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Central-Verein-Zeitung · 1929-12-27 · 52 (27.12.1929) · p. Seite 695

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
52 (27.12.1929)
Date
1929-12-27
Page
Seite 695 (sequence 3)
Language
German
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Oianukka. Von Rabbiner Dr. Hanover (Würzbnrg). Die Betrachtung der Ereignisse, die der Chanukka-Geschichte zugrunde liegen, entbehrt nicht des geschichtlichen Reizes. Bittere Zeiten waren über Judäa hereingebrochen. Antiochus wollte heidnischen Glauben -mit Gewalt verbreiten. Die Furcht vor dem Despoten hatte es bewirkt, daß sich fast das ganze Volk unterwarf. Die einen liebten das Leben mehr als ihren Glauben, die anderen hatten gedanklich längst ihren Frieden mit der heidnischen Weltanschauung geschlossen. Was gab dem alten Mathatias -und seinen Söhnen, die einsmn in Modiinl lebten, den unerhörten Mut, gegen eine Welt aufzustehen und den ungleichen Kampf aufzunehmen, der nach menschlicher Berechnung nur zum llntergang führen konnte? Nichts anderes als d i e F e l s e n h a f t i g k e i t ihres Glaubens, die Empfindung, daß sie ohne ihr Judentum einfach nicht leben lärmten oder zum mindesten, daß ein solches Leben ohne Judentum nicht lebenswert sei, die gefühlsmäßige Ueberzeugung. Gtt ist mit uns, wie sie aus der Gläubigkeit oer alten Zeiten int Hause eines Mathatias mitten in die Zeit weltanschaulicher Auseinandersetzungen hinübergerettet worden war. Der Eigenart des Empörers steht ein Besonderes arrch bei dein Despoten gegenüber, der sich scheinbar mit Politischer Macht nicht begnügen, sondern auch die Seelen der Menschen, ihr Denken und Fühle:: beherrschen wollte, und glaubte, daß ferne äußeren Machtmittel ihm jeder: erträumten Sieg gewährleisten würden. Er muß das für seine Begriffe unfaßbare Wunder erleben, daß es etwas iur menschlichen Leben gibt, das stärker ist als rohe Kraft und Gewalt. Mit dieser Gegenüberstellung weist die Geschichte des Chanukka-Festes über ihr Eigenes hinaus und wird zum Bild aller Kämpfe der Menschheitsgeschichte Zwischen Waffengewalt und Idee und Gesinnung. Vielleicht darf die bekannte talnrudische Erzählung von dem Krügleirr reinen Oels, das dem Leuchter des Tempels acht Tage hindurch diente, symbolisch in diesem Sinne aufgefaßt werden: das Oel reiner. 645 edler Gesinnung erhält sich mitten in all der Zerstörung der Zeit und überwindet sie durch ihren Bestand. Unsere Geschichte ist Jahrhunderte hindurch eigentlich nichts anderes als die Wiederholung dieses Kampfes der Gewalt gegen Glauben und Ueberzeugung. Es hat aber auch nie. an Mathatias-Gestalten gefehlt, die sich den Despoten und Drängern entgegenstellten oder 31t mindesten das Licht ihres Glaubens erhielten, bis die Zeit des Grimmes vorüber war. Letzten Endes ist ja auch in der Gegenwart, in dieser Zeit unserer ständigen jüdischen Nöte und Sorgen, unser Anderssein, unsere verschiedene seelische und geistige Einstellung innerer, tiefster Grund aller Kämpfe gegen uns. Und so ist denn auch in der Chanukka-Geschichte unser Trost gegeben. Tausendfach haben wir diesen Kampf der rohen Gewalt erlebt; inamkonnte uns unsere Seele nicht rauben. Wir werden de n K a n: p f a u ch f e r n erhi n ü b e r st c h e n. Je mehr die Kultur der Menschheit zur Höhe aufsteigt, desto .mehr wird sie sich mit der Ausprägung der berechtigten Eigenart der verschiedenen Menschen und Menschengruppen aussöhnen und aussöhnen müssen und in diesem Nebeneinander die Erfüllung wahrer Menschheitsziele erblicken. So -wird das Geschick der Judenheit in Wirklichkeit zum Gradmesser der Kulturhöhe der Menschheit. Indes birgt dieser Trost etwas recht Resiguatorisches in sich. Die Senkungen in der Kultur der Menschheit sind ja bisweiten recht tief, und es ist nicht an dem, daß sie immer in gradlinig aufsteigender Linie verläuft. Wir müssen schon zufrieden und glücklich sein, wenn nur die Durchschnittslinie durch alle Hebungen und Senkungen im Leben der Kultur eine langsam ansteigende Tendenz außveist und mit solchen Gedanken versuchen, die Schmerzen einer Generation, deren Geschick es nun einmal ist, in einer Niederung der Kultur zu wanderu, zu überwinden. So ist unsere Aufgabe klar: wir müssen m i t allen u n s gegebenen Mitteln u n d Kräften dafür sorgen, daß das r e i n e O e l der Begeisterung und opferbereiten Hingabe nicht v e r s ch w i n d e, damit es uns nie an Kämpfern gleich Mathatias fehle, müssen das Licht des Judentums uns und unseren Kindern immer von neuem zünden in der Zeit der Not und vielleicht noch mehr — in der des Glücks. fördert durch Menschen, die parteipolitisch wenig hervortreten: den Schriftsteller Ernst Jünger, einen Mann, dessen Buch „In Stahlgewittern" eine Verbreitung von 40 000 Exemplaren gefunden hat, oder Franz S ch a n w e ck e r mit seinem Buch „Ausbruch der Nation." Die bürgerlichen Parteien hält man für satt: man sieht keinen heldischen Zug, keinen heroischen Führer, man hat kein Verständnis für Kompromisse, für die Schwierigkeiten der Tagespolitik, für komplizierte Stenergesetze und für diplomatisches Paktieren. „Vorwärts" will man ohne Rücksicht auf weltpolitische Hindernisse. Und „vorwärts" schallt es aus dem Munde der Führer, die noch nicht eine praktischpolitische Leistung aufzuweisen haben. Man zeigt der Jugend einen Mann wie den General" von Epp, „den Retter von München", .man läßt sie unter der Fahne des Putsch- Millinger marschieren und führt sie zu ,den Vorträgen G ö h r i n g s, des „letzten Kampfgenossen Richthofens". Das wirkt. °Da hört man zwar nicht eine konstruktive Idee, um so lauter aber die Proklamation: „Unsere Politik ist das klare Nein, nicht mit dem Verstand wird Deutschland regiert, sondern mit der Faust." So säugt man unkritische, idealgesinnte junge Menschen. Ans diesen drei Schichten etwa kommt der Zuzug der NSDAP. Bei den letzten Neichstagswahlen 1928 erhielten die Nationalsozialisten ungefähr 800 000 Stimmen, bei den Kommunalwahlen 1929 erhielten sie allein in Preußen 880 000 Stimmen. Sie würden heute im Reichstag, sagt Stadler, eine Fraktion von 40 bis 50 Mann bilden. Diese Zahl ist übertrieben. Immerhin würde die Partei heute im Reichstag stärker als bisher vertreten sein. Die Schuld an dieser Entwicklung liegt teilweise auch bei den Parteien selbst. Die nationalsozialistische Bewegung konnte so hoch ansteigen, weil sie n i ch t g e n ü g e n d d u r ch G e g e n a g i t a t i 0 u a b g e w e h r t worden ist. Die NSDAP war fleißig, das muß gerade der Gegner 31t gestehen. Am 21. Mai 1928, einen Tag nach der Reichslagswahl, begann sie ihre Agitation. Etwa 2 0 000 Vers a m m langen wurden im Laufe des Jahres 1928 abgehalten. In den letzten Monaten fanden im Deutschen Reich täglich sechzig n a t i 0 n a l s 0 z i a l i st i s ch e Vorträge statt. Ein Mann wie Straffer gibt an, 130mal im Jahre zu sprechen. Eine g u t a u s g e b a u t e Presse unterstützt die Wühlarbeit: drei Tages-, etwa 35 Wochenzeitungen, Sonderzeitschriften für Berussgruppen (Studenten, Schüler, Arbeiter), ein blutrünstiges illustriertes Blatt überschlagen sich in aufreizender negativer Kritik. Diese fleißige Agitation ist einer der Gründe für die Aufwärtsbewegung der Partei, die natürlich nie so hätte anwachsen können, wenn nicht die Wirtschaftsnot in Deutschland allzu viele Menschen unkritisch gemacht hätte. Der nationalsozialistischen Bewegung gegenüber gibt es drei verschiedene Einstellungen. Die einen meinen, derartige Bestrebungen hätte es schon immer gegeben (Stöcker, Ahlwardt). Sie sagen: „Laßt die Bewegung nur sein, sie wird sich von selbst zu Tode laufen." Andere wieder halten die nationalsozialistische Bewegung für eine faschistische Welte, die Deutschland jetzt überflutet, nachdem sie Italien und Spanien überschwemmt hat. Soweit die nationalsozialistische Bewegung einen faschistischen Kern habe, trage sie eine gewisse zeitgeschichtliche Berechtigung in sich und werde sich teilweise durchsetzen. Diese beiden Ansichten sind irrig. Die NSDAP ist nicht einfach eine Fortsetzung der antisemitischen Vorkriegsparteien. Eine antisemitische Mittelstandspartei Hütte die Jugend nie mitgerissen. Auch die Organisation der NSDAP 'mit ihren: militärischen Kern, den SA-Trupps, 'ist etwas anderes als die kleinbürgerlichen Antisemiten-Haufen der Vorkriegszeit. Die Hitler-Partei ist schon e t w a s mehr als e: n e antisemitische M i t t e l st a n d s b e - w e g u n g. Sie i st aber viel weniger a l s^ eine f a s ch i st i s ch e B e w e g u n g Nur die äußere Form, das Spielerische, den Gruß und die Uniform, haben die Nationalsozialisten dem Faschisums nachgeahmt. V 0 n: w irtschaftliche n 1: n d g e w erk - s ch a s t l i ch en Kern der s a s ch i st i - scheu Diktatnrbewegung hat die NSDAP k n u m eine Vorstellung. Sie hat auch nicht einmal den ernsten Wunsch, eine faschistische Wirtschaftsgliederung vorzunehmen. Die Hitler-Bewegung ist in Wahrheit eine Tr u p p e zur Nute r Höhlung der Ge w e r k s ch a s - t e n , unterstützt vom Unternehmertum, das ein faschistisches Prinzip wie etwa das Verbot der Aussperrung nie dulden würde. In alle große Betriebe versucht die NSDAP heute eiuzudringen. J:n „Angriff" verlangt man z. B. jede Woche Auskunft über Beziehungen einzelner Parteimitglieder z:: der Angestelltenschaft von Krankenkassen Waren- und Bankhäusern. Man dringt in die Betriebe ein, um hier wirtschaftsseindliche, also „gelbe" Gruppen zu bilden. Da die Nationalsozialisten in Wirklichkeit von dem Unternehmertum abhängig sind, sich aber als Arbeiterpartei gebärden, werden sie in den Parlainenten versagen. Immer wieder werden Widersprüche zwischen Programm und Praxis nachzuweisen sein, und die Zeit ist nicht allzu fern, wo die betörten Wühler den wahren Charakter dieser „Arbeiterpartei" erkennen werde::. (Fortsetzung des redaktionellen Teils Seite 696). Helft grosse Aufgaben lösen, die dem deutschen Judentum von Reich und Ländern gestellt sind. An alle deutschen Juden wendet sich die heutige Beilage: an DER DEUTSCHEN JUDEN FÜR ERZIEHUNG UND ARBEIT.

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