Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 52 (27.12.1929)
- Date
- 1929-12-27
- Page
- Seite 697 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2277379-2277833-2277885--05716-2286481- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jugoslawien, das Land ohne Judenhass. Das jüdische Gemeindegesetz vom König unterzeichnet. Der König hat das Gesetz über die jüdische Religionsgemeinschaft in Jugoslawien unterzeichnet. Direktor Hermann Deutsch aus Subotica, ein Führer der orthodoxen Judenheit in Südslarvien, der an dem Zustandekommen des Gesetzes und an der Enquete beim Minister Skrsic mitgervirkt hat, äusserte sich dem Vertreter der Jüdischen Telegraphenagentur (ITA) gegenüber folgendermassen über die. Bedeutung des neuen Gesetzes: „Das Gesetz wurde am 7. Dezember während einer vom Justizminister Skrsic persönlich geleiteten Enquete, an der die führenden Personen der jugoslawischen Judenheit aller Richtungen teilgenommen haben, zu Ende beraten. Justizminister Skrsic zeigte das freundschaftlichste Entgegenkommen. Alle noch schwebenden Fragen wurden zur vollsten Zufriedenheit aller jüdischen Kreise geregelt. Die bürgerliche Gleichberechtigu n g der Juden im jugoslawischen Königreich ist eine v oll k o mm e n e. Es ist /fe/n Fall bekannt, bei dem eine Ausnahmebehandlung von Juden und Angehörigen anderer Glaubensbekenntnisse gemacht wurde. In dem vom König sanktionierten Judengeseiz, welches das Verhältnis der Juden zum Staate regelt, wird der jüdischen Religion vollste Autonomie, in der gleichen Weise wie der Staatskirche, gegeben. Die gesetzgebenden Faktoren, mit dem König an der Spitze, sind darauf bedacht, jeder Religion ihre Rechte und ihre freie Entwicklung zu sichern. Im Sinne dieses . edlen Bestrebens wurde auch den in der Minderheit sich befindenden ^onservö/iven Juden die vollständige Autonomie verliehen, so dass sie sich in keiner Weise von den Andersgesinnten ihrer Konfession beschränkt oder behindert fühlen. Das Gesetz sieht das Recht des Zusammenschlusses sowohl der Orthodoxen als auch der Liberalen zu einer autonomen Gemeinde vor: es erkennt auch den Zusammenschluss der orthodoxen Gemeinden und der liberalen Gemeinden zu eigenen, gleichberechtigten. unabhängigen Landesverbänden an.“ Ueber die tatsächliche Lage der Juden in Jugoslawien wird uns aus Belgrad noch geschrieben: M. M.-D. Belgrad, 17. Dezember 1920. Jugoslawien ist eines der wenigen Länder in Mittel- und Südosteuropa, denen der Antisemitismus" unbekannt ist. Theoretisch und praktisch stehen den Juden in Jugoslawien alle Wege offen, sie haben keine Hindernisse zu überwinden und keine Aergernisse zu erdulden, nur weil sie Juden sind. Juden bekleiden im Staatsdienst, in der Diplomatie und sogar in der Armee höchste Aemter. In keiner Weise werden sie hinter Angehörigen anderer Konfessionen zurückgestellt. Auf dem ganzen Balkan leben heute ungefähr ein und eine viertel Million Juden; etwa 900 000 in Rumänien, über 100 000 in Griechenland — hauptsächlich Saloniki —, etwa 95 00Ö in der europäischen Türkei — Konstantinopel —, 80 000 in Jugoslawien, 55 000 in Bulgarien und 200 in Albanien. Man unterscheidet zwei große Gruppen: die Sepharden nud die Aschkenasi. Im allgemeinen nennt man die Sepharden auch Spagniolen oder spanische Juden und die Aschkenasi deutsche Juden, da die Sepharden unter sich meist eine Abart des Spanischen, die Aschkenasi hingegen deutsch sprechen. Die Zahl der Sepharden und Aschkenasi aus dem Balkan dürste ziemlich gleich sein, doch gibt es darüber keine genauen Angaben. Die Sepharden sind Abkommen der aus Spanien ausgewiesenen Juden, die sich in allen Provinzen des damaligen türkischen Reiches niederließen. Mit den Türken drangen auch die Sepharden immer weiter nach dem Norden des Balkans und nach Mitteleuropa vor. Die ersten Aschkenasi kamen nach dem Jahre 1352 auf den Balkan, als die Juden aus Deutschland vertrieben wurden. In den letzten hundert Jahren siedelten sich die teilweise aus Mitteleuropa, teilweise aus Rußland, besonders aus Beßarabien kommenden Aschkenasi in größeren Mengen in den Balkanstaaten an. Ilnter^den Sepharden des Balkans bestehen mehrere Sekten. Eine der interessantesten sind die Mamini oder Kabayero in Saloniki, Nachkömmlinge des Rabbiners Sabatar Lewi, der im 17. Jahrhundert das Judentum in der Türkei reformieren wollte und die jüdische Religion der mohammedanischen anzupassen versuchte. Seine Anhänger leben und kleiden sich nach Art der Mohammedaner, besuchen Moscheen, pilgern nach Mekka und treten öffentlich auf, als ob sie Mohammedaner wären; im geheimen üben sie aber Vorschriften und Bräuche der orthodoxen Juden. Die Zahl der Juden in Jugoslawien wird auf etwa 80 000 geschätzt. Davon sind rund zwei Drittel Aschkenasi und ein Drittel Sepharden. Die uteiften jugoslawischen Juden — etwa 60 000 — leben in den sogenannten „neuen Provinzen", d. h. in den Ländern, die vor dem Weltkrieg der österreichisch-ungarischen Monarchie angehörten. In Altserbien und Montenegro gibt es nur wenige Juden, in Mazedonien mehr. In letzter Zeit hat sich dieses Verhältnis etwas verschoben, da Belgrad als Hauptstadt starke Anziehungskraft erhalten hat und noch immer neue Einwanderer ans allen Provinzen und Provinzstädten aufnimmt, darunter auch zahlreiche Juden. Bei der letzten Zählung im Jahre 1929 waren in Belgrad 11 000 Juden seßhaft. Beruflich sind 48,64 Prozent der jugoslawischen Juden im Handel tätig, 25,95 im Gewerbe und in der Industrie, 6,46 in sogenannten freien Professionen; 3,75 Prozent sind in der Landwirtschaft und 2,45 Prozent in der Armee beschäftigt. National bekennen sich rund 50 Prozent der Juden in Jugoslawien als Jugoslawen bzw. als Serben oder Kroaten, 18 Prozent als Deutsche, 15 Prozent als Ungarn und 17 Prozent als nationale Juden, Zionisten und Spagniolen. Bei der Volkszählung in Belgrad im Jahre 1929 gaben von rund 11 000 Juden 1651 als Muttersprache hebräisch und 605 spanisch — spagniolisch — an. Die Juden sind ein wichtiger Faktor der jugoslawischen Volkswirtschaft. Besonders in einigen Städten, in den westlichen Teilen des Landes, sind sie Hauptstützen des Handels und der Industrie, z. B. in Agram, Zagreb (Kroatien), in Sarajewo (Bosnien) und in Subotica (Szabadka) in den früheren ungarischen Provinzen des jugoslawischen Staates. Obwohl viele Juden hervorragende Stellungen im Wirtschaftsleben einnehmen, gibt es, wie gesagt, im Lande keine-Judenfeindschaft. Das ist um so erstaunlicher, als Jugoslawien von stark judenfeindlichen Ländern wie Oesterreich und Rumänien umgeben ist. Zwar gab es auch in Jugoslawien Versuche, antisemitische Bewegungen hervorzurusen, doch sie fanden alle ein klägliches Ende. Denn die meisten Bewohner Jugoslawiens — Bauern, die wenig mit Juden in Berührung kommen —, sind für judenfeindliche Experimente nicht zu haben, und die jugoslawische Intelligenz erblickt in der Zusammenarbeit mit den Juden eine wertvolle Bereicherung der eigenen Erfahrungen und eine Garantie für den Fortschritt. Das erklärte der jugoslawische Ministerpräsident kürzlich selbst einer jüdischen Delegation. Die Annahme des jüdischen Gemeindegesetzes entspricht also durchaus der tatsächlichen Lage der Juden in Jugoslawien, wo eine wahrhafte Gleichberechtigung aller Religionen herrscht. „Nationalsozialisten ist der Zutritt verboten." Sie spotten ihrer selbst . . . Bis die Nationalsozialisten in die politische Agitation eingriffen, galt auch in der Versammlungstätigkeit der Parteien der alte de u t sche R och t s g r u n d sa tz: „Eines Mannes Rede ist keiner M a n n e s R e d e, Man soll sie hören alle bede." Auch der Gegner kam in der Aussprache zu Worte, weil man vom inneren Wert des eigenen Programms auch gegenüber sachlicher Kritik überzeugt war. Die Nationalsozialisten scheinen von Anfang an diese Gewißheit nicht gehabt zu haben. Auf ihren Plakaten prangen seit jeher die Vermerke: „Juden haben keinen Zutritt". Nun haben jüngst, im Wahlkamps für die bayerischen Kommunalkörperschasten, einige Parteien, durch die Sprengungserfolge nationalsozialistischer Sturmtrupps gewarnt, ihrerseits den Vermerk in der Fassung „Nationalsozialisten ist der Zutritt verboten" verwendet. Dieser Vorgang hat die Nationalsozialisten nicht etwa belehrt, von Terrorakten abzusehen oder ihrerseits allen Interessenten Zutritt zu den Versammlungen zu gestatten. Die Notwehrhandlung der anderen 'Parteien ist im „Illustrierten, Beobachter" plötzlich als „bezeichnender feigheitsverratender Vermerk" charakterisiert. Als s i e das gleiche taten, war es politische Klugheit und Tapferkeit! Der A. D. A. C. nicht antisemitisch. In den letzten Wochen wurde in der Presse ein Kampj zwischen dem A. D. A. C. (Allgemeiner Deutscher Automobil-Club) und dem D. A. C. (Deutscher Auto-Club) ausgetragen, der die Behauptung zum Gegenstand hatte, der A. D. A. C. habe sich in einem bestimmten, den Ort Annaberg betreffenden Fall in judenfeindlichem Sinne erklärt. Amtliche Richtigstellungen, programmatische Erklärungen, ja sogar ein Gerichtsurteil haben ausreichende Gewähr dafür gegeben, datz die ausgesprochene Vermutung sich nicht bestätigt. Wir geben unseren Lesern daher mit Befriedigung davon Kenntnis, das? gegen die Zugehörigkeit von Juden zum A. D. A. C. keinerlei Bedenken bestehen.