Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 8 (22.11.1929)
- Date
- 1929-11-22
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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27 bedenken, dass gerade in heutiger Zeit der hochgelernte Facharbeiter gesucht ist; es muss auch an dieser Stelle wiederholt werden, dass eine abgeschlossene Schulbildung für den Eintritt in den Beruf wesentlich ist, zumal es nicht nur von Bedeutung ist, welchen Beruf inan erlernt, sondern weit wesentlicher ist es, w o man ihn erlernt. Vielfach wird heute behauptet, dass mit der wachsenden Rationalisierung die gelernte Arbeit an Wert verlöre und dass es leichter und praktischer sei, ein ungelernter Arbeiter zu werden. In Deutschland ist diese Auffassung vielfach verbreitet, ihr gegenüber steht die Erfahrung Amerikas, jene9 Landes der stärksten Rationalisierung, "das im letzten Jahre mehr als eine Million Lehrlinge zählte. Gerade für die jüdische Jugend wird es wichtig sein, eine fachliche Ausbildung zu erwerben, die sie in die Lage versetzt, in Abhängigkeit eine soziale Stellung zu erlangen, die der früher erstrebten Selbständigkeit entspricht. Ein Aufstieg kann nur bei bester Vorbildung und ausgezeichneter Berufsausbildung erfolgen. Insbesondere müssen diese Frage der Ausbildung jene Jugendlichen bedenken, die aus religiösen Gründen am Sabbat nicht arbeiten. Für sie gibt es nur die Möglichkeit, recht rasch selbständig zu werden, zumal die Zahl jener Betriebe, die am Sabbat geschlossen halten, ständig im Sinken begriffen ist. Es ist unnötig, zu betonen, dass sie nur als hochqualifizierte Facharbeiter konkurrenzfähig bleiben können. Welche Berufe sind heute zu empfehlen, welche abzulehnen? Es ist fast unmöglich, eine einheitliche Antwort darauf zu geben. Angehörige aller Berufe warnen vor dem Eintritt in ihren eigenen Beruf. Wie weit hier berufsegoistische Motive eine Rolle spielen, bleibe unerörtert. Heute mehr denn je muss die Berufswahl unter dem Gesichtspunkt der Eignung und der Neigung jedes einzelnen sich vollziehen. Vielleicht kann man sagen, dass, entsprechend der wirtschaftlichen Entwicklung, von kaufmännischen Berufen der Engrosbetrieb als ungünstig bezeichnet, der Detailbetrieb als aussichtsreicher anerkannt werden kann. Von den handwerklichen Berufen wird auf lange Zeit hinaus in erster Linie die Metall- und Holzindustrie in Frage kommen. Das Bekleidungsgewerbe wird von jüdischen jungen Berufsanwärtern in einem so hohen Masse gewünscht, dass ein weiteres Wort der Empfehlung hier nur noch schaden kann. Wichtig ist, die mittlere Beamtenkarriere in den Kreis der Betrachtungen zu ziehen. Hier eröffnen sich für jüdische junge Menschen bereits beachtliche Perspektiven. Bei den akademischen Berufen darf man vor dem Beruf des Chemikers wTarnen. Infolge der besonderen Verhältnisse in dieser Industrie wird es für Juden immer schwTer sein, hier ein Arbeitsgebiet zu finden. Mit grosser Vorsicht empfehlen kann man heute bereits für jüdische junge Menschen bei besonderer Eignung den Beruf des Lehrers und Erziehers. Nicht unbedingt mehr abzuraten braucht man auch bei dem Beruf des Spezialarztes und des Apothekers. Einige wrenige Worte seien noch über die Mädchenberufe hinzugefügt. Es ist nicht zu verkennen, dass die Berufsmotive der Mädchen wesentlich andere sind als die der Jungen. Die Umwelt spielt bei ihren Berufsentscheidungen eine viel grössere Rolle, und in vielen Fällen ist ihr Berufsw unsc h lediglich ein Erwerbs wünsch. Vielfach sehen sie den Beruf als einen Uebergang an, für den eine ernsthafte Ueberlegung und eine lange Ausbildung nicht verlohnt. Es ist daher nicht zu verwundern, dass bei den Absolventinnen der Volksschule das Bureau, der Beruf der Stenotypistinnen usw., ferner der Beruf der Schneiderin — die Anfertigung eigener Kleider — eine so grosse Rolle spielt. Bei den Schülerinnen höherer Schulen erfreuen sich die halbwissenschaftlichen Berufe, wie Laborantin, technische Assistentin usw., trotz ihrer Aussichtslosigkeit grosser Beliebtheit, und es muss wohl gesagt werden, dass die meisten bei der Aeusserung dieses Berufswmnsches von den Forderungen und Schwierigkeiten dieses Berufes keinen rechten Begriff haben. Gewiss haben es Mädchen bei ihrer Berufswahl besonders sclrwer, insbesondere haben gerade Mädchen mit künstlerischen Begabungen heute noch, ausser im Textilgewerbe und in der Schneiderei, immer noch wTenig Entwicklungsmöglichkeiten, doch lassen sich bei gesunder Berufseinstellung und bei ernsthaftem Willen viele Wege finden, die die einzelnen zu einem Beruf führen, der Befriedigung gewährt. Ungewöhnlich oft werden die pflegerischen Berufe erwählt, und nirgends so oft wie hier wird auf halbem Wege der Beruf wieder aufgegeben. Jährlich wird eine erhebliche Anzahl Mädchen in den Kindergärtnerinnenseminaren und in den Wohlfahrtsschulen ausgebildet, von denen bei wreitem nicht alle ein Arbeitsgebiet finden. Krankenpflegerinnen sind noch immer gesucht, ebenso Säuglingspflegerinnen. Es sieht nach dem Gesagten fast aus, als seien die Berufsaussichten allzu ungünstig gekennzeichnet, als sehe es gar zu trostlos für jene Jugend aus, die jetzt vor der Berufsentscheidung steht; vielleicht lässt sich jedoch umgekehrt gerade sagen, dass alle Berufe uns offenstehen und dass es unsere Aufgabe ist, sie uns zu erobern, Schritt zu halten mit der Entwicklung der Wirtschaft und uns ganz auf sie einzustellen. Wie richte ich ein Familienstammbuch ein? / \on J. Friedlaender Wollen wir die Lebensspanne, in der uns ..die Welle hebt“, festhalten. dann müssen wir die Zeugnisse unserer Zeit sammeln. Das ist die Aufgabe des Familienforschers. Sie kann uns durch Ordnung erleichtert werden, sie ist nicht neu. Wählen wir die Form der Kartei für unsere Familienforschung, so finden wir Anleitung dazu im „Taschenbuch für F amiliengeschichtsforschung “ von Wecken, dessen dritte Auflage erschienen ist. Wir brauchen für jeden Angehörigen 1. eine Karte für wichtigste Lebensdaten, 2. Nebenkarten für Lebensbeschreibung, für angeheiratete Gatten und deren Vorfahren, für Lichtbilder usw. Der Vorteil einer Kartei ist, dass wir zur ruppenweisen Ordnung immer neue Karten einordnen können, während man im Stammbuch von vornherein zwar eine gewisse Gruppenordnung vornehmen wird, aber keine Gewähr hat, das Richtige gefunden zu haben. Was mit dem Worte „Stamm“ zusammenhängt, weist auf den männlichen Teil der Familie, in dem sich Name und Besitz in der Hegel vererbte. Um die geeignete Form zu finden, müssen wdr uns die Ziele des Stammbuches vor Augen halten: 1. Nachweis der Herkunft: Bei der standesamtlichen Trauung kann man ein Stammbuch erwerben, wrorin der Beamte gleich die Trauung bescheinigt und Platz ist für weitere standesamtliche Eintragungen; das Buch genügt für^die enge Familie, aber nicht für den Familienforscher. Grösseren Ansprüchen genügt das Stammbuch, das Karl G ö h 1 e r (Leipzig) unter Mitwirkung der Zentralstelle für deutsche Personen- und Familiengeschichte herausgegeben hat. Es entspricht allen Anforderungen in bezug auf Eintragungen der Verwandtschaft von seiten des Mannes und der Frau, kann auch behördlich beglaubigt werden, hat aber doch die Mängel, dass es nur bis zu den Grosseltern geht und eine Kartothek voraussetzt. Für uns Juden hat es den Mangel, dass es wohl Rubriken für die wichtigen Ereignisse des christlich-religiösen Lebens enthält, aber das religös-jüdische Leben unberührt lässt. Das ist ja selbstverständlich, denn kein Stammbuch kann beiden Religionen dienen, und alle Stationen des menschlichen Lebens sind noch immer von. Symbolen der Religion begleitet. Es gibt Stammbücher, die vom evangelischen und katholischen Standpunkt bearbeitet sind, aber es fehlt eins mit jüdischen Gesichtspunkten. 2. Vererbung von Eigenschaften zu ermitteln. Was sind die Erfordernisse eines jüdischen Familienstammbuches? Einzusetzen sind die Daten des jüdischen Kalenders. Umrechnungstabellen können mit Leichtigkeit beigefügt werden. Nicht fehlen dürfen in den Stammbüchern leere Seiten, um Biographisches, aber auch Persönliches einzutragen, denn man bedenke, dass für manchen Nachkommen die Daten wenig, die empfundenen Worte alles sind. Ein Kalendarium, wie es in dem Göhl ersehen Buche ist, dürfte sich zweckmässig anreihen, eingerichtet für bürgerliche " und jüdische Daten, ein Namenregister für die Angehörigen schliesst sich an. Wenn wir nun noch einige Blätter für Lichtbilder aus allen Altern des Stammbuchführers und seiner nächsten Angehörigen hinzufügen, so dürften die Erfordernisse beisammen sein, die man an ein jüdisches Stammbuch stellen kann. Die Wege zur Sammlung von Material zur vollständigen Ausfüllung der Räume sind zu finden, Wegweiser finden wir in der „Zeitschrift für jüdischen Familienforschung“, die Dr. Czellitzer seit einigen Jahren mit Umsicht redigiert. Stellen wir zum Schluss noch die Frage der Zweckmässigkeit der Beschäftigung mit Familienforschung zu einer Zeit, wo die Jugend häufig Zielen zustrebt, die von der Familie wegführen, so muss man die Frage bejahen. Immer von neuem muss inan darauf hinweisen, dass der einzelne seinen Halt in Nöten doch am besten an der Familie findet. Unsere Vorfahren waren weder Ritter noch Adlige, aber dies ist auch nicht nötig, um ihrer zu gedenken. Im Gegenteil, dass sie in der Gedrücktheit des Ghettos und in der Plage der Fahrten auf Jahrmärkte und Dörfer das Geistige und Sittlich-Notwendige nicht vergassen, das ist das Grosse, dessen wir immer gedenken mögen. Dass die Mutter oft Wirtschaft und Geschäft versah und den Vater lernen liess, hat durch Vererbung wohl manche Ideale in uns wachgehalten. Wir wollen sie weiter wachhalten