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Central-Verein-Zeitung · 1929-12-20 · 51 (20.12.1929) · p. Seite 683

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
51 (20.12.1929)
Date
1929-12-20
Page
Seite 683 (sequence 7)
Language
German
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Zranz Rosenzweig zum Gedächtnis. von /lrnol- Lazarus (Zrankfurt a. M). In der Trauerhalle des neuen Judenfriedhofs zu Frankfurt a. Main sammelt sich um den Bahrwagen mit dem schlichten, schwarz verhüllten Totenschrein eine Schar wehmutsvoll gestimmter Männer und Frauen. Die ernste Melancholie des Ortes und der Stunde umfängt sie. Es gilt, Abschied zu nehmen von dein, was sterblich an Franz Rosenzweig. Des alten Ritus gläubiges Gebet verhallt. Martin Buber tritt aus der Menge hervor, der Weggenosse der Erdenfahrt steht zu Häupten des Sarges. Kein Wort eines Menschen aus dieser Zeitlichkeit kommt von den beredten Lippen des Meisters. Geheiß des Toten drängt es zurück. Buber liest in der Ursprache der Heiligkeit den 73. Psalm. Wie irdisches Licht — abgeblendet — von droben her die Bahre aus der Düsternis des Raumes heraushebt, beleuchtet der geistesebenbürtige Gefährte mit der Flammenglut biblischer Dichtung des Freundes Franz Rosenzweig Leben und Leistung. Strahlenglanz der Ewigkeit wird nusgegossen über eines Menschen Sein. Weh durchzittert die Stimme, bie wir hören. Der innere Sinn vernimmt die ,,Einung" eines jüdischen Herzens, das die Laute des Psalms 31t geruhiger Sammlung im Ebenmaß des Gleichklangs zusammenfügt. Aber da hebt sich auch dieser urtb jener Satz mit kühner Kraft zu stärkerem Ton, weil zu besonderer Bedeutung, empor. So das Wort — wir sagen es uns hier in der Sprache des Alltags — „Gott, Du führst mich nach Deinem Rat und nimmst mich am Ende in Ehren an." Gottes Ratschluß waltete sichtbar über diesem Leben. Aber sein Träger ließ sich führen, gab sich hin, warf sich entgegen. Wie fast alle deutschen Juden seiner Zeit war Franz Rosenzweig ausgewachsen ohne Gott, ohne seinen Gott, ohne den Gott seiner Väter. Not und Leid des Krieges, an dem er teil hatte, schleuderte den Brand der Zweifelsfragen des Daseins in seine Seele. Er begann den Quell ewiger Wahrheit zu suchen. Nicht mehr nur auf den Wegen der Weltweisheit, aus den Pfaden der Philosophie, die er schon beschritten hatte. Er wollte Vordringen zum Anschauer der Wirklichkeit, die der Glaube keuschen Sinnes ihm enthüllen sollte. Welche Fügung eines höheren Wirkens kennzeichnet die Bahn, die Franz Rosenzweig ging! Hermann Cohen erkor er sich zum Lehrer, der in sein wuchtendes Gebäude der Philosophie als Schlußstein die Glaubensmächte der Propheten Israels unlöslich einmauerte. Dann setzte er sich zu Füßen A n t 0 n Nobels, der ihm den stärkenden Trank des Glaubens reichte und ihm den Weg zu den Quellen des Thorawissens wies. Welche besondere Vereinigung und innige Vermählung in Franz Rosenzweigs ausgeschlossener Seele: die Geistesmächte des Rationalisten Hermann Cohen, des Philosophen, und des Mystikers Anton Nobel, des Rabbiners, bilden in ihm einen heiligen Bund! Franz Rosenzweig wird, weil er dieses Ideal des Juden als sein Wunschziel erfaßt, ein „Talmid- Chochom", ein Schüler der Weisen, und damit — ein Lehrer. „Z eit i st’ s", so ruft er es hinaus, lebenskräftig aus begeisterter Seele in die lässig schlagenden Herzen der deutscher! Juden. „Zeit ist's", endlich wieder zu erwerben und endlich wieder zu verbreiten jüdisches Wissen mit den Wirklichkeitskräften der Gegenwart. Des jungen Menschen flammender Ausruf führt am Ende durch die Weisheit und Tatkraft der Berufenen zur Gründung der „Akademie für die Wissenschaft des Judentums". Ihn selbst drängt es hinaus aus der Enge akademische!: Lebens und Strebens unter die breiten Schichten des Volkes, der Jugend wie des Alters, die hungrig sind nach dem Wort Gottes. Solange sein Körper es eben gestattet, wirkt er mit seinem Freunde E d u a r d S t r a u ß als Führer und Lehrer des Freien jüdischen L e h r h a u s e s in Frankfurt am Main. Auch als ihm die Gnade versagt ward, an dieser Stätte weiter segensvolle Saat auszustreuen, weil seine Leibeskraft zu schwinden begann, blieb eine geistig hochstehende und durch ihn und von ihm begeisterte Jugend um ihn geschart. Was unendlich vielen versagt bleibt, ward ihm gewährt: er wurde in Wirklichkeit der „Religionslehrer" derer, die sich ihm anvertrauten. Worin liegt das Geheimnis seines gnadenreichen Erfolges? Franz Rosenzweig hatte keinerlei amtlichen Auftrag, keine äußeren Machtmittel besaß er, keine äußeren Werte drängten sich zwischen ihn und seine Schülerschaft, aber er gab sich dem Auftrag, den er sich selbst aus dem Willen einer höheren Macht erteilt hatte, mit seinem ganzen Leben hin. Er, dem die Meisterschaft philosophischen Denkens und philosophischer Darstellung verliehen war, wie sein von allen Fachmännern so hochgerühmtes Hegel-Werk beweist, verzichtete freien Willens auf Ehre und Ruhm, auf den Leistungserfolg aus solcher Arbeit. Sein Lehren war sein Leben, und sein Leben war sein Lehren. Das „Brennen" war in ihm, das Brennen der Flamme Gottes, seines Gottes und des Gottes seiner Väter, der ihm Antwort geworden war auf die Angstsrage aller Daseinsnot. Den „Stern der Erlösung" hat er mit seinem umfassend angelegten, tief schürfenden Buch der Religionsphitosophie den Menschen dieser Zeit, denen seiner Gemeinschaft, zumal allen, die ihm nahe waren und sind, aufleuchten lassen. Der ewige Strom der Erlösung aber fließt von Urzeiten her aus der in Gott geschaffenen Quelle der Offenbarung, aus der Bibel. Darum geht er hin und „verdeutscht" mit seinem Freunde Buber das Ewigkeitsbuch der „Schrift". Der Religiouslehrer bietet der Welt aufs neue die Religionslehre. So hat eüs „unternommen", aber nicht zu Ende geführt. Nur bis zu den „Büchern der Kündung", bis zu den späteren Propheten, den „Kündern", wie er und Buber sie nennen, reicht das stolze, trotzige, sprachgeloaltige Bauwerk ihrer Bibel. Wir vermeinen freilich von Franz Rosenzweig, daß fein Leben mehr ist als sein Werk, weil sein Sein eine Kunde von Gott, er selber wie ein Künder Gottes. Glaubst du an den Geist, so glaubst du an Gott. Hier hat der Geist obgesiegt über einen Körper, dessen Kraft durchaus vernichtet war. Wer hat je solches Martyrium eines Menschenleibes erschaut, das über eine ganze Jahreswoche leidvoll sich hinzog? Säfte, Seelenfreude des „Frommen", aber belebten den Pülsschlag dieses Herzens, bis Gott seinen Getreuen „am Ende zu sich nahm". Wer heute und für die Folge der Zeiten auf dem jetzt neuen Judenfriedhof in Frankfurt am Main auf des Gräberfeldes weiten Plan hinaustritt, erblickt als erstes Grab in der „Ehrenreihe" die irdische Ruhestätte von Franz Rosenzweig. Sein Grab mit seinem Namen haben diesem eben gegründeten „Haus der Ewigkeit" die Weihe gegeben für die kommenden Geschlechter Israels, für die Nachfahren des „Gotteskämpfers". Der „unjüdische" Shylock. Im Philo - Verlag, Berlin, ist soeben ein neues Werk von Rabbiner Dr. Jacob, Saarbrücken: „Auge mn Auge. Eine Untersuchung zum Alten und Neuen Testament" erschienen. Nachdem der Verfasser festgestellt hat, daß die Thora die Todesstrafe zwar ohne Schwanken bejaht, aber jede Verstümmelung ans grundsätzlicher Achtung vor dem Gebilde des menschlichen Leibes unbedingt verwirft, schließt er das dritte Kapitel mit den Sätzen: Und wenn die Scheu vor Gewalttätigkeit nicht schon in einer Anlage des jüdischen Volkes lag, wofür die friedlichen Gestalten seiner Urväter zeugen würden, so ist sie jedenfalls dem jüdischen Charakter in Fleisch und Blut übergegangen. Deshalb ist Shylock das ungerechteste und unwirklichste Zerrbild, das von dem „Juden" entworfen werden konnte. Man hat Shakespeare vor das Forum der Jurisprudenz gezogen, aber seltener vor das des jüdischen Gesetzes. Auch der Jude natürlich kann hassen, kann sich zu rachen begehren und den Tod seines Feindes wünschen, aber wenn schon ein Jude als Messerstecher noch seltener ist als ein jüdischer Trunkenbold, so wird es jedem Juden unmöglich sein, sich ein Ungeheuer wie diesen Shylock, der danach lechzt und schon mit Wollust das Messer wetzt, einem. Menschen bei lebendigem Leibe ein Pfund Fleisch auszuschneiden, sich als seinen Stammes- und Glaubensgenossen vorzwstellen. Es ist nicht rin jüdisches Gericht, das Shylock recht gibt, aber wenn er rnit Erfolg an den Dogen appelliert hat, so hätte Antonio sich leicht retten können, wenn er seinerseits einfach zum Rabbiner gegangen wäre. Wenn dasNabbinat von Venedig nicht etwa von der nichts irdischen Rechtspflege an gesteckt und ganz verhärtet war, so hätte es Shylock das Unjüdische seiner Forderung vorgehalten und seinen Schein für ungültig erklärt — nach dem talmudischen Satz: jede Bedingung, die gegen ein Wort der Thora verstößt, ist ungültig. Des Possenspieles der Porcia hätte es nicht bedurft. Bekanntlich ist in einer der Quellen, die der

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