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Central-Verein-Zeitung · 1929-12-06 · 49 (6.12.1929) · p. Seite 653

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
49 (6.12.1929)
Date
1929-12-06
Page
Seite 653 (sequence 9)
Language
German
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Die Ausgrabungen von Ur. Von Professor Dr. Carl Wafzinger (Tübingen)» Herrscher über Sumer und Akkad nannten sich die babylonischen Könige am Ende des dritten Jahrtausends, die unter ihrem Szepter das. ganze Zweistromland geeinigt hatten. Aus Inschriften und Bildwerken wissen wir, daß Sumer und Akkad nicht nur Namen zweier Länder sind von Süd- und Nordbabylonien, sondern daß. die Bewohner dieser Länder auch zwei verschiedenen Stämmen, Nichtsemiten und Semiten, angehören. Die Bedeutung der Bewohner des Südlandes, der Sumerer, ergab sich schon daraus, daß sie die Erfinder der Schrift gewesen sind, die erst von ihnen zu den Akkadiern gelangt ist. Ihre körperliche Erscheinung kannten wir durch Ausgrabungssunde früherer Zeit aus Südbabylonien, besonders aus Tello (Lagasch), und als man in Assur bei den deutschen Grabungen bis in die Schichten des beginnenden 3. und des 4. Jahrtausends gelangte, stellte sich heraus, daß Leute desselben Stammes damals den Tigris auswärts bis nach Assur gewohnt haben (Abb. 1) sStatuetten Taf. 13s. Ihre Herkunft, ob sie zur See kamen oder zu Lande aus dem östlichen Gebirge, ist ungewiß; ihre Sprache, die mit dem Türkischen entfernt verwandt ist, weist sie der indoeuropäischen Völkersamilie zu; neuere Funde im oberen Jndustal lassen nordindische Heimat als möglich annehmen. Schon unser bisheriges Wissen von ihnen wies darauf hin, daß die Akkadier des Nordens ihnen als dem schöpferisch begabteren Stamm viele kulturelle Fortschritte zu verdanken hatten. Wie aber ihre Kultur ursprünglich aussah, konnten nur Ausgrabungen in ihrem Stammland, in den alten Kulturzentren von Uruk, Eridu und vor allem des schon aus der Bibel bekannten Nr erschließen. Ten von der Deutschen Orientgesellschast 1912/13 begvnnneneu Ausgrabungen in Uruk hatte der Krieg leider ein Ziel gesetzt; erst im Winter 1928 konnten sie mit Unterstützung der deutschen Notgemeinschast wieder ausgenommen werden. Ihre Ergebnisse, so wichtig sie wissenschaftlich waren, kamen aber im wesentlichen der seleukidischen und parthischen Zeit zugute; ein Vordringen in die tieferen Schichten ist erst von einer künftigen Fortsetzung der Grabungen zu erwarten. Von beispiellosem Erfolg sind dagegen die Engländer bei der Erforschung der Ruinenstätte von Ur begleitet gewesen. Ihnen hat das Finderglück ungeahnt reiche Funde aus der Frühzeit der Sumerer beschert, die durch ihren materiellen und künstlerischen Wert sich auch dem Verständnis des Laien ohne weiteres erschließen. Schon während des Weltkrieges hatte das Britische Museum unter Leitung von Thompson 1918, dann von Hall 1919 an dem Platze Grabungen begonnen, wo schon 1854 der Engländer Taylor gearbeitet hatte, und die Untersuchung auch auf den benachbarten kleinen Hügel von el-Obed ausgedehnt. 1922 vereinigten sich das Britische Museum und das Museum der Universität Pennsylvania zur Fortsetzung der Grabungen in Ur und el-Obed, die seitdem Jahr für Jahr unter Leitung von Woolley durchgeführt wurden. In seinem neuen populären Buches gibt aber Woolley nicht so sehr eine Schilderung der Ergebnisse der englisch-amerikanischen Grabungen, als ein Gesamtbild der Geschichte und Kultur des Landes Sumer und seiner Bewohner, in dem die Aufschlüsse aus seinen Grabungen mit den Ergebnissen der bisherigen Forschung vereinigt sind. Es ist wichtig, dies hervorzuheben, weil bei dem Fehlen von Quellenangaben der Anschein erweckt werden könnte, als.wenn diese Darstellung nur auf den Ergebnissen der englischamerikanischen Grabungen sich aufbaue und manche hier neu vorgetragene Hypothese bereits Allgemeingut der Wissenschaft wäre. Woolley schildert zunächst die Uranfänge der Besiedlung des Südlandes, zum Teil auf Grund der Funde in einem von ihm bei el-Obed ausgegrabenen, vorsumerischen Dorf, dessen Bewohner in Schilfhütten hausten. Die hier gebrauchten bemalten Tongefätze, die mit den ältesten aus Susa nächstverwandt sind, pflegt man als Zeugen einer gemeinsamen primitiven Kultur anzusehen, an der die semitische Bevölkerung Nordsyriens ebenso Anteil hatte wie die Babyloniens und die vorelamitische von Susa. Woolley gibt dann eine Skizze, wie sich auf Grund der Bedingungen des Sumpslandes die weitere Entwicklung des Südens vollzogen haben könnte, und x) C. Leonard Woolley: „Vor 5000 Jahren. Die Ausgrabungen von Ur und die Geschichte der Sumerer." Franckh'sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart. Mit 17 Kunstdrucktafeln, zehn Textabbildungen und einem Geleitwort von Universitätsprofessor Eckhard Unger. Die deutsche Uebersetzung des Buches, die etwas schwerflüssig und stellenweise inkorrekt ist, entbehrte offenbar der Durchsicht durch einen Fachmann, sonst wären wohl solche Mißverständnisse, wie die Erklärung des berühmten Wortes des Horaz: (Gxaecia) capta ferurn victorem cepit 6. 55, nicht möglich. schließt mit der aus den babylonischen Quellen rekonstruierten Herrscherliste, die für die Zeit vor und unmittelbar nach der „Sintflut" schon wegen der ungeheuren Zahlen natürlich als Legende, nicht' als Geschichte aufzufassen ist. Aus gesichertem, historischem Boden stehen wir erst am Ende des 3. Jahrtausends, doch lassen sich für die Dynastien bis herauf in das Ende des 4. Jahrtausends noch Annäherungswerte aus der lleberlieferung gewinnen. In der Erschließung dieser Frühzeit des endenden 4. Jahrtausends, der Epoche der ersten Dynastie von Ur, aus den Keilschrifttafeln und den Funden aus den Königsgräbern liegt die entscheidende Bedeutnng der englischen Entdeckungen. Die Architektur der Königsgrüber, die inmitten bescheidener Bürgergräber liegen, verwendet bereits das Tonnengewölbe und den echten Bogen aus Ziegeln, der sonst nur in der Frühzeit Aegyptens bekannt ist. Den Fürsten hat auch ein Teil ihres Hofstaates in das Jenseits folgen müssen: In dem schrägen Gang, der zum Eingang des Grabes des Mesch-kalam-dug hinabführt, liegen die getöteten Leibwächter des Königs, im Grabe die Wagen mit den Maultieren und Lenkern und die Frauen des Harems, im Grabe der Königin Schub-ad die Hofdamen und der Hofsänger mit einer kostbaren Harfe, Zeugen einer grausamen altsumerischen Sitte, die dem Fürsten seine ganze Habe ins Grab Nachfolgen läßt, von der uns bisher aus Babylonien keine Spur bekannt war. Die Beigaben sind Meisterwerke des sumerischen Kunstgewerbes, besonders der Goldschiniedekunst, wie der goldene Helm des Meschkalam-dug (Abb. 2) sTaf. 5], dessen getriebene Verzierung die Haarsrisur des Trägers wiedergibt und der ganz dem Helm des Eannadu auf der berühmten Geierstele in Paris gleicht. Die goldenen Gefäße (Abb. 3) sTaf. 8] haben Formen und Verzierungen, die niemand schon in dieser Frühzeit erwartet hätte, denen auch aus der gleichzeitigen Frühzeit Aegyptens nichts an die Seite zu stellen ist. Das verwendete Material läßt aus einen entwickelten Handelsverkehr mit weit entfernten Ländern schließen. Ein Austausch von Kulturgut mit den Bewohnern Aegyptens in der vordynastischen Zeit hat zweifellos stattgesunden, wobei die Sumerer trotz der inneren Unabhängigkeit beider Kulturen doch als die kulturell höher stehenden und aus manchen Gebieten als die Gebenden erscheinen. Ungewöhnlich reich erwies sich auch die Ausstattung der Tempel. Vor der Hauptsront des Tempels von el-Odeck, dessen Erbauung Woolley einem der ersten Könige der ersten Dynastie zuschreibt, lagen Löwenköpfe, stehende und ruhende Rinder aus getriebenem Kupfer, ein fast zwei Meter langes Kupferrelief, das einen gepardköpfigen Adler darstellt, der zwei Hirsche am Geweih in den Fängen hält, Intarsia friese aus Schiefer mit eingelegten Figuren aus Muscheln und buntem Kalkstein, hölzerne Rundpfosten mit Einlagen in Perlmutter und anderem Material, offenbar alles Teile vom Schmuck des Portals und seiner Umgebung. Die Wiederherstellungsskizze freilich in Tafel 6 ist äußerst anfechtbar und widerspricht mit der vow freistehenden Säulen getragenen Vorhalle des Tempels aller historischen Wahrscheinlichkeit. In" den lebendigen Friesen mit ihren Kuhherden, Melkern und butternden Leuten offenbart sich, daß wir uns in einem Agrarlande befinden, dessen Blüte auf seiner Viehwirtschaft beruht. Aus diese erste Blütezeit ist eine jahrhundertelange Epoche innerer Kämpfe zwischen den sumerischen Städten und mit den Nachbarstaaten der Akkadier gefolgt, aus denen bald diese, bald jene Dynastie als Abb. 2. Der goldene Helm des Mesch - J?alam -dug. Das auffallendste Beispiel sumerischer Goldschmiedekunst aus der Zeit Jet* Ersten Dynastie von Ur. MG Abi. 1. \ Statuette einer sumerischen Herrscherin aus dem Beginn des 3. Jahrtausends V. Chr.

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