Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 49 (6.12.1929)
- Date
- 1929-12-06
- Page
- Seite 648 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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m schlechten Juden, an guten und schlechten Christen nachweist. Warum also der Lärm? Er ist mir nicht ganz unerklärlich. In meinem Roman spielt ein Schieberkonsortium, bestehend aus einem arischen, gesinnungsmäßig nicht weiter gekennzeichneten Herrn Abel, einem deutschvölkischen Herrn Birkmeier und einem Juden Samuel Klein eine Rolle. Zwei Christen — ein Jude. Aber während einem gewissen Leserinstinkte der Herr Abel ein Herr Abel und der Herr Birkmeier ein Herr Birkmeier bleibt, ist ihm der Samuel Klein ein Jude — will sagen: ein Jude ist Schieber, oder besser: alle Juden sind Schieber, oder am besten: alle Schieber sind Juden. Ein drolliges Spiel: an meinem gegen die Genese des Antisemitismus geschriebenen Buch erlebe ich die Genese des Antisemitismus. Ein Spiel. Nur — ich gedenke nicht mitzuspieten. Robert Neumann. Der Kritiker: Zum Rebbe von Sadagora! Ich werd' ihn suchen. Ich hal^ zu klären mit chm. Ich werd' ihn fragen nach dem Sinn, daß ein jüdischer Mann nicht darf groß sein, daß ein jüdischer Mann immer wieder muß klein werden. (Aus „Sintflut".) Das ist die Tragödie des Samuel Klein, des Juden, die Tragödie, um derentwillen man Robert Neumann der Judenfeindschast bezichtigt hat. Er hat sich in vorstehendem dagegen gewehrt, mit Recht, und er hat Sinn und Inhalt seiner „Sintflut" mit wenigen Worten Umrissen. Trotzdem muß noch einiges über die in dem Buch geschilderten jüdischen Schicksale gesagt werden. Gewiß, Abel, der „Arier", und Birkmeier, d^r Völkische, sind Schieber wie Samuel Klein, aber sie treten weniger in den Vordergrund des Geschehens, da ihre Geschichte uns menschlich weniger nahegeht als die Geschichte Kleins, der ein Objekt in der Hand des Schicksals ist. Sein Werden und Vergehen ist das Tragischere, das uns in den Bann schlägt und unser Mitleiden erregt. Abel und Birkmeier, das waren schon gefestigte Existenzen, ehe sie in den Taumel der Inflation gerissen wurden, und wenn sie der Geldgier, dem Erraffen erliegen, so ist der Grad ihrer Schuld am größten. Anders bei Klein. Ten wirst der Sturm aus unwirtlichem Lande an eine blühende Küste, wenn es auch nur Scheinblüten sind, die er erblickt. Vertrieben, verstoßen, entwurzelt, greift er zu, sängt er da an auszubauen, sich eine Existenz zu gründen, wo sich die erste Gelegenheit bietet. Auch bei ihm geht der Trieb nach Geld, aber mit diesem Geld soll ihm, soll der kranken Schwester, soll der zahllosen Familie geholfen werden. Es ist der Wille, herauszukommen aus dem Sumpf, und es ist am'Ende vielleicht auch das „Shhlockgefühl", einmal für erlittene Unbill Rache zu nehmen, das ihn wissend unwissend schuldig werden läßt. Er geht an seiner eigenen Uebersteigerung zugrunde. Er sinkt zurück in die Masse, aus der er emporgetaucht. Er kehrt heim, um zu „klären". Und eben, weil sein Handeln moralisch gerechtfertigt erscheint — die Moral ist trügerisch wie alles jener Zeit—, besteht er neben seinen arischen Genossen als tragische Figur. Der Vergleich mit Mehrings „Kaufmann von Berlin" liegt nahe. Hier der epische, dort der dramatische Versuch. Bei Mehring die Tendenz, scharf ausgemeißelt einige Typen, bei Neumann der Wille, objektiv zu sein, ein Gemälde, das jenes Inferno in Worten bannen will, ehe es ins Vergessen hinabsinkt. Das Neumannsche Buch wird, weil es nur als Ganzes erfaßt werden kann, im Bewußtsein des Lesers den gerechten Ausgleich zwischen Licht und Dunkel erwecken. Das Drama ist viel eher Mißdeutungen ausgesetzt, schon deswegen, weil die Mehrzahl derer, die es auf sich wirken lassen, nicht ihr eigenes Urteil, sondern das des Regisseurs oder des Schauspielers in sich aufnimmt. Es ist ein düsteres Buch, das uns keinen Augenblick aufatmen läßt. Eine Hölle ohne Gnade, eine endlos niedersausende Geißel, der Tod, der in seinem faltigen Gewand nur das schreckliche Ende, aber keine Erlösung trügt. Dies soll kein Vorwurf fein. Denn die Zeit war so! Es ist ein ungeheures Unterfangen, diesen Wirbel der Jahre um 1923 in den Rahmen eines Buches einzuspannen. Man kann nicht sagen, daß es restlos geglückt ist. Da ragen aus der Finsternis einzelne Felsblöcke hervor von unerhörter suggestiver Kraft und — man kann dies Wort hier ohne Bedenken schreiben — von grandioser Bildhaftigkeit. Die Börsenszene, in der der Kampf um die Abel-Aktien geschildert wird, dies Auf und Ab der Kurse, der Menschen, der Seelen, ist meisterlich. Oder jene große Lebensversicherungstransaktion des Abel, wie der aus dem Nichts ein Riesenvermögen greift, das ist atemberaubend, und bewundernswert ist die Klarheit, mit der diese vielfältige Transaktion zergliedert wird. Da ist die Szene im Leichenschauhaus in drückender Schwüle, in die sich der Geruch des Karbols und des verwesenden Leichnams mischt, die Ausdünstung der Menschen, ihre Neugier, ihre Angst, ihre Hingerissenheit. Und dann ist da der Schluß, der Brand jener Mietskaserne mit ihren Treppen und Stiegen, Böden und Kellern, Zimmern und Gelassen, der Mietskaserne, aus der sie alle ausziehen, ihr Glück zu machen, die Gutjahr und die Feuerbach, die Abel und die Birkmeier, die Juden und die Christen, die Reinen und die Unreinen, die Dirnen und die Zuhälter, die Heiligen und die Narren. Gestalten tauchen auf und vergehen, kommen wieder, Schemen, Gesichte, eine Fülle von Gesichten. Sie taumeln aus dem Haus, stürzen sich in die Flut, mästen sich, blähen sich auf, zerplatzen, zerrinnen, entgleiten ins Nichts, in die Schatten der Nacht. Alle kamen sie aus diesem einen Haus, alle kehren sie zu ihm zurück und die Feuergarbe schießt aus ihm empor und die apokalyptischen Reiter galoppieren über den zusammenstürzenden Dachfirst. Es wäre billig, Vergleiche zu ziehen. Man könnte Zola und Balzac, Wassermann und Franz Kafka nennen. Aber es muß auch eines zur Kritik gesagt werden. So klar bei genauem Durchdenken des Buches die Lebenskurven der Menschen, ihre Ueberschneidungen und Verschlingungen geführt sind, so schwer ist es, die Fäden durch die Jrrgänge und Krausheiten der Handlung zu verfolgen. Das Buch ist ungeheuer belastet mit Einzelheiten, mit Zustands- und Milieuschilderungen. Eine „Sintflut" von kleinsten Kleinigkeiten. Gewiß, sie machen uns jeden Stein und jeden Baum lebendig oder gespenstig. Aber darum geht es ja nicht. So genau wollen wir nicht hineinsteigen. Wir wollen das Ganze, das Große, das Unheimliche, das Verwirrende sehen und erleben. Trotz alledem, wir stehen voll Achtung vor diesem ersten Versuch, das Chaos der Inflation zu verarbeiten. Wir sehen voll Bewunderung, wie hier ein ringender Dichter an seiner Aufgabe gewachsen ist. Die Zeit des Kriegsromane wird sich bei unserem raschlebigen Dasein bald ihrem Ende zuneigen. Zehn Jahre nach dem Krieg war sie gekommen. Vielleicht wird ein Jahrzehnt nach der Inflation auch die Stunde für Neumanns Buch schlagen. Bis dahin steht es als Vorbote allein, steil aufragend und bitter grausam. Ihn einzuholen oder zu überholen, wird schwer, wenn nicht unmöglich sein. Hans Oppenheimer. Voykott und Aeberfälle dauern an. in Palästina Obwohl seit den blutigen Unruhen in Palästina schon drei Monate vorübergegangen sind, ist leider von wirklicher Ruhe im Lande immer noch nichts zu spüren. Seit dem Ende der offenen Kämpfe, Anfang September, haben sich, wie die „Neue Zürcher Zeitung" (Nr. 2311 vom 28. November 1929) meldet, nicht weniger als 5 6 Ueberfälle von Arabern auf Juden ereignet, darunter auch solche mit tödlichem Ausgange. Großes Aufsehen erregte in der jüngsten Zeit der Ueberfall auf den angesehenen jüdischen Augenarzt Dr. Tycho in Jerusalem, der durch einen Stich in den Rücken verwundet wurde, ohne daß es gelang, den Uebeltäter zu fassen. Auf den höchsten richterlichen Beamten des Landes, den Generalstaatsanwalt Norman B e n t w i ch, der den Zionisten nahesteht, wurde ein Revolverattentat ausgeführt, glücklicherweise ohne schlimmere Folgen. Der Täter konnte verhaftet werden. Da schon seit Wochen gegen Bentwich von gewisser arabischer Seite mit scharfen Worten vorgegangen wurde, nimmt es nicht wunder, daß ein Irregeleiteter vor einem Attentate nicht Zurückschreckte. Der Boykott jüdischer Geschäfte und Erzeugnisse dauert unvermindert an. Araber, die in jüdischen Geschäften zu kaufen wagen, haben, sobald dies bemerkt wird — und es herrscht scharfe Kontrolle — beträchtliche Unannehmlichkeiten von ihresgleichen zu gewärtigen. Der Wirtschaftsboykott hat sich auf Palästina keineswegs beschränkt, sondern hat auf verschiedene Länder des vorderen Orients übergegrifsen. Es ist bemerkenswert, daß er teilweise einen unterschiedslos judenfeindlichen Charakter angenommen hat, z. B. in der einflußreichen arabischen Presse Aegyptens. Dabei war Aegypten von einer antisemitischen Bewegung in den letzten Jahrzehnten völlig frei. Die UntersuchungskomMission der englischen Regierung hält seit Wochen Vernehmungen von Persönlichkeiten aus allen Lagern ab. Die höchsten Polizei- und Regierungsbeamten haben ihre Aussagen bereits gemacht. In letzter Zeit wurde ausführlich Dr. Wolfgana v. W e i s l, der Revisionist, vernommen, lieber alle Vernehmungen, deren Eindrücke und Ergebnisse zweckmäßigerweise vor Abschluß der Gesamtverhandlungen nicht festgestellt werden, wird später zu sprechen sein. Die Gerichte fällen täglich Urteile gegen Plünderer und Attentäter. Eine Reihe von Todesstrafen wurde gegen Araber verhängt; auch ein Jude ist zum Tode verurteilt worden. Diese Urteile wird das Gericht zweiter Instanz nachzuprüfen haben. Die verschiedenen p o l i t i s ch e n R i ch t u ngen innerhalb des Palästinischen Zionismus stehen sich schroff gegenüber. Bei der Rede des Kanzlers der hebräischen Universität, des amerikanischen Zionisten D r. Magnes, zur Eröffnung des Winterhalbjahres kam es zu stürmischen Unterbrechungen, als Magnes, der dem versöhnungsbereiten Kreise des Brith Schaiom nahesteht, erklärte, ein Palästinaaufbau, der über die Bajonette eines bestimmten Reiches führt, sei auf die Dauer ein Unding. Wann werden wir nicht mehr in der Tagespresse schlimme Nachrichten aus dem Heiligen Lande lesen? Möge dieser Termin, der die gleichmäßige, ruhige und friedliche Abwicklung des politischen und wirtschaftlichen Lebens bedeuten würde, recht bald kommen!