Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 49 (6.12.1929)
- Date
- 1929-12-06
- Page
- Seite 654 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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H§4 Sieger hervorging. Entscheidend war die Eroberung von Sumer durch Sargon von Akkad, denn sie hat eine Verschmelzung der semitischen und sumerischen Kultur herbeigeführt. Nachdem unter dem Ansturm der Gutäer auch Sargons Staat zusammengebrochen war, Abb. 3. Goldene Vasen aus den Königsgräbern Von Ur. setzt nach der Befreiung von Sumer durch Utu-chegal von Uruk auch eine neue Blüte von Ur ein; es gelang Ur-nammu sich zum Herrscher über Sumer zu erheben und eine neue Dynastie in Ur> die dritte, zu begründen. Von dieser Friedenszeit unter Ur-nammu und seinen Nachfolgern am Ende des 3. Jahrtausends geben die bei den Ausgrabungen aufgedeckten Bauten eine gute Vorstellung. So' ist die Zikkurat, der Tempelturm des Ur-nammu mit seinen geböschten Wauden einer der am besten erhaltenen dieser Stufentürme, der bisher in Babylonien ausgegraben wurde. Hier waren die monumentalen Treppenaufgänge, die von vorn und von beiden Seiten zum Portal auf der ersten Stufe emporführten, uuzerstört geblieben. Die weitere Gestaltung des Oberbaues, auf ib-em der obere Tempel des Mondgottes Nannar Platz fand, in der Wiederherstellungszeichnung Tafel 16, muß freilich unsicher bleiben. Woolley gibt weiter eine ausführliche Schilderung der anderen Tempel und ihrer inneren Einteilung; die Bestimmung der Räume ließ sich aus den Funden und den zahllosen Keilfchrifttafeln in den Tempelarehiven erschließen. Er beschreibt die Häuser von Ur mit ihren mn einen Binnenhof gruppierten Räumen, über denen er ein zweites Stockwerk mit umlaufender Galerie, einer bisher in Babylonien nicht nachgewiesenen Hausform, annimmt. Vorausgefchickt ist ein Gesamtbild der sozialen Verhältnisse von Sumer, das auf Grund sumerischer Gesetzestafeln unter Vergleich noch mit den berühmten Gesetzen des Hammu-rabi entworfen wird. Die weitere Geschichte von Sumer, ist ein allmählicher Niedergang, veranlaßt und l>efördert durch die Eroberungen der Elamiten, dann der Amoriter und das Aufkommen neuer Stadtstaaten in Jsin und Larsa, bis schließlich die von Hammu-rabi neugegründete Dynastie von Babylon das Gebiet von Sumer ihrem Staate einverleibte und nach einem vergeblichen Aufstandsversuch auch die Stätte von Ur „dem Erdboden gleich machte". Es bleibt das Hauptverdienst dieses mit liebevoller Begeisterung für seinen Gegenstand geschriebenen Buches, daß es in gemeinverständlicher Form die Bedeutung des Volkes der Sumerer, das schon am Anfang des 2. Jahrtausends aus der Geschichte verschwindet, für die Kultur des semitischen Orients in helles Licht gestellt hat, soviel auch an diesem ersten Gesamtbild künftige Forschung noch im einzelnen zu ändern haben wird. 5. 9anö öer „Lehren -es Judentums". Mit bitefem Bande, der in Beiträgen von L. B a e ck , F. B a m - b e r g e r, M. Diene mann, I. E l b o g e n, E. Gärtner, I. G u t t m a n n, M. Holzman, I. L e w k o w i tz, F. M a - kower, S. Pick, H. Speyer, M. Wiener „Judentum und Umwelt" behandelt, gelangt das ganze vom Verband der deutschen Juden (Verlag Gustav Engel, Leipzig) herausgegebene Werk zum Abschluß. Man wird es nur gutheißen, daß in diesem letzten Teil sich überwiegend eine Abkehr von jener Methode der Darstellung zeigt, die nach meinem Gefühl in den vorangegangenen Bänden den Stoff oft allzu sehr atomisiert hat. Handelte es sich nämlich dort zumeist um eine Aneinanderreihung von Oueltenbelegen, die durch sehr knappe und darum naturgemäß ins Allerallgemeinste zerstäubende Vorworte unter bestimmte Gesichtspunkte gebracht werden sollten, so hat diesmal die Not eine Tugend geboren. Denn die Beziehungen des Judentums zu seiner Umwelt in ihren positiven, besonders aber in ihren negativen Gestaltungen ließen sich nun einmal nicht mit bloßen Zitaten ans Licht stellen, wie der eigentliche Gehalt der Lehren selber; und so enthält dieser Band eine ganze Anzahl von Abhandlungen, die über den Nahmen bloßer Hinweise auf die beigebrachte Literatur hinausgehen. Eine Würdigung im einzelnen soll hier nicht gegeben werden, zumal der Schreiber dieser Zeilen zur Schar der Mitarbeiter gehört. Was wir gemeint und gewollt haben, sei durch die Mitteilung der Ueberschriften der vier Hauptabschnitte angedeutet: 1. Abwehr fremder Anschauungen, 2. Abweichungen der christlichen Religionen vom Judentum in den Grundgedanken, 3. Abweichungen der christlichen Religionen vom Judentum in den Erscheinungsformen, 4. Einfluß des Judentums aus die Weltkultur. Es erhellt, daß damit zwei verschiedene Gedankengruppen zur Darlegung gelangen: einmal reine Tatsachen, historische und aus der Gegebenheit des Judentums herauszusondernde, und zweitens, da sich's nun doch um einen vornehmlich religiös und ethisch zu bewertenden Komplex handelt, der Gegenstand dieses Werkes ist, Vergleiche mit analogen Erscheinungen der Umwelt, also vor allem mit dein Christentum, wobei ein apologetischer Unterton nicht immer unterdrückt wird, vielleicht auch nicht völlig unterdrückt werden kann. Immerhin glauben wir feststellen zu können — und das ist der Selbstzweck für die Anzeige dieses Buches in der „C.-V.-Zeitung" —, daß wir in der Handhabung dieses leidigen Geschäfts, der Apologetik nämlich, doch allmählich ein Stück vorwärtsgekommen sind. Darüber hier ein paar Worte. Die Wissenschaft vom Judentum war bei ihrer Entstehung vor hundert Jahren, wenn wir Männer wie Zunz und Franke hören, ganz wesentlich aus dein Motiv heraus geboren, den Juden, aber nicht minder der andersdenkenden, mißtrauischen und antijüdisch eingestellten Umwelt eine Vorstellung von den Schätzen des jüdischen Geistes, Mm sie unser Schrifttum birgt, zu geben. Diese Absicht ist wohl gelungen, wenn es auch lange, vielsack) bis in unsere Tage hinein gewährt hat, ehe die von Nichtjuden betriebene Wissenschaft, der die eigene rabbinisch-jüdische gelehrte Tradition seit der Frühzeit der Aufklärung abgefchnitten war, den Leistungen der Juden hinsichtlich der Erforschung ihrer geistigen Geschichte volle Aufmerksamkeit schenkte, womit keineswegs immer eine vorurteilsfreie Beurteilung verbunden ist. Ohne Schönfärberei darf man es aussprechen, daß wir heute auf gutem Wege zu vertrauensvoller Zusammenarbeit vorwärtsschreiteu. Und da der hermetische Abschluß Zwischen der rein theoretischen Forschung und dem Interesse der sogenannten Laien selbst in Deutschland mehr und mehr fällt, da längst nicht mehr die ausgezeichnetsten Gelehrten die Hinkehr anderer Leute aus ihre Sache wie das Eindringen eines Fremden ins Allerheiligste betrachten, sondern im Gegenteil jenem Streben entgegenkommen, so darf man mit Zuversicht hoffen, daß durch welche Kanäle immer, jüdische oder christliche, geläuterte Erkenntnisse von jüdischen Dingen, damit aber auch ernsthaftes Verständnis sich verbreiten. Diesem Ziel wird nur durch vorbehaltlose Wahrhaftigkeit und unbedingten Ernst in der Erfassung und Darstellung der eigenen Sache, und zwar der ganzen, gedient. Damit fällt jene Gesinnung der Apologetik aber weg, die namentlich populäre Behandlungen religiöser und jüdischer Gegenstände bei wahrheitsliebenden Menschen oft verdächtig gemacht und die ganze Apologetik mit einem widrigen Beigeschmack versehen hat. Soll dieses vermieden, soll sie vielmehr aus geradem Wege zur praktischen Wrrkung gebracht werden, so kann sie das nicht anders erreichen als durch eine ruhige Nebeneinanderstellung der eigenen Hauptlehren samt deren Ausstrahlungen und derjenigen der hier vor allem in Betracht kommenden christlichen Kirchen. Vergleichende Religionskunde auf der Basis innerer Einwurzelung in einem Glauben selber erscheint so als die allein mögliche, weil allein würdige Apologetik. Das Pathos der Gewißheit absoluten Wertes des Eigenbesitzes ist da nicht am-Platze. Den muß das religiöse Bekenntnis haben, das immer auch eine Apologie ist, aber eine vor sich selber, die keinen Außenstehenden etwas angeht. Die Zusammenziehung von in sich überaus gegliederten und heterogenen Gehalten zu einfachen Formeln wie Optimismus oder Pessimismus, Willensfreiheit oder Willensknechtschast, Diesseitigkeits- oder Jenseitigkeitsgesinnung und dergleichen, das Pochen auf ein Wesen, wobei übersehen wird, daß dieses sogenannte Wesen nur in einer Entfaltung von hundert Menschengeschlechtern aller Zonen und Rassen sich offenbart, ist ein ebenso bequemes wie ergebnisloses Geschäft. Man muß dem Gegner — oder sagen wir besser dem andern — jede günstige Möglichkeit seiner Entwicklung von Herzen gern zuerkennen, um mit seinem eigenen Besitz vor sich selber und vor der Wahrheit bestehen zu können. Wir leben nicht im Jahrhundert der Religionsdiskusfionen, wo man glauben mochte, die Wahrheit oder die Lüge durch Ermittlung unfehlbarer Osfenbarungsbeweise mit Händen zu greisen. Aber Gefühle find nur Beweise für Menschen, die diese Gefühle teilen und darum keine Veloeise brauchen; und gelviß hat gerade die Religionsgeschichte ein ehrliches Eindringen in ihre Allsbreitung am meisten durch Sentiments lind Ressentiments gehindert. Alle diese Klippen standen den Verfassern dieses Werkes wohl vor Augen. Wir glauben, daß sie sie im ganzen vermieden haben, besser vermieden als die meisten Vorgänger in dieser Art Arbeit. Wir glailben darum mit gutem Gewissen das Buch empfehlen zu dürfen als eine Leistllng, die in gemeinverständlicher Form, und doch wieder in die Quellen eindringend, Gebiete erschließt, die vielen jüdisch Interessierten bisher gar nicht oder doch nicht leicht zugänglich waren. Max Wiener.