Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 49 (6.12.1929)
- Date
- 1929-12-06
- Page
- Seite 646 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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646 nt n u n , der katholische Hermann S t e h r , der norddeutsche Freiherr Detlev v o n L i l i e n - eron, der märkische Försterssohn Richard T e h m e l, der Sohn einer rheinischen Winzerfamilie Stefan George, .die hanseatischen Patriziersöhne Heinrich und Thomas M a n n , und später ein so unjüdischer Typus wie der Schweizer Frank W e d e k i n d, das sind die wesentlichen, die dauernd wirksamen dichterischen Kräfte gewesen, die die literarische Vermittlung in Verlag, Kritik, Redekunst, Bühne um die Jahrhundertwende herum im deutschen Bewußtsein durchsetzte. Es ist kein I ud e d a r u n t e r. Und ebensowenig ist einer unter den ganz populären Autoren, die den Massenersolg für sich hatten, und deren künstlerische Skala von Clara V i e b i g , O m p t e d a , Walter v o u M o l o, über Ernst Zahn, B l o e m , B o n s e l s zu Rudolf Herzog, Stilgebauer, Hanns Heinz E w e r s und der Frau Courth s-M a h l e r abwärts führt. Die paar deutschen Schriftsteller jüdischer Herkunft, die mit Produktiven Werken dieser Epoche überhaupt genannt werden können (Jacob W a s s e r m an n , Georg H er m a n n , Arthur S ch n i tz l e r) kommen gegen den Massenessekt alt dieser ganz unjüdischen Autoren so gut wie gar nicht in Betracht. Eine vermittelnde Literatur also, die dichterischen Ausdrucksformen zum Siege verhilst, die von ganz unjüdischen, rein deutschen Menschen stammen, kann nicht gut als „verjudet" gelten. Denn mag ihrer Ausdrucks- und Arbeitsweise hie und dort der jüdische Ursprung anzusehen sein, sie ist offenbar beseelt und geleitet von einer vollkommenen Einfühlung in das „d e u t s ch e" Wesen, klebrigens ist es ja auch eine maßlose Uebcrtreibung, daß die geistigen Führer im Bereich literarischer Vermittlung, zeitkritischer Zeichendeutung, ästhetischer Theorienbildung, während der naturalistischen Epoche ausschließlich oder doch ganz überwiegend Inden gewesen seien. Die ersten Aufrührer im geistig schlafenden Deutschland waren im Norden die westfälischen Brüder Hart aus Münster, im Süden der Urbayer Michael Georg Conrad. Die im speziellen Sinne naturalistische Theorie und Praxis ist in Berlin von Arno Holz aus Ostpreußen und Johannes Schlaf aus dem Harz ausgearbeitet worden. Und in der Berliner Taaeskritik stand damals im .Kampf für Ibsen und Hauptmann mindestens gleichbedeutend neben dem jüdischen Otto B r a h m der wuchtig breite Ostpreuße Paul Schlenther. Die schlichten Tatsachen also beweisen das, was jede vernünftige Theorie voraussetzen müßte: daß einem großen Volk keine Literatur, kein Lebensgefühl, keine Weltanschauung von „fremdartigen" Agitatoren ausgeredet werden kann, daß sich in jeder Zeit, bei jedem Volk, in jeder Generation immer nur die Literatur durchsetzt, die den Bedürfnissen und den Stimmungen des Volkes in dieser Schicksalsstnnde wahrhaft entspricht. Daß die Juden sich häufig in den Dienst solcher Strömungen zu stellen vermögen, liegt wohl daran, daß sie für die wirklichen Bedürfnisse der Zeit hellhöriger sind als völkische Agitatoren. Dies Bild erfahrt natürlich auch in der jüngeren Epoche unserer Literatur keine wesentliche Veränderung. Nur ist zu verzeichnen, daß in jener Epoche, die man die „erpressionistische" nannte, und die sich jetzt schon uüeder zu der „neuen Sachlichkeit" wendet, der Anteil der Juden auch an der eigentlichen Produktion nicht so unbedeutend war, lvie im naturalistischen Zeitabschnitt. Das wird natürlich psychologische Gründe haben. Eine Literatur, die nicht mehr von der Versenkung in die Materie, von der fühlenden Nachbildung der sichtbaren Welt ausgeht, die vor allen Dingen Gesinnungsnusdruck, phantastisch freie Formel für ein inneres Gefühl von der Welt sein will, eine solche Kunst findet wahrscheinlich im jüdischen Wesen einen besser vorbereiteten Boden als der Naturalismns. In der älteren Generation war ja schon der große deutsche Lyriker Alfred Mombert ein Expressionist in höchstem Sinne des Wortes, und zugleich ein Manu von deutlich erkennbarer jüdischer Herkunft. Franz Werfel, eines der bedeutendsten Talente in der jüngeren Generation (obschon durchaus nicht so reiner Ausdruckskünstler wie Mombert), ist ähnlicher Art. Auch Arnold Z w e i g , Toll e r , Kornfeld, W o l f e n st e i n , Döbl; n , Max B r o b und mancher andere sind Inden. Man kann über den Wert und die voraussichtliche Lebensdauer ihrer dichterischen Produkte sehr verschiedener Meinung sein, man kann aber mit keiner Spur von Wahrheit behatlpten, daß die Bewegung, die sich im Werk dieser Dichter ausdrückt, eine s P e z i f i s ch jüdische sei. Der Expressionismus war eine Weltbewegung, die aus allen geistigen Gebieten, bei allen Völkern gleichmäßig anstrat, die hie und dort aus die besondere Empfänglichkeit jüdischer Literaten stieß, die aber überall auch ganz entscheidende Förderer und Gestalter hervorgerusen hat, die nicht das mindeste mit dem Judentum zu tun haben. Um innerhalb der deutschen Literatur zu bleiben, sind viele der wichtigsten Expressionisten durchaus keine Juden; weder Georg Kaiser, noch Hermann Essig, weder Rolf L a u k n e r noch K l a b u n d, noch Becher, weder Paul Z e ch noch Alfred B r u st, weder Brecht noch der völkisch angehauchte Arnold B r o n n e n und am wenigsten der große niederdeutsche Bildner Ernst Bar lach. Auch unter den kritischen Stimmführern der jüngsten deutschen Literaturbewegung stehen etliche Nichtjuden an allererster Stelle. Man muß schon die schöne Sorglosigkeit des Herrn Dr. Hube r haben, der im Laufe feines Artikels stillschweigend daztr übergeht, jeden ihm unsympathischen Literaten als Juden zu behandeln, um die Identität der modernen Literaturbewegung mit dem jüdischen Geist aufrecht erhalten zu wollen. Man sieht wohl, daß es mir ganz fern liegt, an dieser Stelle eine Debatte zu eröffnen über den Wert oder Uirwert dessen, was die letzten zwei Generationen literarisch in Deutschland geleistet haben. Das sind Betrachtungen, die gar nicht hierher gehören. Aber die Frage, die uns hier angelst, ist die: Kann diese literarische Aeußernng, mag sie nun gut oder böse sein, als eine spezifisch jüdische angesprochen werden? Und da braucht man nicht erst den prinzipiellen Beweis zu erbringen, daß alles, was hier zum Ausdruck gelangte, von den allgemeinen Zuständen der Zeit erfordert war, die für Juden und Nichtjuden in ganz gleicher Weise zwingend sind. Es genügt der rein sachliche Hinweis daraus, daß für das Wesen einer Literatur ja nicht die Vermittler und Ausbeuter des Geschaffenen, sondern die Schaffenden selbst entscheidend sind. Selbst wenn (im Gegensatz zur Wirklichkeit) die ganze Vermittlung dichterischer Werte für Deutschland in jüdischen Händen läge, so käme es immer noch darauf an, ob die Schöpfungen, die sie übermitteln und durchsetzen, jüdischen Geist atmen. Das brauchte nicht der Fall zu sein (zum mindesten nicht in einem dein deutschen Wesen n. a ch t e i l i g e n Sinne), selbst wenn alle wichtigen Dichter der Epoche in Deutschland Juden gewesen wären; es kann aber unmöglich der Fall sein, wenn diese Dichter znm entscheidenden Teil gar keine Juden sind! Und so liegen die Dinge tatsächlich. Ursprung 1835 Lebens-, Aussteuerand Mitarbeiter gesucht Es besteht kaum Hoffnung, daß die von völkischen Schlagworten umnebelten Gehirne dieser schlichten Wahrheit je Raum geben werden. Aber es bleibt dennoch unsere Pflicht, diese Wahrheit immer wieder und wieder anszu sprechen. £etzte politische Tlacfiüchten. Nationalsozialisten überfallen harmlose jüüische 9ürger in Menburg. In Altenburg, Thüringen, hat am letzten Sonntag ein Trupp Hakenkrenzler eine jüdische Familie, die sich auf dem Wege zum Bahnhof befand, um Angehörigen das Geleit zu geben, in rohester Weise übersatten. Der einzige Grund zu dem Ueberfall aus diese harmlosen Spaziergänger ist in ihrem etwas „jüdischen" Aussehen zu erkennen. Als die Familie, eine Frau von 60 Jahren, drei Herren und zwei Kinder, in ihre Wohnung flüchten wollte, folgten die Hakenkreuzler ihr auch dorthin. Sie erhielten Zum Teil ernste Quetschungen, Kopfverletzungen und dergleichen. Zivei Reichsbannerleute wurden gleichfalls von einem Trupp Hakenkreuzler überfallen, zu Boden geworfen und getreten. Wie die „Ostthnringer Volkszeitung" schreibt, handelt es sich bei diesen Hakenkreuzlern um Trupps, die von außerhalb nach Altenbnrg gekommen waren, um an einer Werbeveranstaltung der N. S. D. A. P. teilzunehmen. Große Kreise der Altenburger Bevölkerung sind mit Recht in größter Erregung über diese Vorgänge. Alögen sie allen denen zur Warnung dienen, die noch immer glauben, untätig den politischen Ereignissen zusehen zu können. Jeder deutsche Jude und jeder Nichtjude, der derartige Untaten verabscheut, möge aber am C. Dezember die Lehre daraus ziehen und bei den Wahlen in Thüringen und Bayern seine Stimme gegen die Nationalsozialisten abgeben.