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Central-Verein-Zeitung · 1929-12-27 · 52 (27.12.1929) · p. Seite 693

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
52 (27.12.1929)
Date
1929-12-27
Page
Seite 693 (sequence 1)
Language
German
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|*nfml iSfein Nütter für-eotsrdlma Serlin, 27. Dezember 1-2- VHI. Jahrgang * Ar. 52 Einzelnummer 20 Pfennig vryan des lLatrÄ-Verems ükuticker Sümtsvüryeriüölfcden AmNmrs'Ä» LiierteliaKrsabonnement 2,5V NM. (zuzügl. Bestellgeld). Verlag und Schriftleitung: Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Amt Dvnhoff 3594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel« stube 6, Berlin SW 68, Lindenstraße 7, und von Goldschmidt - Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Cxpedition Rudolf Moste, Berlin SW 100, un d deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 fiJl für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mostes Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 ütJi, die 62 mm breite Neklamezeile 3,50 JtJL* Gedanken zu unserem werke. fius dem Geschäftsbericht vom 15. Dezember 1929. von Luöwig Holiänüer. „Die Beurteilung, die wir von allen Seiten und zu jeder Zeit erfahren, scheuen wir nicht, sondern wir suchen sie. Wir setzen sie um in fruchtbare S e l b st kritik, die in jeder Phase unserer Bewegung den Maßstab für unser Denken und Tun neu ergeben muß. Als bis vor etwa zwei Jahren der politische Kurs des Deutschen Reiches leidlich gesichert schien, als ausländische Kredite wirtschaftlichen Aufschwung und damit allgemeine Beruhigung der Stimmung in der Gesellschaft hervorriefen, bestritt man uns die Daseinsberechtigung häufig mit der Begründung, es fehle uns der Gegenstand für unsere Arbeit, es gäbe keinen Judenhaß mehr. Dieser Wahn hat sich gründlich verflüchtigt. Wir mußten damals vor unbegründeter Leichtfertigkeit warnen, und wir haben leider recht behalten. Heute wiegt sich wohl keiner mehr in der Hoffnung, der Centralverein würde seinen Kampf gegen den Judenhaß „mangels Masse" einstellen dürfen. Wir sind durch die Ereignisse der letzten Jahre grausam eines Schlechteren belehrt worden. Und was sagen unsere Kritiker heute? Heute wird uns das ständig anwachsende Gewicht unseres Gegners zum Bor- Wurf gemacht. Heute wird laut oder leise vom Versagen gesprochen, weil die Flut unserer Feinde fast sichere Bollwerke zu bedrohen scheint, — allerdings nur scheint. Denn nie haben Unwahrheiten und schiefe Gedanken dauernde Zugkraft, wenn sie auch in ihrer Blütezeit überaus gefährlich sein können. Und wieder fühlen wir die Pflicht zur Rechenschaft uns gegenüber erwachen und fragen uns: Haben wir wirklich versagt? Hat der unleugbare Vormarsch der Nationalsozialisten bei den letzten Wahlen vielleicht den Beweis dafür erbracht, daß die jetzige Art der Arbeit des Centralvereins nicht genügend ausgebaut und nicht genügend innerlich gefestigt ist? Und darauf kurz die Antwort: Wir haben immer wieder erfahren müssen, wie groß trotz allen erwachenden Interesses. der politischen Parteien das Arbeitsgebiet ist, das unserer eigenen Arbeit Vorbehalten bleibt. Die von der Gegenseite ausgewandten Mittel der Volksverführung waren schier unübersehbar — und dagegen standen wir doch mit unseren immerhin schwachen Kräften nicht ohne Erfolg. Wir haben daraus gelernt: In der Bekämpfung der gefährlichen judenfeindlichen Auswirkungen des Nationalsozialismus sind wir vor a l l e m aus uns angewiesen und werden es auch in Zukunft sein. Die großen politischen Parteien haben andere Aufgaben zu erfüllen als wir. Gewiß paßt auch den meisten von ihnen der verhetzende Judenhaß der Nationalsozialisten nicht. Gewiß erkennen sie die Gefahr der hetzerischen Propaganda. Aber verständlicherweise glauben sie im politischen Kampf wesentlichere Aufgaben erfüllen zu müssen, als den zwar Krankheitsstoffe bildenden, aber bestimmt innerlich an seiner eigenen Unfähigkeit einmal zugrunde gehenden Nationalismus zu bekämpfen. Wir sind gewöhnt, die Dinge nicht an sich zu betrachten, sondern zu forschen, warum sie so und nur so sein können. Wir begnügen uns daher auch in Zeiten stärksten politischen Auftriebs nicht mit einer bloßen Feststellung von Tatsachen, sondern wir versuchen vom Symptom her die Krankheit selbst zu erkennen. Wir können uns deshalb auch nicht dabei beruhigen, daß der Nationalsozialismus den Judenhaß als eines seiner Werbemittel pflegt, sondern wir fragen uns: Warum geschieht das? Warum rechnet der Nationalsozialismus richtig, wenn er versucht, aus weitesten Volkskreisen gerade mit dieser Farbe seines buntschillernden Gewandes Mitläufer anzulocken? Und hier darf meines Erachtens die Antwort nur lauten: weil es 'leicht war, die Schuld an Not und Elend des deutschen Volkes, -die Schuld an seiner geistigen Verarmung auf die Schultern der Juden abzuwälzen. Wohl bietet die nationalsozialistische Beeinflussung dem stillen Judenhaß eine einzigartige Gelegenheit, sich geräuschvoll zu gebärden; aber daß der Nationalsozialismus sich mit sicherem Blick dieses Mittels bedient, daß er mit Befriedigung manchen Erfolg einstreicht — das kann nur geschehen, weil eine nicht wägbare und nicht meßbare, oft dem einzelnen kaum fühlbare, aber in den Köpfen der Unklaren vielfach vorhandene Stimmung ihm entgegenkommt. Diese Zusammenhänge feststellen, heißt in den Kern der Judenfrage selbst Vorstößen. Woher diese Massenstimmung?*) Diese Frage wurde vielfach behandelt. Ich will nur an einigen Geschehnissen der letzten Zeit aufzuzeigen suchen, wie der aus vielerlei Bächen zusammenfließende Strom unserer Tage sich aus besonderen Quellen nährt. Da ist zunächst unsere im Wesen der heutigen gesellschaftlichen Schichtung begründete Sonderstellung: Unsere Zusammendrängung in die Städte, in bestimmte Zweige des Handels, unser starker Anteil an den freien Berufen. Alles dieses sind freilich nicht Ergebnisse ungehemmter Entwicklung, sind nicht Erscheinungen, die durch die Wirksamkeit eines bestimmten „jüdischen Wirtschaftsgeistes" hinreichend zu erklären sind. Aber — gleichgültig ob aus Freiheit oder Zwang geboren — die Tatsachen sind da, und sie sprechen. Sprechen sie gegen uns? Walter B l o e m hat kürzlich auf einer Tagung des Frontbundes in Hamburg einen wesensreichen Vortrag über unser Sein.gehalten. Er hat darin das Gute gesagt, was zu sagen war, und er hat schließlich sein Urteil über die Juden etwa in folgender Weise gesprochen: Gewisse Kreise von Inden, insbesondere jüdische Schriftsteller, mißbrauchten durch einen verletzenden Mangel an Feingefühl das „Hausrecht" des deutschen Volkes. Ein Mann also, der uns wohlwill, der durch seinen Roman „Brüderlichkeit" viel zur Entgiftung der judenseindlichen Stimmung beigetragen hat, legt uns die Beachtung mancher Auswirkungen der oben geschilderten Schichtung nahe. Bloem hat in der Wahl mancher Ausdrücke sicher fehlgegriffen, vieles ist im einzelnen gegen ihn zu sagen, in der Sache verstehe ich ihn gut. Es gibt dreierlei Schichten innerhalb des deutschen Judentums. Auf der einen Seite stehen die Nationaljuden, die bei aller staatsbürgerlichen Pflichterfüllung und Zuverlässigkeit von einer nationalen Verbundenheit mit Deutschland nicht sprechen wollen und können. Aus der anderen Seite stehen die Anhänger des Centralvereins, deren Gedankenführung Ihnen bekannt ist. Die i) Der Verfasser beabsichtigt irr einer Ende 1930 erscheinenden umfangreichen Untersuchung auf die Einzelheiten dieser Erscheinung noch näher einzugehen. AUS DEM INHALT: „Mittelstandsbewegung(s oder Faschismus? Von Dr* Hans Reichmann, S* 694* — Chmmhka* Von Rabbiner Dr* Manöver (Würzburg), 8. 695• - Jugoslawien, das Land ohne Judenhass* Von M. M*-D* (Belgrad), S. 697. — Jüdische Kunst in Wien* Von Dr. A* S. Frischauer (Wien), S* 699 - Menschen, Tiere und Blumen* Von Julius Bab, S. 701 u* cs. m* BEILAGE: „Von deutsch-jüdischer Jugend“, Nr* 9.

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