Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1929-12-06 · 49 (6.12.1929) · p. Seite 650

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
49 (6.12.1929)
Date
1929-12-06
Page
Seite 650 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277833-2277882--05666-2286414
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

ö50 ^abb Wassermann. Cm Lebensbitvon Eiegmunö Sing. / fingezeigt von Jakob picarö sttöln). Gesellschaftslehre. Die volle Würdigung seiner Werke muß einer späteren Zeit überlassen bleiben. Zweifellos wird sie zu einer besonderen Anerkennung dieses wirklich schöpferischen Geistes führen. So viel auch von den Einzelheiten der Oppenheimerschen' Auffassung bestreitbar ist, so viel ini Laufe der Jahrzehnte noch geklart werdet: wird, die deutsche Wissenschaft wird stets mit Stolz auf die Weltbedeutung dieses Forschers Hinweisen können. Franz Oppenheimer, der Sohn eines Predigers der Jüdischen Resormgemeinde in Berlin, ist in dem besten" Idealismus ausgewachsen, den ein jüdisches Haus zu geben vermag, das seinen Kindern das stete Bestreben vermittelte, jede im Herzen schlummernde Begeisterung für die Wissenschaft zur Tat werden zu lassen. Unter außerordentlichen Schwierigkeiten und materieller Gefährdung hat er seine Praxis als Arzt ausgegeben, um sich bis zum ordentlichen Professor einer ihm ursprünglich fernstehenden Wissenschaft, nämlich der Gesellschaftslehre, dnrchzuarbeiten. Wenn er in echter wissenschaftlicher Inbrunst sagt, daß er in der Erkenntnis von dem Wert der Soziologie eine Wahrheit gesunden hat, „die dem Atem zu rauben imstande war, weil zum erstenmal in aller Geistesgeschichte es gelungen gewesen ist, das vollkommen typische und regelmäßige Verhalten ganzer Menschengruppen aus ihrer Lagerung abzuleiten", so wird aus diesem Lebenslauf ersichtlich, Uüe ein Wahrheitssucher unbeirrt durch alle Judengcgnerschaft den Weg gegangen ist, den ihm sein Inneres vorgeschriebe:: hatte. Oppenheimer ist immer ein deutscher Patriot gewesen. Das tritt auch in seiner Lebensbeschreibung besonders stark hervor. Als Deutscher und als Weltbürger, getragen von Gefühlen des höchsten jüdischen Idealismus, hat er sich in dieser Schrift ein Denkmal gesetzt. Bekannt ist, daß Oppenheimer der Begründer einer theoretisch wertvollenund praktisch bereits verschiedentlich erprobten Siedlungspolitik ist. Sie ist zum Teil auch in Palästina durchgeführt worden. Gerade in heutiger Zeit werden die Bemerkungen, die in Oppenheimers Lebensbeschreibung über die in Palästina gemachten Versuche gegeben werden, für viele bedeutsam sein. * Ter neue Band des „Jüdischen Lexikons" bestätigt, was früher ausgesprochen werden konnte. Eine außerordentlich fleißige, bedeutsame und unterrichtende Gabe, die unseres herzlichsten Tankes sicher sein kann. Wenn es den Herausgebern gelingen würde, das Werk völlig zu objektivieren und von dem manchmal hervortretenden jüdisch-nationalen Standpunkt zu befreien, so würde das hervorragende Handbuchwerk sicherlich noch gewinnen. * Zum Schluß sei noch einer kleinen, aber außerordentlich bemerkenswerten Festschrift gedacht. Dr. Urias (Hamburg) hat eine statistische Abhandlung aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens des Vaterländischen Bundes Jüdischer Frontsoldaten über „Die Hamburger Juden im Kriege 1914—1918" verfaßt -und damit ein Thema behandelt, das in den bisher vorhandenen Veröffentlichungen niemals mit genügender Ausführlichkeit erörtert werden konnte, weil aus Gründen, die in der Studie dargelegt sind, die Hamburger jüdischen Kriegsteilnehmer noch nicht ersaßt werden konnten. Jetzt ist auch das gelungen, und zwar in wissenschaftlich durchaus einwandfreier Weise. Alls diesen für Hamburg gewonnenen Zahlen ergibt sich, daß die Hamburger Juden nicht nur in fast völlig gleicher Weise an dem Kriege teilgenommen haben, sondern darüber hinaus, daß ihr Anteil an den Blutopfern eher nicht unerheblich den Durchschnittssatz des für die Allgemeinheit festgestellten Anteils der Gefallenen an der Kriegsteilnehmerzahl übertrisft. Man wird au dieser Arbeit nicht vorübergehen dürfen, wenn man von Blutopfern der deutschen Judenheit im Weltkriege spricht. . Ein Leben, wie das Wassermanns, das durch seine schöpferische Leistung, an sich Bor-Bild geworden ist, einer ’ Leistung, die durch ihre Werke schon fast alles von den: geistigen Menschen gesagt hat, aus dem sie kam, bedarf im Grunde keiner Beschreibung mehr ihrer biographisch-anekdotischen Voraussetzungen; ja, gerade diesem Dichter würde vielleicht mehr Gerechtigkeit, wenn er nur, gleichsam ein Mythos, hinter seinem Werke verschwunden bliebe, so bedeutend ist sein menschliches und vor allen: künstlerisches Ausmaß. Und doch ist es gut, daß wir mm sein eigenes Leben, wie das seiner Gestalten, verfolgen können, weil uür daraus erkennen, welch ungeheure Gestaltungsenergie lästig war, um aus solchen bürgerlichen Anfängen dieses Werk zu schaffen, und weil wir ihn so noch höher werten müsse::. Wir haben nun — man darf es sagen — d i e Biographie des bis jetzt größten und verantlvorLuugsbewußteu jüdischen Gestalters deutscher Sprache, deutscher Menschen und Schicksale. Es ist d i e Biographie Wassermanns einmal darum, weil es bis heute einen Lebensabriß des Dichters noch nicht gab; vor allem aber, weil sie, an ihrem Stoffe gemessen, selbst so hoch steht, daß sie in absehbarer Zeit nicht zu übertreffen sein wird. Man wird sie nicht mehr übersehen dürfen; und mit den Lebensbeschreibungen anderer jüdischer Dichter vergliche::, mit denen Wassermann in einem Atem zu nennen verstecktet ist, etwa Heines, so gibt es kein Vergleichsobjekt. Mit Schaudern denkt man etwa gerade an die Heine-Biographien, die der kleinbürgerlichen Geistigkeit der Leser anspruchsloser Jahrzehnte mit selbstzufriedener Sentimentalität zu genügen suchten und genügten, so daß ste heute noch schädlich fortwirken. Diese hier genügt dem geistig anspruchsvollsten Leser unserer Tage und steht auf kritisch-psychologischen: Niveau, das modernste, literarische Anforderungen erfüllt. Mehr als ein günstiger Umstand gab dem Verfasser, dem nürnbergifchen Juden Siegmund Bing, die Legitimation sich gerade diesen Stofs zu wählen. Man könnte fast sagen, er sei ihm vorbestimmt gewesen: beide Menschen, fränkisch-bayerische Juden, ausgewachsen in denselben Jahrzehnten des saturierten Deutschland der Jahrhundertwende, genährt von allen guten Quellen jener Zeit. Eine glückliche Verbindung von heimatlich gleichgestimmter Geistigkeit und hoher, künstlerischer Einsicht eignet ihnen beiden. Ja, weder der Dichter wäre so möglich ohne seine starke, wurzelhafte Verbundenheit mit dem deutschen Boden und Geschehen, noch auch wäre Siegmund Bing imstande, diese Gestalt so zu umfassen und so einzusehen, ohne die gleiche Voraussetzung; aber beide auch nicht ohne diese spezifische, geistige Mitgift gerade des fränkischen Juden. So ist hier ein wirklich einheitliches, unzwiespültiges Werk entstanden, das nirgendwo tastet, sondern auf sicherem, bekannten: Boden hinschreitet zu dem Ziel, den Dichter klar zu zeigen. Es begnügt sich nicht damit, rein Biographisches zu erzählen; neben dem ist es literarphilosophisch aufschlußreich, sagt allgemein viel Wichtiges über den schöpferischen Vorgang. So sind zum Beispiel diese vierzig Seiten „Zum Werk" ein vollendeter Essay für sich, über das schöpferische Wesen an sich sowohl als auch über den Gestaltungsprozeß gerade des Dichters Wassermann. Wie klar erkennt ihn Bing, wenn er von dem Dualismus selbstherrlicher Vision und strengen: Handwerksdienst in den: Künstler spricht, und danachseststellt, daß kaum einer der vom Rufe Betroffenen den Jakobskampf um die Kunst härter genommen hat als er, den: letztes Formziel ethisches Gesetz bedeutet. Daß die biographischen Daten wichtige Aufschlüsse geben, ist selbstverständlich, da man bisher wenig davon wußte. Die Jugend- und Entwickln ugsj ah re werden klar. Dabei erführt man überraschende und erregende Einzelheiten. So ist es gerade für diese Blätter Pikant zu hören, daß Ernst v o n W o l z o g e n Wassermcmu in seinen Anfängen sowohl künstlerisch als auch wirtschaftlich gefördert hat. Dem Biographen hat der Dichter die Aufgabe erleichtert. Schon früh schrieb dieser, was man jetzt erfährt, eine Erzählung „Engelhart Ratgeber", die fast durchweg biographischen Charakters ist, doch nie veröffentlicht wurde. Siegmund Bing ist sie zugänglich gemacht worden, und er hat sie ausführlich und in fruchtbarer Weise genutzt. Man sieht, wie dieses Leben, aus kleinen: begonnen, aus der typischen jüd i s chen Klei n bü r ger welk Süddeu tsch l a n ds wächst durch schwere Jahre, immer das geheime Bewußtsein der Mission in sich, empor zum größten Gipfel der jüdischen Provenienz deutschen Sprachtuu:s und zur europäischen Erscheinung; als Markstein am Weg die Werke von Anfang an über die schönste und reinste Dichtung, die wenig bekannte „Donna Johanna von Kastilien" und „Kaspar Hauser", zu der außerordentlichen Leistung des „Fall Mauritius", und man erkennt deutlicher als je, wie dieser Dichter das Problem Deutscher und Jude zu lösen versucht und gelöst hat: durch sein beispielhaftes Werk. Bing hak es ernst mit seiner Aufgabe genommen, die er sich selbst so setzte: die Arbeit verfolge „die Absicht einer Annäherung des geistig gestimmten Publikums an das große Werk des Zeitgenossen, einer Annäherung, die nicht Familiarisierung bedeuten soll". Und damit ist das Wesen seines Buches am besten gekennzeichnet; er will nicht leicht zu zufriedenem Publikumsgeschmack dienen, nimmt vielmehr sein Gesetz aus sich selbst und seinen Stofs zu strengen Formulierungen. Dadurch erhält das Buch sein hohes Niveau. Um es zu lesen, muß man selbst bereitet sein. Dafür wird man es öfter zur Hand nehmen, wenn es einmal gelesen wurde, da es sich nicht erschöpft, sondern aus sich selbst immer erneuert. Denn es ist entstanden aus der tiefen Erfahrung der Künstler, der Wassermann Ausdruck gab: ,,Nicht im Wirklichen und Greifbaren spielt sich das entscheidende Leben der Menschen ab. Das Tiefste, woran der Sterbliche seine Seele bindet, ist Rauch, ist Traum. So werden Glück und Unglück zu bloßen Namen." Darum mußte dies mit wählerischer Verantwortung geschriebene Buch feXbft dem Kunstwerk nahekommen. Nicht vergessen darf werden, daß es mit guten und bedeutsam ausgewühletn Bildern und Faksimiles ausgestatket ist, die vieles sagen. Es wird von S. Fischer (Berlin) verlegt. Ludwig Meidner: Gang in die Stille. Mit sechs Zeichnungen. Cnphorion- Verlag, Berlin. Ludwig Meidner, einer der führenden Maler des Expressionismus, hatte schon früher einmal seine zweite starke Begabung — die schriftstellerische — in einem Buche: „Im Nacken das Sternenmeer" ausgesprochen. Das war ein Buch voll Vitalität und Leidenschaft, dem Irdischen verhaftet. Inzwischen ist seine Kunst ruhiger geworden, zarter und andächtiger, ganz der Natur angeschrniegt, und so zeigt auch dieses neue starke Buch den Hang zur Besinnlichkeit und stillen Einkehr. Im Vordergründe steht das Gotteserlebnis, das dem Künstler verlorengegangen war, und dessen Wiederfindung er mit seltener Eindringlichkeit beschreibt. Dieses Erlebnis gibt ihm eine wunschlose Geborgenheit, die von der Welt nicht mehr angefochten wird. Doch läßt sie ihn — darin zeigt sich sein Judentum — die Welt in einer besonderen Liebe erkennen als eine von Gott beseelte Schöpfung. Vor allem spricht dadurch die landschaftliche Natur in neuer Weise zu seinem Herzen und zu seinem Mälerauge. Seine Sprache ist voll und tönend, oft von biblischer Stärke. Dem Text sind sechs Lichtdrucke nach Zeichnungen beigegeben: Nachdenkliche, extatische, lehrende, tiefblickende, verzückte Bekenner- und Prophetengestalten. Mit sicherstem Können gezeichnet, reise Früchte jahrelanger Weise. Franz Landsberger (Breslau).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.