Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 52 (27.12.1929)
- Date
- 1929-12-27
- Page
- Seite 701 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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701 Menfihen, Tier» un6 ßlumcn von Julius Sab. fetzlichkeitsprinzip stellt. Aus der klügelnden Sprache des ästhetisierenden Journalisten in verständliche Worte übersetzt, lautet Weltschs These also: Das nichtzionistische Judentum ist verrottet und geht Zugrunde, das zionistische ist der Beginn wahren Lebens. In einer religiösen Krisis befindet siäx das ganze Judentum, aber man muß scheiden zwischen Krisen des Niederganges und den chaotischen Krisen, die „geladen und trächtig" sind. Erstere sind die Krisen des nichtzionistischen Europa, letztere die des zionistischen Palästina. Und kurz und bündig entscheidet Weltsch: „In Europa befindet sich die jüdische Religion in einer Krisis des Niederganges^ in Palästina aber in einer Krisis chaotischer Gärungund schöpferischer Mögl i ch k e i te n!" Das wird mm nichtjüdischen Kreisen als Bild der religiösen Zustände von heute vorgesetzt. Es ist wirklich sehr zu bedauern, daß das Judentum in diesem Heft eine so wenig sachliche und so parteitendenziöse Vertretung gefunden hat. Chaim Eitingon, der bekannte jüdische Wohltäter in Leipzig, feierte am 17. Dezember seinen siebzigsten Geburtstag. Eitingon hat sich dadurch einen Namen gemacht, daß er in großzügigster Weise dem öffentlichen Wohle dienende Institutionen geschaffen hat. Er errichtete in Leipzig eine orthodoxe Synagoge, eine auf wohltätiger Basis beruhende Mittelstandsbank und ein vorbildlich eingerichtetes Krankenhaus. Wenn Eitingon auch Zionist ist und dem Centralverein als Mitglied nicht angehört, so hat er jederzeit Verständnis für die Bekämpfung des Antisemitismus bewiesen und unsere Bestrebungen auch materiell in großzügiger Weise gefördert. Auch der Centralverein will ihm mit seinem Dank herzlichst gratuliert und ein langes, reichgesegnetes Leben gewünscht haben. Gefängnisstrafen für die Schweidnitzev Uebeltäter. Diese Ausgabe der „C. V.-Zeitung" mußte schon am Montag fertiggestellt werden. Wir erfahren das Schweidnitzer Urteil gegen die Nationalsozialisten erst nach Redaktionsschluß und können daher erst in der nächsten Woche eine Würdigung dieses Rechtsspruches vornehmen. Drei Bücher, die in unserer Zeit, die so ganz dem Materialismus verfallen, so ganz vom praktischen und politischen Interesse beherrscht scheint, bezeugen aus dreifache Weise die Fortdauer einer tieferen Verbundenheit — Religiosität. Drei Bücher, die unsere Seele erschüttert zeigen, weil Gott sich hier offenbart in Menschen, Tieren und Blumen. „Das Menschengesicht", so heißt ein Buch von Max Picard, erschienen im Delphin-Verlag. Die Zeit scheint reif für die Widerkehr der Physiognomik, mit der vor 150 Jahren Lavater den jungen Goethe und alle seine Zeitgenossen hinriß. Das schön gedruckte Buch von Picard enthält nicht Schattenrisse, wie einst Lavaters Werk, sondern in . sehr schönen Lichtdrucken eine prachtvolle Galerie erlesener Menschengesichter aus allen Zeiten, von allen Völkern, von allen Geschlechtern: Karl der Kühne nach dem Gemälde des Rogier van der Weiden, Macchiavell nach einer Büste, Pascal und Matthias Claudius, Julius Caesar und Spinoza, Scharnhorst und Papst Leo XIII., Annette v. Droste-Hülsdorf und Eleonore Düse und sehr merkwürdige Doppelaufnahmen aus der Kindheit und aus späteren Jahren von Flaubert und Nietzsche, Knut Hamsun, Dostojewski und Max Weber. Indessen zeigt Picard nicht seine Gedanken über das Menschengesicht in unmittelbarer Analyse dieser Dinge, die nnx als eine Art Begleitmusik mit dem Text laufen. Picard selbst spricht aus einem mystischen Ton; er sucht das Angesicht Gottes im Menschengeficht, er beschreibt seine Entfaltungen und seine Hemmungen in hundert Variationen, er klagt vielfach auch recht pastoral — oder rabbinisch — über die schlechten Menschen der Gegenwart, die das gottgewollte Antlitz entstellen. Wobei wohl die Frage aufzuwersen wäre, ob hier nicht ein sehr häufiger Irrtum vorliegt, ob das Gros der Menschen zu irgendeiner anderen Zeit göttlicher gewesen ist und ausgesehen lMt — und nicht etwa bloß die kleine Anzahl der Gesichter, die man der Ueberlieserung wert fand. Und ob nicht unser Zeitalter zwar in seiner besonderen Art, aber doch keineswegs in einem höheren Grade als andere Zeiten den Abfall vom Göttlichen zeigte — Trotz solcher Bedenken, und obwohl es gewiß nicht allen leicht sein wird, sich durch den langsam feierlichen Stil der Picardschen Mystik zu bewegen — dieser Autor hat denn doch die Menschengesichter wirklich gesehen, gefühlt und erkannt! Und wenn er über das ruhende Frontalgesicht und das bewegte Profilgesicht spricht, über das Zeitgesicht einer Generation, über Alter und Geschlecht im Menschengesicht, so spürt man einen Sehenden, einen wahrhaft Anschauenden — einen Dichter. „Ganz vorn aus einer Fläche ist alles im Gesicht des Kindes. Wie ein Abziehbildchen ist das Gesicht des Kindes, wie ein Abziehbildchen Gottes! Man meint, Gott brauche nur ein wenig darüber hinzustreichen, hinten — und das Gesichtchen ist vor einem in der Lust abgebildet: Abziehbildchen Gottes in der Luft." * Diese leichte, flüchenhaste Abspiegelung des Göttlichen ohne dunkle Tiefes diese köstlich spielende Vorsorm des Lebens, wir halten sie mit ,91 Regelmässige Eil- und Postdampferdienste nach „Sitmar’ AEGYPTEN PALÄSTINA SYRIEN KONSTANTINOPEL GRIECHENLAND SCHWARZES MEER Wöchentlicher EflluxusdienstGenua-Aegyten mit den Luxusdampfern „Esperia" und „Ausonia”* Auskunft — Prospekte — Buchungen durch: Deschita Deutschland-Schweiz-Italien Reise- und Transport-A.-G. Berlin, Unter den linden 54/55 Stuttgart, Friedrichstrasse 50B und sämtliche Reisebüros» Soeben erschien bei uns: Juden und Araber in Palästina Zur Erkenntnis der jüngsten Vorgänge Von Dr, Alfred Wiener Subskriptionspreis bis 31« Dezember 1929 M. 1*20, broschiert Philo Verlag und Buchhandlung G. m. d. H. 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