Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1929-11-29 · 48 (29.11.1929) · p. Seite 638

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
48 (29.11.1929)
Date
1929-11-29
Page
Seite 638 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277833-2277881--05653-2286400
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

m Hurideshauptverfammlung. Die Sorgen und Gefahren, die das deutsche Judentum infolge der allgemeinen politischen Wirren und wirschastlichen Notlage stärker^ denn 7e belasten, verliehen auch der diesjährigen Hauptversammlung des R e i ch s b u n d e s jüdischer Frontsoldaten, die am 24. November unter außergewöhnlich starker Beteiligung aus dem ganzen Reich in Berlin stattsand, ein besonderes Gepräge. Nach einem Begrüßungsabend am Sonnabend traten die Delegierten am Sonntag vormittag zu ihren Beratungen zusammen. Der Bundesvorsitzende Dr. Leo L ö w e n st e i n (Berlin) cröfsnete die Sitzung mit Gedenkworten für die Gefallenen und zeichnete dann ein eindrucksvolles Bild von der Tätigkeit des Bundes. Er schilderte das Verhältnis zu den nichtjüdischen militärischen Organisationen und Verbänden, das unter bestem Einvernehmen in verschiedenen Fällen sogar zu gemeinsamer Tätigkeit geführt habe. Mit Bedauern mußte er feststellen, daß die deutsche Judenheit der Zunehmenden jndenseindlichen Verhetzung vielfach gleichgültig gegenüberstehe, und forderte deshalb, daß man von Person zu Person einwirte, um die jüdische Masse aus ihrer Indolenz aufzurütteln. Im Mittelpunkt der Erörterungen standen die Referate von Max Eisenkrnemer (Berlin) und Rechtsanwalt Dr. Metzer (Bonn) über „Die Lage der Juden in Deutschland". Das Referat Eisenkraemers ging von dem Antisemitismus als den: Exponenten der allgemeinen Verhältnisse aus und Zeigte an Hand von Zahlen aus den letzten Wahlergebnissen das starke Ueberwiegen der radikalen Elemente. Der Ausstieg der Nationalsozialisten erkläre sich Zum großen Teile aus wirtschastspoliti- Rebecca Gratz. Das vorbrlö öer Rebecca!ti Walter Scotts „Ivarchoe". Von C. A. Vratter. Auf dem alten Mikwe - Israel -- Friedhof in Philadelphia erhebt sich vor einem Grabe ein schmuckloser weißer Stein mit der Inschrift: Beboeea Grate, Born March 4, 1781, Died August 27, 1869. In beut Grabe ruht eine der angesehensten amerikanischen Jüdinnen ihrer Zeit — hochgeehrt wegen ihrer unerschöpflichen Hilfsbereitschaft und Zahllosen Akte der Wohltätigkeit, der Welt des Geistes bekannt durch ihre rege Teilnahme an den Strömungen der Literatur und Kunst und ihre engen Beziehungen Zu vielen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens jener Tage. Diese Frau, deren 88 Lebensjahre mit reichstem Inhalt erfüllt waren, hat nicht nur die Aufmerksamkeit eines der berühmtesten amerikanischen Romandichters und Geschichtsschreibers — Washington Irvings — gefesselt, sondern auch in ihren jungen Jahren selbst einen Herzensroman erlebt, erneu Roman ohne „happy end": sie, die fromme Jüdin, liebte einen vornehmen und wohlhabenden Christen, aber in dem heißen Seelenkampf zwischen ihrer Liebe und der Religion ihrer Väter siegte der Glaube. Sie ist unvermählt geblieben. Die heutige Generation hatte sie beinahe vergessen: es ist das verdienstvolle Werk des Rabbi PhilipsonJ, durch Herausgabe eines Teiles ihrer Korrespondenz die Erinnerung an diese bedeutende Frau wieder wachgerufen zu haben. Erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit ist ihr ein' Platz in der Weltliteratur Angewiesen worden durch die Entdeckung, daß sie das Vorbild des gleichnamigen jungen Mädchens in Walter Scotts künstlerisch vollendetstem und *) „Leiters of Rebecca Gratz.“ Mit einer Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Rabbi David Phklipson. Philadelphia 1929, „The Jewish Publication Society of America“. scheu Momenten, und ihre Agitation finde vor allem bei der Jugend deshalb Anklang, weil durch den Wegfall der allgemeinen Wehrpflicht die Sehnsucht nach der llnisorm durch die Hitler-Tracht und die Soldatenspielerei befriedigt werde. Der Redner behandelte dann die judenseindliche Agitation und ihre schädliche Wirkung bei den verschiedensten Verbanden, studentischen Vereinigungen, Lehrergruppen, Frauenorden, in den Betriebsräten der großen Unternehmungen n. a. m. Trotz der ungünstigen Aspekte sei Pessimismus unbegründet. Es gelte vor allem, die Juden aus ihrer Gleichgültigkeit aufzurütteln und sie zu veranlassen, die Opserwilligkeit und Bereitschaft der Natwnalsoziallsten als Beispiel zu nehmen. Dr. Metzer (Bonn) gab im Anschluß daran einen Ueberblick über die Entwicklung des Nationalsozialismus im rheinischen und besetzten Gebiet. Seine Ausführungen beschloß ein starker Appell, daß der deutsche Jude sein deutsches Nationalgesühl bei allen Gelegenheiten noch stärker als bisher betonen müsse gegenüber dem falschen Begriff des Nationalismus, wie er von der Gegenseite m die Welt posaunt werde. — In der Aussprache wurde einhellig betont, daß nach wie vor größter Wert aus sportliche Betätigung und körperliche Ertüchtigung der Mitglieder zu legen sei. Unter allgemeiner llebereinstimmung wurde die Zusammenfassung sämtlicher Kräfte zur Aufklärnngs- und Abwehrtätigkeit verlangt. Zwischen den Reden wurden die rein geschäftlichen Angelegenheiten des Bundes geregelt. Der Ernst, von dem die Beratungen getragen waren, berechtigt zu der Hoffnung, daß es den eifrigen Bemühungen der Mitglieder des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten gelingen werde, ihre Beschlüsse in die Tat umzusetzen. Kundgebung der Hamburg. Anläßlich seines Zehnjährigen Bestehens veranstaltete der Vaterländische Bund jüdischer Frontsoldaten, Landesverband Nordwestdeutschland im R. j. F., am 17. November eine große Kundgebung im Conventgarten zu Hamburg, die dem von der Führung gestellten Motto: „Der deutschen Zwietracht mitten ins Herz" vollauf gerecht wurde. Neben den Vertretern der Behörden und der verschiedenen öffentlichen Institutionen, den Abordnungen kultureller und wissenschaftlicher Vereinigungen, war eine große Anzahl nichtjüdischer Kameraden der Einladung gefolgt, Willig die Brücke beschreitend, die der. Frontsoldatenbund über die Risse und Klüfte des politischen Kampfes hiwveg mit versöhnender Geste gebaut hatte. . Nach einer Ehrung der kriegsgefallenen Kameraden und nach. Begrüßung der stattlichen Versammlung durch den Landesverbandsvorsttzenden Dr. U r i a s (Hamburg), der in den beiden Rednern des Tages, Walter Bloem und Ernst Lissau er, zwei hervorragende Vertreter deutscher Kunst und deutschen Geisteslebens vorstellte, hielt Walter B l o e m seine von der üblichen Schablone durchaus abweichende, Anerkennung, und Kritik maßvoll.abwägende Festrede: „Deutsche Zwietracht und Judentum." Der ungemein fesselnde Vortrag klang aus mit den Mahnworten des großen Kurfürsten: „Gedenke, daß du ein Deutscher bist." Der Dichter schloß mit einem herzlichen Appell an die deutsche Judenheit, bei aller Verbundenheit mit der jüdischen Tradition fester und innerlicher im Deutschtum auszugehen. Ernst Lifsauer wies als Zweiter Redner auf interessante Einblicke in sein in Kürze erscheinendes Luther-Werk hin, das ein Gleichnis deutscher Zwietracht auszeichnet. Dr. Ilrias rief in seinem Schlußwort zum gemeinsamen Marsch gegen den Haß aus. A. B. bekanntestem Roman „Jvanhoe" gewesen ist. Washington Irving war es, der seinem Freund Scott das junge amerikanische Mädchen so lebensvoll schilderte, daß dieser seine Rebecca nach dem Bilde entwarf, das Irving ihm Von der amerikanischen Rebecca gezeichnet hatte. Miß Gratz war die Tochter des Kaufmanns Michael Gratz, der, in der österreichischen Steiermark geboren, zunächst nach Schlesien, später (1755) nach Amerika auswanderte und sich in Philadelphia niederließ. Er und sein Bruder Bernhard wurden dort geachtete Geschäftsleute; mit den Jahren dehnten sie das Feld ihrer Tätigkeit nach dem Westen aus und wirkten als Pioniere des Handels und der Ansiedlung in neuem weiten Neuland, das die heutigen Staaten Ohio, Indiana, Kentucky und West-Virginia umfaßte Rebecca war eines der. jüngeren von Michaels zwölf Kindern. Ihr Geist schärfte sich früh an dem bunten Wechsel der Bilder und Eindrücke, die sie durch die Wanderungen des Vaters in beinahe unerschlossenen Landstrichen erhielt; sie erlebte dort ...tzeslialb Kathreiner* * Mehr als 8000 deutsche Ärzte empfehlen ihn in schriftlichen Gutachten. aufiefiett die Anfänge einer Zivilisation, an denen der Vater und Oheim milarbeiteten, erlebte die kritischen Jahre, die der Begründung der Vereinigten Staaten von Amerika folgten, und die Geschichte der ersten achtzig Jahre der Union, sogar noch den ganzen Bürgerkrieg. Wie so manche tief veranlagte Männer und Frauen, denen die Liebe ein einmaliges großes Erlebnis ist, hat sich auch bei Rebecca Gratz der Verzicht auf den Geliebten als Antrieb zu edelsten Regungen und Betätigungen ausgewirkt. Rebecca hat ihren drei unverheirateten Brüdern das Haus verwaltet und an den verwaisten Kindern einer früh verstorbenen Schwester Mutterstelle vertreten, bis sie erwachsene Männer und Frauen waren. Geichzeitig widmete sie sich dem öffentlichen Wohle. „Keine Frau ihrer Zeit", sagt Rabbi Philipfon von ihr, „war so ,pud1ie-8pirit6(p wie sie", das heißt, keine andere hatte in solchem Grade den Drang, für die Oeffentlichkeit zu wirken. „Sie stand ohne Zweifel in der ersten Reihe unter den amerikanischen Jüdinnen. Sie war sehr fromm; die Frönunigkeit war der Grundton ihres Lebens, sowohl des privaten wie des öffentlichen." Demgemäß wirkte ihr Bedürfnis, Gutes zu tun, sich zunächst (aber keineswegs ausschließlich) in Gründungen und Stiftungen zum Besten von Juden aus; schon im Alter von 21 Jahren wurde sie Sekretärin eines Frauenvereins zur Hilfeleistung für bedürftige Frauen und Kinder, 1815 war sie Mitbegründerin der Waisengefellschaft von Philadelphia, deren Sekretärin sie vierzig Jahre lang, bis nahe zu ihrem 80. Geburtstage, war, 1838 gründete sie die Hebräische Sonntagsschul-Gesellschaft, als deren Präsidentin sie bis zu ihrem 83. Jahre wirkte, war an der Gründung des Jüdischen Pflegeheims 1855 in erster Linie beteiligt und rief eine Misfions-Sonntagsschule für hebräische Kinder ins Leben. Ebenso hat sie an ähnlichen Gründungen Zum Besten anderer Konfessionen durch Geldspenden und durch tätige Mithilfe mitgewirkt. # Die Familie Gratz in ihren weiten Verzweigungen zählte zahlreiche Persönlichkeiten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.