeichnis der höchsten Reichs- und Landesbehörden, Auszüge aus den Programmen der großen politischen Parteien, die Ergebnisse der letzten Wahlen, eine Kritik des Programms und der Entwicklung der NSDAP, sowie einen Katalog ihrer Presse. Der C. V.-Kalender 1930 geht somit weit über den ihm ursprünglich gesteckten Rahmen hinaus; er ist ein Orientierungs- und Merkbüchlein geworden, das jeder deutsche Jude besitzen und verbreiten sollte, ein willkommener Leitfaden zur Förderung des deutschjüdischen Gedankens und zur Bekämpfung des Judenhasses. Dr. Ernst G. Lowenthal.