Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 52 (27.12.1929)
- Date
- 1929-12-27
- Page
- Seite 699 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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H99 Abb. 3, i4W>. 4. Jüdische Jiimst m Tüim Von De. A. S. Jxischauec (Wim). Abb. 2. Das Museum der Juden in Wien unterscheidet sich von vielen Kunstsammlungen internationaler Art dadurch, daß es nicht nur Objekte rein künstlerischer, sondern auch historischer Bedeutung beherbergt. Es ist also nicht allein vom Standpunkt ästhetischer Schönheit, sondern auch als lebendige Illustration altjüdischer Gebräuche interessant. Gegenstände aus den verschiedensten Gebieten des jüdischen Lebens, aus dem Tempelkult, aus dem Hausbrauch, Jahrtausende unverändert wiederkehrend, bieten sich in Vitrinen, auf Schautischen und frei an den Wänden hängend dar. Da gibt es eine künstlerisch gearbeitete Thoralade in Miniaturformat. Ein vornehmer Jude eines vergangenen Jahrhunderts hatte sich das Abbild des geheiligten Schreines in zierlichem Format für die Reise Herstellen lasten. Die Sitte wurde früher häufig geübt, nicht nur bei den Juden, denn wir besitzen aus dem Mittelalter, einer nicht minder religionsfleißigen als kunstbegeisterten Zeit, auch zahlreiche christliche Tragaltärchen, die der Reisende zu seinen unentbehrlichen Requisiten zählte. Thoramäntel und Vorhänge zum Verdecken der Bundeslade finden sich daneben im jüdischen Museum, wie sie es für jeden besonderen Anlaß in verschiedener Farbe und Ausstattung gab: schwarz für Tage der Trauer und weiß für den Beginn des neuen Jahres vor allem. Reichgestickte und bemalte Bänder zieren die Hülle der Thorarolle, die damit umwickelt wird. Die Thorarolle selbst blieb als heiligste Schrift das einzige biblische Buch, das der Zierfreude der Juden respektvollen Halt gebot. Dafür sind andere jüdische Bücher und Schriftrollen, in erster Linie die Hagada, mit Miniaturmalereien illustriert und mit dekorativen Leisten und Initialen verziert. Kabbalistische Blätter mit Beschwörungszeichen (Abb. 1) und schwer enträtselbaren Worten zeigen die Neigung des mittelalterlichen Juden, sich aus den Bedrückungen seines wirklichen Daseins in eine idealistische Philosophie und Jenseitshoffnung zu flüchten. ~~~ T*" ■ ~~ U . A ~ : ft -rrA * ft™ f 4 »39m / yr 1 - i V*N »yA^. TW X l?J irv % Vt****'*y~? ^y \ % r \i' ™**>'*«**t j ' . V > ' , i; $■ \v! ft H: fw y , ' i uvwu «ucw iic.crw Abb. /. Ein eigenes Kapitel der illuminierten Handschrift stellen die Eheverträge, die Khetubim, dar. Die an und für sich dekorative jüdische Quadratschrift dient daneben auch auf Tellern und Schüsseln (Abb. 2) als schmückendes Ornament. Anfangsworte von Gebeten und biblische Sprüche erscheinen graviert aus schweren Zinntellern neben Wappenmustern und aus farbenfreudigen Fayenceschüsseln, die, für das Sedermahl bestimmt, zugleich denr Gedächtnis als Stütze dienen und gleichsam die Ansangsworte der gebräuchlichsten Gebote soufflieren sollten. Im Stil ihrer künstlerischen Gestaltung gleichen diese leuchtenden, vornoiegend blaugelben Fayenceschüsseln der Kunstart des Landes, in dem sie Zumeist entstanden, dem Stil Italiens vor zwei- bis dreihundert Jahren, in der Zeit der Renaissance und des Barock. Leuchter für den Sabbat und das Chanukkafest (Abb. 3) aus Silber, Bronze und anderen Legierungen mit getriebenem und durchbrochenem Zierwerk in Form von Wappen, Rankenwerk und geometrischen Figuren sind in großer Anzahl vorhanden. Sie werden heute noch im Osten, in ^Rußland und Polen, in den gleichen Formen angefertigt, in denen sie vor Hunderten von Jahren entstanden. Die Chanuka-Leuchter sind meist neunarmig; acht Tage hindurch wird der Reihe nach eine frische Lterze angesteckt, und die neunte diente als „Diener" zum Anzünden der anderen. — Außerordentlich wirkungsvolle jüdische Metallarbeiten kommen als Gewürzbüchsen vor. Diese „Bessonim", zumeist in reizendsten Formen in Filigranarbeit, waren besonders am langen Tag dazu bestimmt, den fastenden Frauen ähnlich wie Riechfläschchen über Erschöpsungszustünde hinwegzuhelfen (Abb. 4). Aus getriebenem und durchbrochenem Metall bestehen ferner die zylinderförmigen Hüllen für kostbare Schristrollen Becher für den Sabbat, Gefäße für das Laubhüttenfest, und schließlich die Stäbchen, die noch heute der Vorbeter im Tempel dazu benutzt, um auf die Schriftzeilen, die er gerade liest, deutlich hinzuweisen. Seinem Zweck entsprechend hat der „Weiser" an seinem Ende die Form einer kleinen Hand mit vorgestrecktem Zeigefinger. Ein Schosär, das Blashorn, das den Beginn des neuen Jahres verkündet, findet sich in der Sammlung neben einer „Chuppa", dem Baldachin für die Trauungszeremonie, aus schwerem rotem Sarnt und mit Goldborten verbrämt. In einer kleinen Vitrine sind altertümliche Instrumente für das Beschneidungsrituell vereinigt, und daneben zeigen alte Stiche den Vorgang, der im Kostüm und in Räumen vergangener Stilepochen in gleicher Weise wie schon in der Zeit der Propheten und auch in der Gegenwart noch gehandhabt wird. Ein abgesonderter Raum ist als Sabbatstube eingerichtet. Aus dem Tisch in der Mitte des Zimmers brcnnerr Kerzen in siebenarmigen Leuchtern, im Hintergrund steht ein Waschbecken für die rituelle Handwaschung vor Mahlzeit und Gebet bereit, seitlich in einer Ecke ist an einem zweiten kleinen Tisch der Platz des Vorbeters, den ein aufgeschlagenes Buch erwartet. An der Türe zur Sabbatstube fällt der Blick des Eintretenden auf die Mesufe, das kleine Röllchen, auf dem in Miniaturformat die zehn Gebote vermerkt stehen, die an der Eingangstüre keines gutjüdischen Hauses fehlen dürfen. Jede Stadt beherbergt in ihren Sammlungen neben allgemein interessanten künstlerischen und historischen Gegenständen Objekte besonderer lokaler Bedeutung. Unter vielen Bildern des Museums der Wiener Juden in der Leopoldstadt vermag das Gemälde des ehemaligen Hofbankiers Samuel Oppenheimer internationales Interesse zu erwecken. Wahrzeichen des bewegten Schicksals, das die Juden in Westeuropa bis zur Schwelle unserer Gegenwart beinahe, bis zur Aera der allgemeinen Freiheitskämpfe vor der Mitte des 19. Jahrhunderts zu erleiden hatten, sind in der Wiener Saminlung die zahlreichen Grabsteine, die vom mittelalterlichen Judenfriedhof stammen, der bei der zwangsweisen Auswanderung im Jahre 1421 vernichtet wurde. Die Gedenksteine fanden vielfach in späteren Bauten als gelvöhnliche Bausteine Verwendung, bis ein neuerlicher Umbau die zufällige Aufmerksamkeit auf die hebräischen Inschriften lenkte und den altertümlichen Grabplatten einen würdigeren Platz verschaffte. 5. Mischer 70 Jahre alt. Am 24. Dezember vollendete der Begründer und Inhaber des Verlages S. F i s ch e r. Sann Fischer, sein 70. Lebensjahr. Nicht nur die literarische Welt im engsten Sinne, sondern die gesamte deutsche Kulturwelt beglückwünschte den Jubilar an seinem Festtage. Die deutschen Juden sind stolz darauf, ihn, der seit mehr als 40 Jahren einer der tatkräftigsten Förderer geistigen Schaffens ist, zu den Ihren zählen zu dürfen. Sein Lebenswerk widerlegt besser, als viele Worte es vernrögen, das judenfeindliche Märchen von dem „zersetzenden" jüdischen Geist. Hat er doch die Werke von Männern wie Gerhart Hauptm a n n, Thomas Mann, Theodor Fontane, Rene S ch i ck e l e, Otto Flake, Otto Erich Hartleben, Hermann Hesse und vieler anderer hervorragenden Schriftsteller der deutschen Leserschaft erschlossen. Unsere aufrichtigsten Wünsche begleiten das Leben und Schaffen dieses uns gesinnungsmüßig nahestehenden hochverdienten Atannes.