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Central-Verein-Zeitung · 1929-10-25 · 43 (25.10.1929) · p. Seite 578

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
43 (25.10.1929)
Date
1929-10-25
Page
Seite 578 (sequence 6)
Language
German
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57$ und Gerichtshof waren sich einig, daß der Angeklagte die Beschimpfungen äußerst leichtfertig und gewissenlos vorgebracht habe. Wie wenig ehrenvoll diese Bestrafung war, geht am deutlichsten daraus hervor, daß Bruhn sie in keiner der vielen Biographien, die er seitdem Zur Verfügung gestellt hat, erwähnt, während doch sonst politische Märtyrer großen Wert daraus legen, die Narben zu zeigen, die sie im Kampfe davongetragen haben! Ter deutschnationale Neichstagsäbgeordnete Wilhelm Bruhn war im Jahre 1909 im Erpressungsprozeß gegen seinen Mitarbeiter D a h s e l faktisch Zeuge, moralisch Mitangeklagter. Der Staatsanwalt erklärte damals, Bruhns „Wahrheit" sei ein Skandal- und Revolverblatt schlimmster Art! Der Sachverständige Kluge sagte in seinem Gutachten u. a: In der „Wahrheit" angegriffene Personen wurden nicht mehr angegriffen, sobald sie in der „Wahrheit" inserierten! Das Gericht lehnte damals eine Reihe Beweisanträge ab, weil es als wm h r unterstellte, daß Angriffe der „Wahrheit" auf bestimmte Personen unterblieben, wenn von den Betreffenden der „Wahrheit" Jnseratenauftrüge erteilt wurden! Der deutschnationale Neichstagsäbgeordnete Wilhelm Bruhn mußte es über sich ergehen lassen, daß das Organ der deutschen Zeitungsverleger im Jahre 1910 gegen Bruhns Geschäftspraktiken scharf Stellung nahm, und daß der Verein Berliner Presse mit einem hörbaren Ruck von ihm abrückte. Der deutschnationale Neichstagsäbgeordnete Wilhelm Bruhn erlebte und überlebte es, wie der „Vorwärts" am 24. Februar 1925 feststellte, daß nach dem Erpresserprozeß von 1909 alle Reichstagsabgeordneten ohne Unterschied der Partei den Saal verließen, als Bruhn die Rednertribüne bestieg! Der „Vorwärts" schloß jenen Ruten- und Skorpionenartikel gegen Bruhn mit folgenden Worten: „Wie kommt es, daß die Mehrheit der Inserenten der »Wahrheit' aus jüdischen Firmen besteht? F r e i w i l l i g werden diese jüdischen Geschäftsleute in einem antisemitischen Blatt wohl nicht inserieren. Will Bruhn bestreiten, daß den meisten seiner Inserate heftige Angriffe vorausgegangen sind, die dann e i n g e st e l l t wurden, als die Jnseratenausträge einliefen?" Der deutschnationale Neichstagsäbgeordnete und Held der „Wahrheit" Wilhelm Brüh n hat eine eherne Gesundheit und eine eherne Stirn. Er ist längst gerichtet. * Wie wir nach Redaktionsschluß erfahren, hat der Neichstagsäbgeordnete Bruhn seinen Austritt aus der Deutschnationalen Volkspartei erklärt, da ein Verfahren gemäß Ziffer 19 der Parteisatzungen, die das Ausschlußverfahren gegen Parteiangehörige behandelt, gegen ihn eingeleitet worden war. -Um OaMMrra. Noch keine Ruhe im Lande. Leider berichten die Tageszeitungen immer noch von Ruhestörungen im Heiligen Lande, und es sieht vorläufig noch nicht so aus, als ob der allseitig erwünschte Friede einkehren will. Man hört von einzelnen Mordtaten, hier und da von Ueberfüllen, besonders aber von einem organisierten Boykott der arabischen Bevölkerung, der sich für die jüdische Geschäftswelt ganz deutlich spürbar macht. Versuche der jüdischen Kaufmannschaft und auch der Regierung, den Boykott beizulegen, sind bisher erfolglos geblieben. Die arabischen Führer scheinen danach unversöhnlich zu sein. Es wäre gut, wenn einflußreiche Persönlichkeiten alles aufböten, um auch den wirtschaftlichen Krieg zu beendigen; denn letzten Endes haben von Boykottparolen, wie die Erfahrung beweist, beide Teile Schaden, und die Wirtschaft des ganzen Landes wird schwer erschüttert. Maßgebende Persönlichkeiten bemühen sich, normale Zustände endlich herbeizusühren; hoffentlich werden sie Erfolg haben. Die „Mge" über die Agency. Die Arbeitsgemeinschaft jüdisch - liberaler Jugendvereine Deutschlands (Arge) hat folgenden Beschluß gefaßt: „Der Vorstand der »Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands' hält sich mit Rücksicht auf die Erklärungen der deutschen Mitglieder der Jewish Agency und des Keren Hajessod für verpflichtet, festzustellen, daß ein großer Teil der jüdischen Jugend, insbesondere der jüdisch-liberalen Jugend, den Ausbau einer jüdisch -nationalen Heimstätte in Palästina ablehnt. Er beklagt aufs tiefste die Opfer, die die bisherigen Vorfälle in Palästina gefordert haben, sieht aber 'gerade hieran, zu welch unglücklichen Folgen eine politische Einstellung des Judentums führen muß. Der Vorstand der Arbeitsgemeinschaft betont mit Nachdruck, daß für die große Mehrheit der deutschen Juden das Judentum eine reine Glaubenssache ist und bleibt, und daß die Zukunft des Judentums nur in seiner religiös-sittlichen Auswirkung, niemals auf politisch-nationalem Gebiete liegen kann." Zionismus und Religion. Eine interessante Stimme zu den Jewish- Ag^ney-Verhandlungen findet sich in der vom Evangelischen Preßverband für Deutschland herausgegebenen Zeitschrift „Das evangelische Deutschland". Dort bespricht D. Otto Eber- Hardt die Verhandlungen in Zürich. Er stellt zunächst fest, daß durch den Hinzutritt der Nichtzionisten die Palästina-Arbeit anfange, eine allgemeine jüdische Angelegenheit zu werden. So sehr dies Ergebnis den Zionismus mit Genugtuung erfüllen könnte, so eindeutig habe es sich bei den Besprechungen in Zürich gezeigt, daß die Religion in diesem Gremium nicht mehr die Rolle einer guantite negligeante oder eines Rührmichnichtan spiele. Louis Marshall und die Führer des Misrachi seien gleichermaßen für die Verankerung der religiösen Forderungen des Judentums in der Verfassung der Jewish Agency eingetreten. In dieser Tatsache erblickt der Verfasser einen bedeutenden Fortschritt der Aufbauarbeit. Ein jüdisches Palästina wird nicht ausgebaut und zu friedvollem Wettbewerb des Bestandes mit den eingeborenen Arabern und den anderen Wertträgern des „Heiligen Landes" geführt ohne die Kräfte der Religion. Das ist die Einsicht vieler, die wie der Berichterstatter die Bewegung unter dem Himmel Palästinas studieren durften. Diese Verbindung von Land und Bibel, Religion und Aufbau, Lebensstil und Lebenskraft gewann eine neue eindrückliche Sprache durch jenen ersten Sitzungstag, an dem die neue Körperschaft Zusammentrat. Darin liegt auch ein Teil seiner „historischen Bedeutung". — Es ist in der Tat richtig, daß ganz besonders Louis M a r s h a l l sich in Zürich für ein religiöses Palästina eingesetzt und diese Forderung in seiner Kundgebungsrede wie auch bei den Kommifsionsverhandlungen mit aller Schärfe unterstrichen und verfochten hat. Wie weit diese Bestrebungen, das religiöse Moment in Palästina in den Vordergrund zu schieben, Erfolg haben, läßt sich allerdings jetzt nicht sagen. würdige Rampftsweise. „Die Erklärung deutscher Juden und Jüdinnen" hat in der zionistischen Presse große Entrüstung hervorgerufen. Wenn man aber das Recht aus seiner Seite zu haben glaubt und dafür mit aller Wärme eintritt, so geht es unter keinen Umständen an und ist durchaus zu verurteilen, daß bei der" Ablehnung dieser Erklärung ein Ton angeschlagen wird, der die Sache, die man vertritt, nur schwer diskreditiert. Ausdrücke, auf die Unterzeichner gemünzt, wie „Menschen, deren geistige Trägheit und Ghettofurcht Richtschnur ihres jüdischen Handelns sind", wie „entjudete Protest- Israeliten", Bezeichnung der Erklärung als „ein Zeichen innerer Knechtseligkeit", als „eine Aktion dieser entjudeten Gesellschaft", sind für den innerjüdifchen Kampf wie für jede ernste Polemik scharf abzulehnen, und maßgebende Zionisten sollten darauf hinwirken, daß solche Unwürdigkeiten in ihrer Presse verfemt sind. Kundgebung der Arbeitsgemeinschaft der Aonselftonen für den Frieden» Die Arbeitsgemeinschaft der Konfessionen für den Frieden hielt ihre erste öffentliche Kundgebung am 16. Oktober im großen Saal der Hochschule für Musik ab. Präsident Dr. h. c. S p i e ck e r führte in seinen. VegrUßungsworten aus, daß die Arbeitsgemeinschaft dein Willen zum Frieden, der in jedem Menschen lebt, zur Verwirklichung verhelfen will. Direktor Wassermann erläuterte als erster Redner den Begriff des Krieges aus dem Alten Testament. Weniger vom Krieg ist im Alten Testament die Rede als von dem Gebot der humanen Kriegsführung. So liegt auch im Alten Testament die heilige Idee des Friedens. In ergreifenden Worten führte Prälat Lichte nberg folgendes aus: Endlich hören die Religionen auf, sich zu bekämpfen, endlich gelingt es der Religion, im Nebenmenschen den Volksgenossen zu achten. Wie könnte ein Katholik nicht dankerfüllt die Stunde begrüßen, in der gute Menschen sich zusammenfinden, um den Gottesfrieden vorzubereiten, liegt doch die Macht der katholischen Kirche in der Friedensarbeit der Päpste. Rabbiner Dr. Baeck bezeichnete das Alte Testament als Erziehungsgeschichte der Menschheit zum Frieden. Das Wort Frieden schließt Gebot und Verheißung in sich, d. h. Weg und Ziel. Pfarrer Günther Dehn betonte die Friedensidee der evangelischen Kirche, und Franciskus Stratm a n n entwickelte auf geschichtlicher Grundlage die Friedenswünsche des katholischen Glaubens. Dr. Alfred Nossig charakterisierte die Arbeit der Zukunft, und Stadtbaurat Dr. Leonhard Adler betonte in seinem Schlußwort, daß jeder einzelne seine Fried ensbestvebungen durch Mitgliedschaft im Friedensbund beweisen könne. Die Feierstimmung der Versammlung wurde durch einleitendes und am Schluß sich wiederholendes Orgelspiel noch erhöht. Margarete Fried. Juftizrat Dr. Cohn (Dessau) HD Jahre alt. Am 28. Oktober wird das Mitglied unseres Hauptvorstandes und der Vorsitzende unseres Landesverbandes Anhalt, Justizrat Cohn (Dessau), 60 Jahre alt. Wer will glauben, daß dieser Mann mit seinem übersprudelnden Temperament und seiner jugendlichen Frische bereits in das siebente Jahrzehnt feines Lebens eintritt? Was Justizrat Cohn dem Centralverein, dem deutschen Judentum und der deutschen Politik überhaupt bedeutet, weiß jeder, der sich einmal mit deutsch-jüdischen oder mit deutsch-politischen Fragen befaßt hat. Seit Jahrzehnten gehört der Jubilar unserem Verein an. Seine Treue und seine stete Hilfsbereitschaft für unsere gemeinsamen Ziele brauchen hier nicht gerühmt und gelobt zu werden. Wir wissen auch alle, welche gesegnete Arbeit er in feiner Gemeinde geleistet hat und leistet, und wir wissen, wieviel ihm die Demokratische Partei, der er nahesteht, zu verdanken hat. Möge unser Freund noch lange, lange Jahre mit der gleichen Frische und in bester Gesundheit unserer Arbeit und allen seinen Ehrenämtern erhalten bleiben zur Freude aller derer, die ihn kennen und hochschätzen.

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