Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1929-12-20 · 51 (20.12.1929) · p. Seite 682

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
51 (20.12.1929)
Date
1929-12-20
Page
Seite 682 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277833-2277884--05700-2286464
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

cMi Mit dem Schiller-Preis ausgezeichnet War seit Jahren vergriffen! Ewige Weisheit aus dem Spruchborn der Weisen Spruchpoesie des Talmud und der rabbinischen Literatur nebst Fabeln, Parabeln und Sagen. - Uebersetzt von MAX WEINBERG Umfang 384Seiten. Ganziein. M.4,50, Haibieder M. 5,- „Ewige Weisheit.“ Ein stolzer Titel. Indessen fast jede Seite dieses Buches rechtfertigt ihn nur um so mehr Sein Inhalt birgt lautere Weisheit in feinster Prägung Zu beziehen durch „BerlinerTageblatt“ Otto Henciol Verlag, Berlin W9, Potsdamer Strasse 125 gesetz aus) richtig (auch) d u r ch „L a i e n" (s a r i m), F r a u en u n d S k l a v e n usw., w e i l d e r P r i e st e r d i e n st (das Gebot des Priesters) erst von da (von der O p f e r u n g) ab beginnt, aber das S ch ü ch t e n ist durch jede n Nt e lt s ch e n richtig" (d. h. vollziehbar). — Dieselbe Vorschrift wiederholt sich in der Mi sch na (Zebachim III. Aus.). Nach dieser von keinem Fachmann bezweifelbaren philologischen Bemerkung wollen wir an das „Tikkune ha-Sohar"-Zitat Herangehen. Es lautet in Uebersetzung: „Ferner ist das Gebot des Schächtens (von Opfern) richtig (vollziehbar) durch ,Laien' (,sarinll: manche Lesarten — so die vom ,Stürmet/ reproduzierte — haben hier auch in Klammern ,durch Frauen^), das sind (in übertragenem Sinne) die Menschenkinder, welche den Tieren gleichen. Tenn die, welche sich nicht mit der Thora abmühen, haben es nötig, daß durch sie Opfer von Gebeten geübt werden, damit sie dem Heiligen, gelobt sei er (d. h. Gott), sich nähern. Und wenn, sie sich durch Gebete dem Heiligen, gelobt sei er, nähern, und manche Leiden (die Gott über sie verhängt) dulden, wie es heißt (Psalm 44,23): ,Denn deinetwegen werden wir den ganzen Tag dahingewürgt, werden geachtet wie Schlachtschafey dann wird das angesehen, wie es (Ex. 20,24) heißt: ,Unddu sollst darauf (auf dem Altar) deine Ganzopfer und deine Tankopfer opfern usw/ Denn das wird sie vom Tode des Todesengels retten, wie es heißt (Psalm 36,7): ,Menschen und Vieh hilfst du, o Herr/ Die aber, deren Tun gleich ist dem des Viehes auf dem Felde, daß sie (nämlich) essen ohne Gebete, deren Tod wird sein, wie der des Viehes auf denr Felde, und es wird sie der Todesengel schlachten Maß für Maß (d. h. nach Maßgabe ihrer Sünden bestrafen), lind nicht nur das, sondern er (der Todesengel) schlachtet sie mit einem schartigen Messer, und sie werden Aas genannt, und auf sie ist gesagt worden (Jes. 26,19): Meine Aase werden aufstehen/ Was ist ein schartiges Messer? Samael, ein fremder Gott, heißt wahrlich (mit Recht) ein schartiges Messer". Zu dem Begriff „Opfer von Gebeten" oder „Gebetopfer", der in diesem Stücke etwas fremdartig klingen mag, soll hier noch auf dasselbe Werk (S. 92a) verwiesen werden, wo es heißt: „Tas Gebet ist wie ein Opfer, wie es die Altvorderen sestgestellt haben: Die Gebete wurden den Tamid-Opfern entsprechend eingerichtet". Hieraus folgt daselbst eine Aufzählung von vier Opferarten, und zwar: 1. Opfer ist das Morgengebet, 2. Opfer das Mincha- oder Vorabend- (Vesper-) Gebet, 3. Opfer das Abendgebet, 4. Opfer das Thorastudium. Das Beten spielt auch sonst in diesem mystischen Buch eine große Rolle. Stil und Inhalt dieses Textes — besonders die Vergleichung von Mensch und Tier — ist Zweifellos ein hartes Stück für den Geschmack eines heutigen Menschen. Man vergesse aber nicht, daß es sich hier um ein mystisches und mittelalterliches Werk handelt, das man mit eigenen Maßstäben zu.messen hat. Das Mittelalter hatte in der Tat einen Stil, den wir heute als höchst befremdlich und abstoßend empfinden, und zwar nicht nur in jüdischen, sondern auch in christlichen Literaturwerken. Ich begnüge mich hier mit einem Satz aus dein Buche von Wicelius „Chorussanctorum omnium“ (Köln 1534, S. 316): Die sieben Söhne der heiligen Felicitas waren „eitel ausgehobene und gute Schlachthämmel zum Reiche Gottes". Zitiert von G. Fr. Daumer, „Die Ge- 3) Soweit zitiert der Kabbalist die obige Mischria- oder Sifra-Stelle. heimnifss des christlichen Altertums", Hamburg, 1847, I. 46. Aus obiger wörtlichen Uebersetzung ergibt sich, daß der „Tikkune ha-Sohar" von Nichtj u b c n ü b e r h a u p t nicht s p r i ch t. Tie „sarim", die hier erwähnt sind, sind nicht K o n f e s s i o n s f r e m d c , sondern FremLe in bezug aus die Priesterschaft, d. h. Nichtpriester, also Laien. Die Worte verraten sich ans den ersten Blick als Sifra- bzw. Mischna-Zitat durch die von den Fälschern unberücksichtigte Variante ,,d n r ch Fra n e n", die sofort auf die Spur des Urtextes zurücksührt, wo davon die Rede ist, daß das Schächten von Opfern d u r ch Laien (s ar i m), d u r ch F r a u e n u s \v. rituell zulässig sei. Der „Tikkune ha-Sohar" gibt dann wohl den „Laien" den übertragenen Sinn von „Gesetzesunkundigen" oder ,,-unbeslissenen". Aber der Begriff der „sarim" bleibt durchs ganze Stück im innerjüdischen Kreise stehen. Von einem N i ch t j u d e n i st hier keine Spur. Die Uebersetzung von „sarim" durch „Nichtjuden", so falsch sie ist, ergibt aber immer noch keinen Schein eines Nitualmordes. Ein solcher entsteht erst dadurch, daß man das „Opfer des Gebets" von dem der Text zweimal redet, in ein buchstäbliches Schlachten umwandelt. Daß das Unsinn ist und weder dem Gedankengang des ausgehobenen Stückes noch dem des weiteren Zusammenhanges entspricht, hat auch Bischofs selbst richtig betont. Wenn der Kabbalist von Gebetopfern spricht, so ist dies ja schon den Propheten eine vertraute Vorstellung, Opfer durch Gebete zu ersetzen. Man vergleiche z. B. Hosea 14,3: „Nehmet mit euch Worte, und kehret zum Ewigen um . . ., daß wir mit unseren Lippen die Farren zahlen". Noch vertrauter ist diese Vorstellung dem rabbinischen Schrifttum. Man vergleiche den Satz Rabbi- Eteasars (Berach, 32b): „Das Gebet ist mehr als alle Opfer". Sollte also Tr. Bischofs — was ich nicht annehmen tuöchte — im „Stürmer"schen „Tikkune ha-Sohar"-Text ein wirkliches, und zwar an Konfessionssremden auszuführendes Menschenschächtgesetz erblicken wollen, so würde er nicht nur gegen ein mögliches, sondern gegen ein von i h m selb st bisher wissenschaftlich vertretenes besseres Wissen handeln. — Tat das aber der „Stürmer" aus eigene Faust, so stehen wir vor der traurigen Tatsache, daß ein Blatt, dessen Redakteur und Schriftleiter soeben wegen verleumderischer Beschimpfung der jüdischen Religion zu längeren Gefängnisstrafen verurteilt wurden, das eben bestrafte V e r l e u m d u n gswerk von neue m beginnt, und zwar mit einer Fälschung, die von Dr. Bischofs selbst noch im Jahre 1920 als „Unsinn" bezeichnet wurde, der schon gegen Ende des vorigen Jahrhunderts „glücklich in das verdiente Kehrichtfaß gefegt wurde". Ms -ec Aufklärungsarbeit -es e. v. „R e l i g i o n und Politik in der S ch lt l e" war das Thema, über das Studienrätin Lydia Stöcker am 9. Dezember in der Landesverbandstagung Groß - Berlin sprach. Frau Stöcker zeigte in einem historischen Rückblick, wie die Schule, einst völlig der Kirche unterstellt, in der Zeit der Aufklärung ein Eigendasein erhielt und wie im 19. Jahrhundert in der Simultanschule der Kampf mit „Religion und Politik in der Schute" einsetzte. Erst nach der Revolution 1918 hört die Schule auf, lediglich eine „Veranstaltung des Staates" zu sein, und erhält religiöse und politische Freiheit. Tiefe wird nun zunächst, da keinerlei Erziehung Zur politischen Selbständigkeit vorangegangen war, vielfach im Sinn des politischen Radikalismus nach rechts wie nach links, verbllnden mit Unduldsamkeit Andersdenkenden gegenüber, ausgenutzt. Die Weimarer Verfassutlg legte die grundsätzliche Einstellung des neuen Staates in den Artikeln 146 bis 148 fest: Zulassung jedes Kindes zur schule ohneMücksicht auf wirtschaftliche oder gesellschaftliche Stellung oder des Religionsbekenntnisses; der Unterricht Hai darauf Bedacht zu nehmen, „daß die Empfindungen Andersdenkender nicht verletzt werden". Theorie und Praxis klaffen hier oft weit auseinander. Frau Stöcker bedauert diese Politisierung der Jugend, glaubt aber, daß ein obrigkeitliches Verbot kaum Ruhe bringen werde. Aber Schulgemeinschaften sollten erreichen, daß die Gegensätze innerhalb der Jugend durch Kameradschaftlichkeit überwunden werden. Frau Stöcker behandelte dann die Stellirng des jüdischen Kindes und die des jüdischen Lehrers. Als Mittel, um gegenseitiges Verstehet: in den Kindern zu erziehen, empfiehlt sie eine Unterrichtsstunde in Religionskunde, auch den Besuch der verschiedenen Gotteshäuser. .Die sehr lebhafte Diskussion ging besonders aus die Möglichkeiten des ^ichkennenlernens ein. Frau Stöcker wies in ihrem Schlußwort auf die Beobachtung hin, daß das Judentum gerade in den letzten zehn Jahren durch größeres Selbstbewußtsein gewonnen habe. Stärkere innere Sicherheit sei die Forderung, die zu detr Ausgaben des C. V. gehöre, ja Erfüllung einer C. V.- Aufgabe sei. * Der Direktor des Centralvereins veranstaltete irn Anschluß an die Hauptvorstandssitzung am 16. Dezember in seinem Hause einen Vortragsabend, zu dem sich zahlreiche Mitglieder und Freunde der C. V. - Frauengruppe einsanden. Frau Else D o r m i tz e r (Nürnberg) berichtete in anschaulicher und eindrucksvoller Weise über die letzten Nürnberger Ereignisse. Dr. Hans R e i ch m a n tt wies in historischem und Literarischem 11 eberblick die Legende von Vlutmorden und ihre unheilvolle Auswirkung nach und wies dann die juristischen Wege zur Bekämpfung der Ritualmordlüge. Dr. Alfred H i r s ch b e r g , der als Sonderberichterstatter der . „C. V. - Zeitung" an dem Talmudprozeß in Nürnberg teilgenommen hatte, schilderte unter dem frischen Eindruck dieser Erlebnisse die fortschreitende Verhetzung des Volkes durch die ständige Wiederholung von Verleumdungen und Beschimpfungen der deutschen Juden und des jüdischen Religionsgesetzes in der nationalsozialistischen Presse. Dr. H o l l ä n d e r und Frau Margarete Fried faßten die Eindrücke des Abends in ihren Schlußworten dahin Zusammen, daß vor allem den Frauen in der Centralveremsarbeit die segensreiche Ausgabe Zusatte, durch die Aufklärung unter den Nichtjuden die Wege Zur wahren Volksgemeinschaft zu bahnen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.