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Central-Verein-Zeitung · 1929-11-29 · 48 (29.11.1929) · p. Seite 630

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
48 (29.11.1929)
Date
1929-11-29
Page
Seite 630 (sequence 2)
Language
German
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630 ins dein Iniiali. Dozent Dr. Joseph W obige m u t h : Das Urteil im Nürnberger Talmud - Prozess. — Rechtsanwalt Dr. Karl Lö wenstein (Aachen): Wer kann wirksame Abwehrarbeit leisten? — Leo Hirsch: Clemenceau, der Journalist. — Hans Oppenheimer: Die Affäre Dreyfus. -- Herbert Eulenberg : Fritz Mauthner. Orgien feiert. Das Leben der Nation ist doch (Wie sollte es anders sein?) irgendwie organisiertes Gruppenleben, da gelten soziale Normen, Pslichtbegrisse, Rücksichtnahmen, Freiheitsbeschränkungen, Ordnungsideale. Jedes Gruppenleben ist notwendig ein Domestizierungsprozetz, ein Eiugewöhltungsvorgaug, ein Dressurakt, in dem natürliche Wildheit hingegeben werden muß gegen Wohlanständigkeit und Burgerlichkeit. Unaufhörlich schwemmen Natur uni? Leben sozialen Rohstoff au, der im Schmelztiegel des GruPPeuzwauges umgewandelt wird in Baustoff des Gruppenlebens. Der Stein, der eingebaut werden will, muß es sich gefallen lassem daß er behauen wird, jede Gruppenzugehörigkeit ist zu er taufen mit Jndividualitätsverzicht. Eine Gruppe — und auch eine Nation ist eine solche — macht jedes Mitglied irgendwie zum „Bürger", ein Begriff, der in diesem Falle in einem durchaus unkommerziellen Sinn gemeint ist. Wo Gruppe, d. h. organisiertes Verbandslebeu herrscht gilt nicht mehr der Ruf der Wildnis, das grausame, allein bloß naturalen Leben zugrunde liegende Erhaltnngsprinzip. Da besteht Sänftigung, Sittigung, weil jeder den individuellen Geltuugs- und Auslebungsdrang versöhnen muß mit der ihm zusallenden sozialen Rolle. Nicht umsonst gehen „Brecher" und „Verbrecher" Zurück auf die gleiche Sprachwurzel, denn die Gruppe heißt denjenigen einen Verbrecher, der ihre Gebotstafeln mißachtend zerbricht. Mag das einsam schweifende Raubtier, das, die Stallwävme verachtend, aus der Geborgenheit des Rudels herausbrach, nur dem Gesetz leben, das es sich selber gab; mag um tapferen Verzicht und stolz gewählte Einsamkeit ein Glanz von -Heroismus liegen, der auch unsere noch nicht in Bürgerlichkeit erblindeten Augen immer wieder besticht: wir wissen, daß man nicht alles Zugleich haben kann und daß in diesem Sinn bürgerliches Leben dem heroischen Leben entgegengesetzt ist. Warum aber speit dieser Jünger den Geiser der Verachtung uns allen in» Gesicht, ganz gleich, welche Parteikultur wir kragen? „Weil Ihr Bürger seid. Alle, Alle, Alle!" gellt es uns in wilder Überheblichkeit entgegen. Es ist nicht die Nation, wie er uns glauben umchen will. Das ist frommer Selbstbetrug, denn jede Nation müßte zugrunde gehen, tueni\ man diese verzückten Schwärmer auf sie losließe. Die Gottheit, der aller Kult dieser glühenden Seele geweiht ist, ist das Leben. Das Leben, soweit es jenseits aller Normen steht, soweit es sich zu Raubtierschönheit aufgipfelt, soweit es nichts als Abenteuer und Wagnis ist und allem Elementaren verschwistert. Was hat das Elementare mit dem Moralischen zu tun, fragt Jünger mit wegwerfender Geste. Mau muß auf solche kurze Sei tenb Litze achten, denn sie erhellen die Abgründe, aus denen die Bilder steigen, die ihm im Hirn flimmern, die sonst der Wortschwall bedeckt. Wildheit gesetzt gegen Sozialität — das ist das Programm, zu dem explodierende Bomben die Begleitmusik machen. Er hat nichts einzuwenden gegen diese Bomben, sie sind „das Klopsen unsichtbarer Geister", es wäre denn, daß es bisher nur allzu harmlose Fenerwerkerei war. Es Paßt zu diesem Programm, wenn an anderer Stelle Humantät von Jünger definiert wird als eine Angelegenheit für Straßenbahnpassagiere und der Verbrecher dem Bettler vorgezogen wird. Es ist stilecht, wenn diese Bewegung, in den: Herzog Alba einen „Prächtigen Kerl" und in den afrikanischen Sklavenhändlern „reiche und würdige Gestalten" erblickt. Wen die Götter lieb haben, den lassen sie jung sterben, und wen sie verderben wollen, den lassen sie zu spät un£> an falscher Stelle geboren werden. Will man noch eine Weile in beu kreisenden Strudel hinabhorchen? Es kommen wenig neue Töne herauf. Die Ordnung ist der gemeinsame Feind, es gilt, den luftleeren Raum des Gesetzes zu durchbrechen, das Chaos ist dem Werdenden günstiger als die Form, die Revolution muß nachgeholt werden, Zerstörung ist das Mittel, das dem augenblicklichen Zustand gegenüber allein angemessen erscheint, die Verwesung des Bürgers macht uns Spaß so könnte man noch lange Zeile au Zeile Zitate reihen, die alle dasselbe und alle nichts besagen. Im übrigen ist solcher Ton Leineswegs so sehr neu und übermäßig originell. Man lese Karl Moors Monologe und Ansprachen an seine Räuberkmnpane nach, und man wird die Blüßlichkeit und Zweitrangigkeit dieser Tiraden bemitleiden. Ebenso heiße Hasser, die weniger eilig den Intellekt von ihrem Wagen abschirrteu, haben das gleiche schon oft besser gesagt. Man denke an Bücher und seine Bewegung, mau erinnere sich des Schrifttums der Anarchisten und Syndikalisten. Dagegen Politischer Größenwahn. Von dieser „Münze“ wurden Tausende vor den Wahlen in Baden verteilt. gehalten ist Jünger direkt eine kleinbürgerliche Ausgabe, die man aufs Plüschsofa legen kann. Nur in einem stimmt er wiederum ganz mit ihnen überein: in der absoluten Ratlosigkeit und Hilflosigkeit gegenüber der Frage, was mm am Tage n a ch der Revolution kommen soll. Da bleibt auch ihm nichts anderes übrig als warten auf das Nora-Wunder, das im persönlichen Leben selten, im sozialen Verbandsleben niemals eiutritt. Irgendwie wird das Chaos schon den Stern gebären, eine stolzere, kühnere, noblere Jugend wird kommen, eine Aristokratie von morgen und übermorgen. Wenn alles hinweggesegt ist, daun wird sich das entfalten, was noch an Natur, an Elementarem, an echter Wildheit, an Ursprache, an Fähigkeit zu wirklicher Zeugung mit Samen und Blut in uns ist - mit diesem schalen Zuknnststrost werden wir von Jünger entlassen. Wir, denen die magische Gehirnvernebelnng bisher nicht in dem von Jünger geleisteten Maße gelungen ist, hören solche Osterbotschast mit skeptischem Zweifel. Wir sind Söhne von Kriegen und Bürgerkriegen, erzählt Jünger und deckt damit seine Lebensgeschichte auf. Mir scheint, daß seinerlei Art noch ein anderes Erlebnis formte, das Jnflationserlebnis, das ihn, wie vorher der Krieg, zu einer Zeit traf, wo ihm zur seelischen Bewältigung solcher' tiesfurchenden Eindrücke noch die Kräfte fehlten. Gerade in den Jnslationswirren, wo Verwesungsgeruch über dem Land lag und toller Taumel die Stunde beherrschte, ist jene Zuchtlosigkeit, jene Verachtung am Geist, jene moralische Verwilderung, jenes Desperadotum und Va-bangne-Spieten in Mode gekommen, das sich hier in einem erschütternden Bekenntnis bekundet. Man muß dieses Manifest ans der persönlichen Situation seines Verfassers begreifen, die zugleich die Situation eines großen Teiles der heutigen Jugend ist, die das Kriegs- und Jnflationserlebnis bisher nicht abzureagieren und sich dadurch von ihm zu befreien vermochte. Weit man innerlich ausaerenkt ist, verzerrt man alle sozialen Proportionen. Weil man die innere Leere und den Bankrott heranschleichen fühlt, deshalb schreit man so laut, verzweifelt, daß die Zeit längst andere Wege einschlug, so daß sich der Abstand ständig vergrößert. Wie ansgelaugt und abgestanden werden diese qualvoll verkrampften Worte in 10 oder 20 Jahren anmuten! Wie unecht klingen sie heute schon im Munde eines nachbetenden Gefolges, das selbst von der menschlichen Tragik nichts mehr verspürt, die bei Jünger diese heiße Wortglut emporschleudert. Verständnis für diese menschliche Trägst darf jedoch nicht dazu verleiten, über die soziale Verderblichkeit dieser Lehren hinwegzusehen und in der Abwehr dieser Wahnlehren lässig zu werden. Man hat kein Recht, seinen privaten Lebenstrieb naiv einem Volke einimpfen zu wollen. In einer guten Entgegmmg schreibt der Herausgeber des „Tagebuch", Leopold Schvarzschild, daß die gräßliche Langeweite, die das eigene Blut verdickt, kein Grund ist, kurzweilige Aderlässe an der Nation vorznuehmen. Dort nennt man es Langeweile, wir nannten es Leerlauf, gemeint ist das gleiche. Für unbezähmbaren Abenteuerdrang entgleister Landsknechtsnaturen steht dieser deutsche Boden, der genug von Leid gefurcht wurde in den letzten Jahrzehnten, fürderhin nicht mehr zur Verfügung. Wenn sich solche Gelüste partout ausleben müssen, nun gut, es gibt aus der Erde noch genug abseitige Winkel, wo sich die prächtige Wildheit ungehindert entfalten mag. lins soll man gefälligst damit verschonen. Auch Don Quichotte zog mit feinem getreuen Saucho Pausa durch entlegene Steppen, wilde Gebirge und unwirtliche Wüsten und suchte dort seine Abenteuer. Und als man Sancho Pansa einmal vorübergehend eine Statthalterei zum Lehen überließ, da wurde es auch danach. Uns gelüstet es wenig, solche Experimente zu wiederholen. Deuischnationale und Nationalsozialisten. Aus dem deutschuationaleu Parteitag, der in der vorigen Woche in Kassel stattfand, hat Hugenberg sich über das Verhältnis der Deutschnatioualeu Partei zu den Nationalsozialisten ausgesprochen. Er hat es, wie die offizielle Parteikorrespondenz meldet, „als begrüßenswert hingestellt, daß sich Parteien und Organisationen in einem großen außenpolitischen Ziel zusammengesunden haben. Daraus irgendeine Abhängigkeit von den Nationalsozialisten oder von ihren Ideen konstruieren zu. wollen, sei vollkommen abwegig. Tie Deutschnationale Volkspartei habe genau so ihre volle Handlungsfreiheit wie die übrigen im Reichsausschuß vereinigten Parteien". ziMimm

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