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Central-Verein-Zeitung · 1929-12-20 · 51 (20.12.1929) · p. Seite 685

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
51 (20.12.1929)
Date
1929-12-20
Page
Seite 685 (sequence 9)
Language
German
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6*5 rieue VüBer Alfred Döblin: „Berlin Alexanderplatz." Verlag G. Fischer (Berlin). Von Fritz Engel. Aus das neue Werk Alfred Döblins Hinweisen, heißt nicht, dem Leser einige ruhige und erholsame Stunden versprechen. Es bedeutet umgekehrt, er möge sich eisern wappnen und sein Herz und seine Nerven fest an den Zügel nehmen. Er möge sich von allem trennen, was Zufriedenheit mit dem Weltlauf, Glauben cn Vorsehung, Glauben an Güte und Gerechtigkeit bedeutet. Er möge sich vorbereiten auf ein schweres Aechzen seiner Seele, auf ein Gefühl des Gedrücktseins, aus Verzweiflung. Das alles, das alles. Bis ihm dann gegenwärtig wird, daß dieser glühende Auswurf aus einem Krater, in dessen nächster Nähe wir leben, nur die eine Wage der Schale erfüllt, bis sie sich erstickend aus uns niederstürzen will — daß die andere jedoch das Gleichgewicht wiederherstellt. Denn hier ist es die dichterische Kraft, die das Schreckliche wieder in ein höheres Reich Pflanzt, die das furchtbar Reale vergeistigt, und damit das Kriterium eines jeden tragischen Kunstwerkes bringt: in allem Zermalmenden noch ,,schön" zu sein. So wie die bildende Kunst das schlangenhaarige Haupt der Gorgo dargestellt hat, grauenerregend, dennoch edel. Schauplatz: „Berlin Alexanderplatz." Nicht, wie wir oder die meisten von uns diese Gegend gelegentlich durchstreifen. Der dieses Buch geschrieben hat, wohnt seit Jahren in der Frankfurter Allee. Dort ist er ein viel beanspruchter Arzt, und es sind nicht Millionäre, die nach ihm verlangen. In diesen: besonderen Dunstkreis schreibt er sein Buch. Die Menschen dort kennt er, und in all der trudelnden Geschäftigkeit, die sich scheinbar geregelt vollzieht, sieht er den „Katarakt der Jchs", das chaotische Durcheinander der Schicksale, wie sie einander kreuzen, sich ineinander verwichten, und wie der Arme schuldig wird. Er steigt in den Bezirk, den man jetzt nach New Uorker und Londoner Beispiel „Unterwelt" nennt. Sind diese Kreaturen noch Menschen? Sind sie noch irgendwie verwandt mit den Typen Alt-Berlins, wie Glaßbrenner und Kalisch sie in die Rosafarbe leicht angedudelter Gemütlichkeit getaucht haben? Schon eher sind sie dem Heinrich Zille vor den Zeichenstift gekommen. Beschmutzen wir uns nicht, wenn wir auch nur von ihnen lesen? Wir wollen uns nicht überheben. Wir wollen froh sein, wenn unsere eigenen Wege ebener sind. Wir wollen aufhorchen, wenn das tiefe soziale Gefühl einer dichterischen Persönlichkeit uns belehrt: jawohl, auch jene sind Geschöpfe, die mit Lebenswillen begabt sind, die sich nicht auslöschen lassen wollen und in ihrer, wenn auch noch so brutalen Art ihren Leidenschaften erst Nahrung geben, um dann von ihnen gefressen zu werden. Schuld? Nein! „Das ist das Leben, ist schwer zu denken!" sagt Dublin an einer Stelle. Schwer zu denken; mit keiner Philosophie zu deuten, in dieser Sphäre jedem religiösen Gefühl und Trost unzugänglich. Und doch, so ist es. Der dichtende Arzt, der Diagnostiker, stellt einen Zustand fest. Heilen — kann er nicht. Den unterschiedlichen Wohlfahrtseinrichtungen traut er nicht. Aber Mitleid haben, Mitleid erwecken, das kann er. Verschließen wir uns nicht! Steigen wir in die höllische Unterwelt, bezwingen wir den Ekel vor diesem Pestgeruch, hören wir die Geschichte von Franz Biberkopf, der ein braver Arbeiter war, der gern anständig sein wollte und der hinunterstürzt, tiefer und tiefer, bis dorthin, wo der Schuhwall des Gewissens keinen Widerstand mehr leistet und alle Hemmungen der sogenannten Sittlichkeit sich verflüchtigen. Dieser Biberkopf hat eine Affekthandlung begangen, er hat ein Mädel erschlagen, hat vier Jahre Tegel hinter sich, und soll nun von neuem erwerbender Bürger sein. Eine Zeitlang gelingt es, recht und schlecht. Zeitungsverküufer itnb dergleichen. Aber da sind die Weiber und die Kneipen, und da gerät man von ungefähr in eine Einbrecherbande, wird als unsicherer Kantonist aus dem Diebesauto auf die Straße geworfen, halbtot, der zerschmetterte Arm wird amputiert. Nun ist man doch nur noch ein Krüppel, aber es wird schon gehen. Es geht nicht. Man beginnt zu trinken, man sinkt, man wird gezerrt, man wird Zuhälter. Jeder anständige Steuerzahler sagt Pfui! Dublin sagt: Habet Mitleid! Die Liebste wird von einem Rivalen ermordet, man kommt selbst in den Verdacht der Mittäterschaft, wird abgefaßt, uulß in die Jrrenbeobachtungsstation, ist dem Tode nahe, und man ist und bleibt eigentlich gestorben, weil man als Hilfsportier in irgendeiner Fabrik gerade noch vegetiert, aber nicht mehr Automobile kaufen, ohne Mercedes-Benz zu prüfen heißt wählen ohne Maßstab . . , MERCEDES-BENZ

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