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Central-Verein-Zeitung · 1929-12-27 · 52 (27.12.1929) · p. Seite 696

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
52 (27.12.1929)
Date
1929-12-27
Page
Seite 696 (sequence 4)
Language
German
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Die -eutsthen Mnöerheiten gegen Hitler. Ein beöeutsamer öeschluß -er Prager MnSerhettenLagung. Der Wunsch, sich bei Mussolini anzubiedern, hat bekanntlich Hitler undseine Partei, deren Programm „Zusammenfassung des gesamten deutschen Siedlungsgebietes in Europa zum nationalsozialistischen dritten neuen Reich" vorsieht, nicht einmal vor einer Preisgabe Südtirols zurückschrecken lassen. Der „Völkische Beobachter" vom 2. Februar 1926 nannte die Südtiroler Frage „eineSentimentalitäk, mit der die Judenpresse jetzt wieder einmal die politische Denkfähigkeit des deutschen Volkes zu umnebeln suche", und Hitler selbst hatte am 30. März 1927 den traurigen Mut, dieses vielleicht schwerste Problem deutschen Minderheitenschutzes eine Angelegenheit zu nennen, „bei der sofort alle Spießer lebendig werden". Die deutschvölkische Arbeitsgemeinschaft Südtirols hat damals in einem offenen Brief Hitler für die „zynische und freche Art, mit der er über das Leid der Deutschen in Südtirol weggehe", gebührend zurechtgewiesen. Sie hat ihm dabei vorgehalten, daß ihm die „allervescheidenste Sachkenntnis fehle, um über derartige politische Fragen sprechen zu können; wisse er doch noch nicht einmal, wieviel deutsche Südtiroler es überhaupt gebe". Vor einigen Monaten erklärte der nationalsozialistische Parteisekretär H e i d r i ch (Königsberg) in einer Rede in Augsburg: „Diese angebliche Bedrückung der Südtiroler sei eine von den Freimaurern erfundene Lüge; außerdem käme es nicht auf das Schicksal von einigen tausend armseligen Südtirolern an." Dies wagt ein „nationaler deutscher Politiker" in einer Zeit zu sagen, in der das ganze deutsche Volk mit tiefer Trauer teilnimmt an dem Leid der Brüder in Südtirol, deren beste Männer fern der Heimat im Fieberklima der Liparischen Inseln als Verbannte dahinsiechen, denen nicht einmal gestattet wird, das Gedächtnis ihrer Toten durch Grabsteine in der Muttersprache zu ehren, deren Kindern faschistische Behörden das primitivste Menschenrecht des Gebetes in der Muttersprache zu nehmen suchen. Diese bis in die letzte Zeit häufig in der Oeffentlichkeit in provozierender Form zur Schau getragene verantwortungslose Haltung Hitlers und seiner Trabanten zwang schließlich die Führer der deutschen Minderheiten zum Einschreiten. Am 16. Dezember dieses Jahres tagte in Prag unter dem Vorsitz des deutsckM Abgeordneten in Rumänien, B r a n d s ch, der Verband der deutschen Minderheiten in den europäischen Staaten und faßte einen Beschluß, der unter anderem folgende bemerkenswerten Sätze enthält: „Ter Verband der deutschen Volksgruppen in Europa stelltfest, daß das Gefühl der volksmäßigen Verbundenheit aller Deutschen auch über die Staatsgrenzen hinweg eine aus Zeiten schwersten Unglücks erwachsene Tatsache ist. Er bekennt feierlich, daß dieselbe unzerreißbare Solidarität auch gegenüber den von nationaler Vernichtung bedrohten deutschen Südtirolern vorhanden ist und daß insbesondere alle übrigen Volksgruppen sich mit ihnen eins erklären. Daran ändern Aeusterungen und Handlungen angeblicher Realpolitiker nichts, durch die einzelne Personen oder Gruppen zeitweilig oder dauernd das Deutschtum in Südtirol preisgeben wollen. Es droht aber die Gefahr, das; durch Reden, Aufsätze, Bücher, Shmpathiereisen zu fremden Völkern, insbesondere aber durch Aeutzerungen gegenüber der ausLändifcllen Presse vor der Weltöffentlichkeit der falfä-e Eindruck entsteht, als fei das deutsche Volk tatsächlich bereit, den unverzichtbaren Anspruch ans die Lebensrechte einer seiner Volksgruppen aufzngeben. Schon der scheinbare Verzicht lähmt die Widerstandskraft der unmittelbar dadurch betroffenen Volksgruppen in ihrem Existenzkampf und stärkt den Vernichtnngswillen der Unterdrücker. Er erschüttert aber auch die Stellung der übrigen deutschen Volksgruppen, indem er das Vertrauen aus die deutsche Solidarität untergräbt und den Rechtsanspruch des deutschen Volkes vor der Welt in Frage stellt." Hitler wird in diesem Beschluß zwar nicht ausdrücklich mit Namen genannt, es kann aber keinem Zweifel unterliegen, das; diese scharfe Zurückweisung sich in der Hauptsache gegen den NationalsoziaUsrnns richtet; denn außer den Nationalsozialisten und Jj. H. Die Nationalsozialisten predigen fortwährend die Notwendigkeit des Kampfes gegen den jüdischen Marxismus. In Versammlungen und in Aussätzen wurde wiederholt darauf hinge.wiesen, daß der Begriff, abgesehen von der Unsinnigkeit, das Judentum mit der geistigen Auffassung eines Mannes wie Karl Marx gleichzusetzen, insofern eine Verdummung Unwissender bedeutet, als die Lehren von Karl Marx keineswegs einen einheitlichen, in sich geschlossenen Bestand ausweisen, sie bedeuten vielmehr eine Richtung in der Auffassung wirtschaftlicher Vorgänge, die man anerkennen oder verwerfen mag, die man aber unter allen Urnstünden als eine geistige Tat höchsten Ausmaßes bezeichnen muß. Mit dem Judentum als solchem haben sie nicht das geringste zu tun. Nunmehr veröffentlichte der „Vorwärts" am 24. November d.J. einen Aussatz „Was ist Marxismus?" Was das Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie über diesen Punkt schreibt, ist gewiß beachtlich und soll deshalb hier wiedergegeben werden: „Was ist Marxismus? Zweifellos etwas, worüber man, wenn der Geheimrat Hugenberg nicht dabei ist, sehr ernst reden kann. Karl Marx, den die Gelehrten ohne Unterschied der Partei als einen der größten Geister des neunzehnten Jahrhunderts anerkennen, hat aus das politische, soziale und ökonomische Denken unserer Zeit einen gewaltigen Einfluß. Dieser Einfluß beschränkt sich längst nicht mehr auf eine Partei oder ans eine Gruppe von Parteien; er wirkt weit in die bürgerliche Wissenschaft und durch sie in bürgerliche Kreise hinein. Gewisse naive Theorien zur Verteidigung des kapitalistischen Systems oder ebenso naive Versuche, die Tatsache der Klassengegensätze abzuleugnen, sind seit Marx so unmöglich geworden, daß man sie nicht einmal mehr aus einem deutschnationalen Parteitag vortragen könnte, ohne ausgelacht zu werden. Wer vermöchte heute die Tendenz des Kapitals Zu immer stärkeren Zusammenballungen, wie sie Marx so genial vorousgesehen hatte, zu bestreiten? Wer ist noch so blind, die ungeheure Bedeutung der Klassenkämpfe in der Entwicklung der Menschheit zu übersehen? Und hat nicht die marxistische Erkenntnis der Liesen Zusammenhänge zwischen den materiellen Produktionssormen der Gesellschaft und ihrem geistigen Sein den Gelehrten ohne Unterschied der Partei neue Wege fruchtbarer Forschung geöffnet? Mit den Lehren des großen Karl Marx ist es ebenso gegangen wie mit den Lehren aller anderen Großen: ein Teil von ihnen wird geistiges Allgemeingut, ein Teil wird durch neue Tatsachen und Erkenntnisse überholt. Zwischen diesen beiden aber liegt ein dritter wesentlicher Teil, um den noch gekämpft wird. Den Auflösungs- und Verdauungsprozeß, dem jede neue Idee bei ihrer Ausnahme durch die Gesellschaft unterworfen ist, müßte man einmal am Marxismus ausführlich darstellen. Aber freilich könnte das nur ein sehr gelehrter Marxist! » Echter Marxismus ist also eine Angelegenheit der Wissenschaft. Freilich ist er auch für sie eine so vertrackte Angelegenheit, daß sie heute kaum sagen kann, was er eigentlich ist! Man kann die Lehren von Karl Marx darstetten — aber die sind noch nicht Marxismus. Marxismus ist Anwendung der wissenschaftlichen Aussassungen von Marx auf die einigen Heimwehrstrategen denkt kein Mensch in Deutschland an einen Verzicht aus Südtirol, und niemals hat irgendeine andere deutsche Partei oder Gruppe derartige Tendenzen vertreten. Es ist bezeichnend genug, daß erst im edelsten Sinne Völkische, nämlich die Führer jener deutschen Gruppen, die fast täglich um die Erhaltung ihres deutschen Volkstums aufs schwerste kämpfen, die um jede deutsche Schulklasse ringen, jeden deutschen Vortrag erst ertrotzen müssen, Hitler und den Seinen ein Privatissimum über wahrhaft nationale deutsche Politik zu lesen gezwungen sind. "Werner Rosenberg. Gegenwart. Marx ist im Jahre 1883 gestorben, und in den 46 Jahren seitdem haben wir in ökonomischer, politischer und allgemein-geistiger Beziehung einen ungeheuren Revolntionicrungsprozeß durchgemacht. Inwieweit dieser Nevolutionierungs- Prvzetz die Lehren des Meisters bestätigt hat, wie weit er ihre Neuanpassung an die Tatsachen erfordert, darüber sind die Meinungen geteilt. Heute berufen sich Sozialdemokraten und Kommunisten auf Marx. Durch zweierlei Auslegung und Fortbildung ein und derselben Theorie versucht man zwei ganz verschiedene Arten von Politik geistig zu sundamentieren. Wieweit ist nun die heutige Sozialdemokratie und wieweit ist der heutige Kommunismus noch als „marxistisch" zu betrachten? Auch dies ist wieder eine Frage, die nur durch eine langwierige gelehrte Untersuchung und auch dann nicht zu aller Beifall beantwortet werden könnte. Wahrscheinlich würde man dabei entdecken, daß der kommunistische Marxismus sehr stark mit blanquistischen und bakuninistischen Elementen vermischt ist, während der sozialdemokratische Marxismus einen starken Einschlag von Lassalleanismus erhalten hat. Aus alledem geht hervor: Der Marxismus ist eine sehr ernste Angelegenheit der Wissenschaftaber er ist kein politischer Begriff. Sozialdemokratische Politik ist etwas, was mit Marxismus in Zusammenhang steht, aber dieser Zusammenhang ist stark umstritten und nur als Gegenstand gelehrter Untersuchungen erfaßbar. „In Politik und Wirtschaft hat der Marxismus unser Volk an den Rand des Abgrundes geführt." — „Wichtig ist die Schaffung einer großen christlichen Kulturfront, an der sich die Wogen des Marxismus brechen." Was haben solche Sätze und ähnliches Geschwätz, das auf dem deutschnationalen Parteitag verzapft wurde, zu bedeuten? Was sollen sich die Unglücklichen, auf die diese Phrasen losgelassen werden, darunter vorstellen? Republik, Demokratie, Verständigungspolitik — alles Marxismus! Sozialdemokraten, Kommunisten — alles Marxisten! Nicht genug damit: auch den Demokraten, dem Zentrum, ja selbst der braven Volkspartei wird nachgesagt, sie seien auch schon „marxistisch verseucht". Weiter und weiter! Die „Nationalsozialisten" haben sich bei einem Teil ihrer deutschnationalen Bundesgenossen unbeliebt gemacht. Flugs geht die „Deutsche Tageszeitung" hin und schreibt von den „Nationalmarxisten". Nun haben die auch ihr Schandzettelchen hinten hängen.' Mögen sie sehen, wie sie es wieder loswerden! — Kurz und gut: Was man nicht verknusen kann, Sieht man als Marxismus an. Marxismus hier, Marxisiuus dort! Zu niedrige Zölle — Marxismus! Verlorener Krieg — Marxismus! Republikschutzgesetz — Marxismus! Lohnerhöhung, Arbeiterschutz, Besitzsteuern — Marxismus, Marxismus, Marxismus! Dieses Wort in deutschnationalem Munde hak — von wissenschaftlichem Sinn gar nicht zu reden — auch schon keinen politischen Sinn mehr. Wenn nun heute die Ewiggestrigen, Rückwärtser, Diktaturapostel und - Profitanbeter für alles, was ihnen nicht paßt, Karl Marx und seine Lehre verantwortlich machen, so ist das eigentlich für den „Marxismus" ein ungeheures Kompliment. Allerdings eines, aus das er keinen Anspruch erhebt. Denn er hat die Dinge, die jenen Herrschaften so verzweifelt unangenehm sind, nicht erfunden. Er hat nur erklärt, warum sie sind und sein müssen.* Vas ist Marxismus?

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