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Central-Verein-Zeitung · 1929-12-06 · 49 (6.12.1929) · p. Seite 651

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
49 (6.12.1929)
Date
1929-12-06
Page
Seite 651 (sequence 7)
Language
German
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651 Neue Mendelssohn-Literatur KngeZeigL von Dr. Hugo Lachmanski. Ter 200. Geburtstag Moses Mendelssohns bot willkommene Gelegenheit, die menschlich reinen und geistig veredelten Züge einer der markantesten Gestalten aus jener bedeutsamen Kulturepoche, die als die Aufklärung bezeichnet wird, unserer Generation neu zu enthüllen. Das äußere Bild, von dem bekehrungseifrigen Physiognomiker Lavater einst schwärmerisch gepriesen, wurde uns, neben vielen anderen Religionen, durch die beiden würdevollen Mendelssohn- Ausstellungen in Dessau und Berlin in den mannigfachsten Schattierungen wieder in Erinnerung gebracht, und sein geistiges Gesamtwerk, im einzelnen gewiß vom Staub der Jahrhunderte bedeckt, aber staunenswert noch heute in seinem intellektuellen und persönlichsittlichen Gehalt, begann sich in der auf 16 Bände berechneten Jubiläumsausgabe der „Gesammelten Schriften" zu erneuern, von der bisher der 1. und 16. Band („Schriften zur Philosophie und Aesthetik", Teil I, und der „Hebräische Briefwechsel") erschienen sind. Eine umfassende Würdigung Mendelssohns, die unter Benutzung des neu erschlossenen Quellenmaterials gleichzeitig weite kulturgeschichtliche Hintergründe aufzudecken hatte, ist uns allerdings auch das Jubiläumsjahr schuldig geblieben: noch innner fehlt, zumal Keyserlings für seine Zeit gewiß brauchbares Werk längst veraltet ist, die große Mendelssohn-Biographie, die schon Erich Schmidt vermißt hat, als er die Anmerkungen zu seinem „Lessing" niederschrieb. Statt dessen liegt eine Reihe von Einzelschristen vor, die sich entweder, in ihrer einfachen und unbeschwerte!: biographischen Darstellung, an den „Gemeinsinn" wenden, oder die in die Probleme der Mendelssohnfchen Ideenwelt einführen sowie dem starken Ethos seiner Persönlichkeit und ihrer Rückwirkung auf das Allgemeinbewußtsein nachzuspüren bemüht sind. Zur ersten Kategorie gehört das liebenswürdige Büchlein von Jakob Seifensieder „Moses Mendelssohn. Das Märchen seines Lebens" (Berlin, Philo-Berlag), von dem in diesen Blättern bereits die Rede war: eine gut intentionierte, volkstümliche, für weitere Kreise bestimmte Schilderung von Mendelssohns Leben und Wirken, die es, ihrer Anlage und Tendenz gemäß, denn auch vermeidet, sich mit dem geistigen Universalismus Mendelssohns irgendwie auseinanderzusetzen. Auch dem bereits in zweiter Auflage erschienenen „Moses Mendelssohn. Ein Lebensbild für die israelitische Jugend" von I. Herzberg (Leipzig. Verlag W. Kaufmann) liegen keinerlei höhere Absichten zugrunde: wie schon der Untertitel erkennen läßt, will es lediglich pädagogischen Interessen dienen, und diesen Zweck erfüllt es, indem es um die Jdealgestalt Mendelssohns einen lieblichen Kranz von Episoden windet, ohne deshalb an biographischer Zuverlässigkeit einzubüßen. Aus der zweiten Gruppe der Jubiläumsschriften ist vor allem der von der LneMoMckm lluckalea herausgegebene Gedenkband „Moses Mendelssohn. Zur 200jährigen Wiederkehr seines Geburtstages" (Verlag Lambert Schneider, Berlin) zu nennen, eine auf eindringliche Forschungsergebnisse gestützte Sammlung einzelner Aufsätze, die von einer hohen geistigen Warte aus das Lebenswerk Mendelssohns betrachten. Gerecht abwägend, Lehre und Leben in eins verflechtend, die Fülle des ausgebreiteten Stoffes auch sprachlich meisternd, behandelt Bruno Strauß in knapper und klarer Formulierung das Thema „Mendelssohn und seine Zeit": so entsteht ein getreues Spiegelbild der aus Tiefen zu Höhen emporsteigenden, in sich gesammelten Persönlichkeit Mendelssohns und seiner Umwelt, die alle in dieser einmaligen Erscheinung schlummernden Kräfte zur Entwicklung trieb, um sie dann, wie aus einem rücklaufenden Strom, wieder in sich aufzunehmen. Der Philosophie Mendelssohns widmet ein so berufener Forscher wie Ernst Cnssirer eine fesselnde, aufschlußreiche Studie, die Mendelssohn feine geschichtliche Stellung innerhalb der philosophischen Gesamtdisziplin zumeist, in besonderem Maße seine Verdienste um den Ausbau der Aesthtetik als Wissenschaft hervorhebt und in ihm den Bahnbrecher für den Geist der Aufklärung erblickt. Einen weiteren Beitrag zu dieser Sammlung steuert Simon Bermfeld mit einer gelehrten Abhandlung „Mendelssohns Wirken im Judentum" bei: eine inhaltlich bedeutsame Ueberschau über Mendelssohns jüdisches Werk, in dem auch die hebräischen Schriften gebührend gewertet werden, und als dessen Höhepunkt die epochemachende Pentateuch-Uebersetzung bezeichnet wird. Im übrigen tritt Bernfeld, nicht mit Unrecht, der herkömmlichen Auffassung entgegen, als habe Mendelssohn sich erst in späteren Lebensjahren — also nach Ausbruch des Lavater-Streites — mit jüdischen Dingen beschäftigt; er erbringt vielmehr den Nachweis, daß schon seine frühen literarischen Arbeiter: den: jüdischen, speziell dem hebräischen Schrifttum gegolten haben. Aus der jüdischen Isolierung löst Rabbiner Dr. Max Frerrdenthal die Gestalt Mendelssohns, indem er sie in die Dreiheit Jude, Deutscher und Mensch Zusammenfaßt. („Zum zweihundertsten Geburtstag Moses Mendelssohns." Bier Abhandlungen. Philo-Berlag, Berlin.) Ihm ist der Jude Mendelssohn der Förderer deutscher Kultur, die ihm vor allem in seinem Umgang mit Lessing erschlossen worden sei; und er ist ihn: ferner der tapfere Pionier für die bürgerliche Freiheit der Gesamtjudenheit, der er den Weg zur Gleichberechtigung gewiesen habe, ohne ihrer religiösen Ueberzeugung irgendwelche Opfer auszuerlegen. Neben diesen allgemeineren Betrachtungen, die Mendelssohns fortwirkende. Kulturmission festhalten, bringt der Verfasser dieser kleinen Schrift zwei ausgezeichnete Spezialuntersuchungen: eine Chronik der Juden von Dessau, die seit den Tagen ihrer dauernden Niederlassung im Jahre 1673 unter der Herrschaft der aufgeklärten anhaltischen Fürsten im Ablauf der Zeiten einen ungeahnten sozialen, wirtschaftlichen und geistigen Aufstieg vollziehen durften, sowie eine kleine genealogische Studie, die neue und interessante Aufschlüsse gibt über die uns sonst völlig unbekannte Mutter Moses Mendelssohns. In einer gedrungenen, scharfsinnigen Analyse, die er allzu bescheiden nur als „Andeutungen" gelten lassen will, erörtert Fritz Bamberger (von dem auch die klar disponierende, den Stoff souverän beherrschende Einleitung zum ersten Bande der Jubiläumsgabe herrührt) das Problem „Die geistige Gestalt Moses Mendelssohns" („Schriften der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" Nr. 36. Verlag I. Kauffman, Frankfurt a. Ara in). Von der Beobachtung ausgehend, daß die meisten seiner Zeitgenossen in Mendelssohn nur eine Kuriosität gesehen haben, den „Juif ä Berlin“, der als Stockjude Weltweisheit lehrte, sucht Bamberger den inneren Ausgleich für diesen offen zutage liegenden, von der Mendelssohn- Forschung häufig berührten Zwiespalt gu finden, indem er, durch das Medium eines der stärksten geistigen Antipoden Mendelssohns, des dunklen und fanatischen Gefühlsmonisten Johann Georg Hamann, an IIII!k!III!II!!>!I!!!IIII!I!Ii!II!IkIII!!>I!I!!III!i!!II!II!I!II!!lI!!!!!!!i!Il?lIl!!IIII!!>I!!!II>!!!I!'!IIII!!!!I!I!!II!II!!l!lI!IIl!lIll!l!II?II!I!Il!lII!H!IIII Sonett auf Dorothea Mendelssohn, das Urbild der Lucinde. Von Friedrich Schlegel, ihrem Marin. Wie rühm1 ich dich, die du dich mir gegeben 'Als Liebste, Hausfrau und ah Dichterin, *Als meines Daseins köstlichsten Gewinn, Um den die Engel des Behagens schweben. Ich wusste nicht den Druck der Welt zu heben, Da tratst du, mich befreiend, vor mich hin. Dir dank w/r, dass ich liebe, dass ich bin, Dir dank ich, was die Künste aus mir Webern Du sorgst für meinen Tisch und meinen Wein, Du ordnest mir die Kleider und Gedanken, Mischst deinen Rat in meine Schrift hinein. Und noch um eins lass9 dir besonders danken, Das wird mich bis zum Ende glücklich machen: So tief und toll wie du Hann niemand lachen! Milgeteilt von Herbert Eulenberg. IlifllliiililliJISilllifllllillllllliilP die Gegensätzlichkeit der beiden disparaten Begriffe strenggläubiges Judentum und Aufklärung, Gesetzesreligion und Vernunftphilosophie herantritt und ihre harmonische Bindung letztens nur aus der geschlossenen Individualität Mendelssohns, insbesondere dem „Urgrund der Gesinnung" herleitet. Einen bevorzugten Platz unter der neuen Mendelssohn-Literatur verdient das von Bertha. Badt-Strautz int Welt-Verlag (Berlin) herausgegebene Buch „Moses Mendelssohn. Der Mensch und sein Werk" — nicht deshalb, weil es besondere geistige Perspektiven öffnet oder unbekanntes Material erschließt, sondern, weil es Mendelssohn und seine Zeitgenossen selbst zu Worte kommen läßt. In einer stattlichen Auswahl werden hier Briefe, Gespräche und sonstige Mitteilungen dargeboten, die für die Erkenntnis des Menschen Mendelssohn und seiner geistigen Wesensart von Bedeutung sind: das Unmittelbare dieser autobiographisch-dokumentarischen Darstellung, gu der eine in großen Zügen verfaßte Einleitung den stimmenden Auftakt gibt, schafft eine Atmosphäre der Lebensnähe, bte sich dem Leser wie einem Vertrauten völlig zwanglos mitteilt. Alles in allem: das Mendelssohn-Jahr hat eine reiche literarische Ausbeute gebracht. Man darf hoffen, daß sie nicht fruchtlos bleiben und daß sich gerade in einer Zeit, die zu ganz anderen Sonnen aufblickt als zu dem Mendelssohnfchen Dreigestirn Vernunft, Aufklärung, Humanität, das Interesse dem seltenen Manne und allem, was an seinem Werk lebendig geblieben ist, erneut zuwenden wird.

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