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Central-Verein-Zeitung · 1929-12-20 · 51 (20.12.1929) · p. Seite 686

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
51 (20.12.1929)
Date
1929-12-20
Page
Seite 686 (sequence 10)
Language
German
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„lebt". Mit Franz Biberkopf ist es zu Ende. Habt Mitleid! Das ist die Zentralsigur. Ter Kreis ringsum, was nur mit Gesindel zu bezeichnen gewohnt sind. Verbrecher aller Art, Männer und Weiber, „Ehrlose" mit ihrem besonderen Ehrgefühl, immer frech, immer auf dem Sprunge vor der Polizei, wild gegeneinander und wiederum opferbereit, Helden letzter Amoralität, Drohnen, die nur „arbeiten", um anderen zu schaden, die Frauen, ach, so „unweiblich", so wenig wissend, „was sich ziemt", voll von einer haltlosen und verlogenen Romantik, zu jeder Tat, zu jeder Schandtat -bereit, wenn nur denn Burschen, dem sie verfallen sind und verfallen sein wollen, damit gedient ist. Eine Verbrechergeschichte, ein Kriminalroman nur, wie sie jetzt täglich sich auf den Büchermarkt wälzen? Töblin verlangt von sich und verlangt vom Leser mehr. Er steht einzig da, in seiner Toppelgesichtigkeit, wie er das Stoffliche darbringt und wie er es phantastisch umkleidet. Er ist entschlossener Realist, auch in der Verwendung der Volkssprache: er sieht alles, er sieht das Kleinste, er sieht jedes Schmutzpünktchen, er wird fast ein Statistiker, der aus Tabellen schwört, und dann ermüdet er manchmal. Und dieser Realist schwingt sich wieder und immer zwischen die eigentlichen Schilderungen hinein zu einer Höhe auf, von der er auf dieses Kleine und Kleinste herabschaut, mit bohrender Ironie, mit schwefelsaurer Satire und auch mit einem reinen Pathos. Es gibt dann Seiten von erlesener Schönheit, wie das vom Tode, dem „großen Opferer, Trommler und Beilschwinger". Habt ihr schon einmal gesehen, wie eine Pfütze, wenn , sich die Sonne darin verfängt, in holden Farben zu blühen beginnt? So wird hier, von Dichters Gnaden, das Schmutzige geadelt. Es gibt auch, ganz nebenbei, aber an dieser Stelle sei es erwähnt, ein Kapitel mit Juden. Biberkopf, aus Tegel entlassen, wird im Scheunenviertel zunächst von zwei Ghettogestalten ausgenommen. Sie sind die ersten, beinahe die einzigen, die ahnen, daß in diesem Manne ein unruhvoll spähendes Herz schlägt. Altes Leid berührt sich mit neuem, alte Hoffnung mit neuer. Habt Mitleid! Wir begegnen dem Braunen und dem Roten dann flüchtig noch einmal: wir hätten sie gern noch öfter getroffen. Ludwig Marruse: „Revolutionär und Patriot." Paul List Verlag (Leipzig) -1929. Bon Dr. Haus Bach. Ludwig Börne — was bedeutet heute der Name? Ein Mann, eine Kraft, die Goethe, die Heine bekämpfte und Jean Paul in den Himmel hob. In Marcuses Buch ersteht ein anderer Börne, gesehen nicht von der Literaturgeschichte aus, die nichts Rechtes mit ihm anzufangen weiß, sondern, klar und entschlossen, von der Politik. Und da ist es eine kräftige Reaktion auf ein paar Jahrzehnte Weltgeschichte, die sich an ihm selbst auswirkten. Bor uns ersteht das Frankfurter Ghetto, eng, dumpf, schmutzig, Schandmal jahrhundertelangen Drucks. Ein Windstoß der Geschichte, Napoleon, sprengt die Mauern: aus Löw Baruch wird der Doktor Börne. Polizeiactuarius, ein tüchtiger Beamter, autoritätstreu und wohlmeinend. Die Wiederkehr der Reaktion nimmt ihm seine Stelle. Er wird Theaterkritiker, aber er kritisiert im Theater die Zeit, die Menschen — und nicht Theater oder Idee oder Form. Langsam wächst er in seine Bestimmung hinein,-Wirklichkeiten zu Zeigen, Illusionen zu zerstören er wird ein „Soldat des Wortes", wird „Zeitschriftsteller". So bricht in die zeitlose deutsche Literatur die Zeit ein, mit Dissonanzen, mit Forderungen: für den kämpfenden Publizisten ist Geist ohne Ziel, Geist ohne Wirkung ein Frevel. Der E h a r a k - t e r Börne bekämpft in Goethe wie in Heine den Ge i st, der sich mit dem Sein begnügt, statt zu nutzen, zu helfen, kämpfen. Er selbst läßt sich das im Deutschland Metternichs, im Kampf mit einer beschränkten Zensur, sauer werden. Aber er kehrt doch von Paris nach Deutschland zurück: der Kopf sieht klar, die Feder packt scharf die Mängel des Traumerlandes; aber Deutschland bleibt ihm die Heimat, und der Patriot, der für das Ghetto das Vaterland eingetauscht hat lind in Paris zmn Weltbürger geworden ist, bekennt, daß ihm „eigentlich nur an Deutschland liege". Die Julirevolutiou findet Börne in Eins, seinen schwächlich-kranken Körper pflegend. Aber die Nachricht macht ihn gesund, er eilt sofort nach Paris. Er schreibt jene „Pariser Briese", die, ein Meisterwerk der Feder, die guten Deutschen kitzeln, schlagen, tätscheln, prügeln sollten, daß sie endlich aufwachten. Ein großer Bucherfolg . . . Die Wiederkehr der Reaktion und ein kranker Körper verdüstern die letzten Jahre; die Liebe einer feinfühligen Frau gibt inneren Halt; trotzdem ist dieses Leben früh zu Ende —- ein beispielhaftes Leben, fast mehr noch für nufere, als für Börnes eigene Zeit. Marcuse erzählt es persönlich und spannend, „aufrichtig", aber nicht „unparteiisch", wie er selbst in einem Goetheschen Motto bekennt. Auch für den politischen Gegner erhöht seine unverhüllte Stellungnahme die Lebendigkeit und Wirksamkeit des Buches, und es ist im höheren Sinne gleichgültig, wenn Dinge und Fragen voll Börnes eigenem Standpunkt ans etwas anders ausgesehen haben: Kern und Wirklichkeit dieses Lebens sind erfaßt und in einer glänzenden Darstellung zum Ausdruck gekommen. mit seinen ftlSneralbäcSern Em Kainzenbad Wintersonne Erholung Gesellschaft Sport Prospekt und ausführliches Wintersport-Programm durch die Kurverwaltung und die Reisebüros. Seilbahn Seilbahn zum KREUZECK „ zum WANK 1652 m Zug&pgtzbahn 1780 m Zahnradbahn bis Elbsee ln vollem Betrieb. Gesamteröffnung Frühjahr 1930. Berufstätige Dame sucht ab 1. Januar INÄ!. Zimmer iu gutem Hause. Preisofferteuunt.S. U. 13738 beförd. 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