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Central-Verein-Zeitung · 1929-12-06 · 49 (6.12.1929) · p. Seite 652

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
49 (6.12.1929)
Date
1929-12-06
Page
Seite 652 (sequence 8)
Language
German
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Sammelt jüdische Kunst! Ein wegweisender Vortrag Dr. Max Osborns. Am Donnerstag, den 28. November, fand in einer stark besuchten Versammlung im Kaiserhof, Berlin, die Gründung des Jüdischen Museums-Vereins, Berlin, statt. Professor Max Liebermann wurde zum Ehrenvorsitzenden des Vereins ernannt; zum Vorsitzenden wurde Generalkonsul Eugen Landau, zum Schriftführer Dr. Karl Schwarz, zum Schatzmeister Eugen Caspar i und zu Beisitzern Adolf Donath, Dr. Max O s b o r n, Dr. Sandler, Georg T i e tz und Arnold Zweig gewählt. Bei der Gründungsversammlung hielt derKustos derKunstkammer der Berliner Jüdischen Gemeinde, Dr. Karl Schwarz, einen Lichtbildervortrag über die schon bestehende Berliner Sammlung jüdischer Altertümer und Kunstgegenstände, und Dr. Max O s b o r n legte in einem einleitenden Vortrage Sinn, Ziel und Umfang eines Jüdischen Museums dar. Diesem Vorträge Dr. Max Osborns entnehmen wir mit seiner Erlaubnis folgende Auszüge: Es ist noch nicht lange her, daß man daran ging, dem außerordentlichen Reichtum an Kunstwerken mannigfachster Art, die das Leben der Juden hervorgebracht hat, die sich an den Stätten der gemeinsamen Religionsübung der Gemeinden wie in den Familien durch die Jahrhunderte erhalten haben, überhaupt einige Aufmerksamkeit zuzuwenden. Den Männern, die sich mit der Geschichte der Juden beschäftigten, bot sich in den verworrenen und tragischen Schicksalen, die sich dem Blick öffneten, in seiner religiösen Großtat, in dem damit zusammenhängenden Schatz der alten Sitten, Gebräuche und Ueberlieserungen ein so weites Forschungsseld, daß sie nur langsam auch zur wissenschaftlichen Betrachtung d e r Dinge und Gegenstände vorrückten, die für die formende Phantasietätigkeit, für die Gestaltungs- und Schmucksreude der Juden Zeugnis ablegen. Erst die Belebung des allgemeinen europäischen Interesses für die Erzeugnisse des Kunsthandwerks, die in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einsetzte, lenkte den Blick auch aus dies interessante Sonderkapitel in der Weltgeschichte der angewandten Künste, der kultischen und Gebrauchsgeräte. Berlin hatte das Glück, daß der 1907 verstorbene Dresdener Sammler Albert Wolfs der Berliner Gemeinde seine Schätze vermachte, die hier ausgestellt wurden und, der Oberleitung, des hochverdienten Bibliothekars der Gemeinde, Herrn Dr. Stern, unterstellt, seit einigen Jahren durch die Bestallung von Herrn Dr. Karl Schwarz als Kustos einer museumsmäßigen, wissenschastlich-kunsthistorischen Betreuung zugesührt, im Obergeschoß des Hauses Oranienburger Straße 29 nun auch öffentlich zugänglich sind (dies seit 1917). Aber, Hand aufs Herz — wer kennt sie? . . . Wenn wir Sie nun heute gebeten haben, uns diese Nachmittagsstunde zu schenken, so gilt es vor allem, den Ausbau und die sachgemäße Pflege dieser Sammlung zu unterstützen. Der Schritt, den wir damit unternommen haben, ist ja nicht ungewöhnlich. Längst mußten sich fast alle großen deutschen Museen einen Freundeskreis schassen, der es ihnen ermöglichen sollte, sich freier zu regen, als ihre etatmäßigen Mittel es sonst gestatteten . . . Tenn der Kreis, den eine Sammlung jüdischer Kunstdenkmäler, die einmal zu den Würden eines Museums ausstreben will, umfassen sollte und muß, ist riesengroß. Es gilt, den vorhandenen, bereits sehr wertvollen, doch noch lückenhaften Bestand an kunstreichen Kultgegenständen für die Synagoge wie für das Haus zu erweitern. Man braucht nur an die Fülle der Einzelgegenstände zu denken, die mit religiöser Hingabe und Inbrunst als meisterliche Kunstwerke gebildet wurden, um zu erkennen, was alles Beachtung fordert — an die kleinen silbernen Thoraschreine, die Thoramüntelchen, die Thora-- wimpel, an die meist aus Lilber oder Gold hergestellten Aufsätze an den Spitzen der Ltäbe der Thorarolle, die sogenannten Nimonim, und die Kronen, die um sie gestülpt wurden, an die verzierten silbernen Schilder, „Taß" genannt, die der Thora umgehüngt werden, an die deutenden Stäbe für den Vorleser, die meist in der Form einer Hand münden, und die, als „Jad" bezeichnet, in allen Materialien, in allen Jahrhunderten liebevoll gearbeitet wurden, in Holz, in Horn, in Silber, in Gold, Korallen, Gestein und mit Edelsteinen besetzt, an die Vorhänge, geschnitzten Stühle, Tafeln, Lesepulte, Lchofarverzierungen, Waschkannen und Waschbecken und gestickten Decken, dann bei den Gegenständen fürs Haus an die Lampen und Leuchter, die Schälchen, Gewänder, Messer, Eheringe und Gürtel, an die Sederschüsseln und Tischdecken für das Sedersest, an die Psombüchschen und Amulette — die Reihe zieht sich unendlich weit. Es gilt dann durch Abbildungen ein Archiv für die Erkenntnis der Shnagogenbauten und Shnagogenmalereien zu schassen. Es gilt, die wunderbaren Proben hebräischer Schristkunst nicht 311 vergessen, die Miniaturen der Haggaden und Megillen, einen Ueberblick zu schaffen über hebräischen Buchdruck und Buchschmuck. Das führt ins Bibliothekarische hinüber, wie auch die Grenzen zum Archivistischen verschwimmen. Unmöglich, in diesen kurzen Vorbemerkungen eine umfassende Vorstellung von den Abteilungen und Unterabteilungen zu geben, die dereinst einmal ein großes jüdisches Museum, das sich diesen Namen zu Recht beilegen darf, enthalten müßte. Dann wird man zur Graphik übergehen, in der die jüdischen Künstler den Uebergang zur freien Kunst fanden — bezeichnend genug: weil die Abstraktion des Schwarzweiß-Ausdrucks, wie die Verwandtschaft der Graphik mit Schrift und Buch den Juden nahelag. Es liegen bedeutende Bestände in wohlbehüteten Mappen vor, die ihres organischen Wachstums harren. Die Berliner Sammlung besitzt ferner den Anfang einer Galerie von Bildnissen bedeutender deutscher Juden und sogar den vielversprechenden Beginn einer Ueberstcht über das Schassen moderner jüdischer Künstler. ... Nur dann, wenn von so großen Gesichtspunkten zielbewußt, systematisch und gründlich gesammelt wird, kann sich mit der Zeit ein Unterbau zur Lösung der noch durchaus ungeklärten Frage über den Anteil der Juden an der bildenden Kunst gewinnen lassen. Die Probleme, die hier aufragen, sind überaus reich und fesselnd. Man wird den Spezialbegrisf jüdischer Kunst in der Diaspora gewiß nicht überspannen. Das Zusammenleben mit den Völkern hat jüdisches Kunstwesen stets und überall nachhaltig befruchtet, in Rußland so gut wie in Deutschland, in Italien wie in Spanien. Das ergibt ein äußerst versponnenes, oft schwer zu durchdringendes Hin und Her. Diese jüdischen Kunstdenkmäler sind zum großen Teil im eigentlichen Sinne „jüdische" lediglich durch ihre Bestimmung und die Befolgung der Vorschrift nach dem strengen Ritus, — sind aber in der Formgebung und im künstlerischen Ausdruck abhängig von nichtjüdischen Vorbildern. Das geschulte Auge wird bei zahllosen Einzelstücken von charakteristischen Merkmalen sogleich das Land und die Zeit ihrer Entstehung ablesen können. Es ist übrigens ja nicht vieles für jüdische Zwecke von nichtjüdischen Künstlern gefertigt worden. Aber ganz so einfach ist die Sache nun doch wieder nicht. Bestimmte, überall wiederkehrende Motive stammen offensichtlich aus uralter Ueberlieferung. Es stehey vor uns Leitmotive der kunsthandwerklichen Gestaltung und Formgebung, die aus einem Schatz von spezifisch jüdischen Vorstellungen hervorgegangen sein müssen, wie die dekorativen Typen der Säulen, der Kronen, der Löwen. Von den Tempeln des einstigen jüdischen Staates aus gingen diese Symbole der Kraft, der Hoheit, der Milde, des Lebens, in die Gestaltung der Bundesladenschreine und von hier wieder, in zahllosen Abwandlungen und Veränderungen, in die Ausschmückung aller möglichen Gegenstände über. Andere Fragen tauchen aus. Jahrhunderte hindurch dursten in manchen Gegenden Europas die Juden nur zwei Arten von Berufen ausüben: sie konnten Kausleute oder Goldschmiede werden. Ohne weiteres dürfen wir daraus schließen, daß das Goldschnnedehandwerk bei ihnen auf eine lange Vergangenheit zurückblickte. Dadurch aber wieder erscheint es naheliegend, daß sie hier jüdische Traditionen fortpflanzten-, die nun vielleicht in der Diaspora die Goldschmiede europäischer Länder beeinflußten. Was aber ist an den Arbeiten, die diese jüdischen Metallkünstler schufen, mitgebracht, und was von außen angenommen? Hat hier wieder eine der Beeinflussungen abendländischer Kunst von Osten, von Kleinasien her stattgesunden? Durch die ersehnte und willkommene Einfügung der Juden in den Kulturkreis der Länder, in denen sie leben und als deren Bürger sie sich fühlen, sind seit der Emanzipation nur Mischungen von äußerster Komplikation entstanden. Wer will heute schon die Frage ohne weiteres beantworten, wie sich das aus dem Blute erwachsene' jüdische Daseinselement bei Meistern wie Max Liebermann, Josef Israels, Camille Pissarro in den machtvollen Anteil einordnet, den der Geist der deutschen, der holländischen, der französischen Kunst, der Geist der modernen europäischen Kunstanschauung am Schaffen dieser Männer hat? Erst wenn die noch nicht geleisteten umfassenden Vorarbeiten zur Stelle sind, die nur methodischer Sammeleifer herbeischasfen kann, wird es möglich sein, in die Rätsel dieser Fragen zu leuchten, deren Ergründung für die Erkenntnis jüdischen Wesens wie für die des künstlerischen Schassensprozesses von unermeßlicher Bedeutung sein kann. Dabei ist noch gar nicht von der ausklärenden Arbeit gesprochen, die eine würdige Pflege jüdischen Kunstsleihes mit sich bringen kann. Ein jüdisches Museum wird seiner Natur nach auch, zum Teil wenigstens, ein kulturhistorisches, nicht nur ein künstlerisches Institut darstellen. Es kann ihm, ohne daß es sich ausdrücklich darum bemüht, durch seine reine Existenz als bedeutsamer Nebenberuf auch eine Rolle im lächelnden Nathan-Geiste Zufallen. Berlin als deutsche Hauptstadt muß als der gegebene Mittelpunkt für die Bemühungen angesehen werden. Ansätze genug sind seit Jahren vorhanden ... Ter Berliner Jüdische Museums-Verein, den wir nun heute begründet haben, wird versuchen müssen, alle diese Bestrebungen zu konzentrieren. Eine gesunde Basis ist vorhanden — nun heißt es darauf fortzubauen.

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