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Central-Verein-Zeitung · 1929-12-20 · 51 (20.12.1929) · p. Seite 679

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
51 (20.12.1929)
Date
1929-12-20
Page
Seite 679 (sequence 3)
Language
German
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Der Schweidmtzer Aationalsozialisienprozeß. Mer und Herr von Pfeffer als Jeugen. Von u n s e r e m n a ch 1 Schweidnitz, 13. Dezernber. Ji: dem Saale, in dein vor Jahren der große Striegauer Reichs bau nerprvzeß spielte, sitzen 16 Nationalsozialisten unter der Anklage „2 Prengu n g einer P o l i t i s ch e n B e rs a m m l n n g ' und Landfriedensvrnch". Nur eine Andeutung der Vorfälle, um die es sich handelt, sei hier gestattet. Denn die Tagespresse hat sich nicht nur mit den Einzelheiten der Verhandlung, sondern euch mit den ihr zugrunde liegenden Vorgängen recht eingehend beschäftigt. Am 27. September d. I. hatten sich in einer sozialistischen Wählerversanunlung zu Schweidnitz, in der der Reichstagsabgeordnete Wendern u t h sprach, nationalsozialistische Sturmtruppler in großer Zahl im Saale verteilt und 5 0 friedliche Versa m m - I u ngsb e s u ch e r z. T. erheblich verletzt, 3 8 Tische und 95 S t ü h l e zerschlagen, 3 4 Zen st e r un d T ü r e n d e m o l i e r t, H u n d e r t e v o n B i e r - glas e r n u n d F l a s ch e n z e r t r ü m nt e r t. Hört man jetzt die Beteuerungen der Angeklagten, so wollten sie sich in dieser Versammlung wirklich nur vom Referenten aufklären lassen, und die große Zahl, in der sie dort austraten, war lediglich dem „Zufall" Zuzuschreiben, die Zwischenrufe, die sie machten, waren ganz „harmloser" Natur, Tische und Ztühle und nicht zuletzt die Köpfe ihrer Gegner sieten, sofern sie, die Herren Angeklagten, es überhaupt gewesen sind, bitterster Notwehr zum Opfer. Dies und ähnliches setzen sie in seltener Uebereinstimmnng dem Gerichtshof vor. Rüdetssührer sind 4 Angeklagte mit zum Teil unaussprechlich „deutschstämmigen" Namen, alle die Brüder Trzeciat, die anderen zwölf sind nur Mitläufer. — Blasse, verführte Jungen, aber auch behäbige, wohlgenährte Gestalten — Kleinbürger, Arbeiter, ausfallend viel kauflnänmsche Angestellte, ein Orgelbaulehrling von wenigen Lenzen mitten darunter. Am Richter tische der vornehme, kluge Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Beer; den Ange- Uagten gegenüber — vor dem Oberstaatsanwalt und seinem Rat, sowie dem der Verhandlung beiwohnenden Generalstaatsanwalt aus Breslau — dev Vertreter der preußischen Staatsrcgierung, Oberregierungsriat Dr. M a y d a m. Gegen den protestieren die Angeklagten gleich nach Beginn der Verhandlung Er habe so ein echt jüdisches, hämisches L ä ch e l n an sich. Selbstverständlich ist der Herr Oberregierungsrat alles andere als Jude, aber er bemüht sich jedenfalls, nunmehr ein teutonisch-ernstes Gesicht auszustecken, was ihm schließlich auch leidlich gelingt. Ein großer Tag für das kleine Städtchen, dieser 13. Dezember 1929: Adolf Hitler und Herr von Pfeffer, die zwei prominentesten der etwa 200 geladenen Zeugen, sollen aussagen. Trupps voii Braunhemden durchziehen schon am frühen Morgen die Stadt: gegenüber vom Gericht, über den Geschäftsräumen des Schweidmtzer Bankvereins, hängt eine große rote Hakenkrenzfahne: dem Andrange zun: Verhandlungssaal ist die an diesem Tage durch Zuzug von Waldenburg erheblich verstärkte Schutzpolizei kaum gewachsen, für Eintrittskarten zum Zuhörerraum zahlt man in: „Freihandel" 5 und 10 Reichsmark, auch höhere Summen. Punkt 11 Uhr betreten Hitler und Pfeffer den Gerichtssaal. Bald darauf werden sie vernommen. . „Ueber Thema" reden beide fast gar picht. Wenn sie es doch einmal tun, reiten sie ihre Leute mächtig hinein, wie Pfeffer, „Le i t e r Schweidnitz entsandten Sond der S. A. f ü r das g a n z e d e u t s ch e Spra ch g e b i e t" (so sagt er großspurig), der ausdrücklich angibt, daß diese Buchstaben S. A. ganz offiziell „Sturmabteilung" bedeute::, während die Verteidigung sich tagelang vorher bemüht hat, nachzuweisen, daß es sich lediglich u:n eine harmlose „Sportabteilung" handele, in der die Braunhemden sich nnt Klimmzügen, Tischtennis n. a. m. vergnügen. Hitler spricht zweifelsohne eindrucksvoller als P fess e r, der dein Gericht nnt militärischer Forschheit zu imponieren sucht. Aber er ist offensichtlich nervös, fährt sich oft über Kinn lmd Haar und spricht, heftig gestikulierend, mit rauher, sich in der Erregung überschlagender Stimme. Dauernd verbeugt er sich vor den Richtern, denen er völlig vertraue, während er den Organen der Staatsverwaltung, vor allen: der Polizei, schärfstes Mißtrauen entgegenb rin gen müsse, dann peinlich oft wiederholte Beteuerungen der unbedingten Legalität seiner Bewegung, für die er ganz allein Vvrauvoörtlich sen „Wir wissen, daß wir gegen die organisierte Staatsgswalch nicht aufkouunen." — „Wir gehen m i t i h r, n i ch t g eg e n s i e." — „Wir verdammen den politischen Mord." — „Wir wissen-, daß wir unsere Gegner nicht durch Niederknüttelung, sondern durch Ueberzeugung allein gewinnen können." Pfeffer soll sich über den nationalsozialistischen Walkürenverband, den „Frauenorden vom Roten Hakenkreuz", an dessen Spitze ein Fräulein Zander ans Berlin steht, äußern. Das tut er so: Die aru:en Nationalsozialisten tun bekanntlich niemanden: etwas zuleide. Aber die Juden und Judengenossen greisen sie trotzdem dauernd an. Und dann passieren schreckliche Dinge. 68 Nationalsozialisten liegen gegenwärtig in den „Lazaretten", wie er sich ausdrückt. Dort sind aber „sremdrassige" Aerzte, denen man Vertrauen nicht entgegenbringen könne. Deshalb bemühe man sich jetzt, Pflegerinnen heranzubilden, die diese Aerzte ersetzen und die armen angegriffenen nationalsozialistischen Schäften: wieder gesund und aktionsfühig machen sollen. Das sind eben die Ordensschwestern von: „Roten Hakenkreuz". Adolf Hitler tritt noch einmal vor den Richtertisch. Man merkt ihm an, wie ihm Psessers Aussage in die Glieder gefahren ist. Wieder, wie stets, wenn er redet, springen die Angeklagten demonstrativ auf und stehen wie die Mauern, so lange der „Chef" spricht. Hitler hat eine Erklärung abzugeben-: Jüdische Zeitungen und ähnliche Blätter beschuldigten die Nationalsozialisten planmäßig der S ch ä n - d u n g jüdischer F r i e d h ö f e. Man Werste seiner Bewegung auch vor, daß die Großindustrie sie finanziere. Beides sei unwahr. Die nationalsozialistische Bewegung k ü m p f e gegen d i e L e b e n d e n, n i ch t gege rt die Toten. Er, Hitler, würde jeden Nationalsozialisten, den: Beteiligung an einer derartigen Tat nachgewiesen sei, unweigerlich zum Teufel jagen. Aber es seien ja gar nicht Nationalsozialisten, die so etwas tun. Man behaupte das nur, uu: seine Bewegung zu diskreditieren. Im übrigen weist Hitler aus eine Aeußerung des Berliner Vizepolizeip räsidenten Weiß hin, mit der sozusagen amtlich die Nichtbeteiligung der Nationalsozialisten an den Friedhossschändnngen dargetan werde. Man kennt die Aeußerung des Präsidenten Weiß und man staunt über die Unverfrorenheit, nnt der Herr Adolf Hitler tV. völlig verdreht, den: Gerichtshöfe präsentiert. e r b e r i ch t e r st a t t e r. Die Finanzierung seiner Bewegung durch -industrielle Kreise hat Adolf Hitler unter seinem Eide energisch abgestritten. Alle Unkosten der Bewegung bringen nach seiner Anssage die opferbereiten Mitglieder auf, sowie — die Besucher der Tausenden vou Versammlungen, die seine Bewegung Jahr im: Jahr veranstalte. Das Eintrittsgeld sei bei den Natioualsozialisten stets höher als bei anderen Parteien, weil sie es eben nötiger hätten als die anderen, die Snbveutioneu von allen Seiten bekämen. Unter 30 und 50 Pf. pro Kopf könne er eine Versammlung nicht gut abgeben. Das wäre sozusagen schon der Einkaufspreis ... In wenigen Tagen wird das Urteil gesprochen werden. Dann wird zu den Vorgängen in Schweidnitz und zu den: Ergebnis der Verhandlung noch ein Wort zu sagen sein. Dr. Felix Heimaim. Die Politisierung der Schulen schreitet fort. Hakerrkreuzler stören eine Iungörmokraten-versamnrlung. Die Berliner Jungdemokraten veranstalteten am Dienstag, 17. Dezember, eine Versammlung gegen die Verhetzung in: politischen Kampf, die einer aufwärtsstrebenden Jugend unwürdig sei. Lange vor Beginn lvar die Versammlung schon überfüllt. Ungefähr 200 Mitglieder der nationalsozialistischen S ch ü l e r g r u p P e n und der Hitler- B ü n d e hatten sich im Saale geschickt gruppiert und erbrachten durch ihr Benehmen Beweis dafür, daß man mit Recht von jungdemokratischer Seite eine solche Versammlung einberufen hatte. Ter erste Redner, Oberstudienrat-B l a n - k e n b u r g, erinnerte daran, daß sich heute Sextaner und O n : n t a n e r als Kriegsgeneration cmsgeben! Als der Redner zum Beispiel chgte, daß auch nichtnationalsozialistische Schüler und junge Menschen ihr deutsches Vaterland liebten, ertönte prompt der Zuruf: „Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens." Als sich der Lärm immer mehr steigerte und die Versammlung aufzufliegen drohte, sah sich der Vorsitzende gezwungen, die Polizei in den Saal zu rufen. Die Vertreter der nationalsozialistischen Weltanschauung merkten nun, daß es ernst werde, und verließen unter dem Ruf: „Deutschland erwache!" und dem Gesang nationalsozialistischer Kampflieder den Saal. Einigen davon hatte es so gut gefallen, daß sie nachher wiederkamen. Helinnt von Ger lach berichtete dann, daß er selbst seine Laufbahn bei den Antisemiten um Ahlwardt begonnen habe. Es sei ihm darum eine Genugtuung, wenn er heute gegen seine ehemaligen Gesinnungsfreunde auftreten dürfte. Als er erzählte, daß die Nationalsozialisten zum Beispiel im Wahlkampf erklärten, daß sie alle auch seit langem in Berlin wohnenden Inder: exmittieren wollten, da rief ein junger Nationalsozialist dazwischen: „Mit Ausnahmen!", was Gerlach zu der treffenden Antwort herausforderte, daß Herr Goebbels nicht so kulant -sei. D c r A n t :- s e m i t i s m u s, w i e ihn die Nationalsozialisten b e t x e i b c n, - se i eines K i: >l t u r v o l k e s u n w ü r d i g.

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