Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 51 (20.12.1929)
- Date
- 1929-12-20
- Page
- Seite 678 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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H7S Dev DevkassuttssSanivß in -SeKevveich. Von Mar Mchfold (W Oesterreich hat schwere innerpolitische Kümpfe überwunden. Die Verfassungsreform, die am 7. Dezember endlich unter Dach und Fach gebracht wurde, hat die Parteileidenschaften zu einem Höhepunkt gesteigert, wie er bisher in Oesterreich nicht zu beobachten war. Nur der besonderen politischen Tüchtigkeit des neuen Bundeskanzlers Tr. Hans Schober und seinem ehrlichen Willen, Oesterreich mit gesetzlichen Mitteln Frieden und Nutze zu erhalten, ist es zu danken, daß der drohende Bürgerkrieg verhindert werden konnte. In diesen bewegten, nun glücklicherweise vergangenen Zeiten waren auch die österreichischen Inden Gegenstand von „Aufmerksamkeiten" von links und rechts. Die auch im Auslande mehr oder weniger rühmlich bekannte „H e i m w e h r b e w e g u n 9", die die Lage in Oesterreich in letzter Zeit stark beherrschte, forderte eine Verfassungsresorm in ganz radikaler Form, die an die Stelle der freien D e m 0 - kratie den A u t 0 r i t ü t s st a a t setzen sollte; glücklicherweise ist es dazu nicht gekommen, und die neue Verfassung stellt ein wohl nicht ganz glückliches K 0 m p r 0 m i ß der beiden großen Parteien dar. Auch die österreichischen Juden konnten diese Heimwehrbewegung gewiß nicht übersehen und haben zu ihr in verschiedener Weise Stellung genommen. Dies ist ein Beweis der Zerfahrenheit der österreichischen Politik überhaupt; wenn sogar bei den der Heinnvehr nahestehenden Christlichsozialen keine Einheitlichkeit in dieser Frage besteht, um wieviel weniger bei den Juden! Man kann nicht abstreiten, daß die sozialdemokratischen Wirtschaftsmethoden, insbesondere ihre Steuerpraxis, in Wien auch unter der Judenschast eine starke Mißstimmung hervorgerufen hat. Natürlich werden die Juden, die in Wien zürn überwiegenden Teile dem schassenden Bürgertum angehören, durch diese Methoden in ihren Geschäften gehemmt; und wenn auch zur Ehre der Sozialdemokraten gesagt werden muß, daß sie aus den Stellereinkünften sicherlich Großes auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge geleistet haben, so finden es gleich anderen einsichtigen Elementen auch die österreichischen Inden unverständlich, daß die hierfür notwendigen Mittel in so hohem Maße gerade dem heutigen kranken Wirtschastskörper durch Abgaben entzogen würden, statt sie durch Anleihen zu beschaffen. Die österreichische Judenschast hat außerdem beit voll gewisser sozialdemokratischer Seite ausgehenden Kampf gegen die K i r ch e allein aus religiösen Gefühlen niemals gutgeheißen. In der österreichischen Sozialdemokratie ist die Zahl der Juden (Angestellte und Gewerbetreibende) beträchtlich. Das erklärt sich vor allein aus dem Fehlen einer anderen für sie in Betracht kommenden, insbesondere einer demokratischen Partei. Unter den Führern der Sozialdemokraten sind einige Juden, vor allem aber auch er ne Anzahl getaufter Juden. Viele Juden, die im bürgerlichen Lager stehen, beklagen diesen Zustand am meisten, sie leiden schwer unter dieser angeblich „jüdischen Führerschaft", denn sie bietet dem A n t i s e m i t i s m u s zu Unrecht einen Anlaß, den nicht sozialdemokratisch gesinnten Teil der Bevölkerung unaufhörlich mit dem Märchen von der „Verantwortlichkeit aller Juden" gegen sie aufzuhetzen. Dabei bringen diese „jüdischen Männer" in der sozialdemokratischen Führerschaft für die jüdischen Fragen keinerlei Interesse auf. Diese Feststellungen haben nichts mit der grundsätzlichen Forderung zu tun, daß die Juden das Recht haben müssen, sich in jeder Partei politisch zu betätigen, zu der sie ihre ehrliche Ueberzengung führt. Wohin nun sollen die österreichischen Juden sich wenden? Vielleicht zur Heimwehr? In diesen Blättern wurde erst jüngst folgender Sah aus der Broschüre „Vor dem Bürgerkrieg" von Rechtsanwalt Hermann Äst a r t i n zitiert: „Ein ausgezeichneter Kenner der österreichischen Verhältnisse hat uns versichert, daß a u d) der A ntisernitisnius eine der stärksten Triebfedern der H e i m w e h r b e w e g u n g ist." Das stimmt bis zu einem gewissen Grade. Hier zeigt sich wieder die Unentschiedenheit in der österreichischen Politik, von der wir vorhin gesprochen haben; vielleicht aber als „Spiel mit zwei Feuern" mit voller Absicht. Wabrend der erste Bundessührer der H e i m w e h r, Dr. S t e i d l e, schon vor vielen Monaten den Juden versicherte, daß er kein Antisemit. sei und keine Judenpogrome wünsche, erklärte sein Führergenosse Tr. Psrimer, vor geraumer Zeit: „Für den Heimatschutz gebe es in dieser wichtigen Frage nur eine Stellungnahme: Die Juden müssen der Rasse nach als F r e m d - Volk angesehen und als solches auch behandelt werden!" Während im „N e u e n W i e n e r I 0 u r n a l", einem Hennwehrorgan, insbesondere in den letzten Wochen in mehreren Artikeln ein ganz gewaltiges Liebeswerben um die Sympathien der Juden für die Heimwehr anhob, gefällt sich die „D e u t s chösterreichische Tages-Zeitung",auch ein Heimwehrblatt, in der wüstesten Judenhetze nach der Art des „Stürmer". Noch ein sehr bezeichnendes Symptom: Es ist bekannt, daß an den — vorläufig hoffentlich letzten — jndenfeindlichen Wiener Hochschulkrawallen sich H e i m w e h r st u d e n t e n in sehr tätiger und nicht gerade judensreundlicher Weise beteiligt haben. Diese Tatsache wurde von der linken Gegenseite gewaltig ausgeschrotet und dadurch erwuchsen den Heimweh ren, die sich offiziell nicht gern in den Gertlch der Judenfeiudschast bringen lassen wollen, große Unannehmlichkeiten. So wurde also großartig angekündigt, sie würden sich m einer Erklärung entschieden gegen den Antisemitismus an Hochschulen wenden, den sie mißbilligen ufw. Die Erklärung erschien, und es stand kein Wort darin gegen diesen Antisemitismus an den Hochschulen, im Gegenteil, die Erklärung faselte etwas von der „immer vorhandenen leichten Erregbarkeit auf akademischem Boden" und wandte sich schließlich gegen den Terror, nicht der Hakenkreuzler, sondern der — Sozialisten. Solche Aeuperungen führender Männer und Zeitungen der Heimwehrbewegung, insbesondere in der österreichischen Provinz, verletzen naturgemäß die Juden, und darüber vermögen auch die „Liebenswürdigkeiten" anderer Faktoren dieser Bewegung nur schwer hinwegzutrösten. Und es ist deshalb natürlich, daß unter der österreichischen Judenschast ein gewiß.nicht unberechtigtes Mißtrauen gegen die Ziele der H e i m w e h r b e st e h t. Was die österreichische Judenhsit mit allen friedlichen Bürgern dieses Staates entschieden verurteilen, ist die fortwährende B ü r g e r k r i e g h e tz e d e r H e i m - wehr. Diese hat der Wirtschaft des armen Staates, in dem sie wurzeln, schon ungeheuren Schaden zugesügt. Wenn es zum Aufruhr kommt, dann können die Juden — die Geschichte des Judentums lehrt es — die ersten fein, die dem aufgestachelten Fanatismus der Massen zum Opfer fallen; dann kann die Saat der Hetzreden fürchterlich ausgehen. Aber nicht nur diese Gründe, sondern vor allem die Liebe zum österreichischen Vaterland, das den Frieden zu seinem Aufschwung braucht, veranlaßt, die Juden, ohne links und rechts zu schauen, sich gegen die Bürgerkriegshetze zu wenden, die diesen Frieden vernichten will. wer präsentiert die Rechnung? Ein Flugblatt zum Volksentscheid. Am 22. Dezember 1929 ist Abstimmungstag über den Volksentscheid. Die Fragen, zu denen im sogenannten „Freiheitsgesetz" mit Ja oder Nein Stellung genommen werden soll, haben mit Juden oder Judentum, insbesondere mit dem deutschen Judentum nicht das mindeste zu tun; es sei denn, daß die deutschen Juden unter den Lüsten des verlorenen Krieges ebenso zu leiden haben wie alle übrigen Volksgenossen und von Erleichterungen den gleichen Vorteil erhoffen wie die übrigen. Der Reichsausschuß für das deutsche Volksbegehren hat deswegen auch vermieden, bei seinen Verlemtbarungen judenfeindliche Gesichtspunkte in den Vordergrund zu schieben. Diese Richtlinie ist aber bereits während des Kampfes um das Volks begehre n von den Nationalsozialisten nicht befolgt worden. Nun taucht, wenige Tage vor dem Volks entscheid, wiederum ein Flugblatt aus, dessen Rückseite als Rechmmgssormular „für das Deutsche Reich" ausgemacht ist und als Firmenvermerk die Worte „Weltbank" trägt. Der Text der Vorderseite rrsftna lautet: Deutscher Volksentscheid Sonntag, den 22. Dezember 1929 9-6 Uhr. Deine Quittung Der amtliche Stimmzettel! Sodann wird der Stimmzettel abgebildet. Im Ja-Kreis ein Kreuz, auf das ein Pfeil mit den Worten hinweist: „Dorthin Dein Kreuz!" „Vergiß nicht, am 22. Dezember 1929, diese Quittung auszufüllen." Druck: Deutscher Export- und Reife-Verlag, Berlin SW 61. Es ist ein plumper Trick, durch die hebräische Unterschrift auf den angeblich jüdischen Charakter der Weltbank hinzuweifen. Die Kenntnisse, die die feigen Hersteller des Flugblattes vom Judentum haben, scheinen sich aus das erste Wort der 5 Bücher Moses zu beschränken, sonst hätten sie nicht auffälligerweise das „Vereschith" als Nebersetzung der Weltbank gewählt. Auch wenn man sachlich zum Volksentscheid nicht Stellung nimmt, liegt das Urteil nahe, es muß übel um seine Aussichten bestellt sein, wenn seine Interessenten glauben, durch solche Mittel allein zum Siege kommen zu können.