Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 52 (27.12.1929)
- Date
- 1929-12-27
- Page
- Seite 694 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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dritte Schicht aber, die größte, umsaßt alle diejenigen, die an jüdischen Dingen gar kein Interesse mehr haben. Und diese dritte Gruppe, die sich in der Tat durch zwar keineswegs an sich charakterlose, aber doch vieles verneinende geistige Eigenschaft hervor,tut,, schafft durch ihre spitze Feder und ihre beißende Zunge vielen berechtigten Verdruß. Und wenn der Centralverein gerade in jüngeren Kreisen auf Voreingenommenheit oder gar Abneigung stößt, wenn er als rückständig, als ^reaktionär" bezeichnet wird, so ist hier durch Schilderung der driften Schicht die geistige Lage nnfgezergt, aus der heraus man ihn ablehnen zu müssen glaubt. Denn wir treten für die religiösen und sittlichen Güter des Judentums, für Vaterland und vaterländische Werte, für Freiheit im Sinne des Aufbaus, für den Frieden im Sinne der Liebe, für Erhaltung und Anerkennung der im deutschen Volke schlummernden Kräfte unbedingt ein. Das Entscheidende jedes Urteils scheint uns zu fein: Inwieweit dient es demAufbau? Und das sollten alle diejenigen verstehen, die in dieser ernsten Zeit um die Erhaltung der großen Güter des menschlichen, geschichtlichen und religiösen Seins ringen. Die Anschauungen werden verschieden sein; aber Ehrfurcht vor ehrlicher Ueberzeug u n g und vor der A e uß e r u n g dieser ehrlicher! U e b e r z e u g u n g i st Pflicht jedes anständigen Menschen. Hier ist eine gewisse innere Erneuerung am Platze. Diese dritte Schicht, die rein zahlenmäßig so stark ist, daß der Bestand des deutschen Judentums von ihr abhängt, macht Bloem, ohne vielleicht ganz bis zur Tiefe ihrer soziologischen Bedingtheit zu dringen, für manche Abneigung gegen die deutschen Juden verantwortlich. Wir sind alle davon überzeugt, daß die deutsche Judenheit für die Zersetzungserscheinungen der letzten Zeit nach keiner Richtung hin verantwortlich ist. Wir schämen uns der Vorgänge, die mit dem Namen der Brüder Sklarek verbunden sind. Aber wir schämen uns nicht als Juden, sondern als Bürger des Deutschen Reiches. Solche Erscheinungen haben weder mit Judentum noch mit Judenheit etwas zu tun. Menschen mit bedenklicher Moral gibt es allenthalben, besonders in Ländern, die so tief erschüttert sind wie unser Vaterland. Jeder anständige Jude verabscheut die Dinge genau so wie jeder anständige Christ. Aber: Gewissenlose Volksverführer wollen uns dafür verantwortlich machen. Hier liegen Schwierigkeiten, mit denen wir in unserer Arbeit rechnen müssen. Ich kann sie hier nur andeuten, aber ich glaube, Sie weroen verstehen, wieviel Kenntnis, Verständnis und Takt dazu gehören, um innerhalb einer innerlich und äußerlich so zugespitzten Sachlage auf dem Posten zu sein. Noch angespanntere Arbeit haben wir zu leisten. Es sind in letzter Zeit viele Stimmen laut geworden, die eine sogenannte Neutralisierung der Abwehr fordern. Ich weiß, daß man ein Verräter au der Sache ist, wenn man nicht alle Kräfte, die für sie arbeiten wollen, zur Mitwirkung heranzieht, .und es liegt mir deshalb nichts ferner, als Hände, die sich zur Hilfe anbieten, zurückzuweisen. Aber was diese Hände uns in unserem Falle leisten wollen und können, das ist erstens weniger als not tut, und Zweitens etwas ganz anderes als not tut! Das Wort Abwehr habe ich immer für unrichtig gehalten, weil es einen viel zu engen Kreis begrenzt. Nicht allein Abwehr müssen wir treiben, sondern eine innere Werbung sür die gerechte Wertung des jüdischen Menschen — ich weiß, daß viele von Ihnen dieses Wort heute noch ablehnen —, das Wort Abwehr aber sollte nicht allein gebraucht werden! Abwehr bezeichnet die Zurückweisung eines Angriffes. Natürlich ist. sie notwendig, aber sie scheint mir nicht entscheidend zu sein. Als entscheidend erachte ich die Schaffung eines geistigen Lebens und Zustandes, auf dem d i e .Abneigung gegen die Juden nicht mehr gedeiht, die Umwandlung jener Gemütskräfte, die heute geneigt sind, uns alles zuzuschieben, in solche, die auch uns gegenüber den vollen Willen zur Gerechtigkeit haben. Und legen Sie sich einmal die Frage vor: Ist die Bekämpfung aller derjenigen Erscheinungen, die wir als falsch und unglücklich ansehen, in so weit gefaßtem Sinne, wie ich ihn eben kennzeichnete, ohne Gesrnnungsgrundlage möglich? Ich habe hier die neuesten „wissenschaftlichen" Werke auf diesem Gebiet, das neue Werk von Günther, „Rafsenkunde des jüdischen Volkes", ferner das Buch von dem ordentlichen Professor der Hamburger Universität Passarge. Neben den rein biologischen Abhandlungen dieser Werke behandelt ein-Hauptteil von ihnen ausschließlich die Frage der inneren Stellungnahme der Juden zu deutschem Sein und deutscher Kultur. Wenn ich heute einen Nationalsozialisten bekämpfen will, der seinem Parteiprogramm gemäß die Auffassung vertritt, die Juden sind Fremde, dann kann ich nicht neutral fein und sagen: gleichgültig ob ich nationaljüdisch bin oder national-deutsch, ich bekämpfe deinen Standpunkt. Ich muß mich vielmehr geistig mit den Lehren auseinandersetzen. Indem ich das aber tue, werde ich finden, daß ür den denkenden Menschen die Frage entcheidend ist: zu welchem Volkstum zähle ich mich und wie wünsche ich die politische Zukunft meines Volkstums? In dieser Frage wird ein Nationaljude ganz anders denken müssen als ich. Und ohne daß ich aus dieser Betrachtung irgendein Mehr oder Weniger sür oder gegen den national-jüdischen Gedanken herleiten will — hier hat diese Frage auszuschalten —, muß ich zu dem Ergebnis kommen, daß vom Standpunkt der Aufklärung unserer nichtjüdischen Umwelt nur diejenige Beweisführung durchschlagend sein kann, die schon den Ausgangspunkt des Judengegners erschüttert. Wir können zwar „neutral" die Verleumdungen gegen Bibel und Talmud bekämpfen, wir können auch unter Umständen Aufreizungen, die in das Gebiet der strafrechtlichen Ahndung fallen, neutral bekämpfen; aber die entscheidende große geistige Tätigkeit muß eine gesinnungsmäßige Grundlage haben. Wir sehen in der Zukunft des deutschen Volkes unsere Zukunft. Wir rechnen uns zum deutschen Volkstum. Wir wollen in diesem Volkstum leben und sterben und müssen in uns und aus uns heraus mit Wort und Schrift unserer Umwelt deutsch-jüdisches Wesen al§. einen dem deutschen Geiste lebensverbundenen Bestandteil nahebringen. Zu diesen Fragen muß und wird sich der Nationaljnde anders stellen. Ich habe hier seine Stellungnahme nicht zu beurteilen. Jede Bestrebung, die auf die Anerkennung des deutschen Juden als gleichwertiges Mitglied der deutschen Gemeinschaft hinzielt, muß aber notwendigerweise eindeutig fein. Weiter: Wenn heute jede Gemeinde plötzlich „Abwehr" betreiben würde, dann würden politische Fehler gemacht werden, weil ein ungeheures Wissen und eine gewaltige Praxis dazu notwendig sind. Und vor leichtsinnigen Versuchen möchte ich warnen. Wer die Technik politischen Kampfes auch nur wenig beherrscht, muß ohne weiteres zugeben, daß eine Gemeinde, also eine Behörde, niemals in diesen Kamps eingreifen kann, ohne ihre Wesenheit, ihr Ansehen, ihre innere Verbundenheit, auf der dieses Ansehen beruht, entscheidend zu erschüttern. Wer aber glaubt nur mit großen Kundgebungen und Aufrufen der heutigen Not Einhalt tun zu können, der irrt. Und wenn man sich anschicken will, Fassadenpolitik zu treiben, anstatt insbesondere auch in unablässiger Kleinarbeft den Dingen auf den Grund zu gehen, dann versündigt man sich an der Gesamtheit. Wenn man heute, um den Boykott zu beseitigen, mit einer Wirtschaftskonferenz helfen zu können meint, dann bleibt man an der Oberfläche hasten. Reiche Erfahrungen auf dem Gebiete der Bekämpfung des Boykotts wurden von uns gesammelt. Die Erfahrung hat gelehrt, daß hier von Fall zu Fall, unter Berücksichtigung a l l e r v o r l i e g e n d e n Umstände, gehandelt werden muß, daß der Erfolg um so gewisser ist, je vorsichtiger man vorgeht. Wir haben in steter Kleinarbeit vieles erreicht; wir wissen, daß noch viel zu tun bleibt. Mer was wir erreicht haben, das war der ErfolgeinesZusammenwirkens von angehäufter praktischer Erfahrung von Jahrzehnten und dem Wissen einiger Spezialisten, eines Zusammenwirkens, das in gleicher Weise so leicht nicht zu ersetzen sein dürste. Unsere Arbeit ist aber nicht nur vom guten Willen, von Begeisterung bedingt, sondern erfordert als Grundlage ein Studium von Jahren." „Milelstandsbewegung" oder Faschismus? Aus dem Geschäftsbericht vom 15. Dezember. /Von sr.sans Reichmann. In einer Berliner Kleinkunstbühne Fingt man jetzt folgenden Gassenhauer: „Die KPD ist mir Zu sticke, ick wer jetzt mal bei Hitlern jehn, denn bet Marschieren, bet is schnieke und Demonstrieren is jar zu scheen." Dieser Gassenhauer charakterisiert die Gesinnung eines Teiles der jugendlichen Anhänger, die bei den letzten Wahlen den Aufschwung der Hitler-Partei gefördert haben. Junge Menschen, die überall dabei sind, wo „was los" ist, befriedigen ihren Hang zu Abenteuern bei den militärischen, ungesetzlich bewaffneten Aufmärschen, beim Bersammlungssprengen und Zusammenstößen mit der Polizei. Das alles kann man bei der N^DAP besser noch als bei der KPD erleben. Und so schwenkt man nicht mehr allein zur KPD ab, sondern zu Hitler, dessen Sturmabteilungen noch besser die Fanfaren blasen als die Schalmeikapellen von Not-Front. Das ist die eine Schicht der NSDAP. Die andere weitaus größere charakterisiert sich durch folgendes: Man sagt dieser Schicht: „Euch geht es schlecht." „Jawohl, richtig." „Haben euch die anderen Parteien geholfen? „Nein, uns hat bisher niemand geholfen." „Wir werden euch Helsen. Uns könnt ihr nicht vorwerfen, daß wir schon versagt haben, daß wir wie die anderen korrumpiert sind? Wir sind frisch, jung, tatkräftig, unbelastet." So denken jene Kleinbürger, die aus der wirtschaftlichen Notlage der heutioen Zeit die Folgerung ziehen: „Entweder ganz rechts oder ganz links, nur eine radikale Richtung führt uns aus unserer Mißwirtschaft." „Ganz links" scheidet für einen großen Teil des deutschen Kleinbürgertums aus; denn ganz links kann man nur dann stehen, wenn man sich zur internationalen Idee bekennt. Das tut das deutsche Bürgertum nicht und kann es auch nach seiner Erziehung nicht tun. Deshalb sucht man „ganz rechts" seine Zuflucht. Das muß man sich einmal klarmachen, wenn man sieht, wie Tausende nationalsozialistisch wühlen. Eine zahlenmäßig nicht sehr große Schicht dagegen läßt durch gedankliche Erwägungen tieferer Art sich leiten. Ihre Stellungnahme wird etwa durch ein Bekenntnis S'trassers charakterisiert, der in seinen „Nationalsozialistischen Briefen" ausgesprochen hat: wir schassen die neue Revolution, die die bürgerlichen Gedanken von 1789 „Freiheit und Gleichheit" mit ihren verwässerten liberalen Weltanschauung beseitigt und den neuen nationalistisch-revolutionären deutschen Staat schafft. Solche Gedankengänge, wie sie der Apotheker Straffer verficht, werden ge-