Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 49 (6.12.1929)
- Date
- 1929-12-06
- Page
- Seite 647 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Politischer Streit um """ Werte. Schon, Sugenbers, Goebbels. Wlttscher Kampf gegen einen MM. - Sank vom Sause Hitler. Im Gloria-Palast in Berlin (und in vielen Äfa-Kinos im Reich) läuft jetzt der Tonfilm „Der Jazzsänger" mit Al Jolson in der Haupt-, Titel- und Jazzrolle. Es ist der erste Tonfilm der Welt überhaupt, weit älter als der „Singing kool", und er rettete die amerikanische Frlmfirma Warner Brothers vor dem Zusammenbruch, indem er viele Dollarmillionen in ihre bedrohlich leeren Kassen führte. Der Film ist technisch ausgezeichnet: man staunt, daß eine neue Erfindung so fertig vor die Oeffentlichkeit treten konnte. In der Handlung packt der Film stärker als der spätere „Singing fool“ — Sonny boy — sein menschlicher Gehalt ist reicher, er ergreift, obschon er sehr nahe an das gelobte Land des Kitsches heranführt, durch Gefühls- und Stimmungsinhalte von größerer Allgemeingültigkeit: Familienleben, Tradition und Gegenwart, Sohnesliebe, der Zauber kindheitsgebundener Kult-Erinnerungen. Jolson verkörpert. hier einen amerikanischen Kantorssohn, der Stimme und Musikalität vom Vater geerbt und fortentwickelt hat. Aber er nimmt nicht dessen Posten ein, sondern geht zur Revuebühne, wird Jazzsänger, und Zwingt die Seelen durch den Glanz einer beseelten Stimme. Konflikt: am Versöhnungstage liegt der alte Kantor im Sterben; aus dem Tempel dringen Klänge zu ihm, im Geist sieht er den Sohn, den verstoßenen, nicht vergessenen, im Gewand des Vorsängers in der Synagoge. Vision wird Wirklichkeit. Der Sohn eilt von der Generalprobe nach Haus, die Premiere, die über fein Schicksal entscheiden soll, wird abgesagt, ein Sterbender hört verklärten Angesichts das Kol nidre aus dem Munde seines Sohnes — und am Mchsten Abend umrauscht Beifall den Tempelsänger bei seinem Debüt als Jazzsänger. Der Dichter selbst: Der Einladung der „C. V.-Zeitung", mich zu den in letzter Zeit aufgetauchten Meinungsverschiedenheiten über meinen Roman „Sintflut".zu äußern, komme ich um so lieber nach, als der Meinungsstreit über mein Buch die Grenzen ästhetischer Wertung längst überschritten hat und, lodend wie tadelnd, die Gesinnung von Werk und Autor in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken beflissen ist. Nicht also will ich hier Stellung nehmen zu dem ästhetischkritischen Widerstreit, nicht dazu, daß etwa das „Hamburger F r e m d e n b l a t t" mich liebenswürdigerweise nahe der Liste von Balzac und Zola stellt, indes die „Kölnische Volks- Z e i t u n g" mich als einen herzleeren Könner und Routinier entlarvt, nicht dazu, daß ein junger Mann in einem großen Frankfurter Blatte auf meine Kosten sich die kritischen Sporen verdient, indem er findet, daß ich nicht mehr und nicht weniger bin als ein schlichter Dilettant, indes Männer wie Stefan Zweig oder Fritz Engel oder L i s s a u e r meinem Roman glauben prophezeien zu können, daß er „währen wird als Urkunde und Abbild" — Das lebt von der Inbrunst einer bezwingenden Stimme, der Jolsons, aber es zeigt auch in der Gegenüberstellung von Tempel und Bühne, von Ueberlieferung und „Betrieb" behutsame, nirgends würdelose Gestaltungskraft — und erklärt den Weltersolg dieses Films. Herr Hugenberg, der Beherrscher der Ufa, darf sich seines Anteils an diesem Welterfolg keineswegs ungestört freuen. Seine Freunde von ganz rechts, die Hüter des Wotan-Grals, haben nämlich wachen Auges das Furchtbare einer Gefahr erkannt: der „Jazzsänger" sei ein — ,,a l l j ü d i s ch e r T e n d e n z f i l m". Der neuen Erfindung steht also eine ebenbürtige neue Entdeckung gegenüber. Herrn Goebbels' „Angriff", der die Mitwelt mit der sensationellen Tatsache bekanntmacht, ist aber entschlossen, dem Unheil entgegenzutreten. Er droht: „Gelingt es Herrn Hugenberg nicht, seine Geschästsjüden dazu zu zwingen, das deutsche Filmpublikum mit einer ekelhaften alljüdischen Propaganda zu verschonen, so wird man zur S e l b st h i l f e schreiten müssen." Und man erführt, wie diese Selbsthilfe aussehen wird: Goebbels wird, wenn der Film nicht „binnen drei Tagen" (die sind längst vorüber) vom Spielplan abgesetzt wurde, sämtlichen. Nationalsozialisten raten, die Ufa- Theater zu meiden. „Die Nationalsozialisten werden nicht davor zurückschrecken, einen politischen Karnpf gegen die Ufa zu führen." Armer Hugenberg! Die Nationalsozialisten schrecken ja auch nicht davor zurück, einen Politischen Kampf gegen ihn, ihren treuesten und wirksamsten Bundesgenossen selbst, zu führen — und siesiegenin diesem Kamps. Uli. nicht dazu also will ich Stellung nehmen, nicht zu diesem ästhetisch-kritischen Widerstreit, sondern zu dem, der mir, immer wieder auf Belege, Beweise, Zitate sich stützend, einmal diese und einmal die hundertprozentig entgegengesetzte Gesinnung lobend anmerkt oder tadelnd zum Vorwurf macht. Ein Berliner linksradikakes Blatt verdammt mich als Kommunistenfeind — ein Blakt des Herrn Hugenberg beklagt (in einer sonst bemerkenswert klugen und würdevollen Kritik), daß „in Politischer Hinsicht eine östlich bestimmte Einseitigkeit" sich offenbart. Einigen Trost bedeutet es da, daß andere Blätter der äußersten Linken mich gerade für die Arbeiterbibliotheken empfehlen, indes rechts doch wieder auch die Neueste-Nachrichten- und auch die Generalanzeiger-Presse die Sonne ihres Wohlwollens über meinem Haupte leuchten läßt. Aber auch darum geht es mir nicht, sondern es geht mir um die Tatsache, daß, indes jener Hugenberg-Nezensent die „östliche Einstellung" auch in ,völkischer Hinsicht" mir vorwirst und einige, darunter auch jüdische Stimmen, mein Buch als „geradezu borniert philosemitisch" bezeichnen — daß, sage ich, ein paar Beurteiler sich gefunden haben, die es zustande brachten, aus meinem Roman judenfeindliche Absichten herauszulesen. Was ist richtig? Wie ist der Sachverhalt? Vom Inhalt meines Buches, den ich in extenso hier nicht wiedergeben kann, will ich nur so viel sagen, daß, da die Sinslut des Nachkriegs, das apokalyptisch grelle Pandämonimn der Inflationszeit, dargestellt wird an Hand einer Vielzahl einander überschneidender und ineinander verwobener Schicksalslinien — Schicksale, die in ihrem jähen Aufstieg oder steilen Absturz, in ihrer rauschhaft überhitzten Besessenheit von Bösem und Gutem dringlicher und wahrhaftiger mir die Zeit tutb ihre Wirrnis zu spiegeln schienen, als das (nach dem Stande meiner Möglichkeiten zum mindesten) durch eine langatmige, philosophisch-ökonomisch-politische oder eine beflissen psychologische Betrachtung 31t erzielen gewesen wäre. Mir ging es also um kommentarlose Tatsachendarstellung, die sinnbildlich sein sollte in sich, die durch sich sprechen sollte, ohne anszusprechen. Und sollte die Universalität erreicht werden, die Breite des Weltbildes, ans die es mir ankam, so mußte ich gerade der Vielzahl und Gegensätzlichkeit dieser Schicksale, der Schiebenden lute der Geschobenen, der Sieger wie der Besiegten, der Guten wie der Bösen, mein Allgenmerk zuwenden. Unnötig zu sagen, daß unter all diesen dargestellten Menschen auch zahlreiche Juden sind — nicht nur, weil es schlechtweg unmöglich wäre, unter Weglassung des jüdischen Elementes einen Querschnitt dlirch die Struktur Deutschland—Oesterreichs und gar durch die soziale Struktur der Zeit nach dem Kriege Zu geben, sondern auch und vor allem, weil ich selbst Jude bin und mir das Problem des deutschen Judentums cutf den Nägeln brennt. Und unnötig zu sagen, daß ich aus den schon mitgeteilten Gründen auch unter den Juden meines Romans die Starken wie die Schwachen der Inflation, die Ausbeuter wie die Ausgebeuteten, darstellen mußte. Neben Edelstem findet sich also auch Verwerflichstes in all diesen Menschen, Zartheit neben Härte, höchster Idealismus neben krassester Raffgier. Und zwar in gleicher Weise bei Christ und Jude. Denn darauf kam es mir an: w a h r h a f t i g zu sein. Nicht nur aus einem inneren Drang nach Wahrhaftigkeit und nicht nur aus der Erkenntnis, daß gerade in Dingen der Kunst nur das Wahrhaftige dauert, nur das Wahrhaftige nicht schon drei Tage später vermodert ist — sondern auch, weil es mir wesentlich war, einmal abzuweichen von der Art, wie Gegenstände des Judentllms im allgemeinen erörtert werden. Es herrscht da eine Art Hysterie. In Abwehr des judenfeindlichen Grundsatzes ,,Alle Juden sind schlecht" verfallen die Verteidiger jüdischen Weserls allzu leicht in den Fehler, den Satz „Kein Jude ist schlecht" zu verfechten. Sie tun unrecht daran. Denn von den Angreifern, die zu VerallgemeinerungEn nur durch ihre geistige Minderbemitteltheit legitimiert sind, sollten sie, die Bemittelteren, die Abwehrer, vornehmlich sich unterscheiden durch die Differenziertheit der Entgegnung. Tie differenzierte Entgegnung lautet aber: „Es gibt schlechte und gute Juden, tu i e e s schlechte und gute Christen gibt — Jude und E h r i st sind (in Deutschland) weder ethisch noch ethisch geschieh e n," was der Grundsatz des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ist — und der Grundsatz, den mein Roman „Sintflut" an guten und Robert Neumanns „Sintflut". Kritik der Gesinnung - Gesinnung der Kritik.