Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 1 (3.1.1930)
- Date
- 1930-01-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Wo steht Hitler? Die Lehren des Sthweidnitzer Nationalsozialisten-Prozesses, Von Dr. Felix Heimann (Breslau). in der er sich überraschend scharf gegen die Schändung jüdischer Friedhöfe und gegen politische Gewalttaten gewandt hat, den schlechten Eindruck, den Pfeffer erweckte, wieder ziemlich wettgemacht. „Den angeln wir uns für die Demokratische Parte i" flüsterte mir scherzhaft der Vertreter eines bekannten Blattes zu, als Hitler sich nach seiner zweiten Nede aus seinen Platz begab. Der Weg der Nationalsozialisten hat sich in den letzten Wochen, dank der Initiative des Führers, geändert — geblieben aber i st das Ziel! Die Massen des demokratisch-republikanischen Deutschlands sollen — den Stimmzettel in der Hand — an die Wahlurnen treten und Herrn Adolf Hitler und seine Freunde ermächtigen, das „D ritte Reich" aufzurichten, in dem Staatsbürger nur Volksgenosse und Volksgenosse nie und nimmer der deutsche Jude sein darf, mögen seine Väter und Brüder ihr Blut für das Vaterland hingegeben, mag er selbst seine Geistesgaben in den Dienst der Nation und der Menschheit gestellt haben. Mehr noch als bisher werden von jetzt an nicht nur wir, sondern all die Parteien unü Organisationen Deutschlands, die das Hakeukreuzlertum, selbst wenn es sich noch so demokratisch gebärdet, bekämpfen, an die Massen Herangehen und sie über das wahre Ziel der Hitlerei aufklären müssen. Und wie bisher, wird auch weiterhin auf die Finanzquellen der nationalsozialistischen Bewegung hinzuweisen sein. Hitler hat in Schweidnitz unter seinem Eide ausgesagt, „seine" Bewegung erhalte sich selbst, „die" Industrie unterstütze sie nicht. Einzelne Industrielle werden Wer diese Aussage sehr überrascht sein! Der Schweidnitzer Prozeß ist vorüber. Die Lehren aus ihm wird unserer Arbeit zu berücksichtigen haben. Die Wühlarbeit auf den höheren Schulen. Sine Rede des »eichsleiiers der- " " / 'T: Schiilerdünde. Von den sechzehn wegen Sprengung einer Versammlung und Landsriddensbruchs angeklagten Nationalsozialisten, gegen die, wie wir in Nummer 51 „C.V.-Zeitung" vom 20. Dezember 1929 berichteten, tagelang in Schweidnitz verhandelt wurde, sind nicht weniger als neun freigesprochew sieben wegen Sprengung einer politischen Versammlung und einige von ihnen wegen dieses Vergehens in Tateinheit mit Körperverletzung bestraft worden. Diese „Strafen" erscheinen als Sühne für den brutalen, wohlorganisierten Ueberfall der „Braunhemden" auf die Schweidnitzer sozialistische Versammlung mit seinen schwerwiegenden Folgen — es lie ge n no ch h eu te einige der etwa 50 damals Verletzten in de n K r a n k e n- Häusern — sehr milde. Drei Monate Gefängnis hat der vom Gericht als Haupttäter angesehene T h i e - mann bekommen, noch geringere Gefängnis¬ oder sogar Geldstrafen erhielten die anderen sechs Nationalsozialisten — während die eigentlichen Rädelsführer, der Gaugeschüftsführer Herda und die Brüder Trzeciak, ganz frei ausgehen. Wären die Angeklagten und vor allem die Zeugen — man hat von etwa 200 geladenen nur 39 vernommen — etwas schärfer angefaßt worden, hätte man stundenlange nationalsozialistische Agitationsreden, die Nrs Bild verwischen sollten und es auch verwischt haben, nicht mit wahrer Engelsgeduld Zugelassen und sich strenger an das Beweisthema gehalten, und wäre vor allem — man kann es kaum begreifen, daß er in diesem Prozeß mit seinen 50 Verletzten fehlte — ein Nebenkläger mit dem Fragerecht, das ihm die Strasprozeßordnmu; gewährt, aufgetreten, die Beweisaufnahme wäre im Ergebnis wahrscheinlich anders ausgefallen. Aber gleichgültig, ob Landfriedensbruch, organisierte oder Nichtorganisierte Versammlungssprengung, qualifizierte oder nichtqualifizierte Körperverletzung, Notwehr oder Putativnotwehr — für uns deutsche Juden hat dieser Prozeß seine besondere Bedeutung. Das Auftreten Adolf Hitlers, der, am 13. Dezember als Zeuge über Richtung und Ziel seiner Bewegung vernommen, vor den Richtern von Schweidnitz sprach und durch seine Aussage Zweifelsohne das Verfahren zugunsten der Angeklagten entschied, bestätigt uns, wie richtig wir handelten, als wir der nationalsozialistischen Bewegung so starke Aufmerksamkeit widmeten. Adolf Hitler ist ein kluger Kopf, der die Zeichen der Zeit nicht verkennt; er ist gefährlich denn er ist ein faszinierender Redner. Adolf Hitler hat sich nun vor wenigen Wochen erst mit beiden Füßen auf den Boden der Republik gestellt . . . Selbstverständlich nicht, wie man aus vielen Zeitungen herauslesen konnte, aus purer Verärgerung über den „K r o n p r i n z e n" R u P P r e ch t. Adolf Hitler hat sich am 13. Dezember 1929 in Schweidnitz mit beiden Füßen auf den Boden der Demokratie gestellt . . . selbstverständlich nicht um der mehr oder minder .schönen Augen der Radaubrüder willen, die dort aus der Anklagebank saßen, sondern aus wohlverstandenen politischen Gründen. Seine Rede ging zum Fenster hinaus. Sie hat im Zuhörerraum und auf den Richtertisch sichtlichen Eindruck gemacht — sie wird darüber hinaus ihre Wirkung auf das in seiner überwiegenden Mehrheit demokratisch eingestellte Deutschland nicht verfehlen. Gewiß hat das tapsige Auftreten des Herrn Hauptmanns a. D. von Pfeffer, des schneidigen K o m m a n d a n t e n der „S. A. für das ganze deutsche Sprachgebiet", den Eindruck der ersten Hilter-Rede etwas verwischt — aber Adolf Hitler hat in einer zweiten Rede, In Nummer 50 und 51 der „C. V.-Zeitung" vom 13. bzw. 20. Dezember 1929 berichteten wir über die fortschreitende Politisierung der Schuljugend, die ganz besonders von staatsfeindlicher rechtsradikaler Seite aus betrieben wird. Ein neues Dokument für diese Tatsache gibt uns der Bericht über eine jungdemokratische Schülerbundversammlung, die im Landtagsgebäude in Berlin am 13. Dezember 1929 stattfand. Das Thema des Abends lautete: „Politik auf der Schule". In ruhiger, vornehmer und besonnener Weise legten Oberstudiendirektor Dr. Schönebeck, Oberstudienrat Dr. Blankenburg und Ernst Schein die Notwendigkeit dar, die Schuljugend mit Grundfragen der Politik wie Volk, Nation und Staat bekanntzumachen. Das Monarchisch-Dynastische sei früher stärker gewesen als das Nationale. Jetzt gälte es, die Nation und das Volk, die republikanische Staatsform und die tief ethische Tradition der Fahne Schwarz-Rot-Gold der Schuljugend nahezubringen. Die Art des modernen Schulunterrichts, das Pflichtfach Staatsbürgerkunde, verlange auch die Behandlung wichtiger tagespolitischer Fragen. Aber Schüler wie Lehrer dürfen die -Fragen nur überparteilich behandeln und nicht im Sinne der Parteipolitik. Die Schülerbünde, die fast alle Parteien heute besitzen, feien ein „Geschenk der Republik". Aber auch sie müssen frei bleiben von Parteiverhetzung und Beschimpfung der heutigen Staatsform. Oberstudienrat Dr. Blankenburg verurteilte besonders den Kaschemmenton, der sich auch in Shülerbünden in häßlichster Weise jetzt breitgemacht hat. Wie recht Dr. Blankenburg mit dieser Feststellung hatte, bewies diese Versammlung selbst, in der nationalsozialistische Schüler die Vorträge der Lehrer ständig störten. Von den etwa 150 anwesenden jungen Leuten, vorwiegend Sekundanern und Primanern, waren mehr als die Hälfte Nationalsozialisten. Und sie belästigten die Redner und die jungdemokratischen Zuhörer ständig durch Zwischenrufe und unverständliches Gemurmel. Erst als in der Diskussion ihre eigenen Leute zu Worte kamen, vor allem der Reichsleiter der Nationalsozialistischen Schülerbünde, hielten sie Ruhe. Machte aber dann einmal ein Jungdemokrat einen Zwischenruf, so wurde er von ihnen angepöbelt. Die Diskussionsrede dieses R e i ch s l e i t e r s der Nationalsozialistischen S ch ü - lerbünde, Dr'. Adrian von Renteln, glich in ihrer agitatorisch-demagogischen Form den Hetzreden aller nationalsozialistischen Vortragenden. Er erinnerte an die Fälle Goslar und Dessau und an eine Anfrage im sächsischen Landtag wegen des nationalsozialistischen Schülerbundes. Der Nationalsozialismus sei die ganz bewußte Bewegung und — wie der Redner besonders hervorhob — Weltanschauung des Arbeiters. Die NSDAP, bekämpfe nicht die Republik als solche, sondern diese Republik. 1848 seien die Farben Schwarz-Rot-Gold ruhmreich gewesen, heute dagegen seien sie es nicht mehr. Die NSDAP, begehe nur dann Gewalt, wenn man sie terrorisiere. Politik sei das Recht des Volkes, zu leben. Dieses Recht werde vom Staate ausgeübt. Der Staat aber sei von Parteien getragen, die das Volk bekämpfen, und dieses sei Ausbeutern ausgeliefert, in deren Adern fremdes B l u t rolle. Die NSDAP, wolle aber dem Volk helfen, dem Proletariat, der Bauernschaft, dem notleidenden Mittelstand. Im Gegensatz zu diesem schon stark erwachsenen demagogischen Redner sprach dann ein nationalsozialistischer Oberprim a n e r in zwar ruhiger Form zu den „deutschen Volksgenossinnen und -genossen". Aber der Inhalt seiner Rede verlief auch in dem Fahrwasser seines Vorredners. Es entspricht durchaus der allgemeinen politischen Kampfmethode der Nationalsozialisten, überall ruhige Politische Betrachtungsweise, sobald sie im staatserhaltenden Sinne betrieben wird, zu stören. Die Radaumethode der Aelteren wird hier von der Jugend bereits nachgeahmt. Es handelt stch nicht um Zufälle, sondern um ein System, das stch nicht mehr allein auf die Schülerbünde beschränkt, sondern bereits auf andere kleinere Schülerzirkel übergreift. Allenthalben macht stch nationalsozialistische Zellenbildung bemerkbar; gleichgültig, ob es stch um Schülerbünde, um „Bibelkränzchen" oder ähnliche Gruppen handelt. Datz hierbei die Leidtragenden wieder die Jugendlichen find, macht diese nationalsozialistische Störungsarbeit um so verächtlicher. 53020100250201