Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 48 (29.11.1929)
- Date
- 1929-11-29
- Page
- Seite 639 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht nur des geschäftlichen, sondern auch des geistigen Lebens zu Bekannten und Freunden. Tie meisten gehörten zum Kreise Rebeccas. Sie korrespondierte mit dem großen lllonr^ Clay, dessen Präsideni scha stskandi da tu ren sie warrnstens unterstützte; sie war die Freundin der berühmtesten Schauspielerin ihrer Tage, der unglücklichen Fanny Kemble, und der Mathilde Hossmann, der hochbegabten Braut Washington Irvings, der eben durch seine ,Knickerbocker- Geschichte von New York" und seine „Salma- Rebecca Gratz. - - gundi''-Novellen berühmt geworden war. Mathilde starb 18jährig in den Armen Rebeccas; und die schwesterliche Liebe, mit der Rebecca sie bis zu ihrem Tode gepflegt hatte, brachte sie dem Herzen des verzweifelnden Irving näher. Herzliche Freundschaft verband die beiden bis zu Irvings Tode 1859. Kurz nach dem Ableben seiner Braut^reiste Irving nach Abbottssond zu Walter Lcott; ihm erzählte er die Geschichte seines Unglücks imb wußte Von Rebecca so Viel Gutes Zu sagen, daß ^cott sich für die amerikanische Jüdin lebhaft 31t interessieren begann. Er hatte damals bereits den Plan zum „Jvanhoe" zum großen Teil entworfen. Als Irving nach Hause zurückgekehrt war, erhielt er eines Tages ein Eremplar des „Jvanhoe", frisch von der Presse, und gleichzeitig einen Brief Scotts, in dem es hieß: „Wie gefällt Ihnen Ihre Rebecca? Kann sich die Rebecca, wie ich sie geschildert habe, mit dem Borbild vergleichen, das Tne mir geliefert haben?" Tie von Rabbi Davidson Herausgegebenerl Briese der Rebecca Gratz find zum größten Teil an ihren jüngeren Bruder Benjamin gerichtet, der in der Stadt Lexington (int Staate Kentucky) eine angesehene gesellschaftliche Stellung einnahm; mehrere auch,an dessen Frau Maria, unb einige an seine zweite Frau Ann. ^ie hartdeln vielfach von Familienangelegenheiten, aber auch von den Zahlreichen Reisen, die Rebecca bis ins hohe Alter unternahm, von Politik, Literatur und den Ereignissen des Tages. Unter dem Mantel üer Scheinheiligkeit. Wenn wir unseren Blick bei der Arbeit von der Lettüre der Schmutzblätter Venn Schlage des „Stürmer" abwenden, um uns etwa in die Schriften von Wilhelm Stapel 311 vertiefen, so werden wir dort den gepredigten „Edelantisemitismus" fast als Wohltat empfinden, wenn wir auch niemals auch nur einen Augenblick vergessen werden, wie gefährlich diese pseudowissenschaftlichen Theorien sind. Wenn nun Wilhelm Stapel, desfcm Gedantengängen wir oftmals willig folgen, um sie mit unseren Argumenten widerlegen zu können, ein im Verlag von L. Staackmann (Leipzig) erschienenes Buch von Hans^Heyck: „Deutschland ohne Deutsche" ans einem Ltreisband wie folgt empfiehlt: „Ein spannender und witziger Roman, geschrieben mit einer glänzenden ... Phantasie . . . Eine scharfsichtige Kulturtritik unserer Zeit", so werden wir mit besonderer Sorgfalt an die Lektüre heran gehört rnüssen. Schon nach den ersterr Seiten inerten wir, daß hier ein dritter Thp von Jtrdenfeinden erstanden ist, der nicht mit den Mitteln des Demagogen, auch nicht mit der geistigen Waffe des Wisfenschaftlers, sondern mit dem gefährliche n Gift der S ch e i n h e i l i g t e i t kämpft und auf die Trägheit im Denken der Masse spekuliert. Hans Hetz ck stellt den Thp iener Menschen dar, die selbst im Hintergründe bleiben, die aber verstehen, durch ein Wort, eine Gebärde, eine Andeutung aus verborgenem Winkel irr die Menge geschleudert — Mißtrauen zu säen, und die dann, wenn man sie zur Verantwortung ziehen will, bedauernd die Achsel zucken, die Miene des biederen Edelmannes auffetzen, der selbst aufs peinlichste über die Wirkung feiner Worte überrascht ist, der bedauert, so falsch verstanden worden zu seilt. O ja, es ist das Schicksal der Edlen, verkannt zu werden! Die Maske herunter, Herr Heyck! Wir wollen hier nicht mit den literarischen Qualitäten Ihres Buches rechten, das zwar keine „Zeitsatire van Swistscher Größe", kein „aussehenerregendes Tvkument" ist, — die Verleger sollten mit solchen Anpreisungen endlich etwas vorsichtiger werden —, das aber bestimtnt geschickt uttd spannend geschrieben ist. Denn die Sinnlosigkeit der Handlung kann man über der schönen Gestaltung ihrer technischer: Zukunftsbilder vergessen. Sie sind also der Ansicht, daß in etwa 150 Jahren nach zwei weiteren großen Kriegen unser armes Europa am Ende seiner Kraft und eine Kolonie der schwarzen Rassehund des internationalen Judentums sein werde. Lüe sind weiterhin der Meinung, daß die germanische Rasse 31t schwach sein werde, dieser Invasion zu widerstehen. Sie geben ihr den Rat, sich nach dem hohen Norden znrnckzuziehen, die Welt ihrem Schicksal und vor allem ihrem technischen Taumel zu überlassen. Noä) nicht einmal die Hoffnung lassen Sie uns, daß jene nordischen Menschen in sich den ehernen Wahlspruch tragen: „ex Xordpol lux". Ein bedrückendes Buch, ein Buch der Schwäche. Wobei wir gar nicht leugnen wollen, daß Ihnen rnanche Satire aus unsere heutige Zeit trefflich geklingen, daß Ihr Spott oft beißend und Ihre Ironie treffend ist. Aber leider ist das alles Fassade. Denn wenn wir durch Ihre phantastischen Kammern, Ihre Erdkanäle gewandert sind, wenn wir den Aether nach allen Richtungen durchflogen haben, dann stehen wir aus den letzten 50 Leiten Ihres Buches plötzlich vor dem „Heiligtum"; dort drohen Sie, enthüllen Ihre 'Leere, und das ist die Seele eines Judenfeindes, der um sich den Mantel der Scheinheiligkeit drapiert. Bis 31t diesem Augenblick haben Sie das Wort „Jude" nicht geschrieben. Sie haben nur schöne Namen wie Abraham Papier, Frank F 0 r u n k e t, K u hsladd ausmarschieren lassen, haben vielleicht schüchtern cmgedentet, daß diese Herrschaften einstmals aus dem „Osten" kamen. Sie haben einen Regierungsausruf, in dem Sie recht witzig ntit mißverstandener Demokratne ins Gericht gehen, von den Herren Müller und Cohn unterschreiben lassen, wobei Sie es gerne dem Leser überlassen, den Namen Miller Zn übersehen, um sich den Namen Cohn um so besser zu merken. Natürlich gibt es auch gute Juden, selbst bei Ihnen. Und natiiviicO ist der, der ben Standpunkt des Judentums in Ihrem Buch vertretet! muß, ein solcher. Nur schade, daß er trotz seiner großen Stellung ein geistiger Trottel ist, der Ihre Argumente schlechter widerlegt als irgendein jüdisches Kind, das die traurige Gelegenheit hatte, in Deutschland. unter oder neben Judenseindett zu leben. Aber die Objektivität ist gewahrt! Es ist auch eine schöne Jüdin da. Sie ist zwar in Dingen der Liebe etwas ausdringlich, das hindert sie aber nicht, ihren germanischen Helden zu befreien. Welch schöner Edelmut, nur schade, daß selbst ihre Ueberwindung noch nach Ncberlegung riecht, daß neben ihr die Größe Ihres Helden mir um so heller strahlen muß, daß er der Versuchung widerstanden! Wir wollen nicht sagen, daß Sie gerne im Schmutz wühlen, wenngleich die Schilderung des verhärten Europa und jene famose Atmopshäre im Ballhaus „Dar-Fur" auch starke Gemüter abstoßen kann. Sie wollen ja nur der verderbten Menschheit den Spiegel Vorhalten, Sie lreiben ja nur Abschreckungstheorie, und Sie sind vielleicht der Auffassung, daß selbst Pornographie abschreckend wirket: könnte. Wobei für uns übrigens durchaus kein Unterschied besteht, ob: „sich um Lisbeths junge Brtlst das Kleid in köstlicher Knappheit spannte und eine dichte Reihe goldener Knöpfe vom Busen hinunter bis dahin wandert, wo der gefältete Rock beginnt", oder ob „den Oberkörper ein kurzes Jäckchen mit durchsichtigen Aermetn umschließt, die Taille weich tind wendig gehalten ist und türkische Tracht sich mit Europas aufreizender Pikanterie vereint". Sie sind, Herr Heyck, kein ehrlicher Kämpfer. Denn wenn Sie es wären, darin hätten Lie beit Satz Ihres Buches nicht ans Ende, sondern an den Anfang Ihres Romanes gestellt: „Jüdisches Wesen schwimmt ans unserer Art wie eine Petrolenmschicht ans dem Meer. Sie nimmt dem Wasser den Duft und den Fischen die Lust, sie macht allmählich alles glatt und eben, gleich und ölig." Sie dehnen diesen Vergleich noch weiter ans. Uns genügen diese Sätze, um festzustellen, daß Sie ihre Lchellenkappe verbergen, hinter der Sie nicht ehrlichen Kampf kämpfen, sondern heimtückisches Gift verspritzen. ° Opper. „pf Aufklärung und Humanität." Aum 12S jährigen bestehen -es Philanthropin 3m Frankfurt a. Al. Von Professor Dr. Hugo Schaumbergev (Frankfurt a. Main). Am 1. Dezember 1029 begeht das Philanthropin die Feier seines 125jährigen Bestehens. Sein Name und sein Wahlspruch („Für Aufklärung und Humanität") bezeichnen den Gedankenkreis, dem es entsprungen ist. Dankbar erinnert es sich seiner geistigen Ahnen und verbindet mit der eigenen Feier das Gedenken an die 20ll. Wiederkehr des Geburtstages vonGotthold Ephraim £ e ta t n a und M oses Mendelssohn, auf bereu Bedeutung für ihre und unsere Zeit auch in diesen Blättern noch jüngst mit Nachdruck hingewiesen wurde. Was Mendelssohn für seine Person erreicht und für seine Glaubensgenossen erstrebt hak, die Verschmelzung der unvergänglichen Werke des Judentums mit der deutschen Kultur, hat das Philanthropin an Generationen von Schülern und Schülerinnen im Lause von ein und eineln viertel Jahrhundert zu verwirklichen sich bemüht. Ein Strom von deutscher und jüdischer Kultur ist von ihm ausgegangen, der das geistige Leben der Frankfurter Gemeinde befruchtet, sich aber auch über ganz Deutschland und weit über seine Grenzen hinaus ergossen hat. Tie Schule verdankt ihre Entstehung der Tatkraft eines hochstrebenden Mannes. Siegln und G e i s e u h e i m e r, der selbst noch im Ghetto geboren war und sich aus eigener Kraft moderne Bildung angeeignet hatte, gründete, unterstützt von drei gleichgesinnten Freunden, eine remsal«. SKHMi BERLIN HANAU KCELN