Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 48 (29.11.1929)
- Date
- 1929-11-29
- Page
- Seite 637 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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öZ7 Clemenceau, -er Journalist. Gestorben am 24. November 1 929. Er pflegte, und das war seine Macht, ohne Pathos Zu sprechen, in kurzen, abgehackten Sätzen und mit einer wahrhast erbarmungslosen Logik. Aber er hatte seme Zeiten. Er spie nicht ununterbrochen wie ein Vulkan Feuer. Es gab Jahre, Jahrzehnte, in denen man ihn nicht zu Worte kommen ließ. Man fürchtete seine Stimme, und es gelang zuweilen, ihn stillzumachen. Clemenceau aber sing dann immer an zu schreiben. Er war ein ausgezeichneter Journalist. Denn er schrieb nicht, um zu schreiben. Und gerade für diese Art des „sachlichen" Schriftstellers ist es bezeichnend, daß er nicht immer bloß zur Sache, zu der einen Sache schrieb. Es sei ihm, sagte er einmal, nie um die Menschen (die er stürzte) gegangen, sondern immer um die Ideen. Und so schrieb er schließlich um der Ideen willen. Sein Stil war bei aller Glätte scharf, dialektisch und mit Spitzen durchsetzt . . . Es ist hier nicht unsere Sache, über den Staatsmann zu sprechen, von dessen Erbarmungslosigkeit, Dynamik, Temperament und Zähigkeit die Zeitungen der Erde erfüllt waren, nun, da er, der „Tiger", der Ministerstürzer, der unerbittliche Feind Deutschlands, steinalt, fast möchte man sagen: vom Hasse versteint, gestorben ist. Es ging ihm, sagte er, um die Ideen . . . Man erinnert sich seines Auftretens in der Dreyfus-Affäre, seiner Kampagne gegen die Militär-Konventikel, man hört jetzt wieder dies und das, das Wesentliche, aus dem Dokumentenstück „Die Affäre Dreyfus" in der Volksbühne. Sein damaliges, radikales Eintreten gegen den Hochmut der Militärs, für Recht und Freiheit, war eine Episode in seiner Lebenskampagne. Uebrigens wußte er auch hier besser Bescheid, als man gemeinhin in Frankreich wissen konnte. Es gibt ein Buch „Au Pied de Sinai“ von Clemenceau (das unter dem Titel „Jüdische Gestalten", von Schiller-Marmorek übersetzt, auch deutsch erschien, im Rhombus-Verlag, Wien-Leipzig, und seinerzeit an dieser Stelle gewürdigt wurde) und in dieser Sammlung von Geschichten und Berichten über Juden und Ostjudentum zeigt sich der Journalist, der Kämpfer, der Ankläger und Verteidiger, der ganze Clemenceau. Sein Herausgeber kennzeichnet Clemenceaus Einstellung zum jüdischen Problem, sein Verstehen- und Eindringenwollen und erinnert an jene Szene im Anfang der großen Revolution, als die Debatten um die Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger heftig wurden und ein junger, unbekannter Abgeordneter, Herr Maximilian Robespierre aus Arras, mit kältestem Tone erklärte: „Die Laster der Juden sind eine Folge der Erniedrigung, in der ihr sie erhaltet." Dies auch war Clemenceaus Art und Ton. Nur hatte er zu der Kälte und Schärfe jener Unerbittlichkeit noch das Unpathetische, eine gewisse Einsicht und Vernunft, eine Klugheit, wie sie zu diesem Beobachter'gehört. Er beobachtete sicherlich mit der Liebe der Voreingenommenheit, doch er ließ sich gleichwohl keinen unliebsamen Zug entgehen. Er vertuschte nichts vor sich, auch wenn er verteidigen wollte. Denn er hatte das Zeug zur Psychologie. Er wußte Fehler zu erklären. Hätte er in diesen Aussätzen den galizischen Juden, obwohl dieser dem Franzosen mehr als exotisch erscheinen mußte, als einen Jdealmenschen hingestellt, wie hätte man ihm glauben können? Aber er haßte nichts radikaler als den Opportunismus in jeder Gestalt, und am schroffsten unter dem Deckmantel des Idealismus. Clemenceau zeigt in seinem Judenbuche polnische Juden. Er beschreibt sie, als handelte es sich um Hottentotten. Aber das hindert ihn nicht, sie gut zu beschreiben, ihre Art, ihr Aussehen, den Gottesdienst, ihre Sitten. Auswüchsen gegenüber fällt es ihm nicht ein, seine knappen, bissigen Sarkasmen zu verbeißen. Aber gerade das hebt den Wert seiner Verteidigung, seines Anklagens. Und so stark er die Fremdheit des Judentums dem Franzosentum gegenüber hervortreten läßt, so wenig erlaubt er sich, einen grundsätzlich nationalen Standpunkt einzunehmen. Er jublimiert seine Schärfe zuweilen zum Humor. Er sagt nie, wenn er, der Freund dieser Erniedrigten und Beleidigten, anklagt: „Die"' Juden, sondern: der Baron Moses, dev Schlojme usw. Ein Journalist . . . Die kleine Geschichte vom Baron Moses ist mehr als Journalismus, ist Kunst: der Milliardär, der aus lauter Sorglosigkeit wahnsinnig wird, um Brot bettelt, das er anderen abschlug — typisch?, Nicht im geringsten. Ein Einzelschicksal, ein, ein Jude, aber von Clemenceau verteufelt gut gezeigt, arm, irrsinnig, und dennoch und darum erst ein Beispiel des Reichtums. Clemenceau war ein Journalist. Es war nicht bloß Haß und Verachtung in ihm. Und er war ein glänzender Journalist . . . Leo Hirsch; Die Märe Dreyfus. U // Schauspiel in 5 Mten von Kette Restner. Zur Uraufführung in -er Serliner Volksbühne. Zwei Gedanken: traurig diese Aktualität nach dreißig Jahren, erfreulich der begeisterte Beifall des überfüllten Hauses. Denn dieser starke Erfolg liegt unbestritten im Stoff, er liegt auch trt der guten Aufführung, er liegt in der augenblicklichen durch den Tod und die Erinnerung an jene Männer, die in diesem Drama um die Jahrhundertwende mitgewirkt haben, bedingten Aktualität. Dreyfus selbst beging vor wenigen Wock)en, fast unbeachtet von der Oeffentlichkeit, seinen 70. Geburtstag, Fürst Bülow, damals Staatssekretär im Auswärtigen Amt, ist gestorben, und ebenso Clemenceau. Eben jener Clemenceau, der damals in der „Aurore" schrieb: „Wir belügen uns selbst mit den Lobhudeleien unserer Zivilisation; beim ersten Schrei der Wildheit, der unter uns ertönt, tritt bei allen Zivilisierten der barbarische Grundzug wieder hervor. Ein Ruf hat genügt: ,Tod den Juden!', und die Menschen stürzten sich in unbändiger Wildheit in Plünderungen, Brandschatzungen und Metzeleien, indem sie von diesem Ausbruch der Wut das Ende ihrer Leiden erwarten. ,Tod den Juden!' heute, .Tod wem?' morgen . . . Wann werden wir endlich uns alle dazu verstehen, nicht mehr zu hassen." Man kann nicht behaupten, daß sich der Vorhang vor dem Pseudonym Rene Kestner erst am Abend der Aufführung gehoben hätte. Um so freudiger stellt man fest, daß der häßliche Kamps, den die Autoren Wilhelm Herzog und Hans I. Rehfisch tagelang vor der Öffentlichkeit um die Urheberschaft ausfochten, dem Stück selbst nicht zum Schaden gereichte. Die Herren haben es außerordentlich geschickt verstanden, nicht nur für sich Reklame zu machen, sondern aus dem Gesamtverlaus jener Affäre, die vom Oktober 1894 bis zum Jahre 1906 währte, jene Zeit herauszuschälen, in der sich die dramatischen Vorfälle, dieser an Dramatik reichen Angelegenheit, häuften. Sie beginnen am 10. Januar 1898, an dem Tag, an dem Esterhazy sreigesprochen wurde, und sie enden mit dem 31. August 1898, an dem Oberst Henry Selbstmord beging. Jenem 10. Januar folgte am 13. Januar Zolas „J’accuse“, dem 31. August folgte am 5. September der erneute Revisionsantrag, der acht Jahre später zur Rehabilitierung Dreyfus' führte. Im Hintergrund bleibt Dreyfus selbst, er sitzt auf der Teufelsinsel. Seine Person ist in diesem Schauspiel wie in der Wirklichkeit belanglos geworden. Nur sein Name wurde Symbol. Manche meinen, ob mit Recht oder Unrecht sei dahingestellt, daß Dreyfus nicht der Mann war, um dessenwillen es sich gelohnt. hätte, einen Kampf zu führen, der Frankreich an den Rand des Abgrundes brachte. Aber wie so oft — denken wir an den Mord von Serajewo — ein kleiner Stein kommt ins Rollen und die Natur formt ihn zur Lawine. Diese Lawine fegte in Frankreich damals einen Wust von Lüge, Gemeinheit, Verleumdung und Haß vor sich her und begrub unter sich das Gespenst des Antisemitismus. Sie machte halt an Deutschlands Grenze. Jene Faust Zolas, die die Fenster eines dumpfen Zimmers einschkug, daß die frische Luft emströmen konnte, hat sich in Deutschland bis heute noch nicht erhoben. Fast sollte man bedauern, daß wir keine Affäre Dreyfus kennen, die den Verblendeten die Augen öffnet. Was damals Briand, Clemenceau, Jaures, Zola geschrieben und gesprochen haben, das könnte und müßte heute von neuem in Deutschland gesprochen werden. Zolas „Offenen Brief an die Jugend" sollte man heute noch unserer studentischen Jugend zur Lektüre auszwingen. Die beiden Verfasser haben aber für dieses Zeittheater nicht nur eine außerordentlich effektvolle und leider nur bis zur Pause gestraffte Handlung geschrieben, sie haben darüber hinaus wieder einmal deutlich gemacht, daß es in Deutschland und in der Welt weniger ein Problem des Judentums — das nur in unseren eigenen Reihen — als vielmehr ein Problem des Antisemitismus gibt. Nach all den jüdischen Lustmördern, verkannten Genies, unsauberen Gestalten, die uns die Berliner Bühnen in letzter Zeit in überreicher Zahl beschert haben, endlich einmal das Problem in seiner Totalität: das Problem des „Judenwahns" von einer Gruppe gezüchtet, um sich selbst zu entlasten. Gespielt wurde unter der zupackenden Regie des jungen Regisseurs Heinz Dietrich Kentev ausgezeichnet. (Esterhazy: Kurt Horwitz, Picquart: Walter Frank, Henry: Ferdinand Hart, Zola: Hans Peppler, Blanche: Pamela-' Wedekind u. v. a.). Wir hoffen, daß der Funke, der bei der Premiere von der Bühne zum Publikum übersprang, an vielen Abenden Tausende von Herzen entzünden werde. Nicht um des Judentums willen, sondern um der Wahrheit willen. Und dabei erscheint es besonders erfreulich, daß die Volksbühne, das Theater der Massen, diese mutige Tat vollbrachte. Die Wahrheit kennen stets nur wenige, verbreitet aber muß sie von der Masse der Gläubigen werden. II. Oppenheimer. Heilwirkend! Fachinger Yersandstelie, Berlin SW 11, ßchöneberger Strasse 16a, Telefon: Liitzow 8260j6i, natürlich«»