Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 8 (22.11.1929)
- Date
- 1929-11-22
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Gegen die Uebermacht der Wirtschaft /Von Arno Herzberg Wenn heute der jüdische Jugendliche seine Stellung dem wirtschaftlichen Geschehen gegenüber festlegen soll so befindet er sich in einem tragischen Zwiespalt. Was für frühere Jugend gar kein Problem war, das verlangt heute um so stürmischer nach Antwort und zwingt zum eindeutigen Ja oder Nein. Die allgemeine Not der deutschen Judenheit wirft ihre Schatten in einen weiten Umkreis. Sie betrifft viele, die früher den Begriff Not und Entbehrung nur vom Hörensagen kannten. Unter all diesen Verhältnissen ist es natürlich, dass sehr viele Jüdische Jugendliche schon frühzeitig, in einem Alter, in dem man sich sonst noch gar keine Gedanken über Lebensweg und Lebensziel zu machen brauchte, hineingestellt sind in ein Dasein, das sie lehrt, des Lebens Härten bald zu erkennen. Zu plötzlich und zu rasch, zu gewaltig und zu früh ist man hineingestellt in dies freudlose Schicksal. Das man bezwingen muss. Von diesem frühen Zwang zum Lebenskämpfe muss .die Einstellung vieler Jugendlichen verstanden werden, die die heutige Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung als ungerecht empfinden. Man braucht nicht jung zu sein, um sich berechtigt zu fühlen, Kritik an den Zuständen der Gegenwart zu üben. Jeder Tag, jede Stunde ruft für viele das unselig? Missverhältnis zwischen Besitzenden und Niehtbesitzeiiden ins Bewusstsein. Jeder Augenblick, jede Gelegenheit zeigt es: Die Grundlage, auf der manche ihren Lebensweg beginnen, ist für sie selbstverständliches Erfordernis. Für die anderen — die meisten! — eine nur unter harten Mühen und Kämpfen erreichbare Stufe. Trotz allem Idealismus erkennt man bald: Zwischen Sein und Sollen, zwischen Sein und Wollen besteht eine breite Kluft. So schlägt diese Ablehnung bald in eine müde Resignation um. Die Arbeit wird zum mechanischen Tun. Der Wille ist flügellahm. Man redet sich in einen Glauben an die Aussichtslosigkeit seines Bemühens hinein. Man zieht sich auf sich selbst zurück, weil man von den anderen keine Hilfe kommen sieht. Und wie wenig Verständnis von den Aelteren! Manche dagegen werden hart an ihrer Aufgabe. Das Leben prägt sie. Sie sagen nicht ein unbedingtes Ja zu den heutigen Zuständen, aber sie sagen Ja zu der Grösse der Aufgabe, die sie erwartet. Aber es sind nicht zu viele, die so sprechen. Von der wirtschaftlichen Seite kommt abermals eine unselige Gegenkraft, die die Seelenhaltimg des einzelnen beeinflussen und ihn in seiner Stellung zur Gemeinschaft, des Judentums neben der angedeuteten Resignation und Ablehnung gegenwärtiger Wirtschaft in naher und ferner Zukunft bestimmen wird. Vor dem Kriege waren mehr als die Hälfte aller jüdischen Erwerbstätigen selbständig. Heute ist dies Verhältnis umgekehrt worden. Das, was früher das Ziel und die Hoffnung war: im eigenen Geschäft tätig sein zu können, das ist in der Gegenwart in weite Fernen gerückt. Die Jugend hat die Gewissheit und ist in der traurigen Lage, scheinbar ewig ihre Kräfte in den Dienst fremder, an ihrem Schicksal gänzlich uninteressierter und für sie völlig anonymer Unternehmungen stellen zu müssen. Die Furcht vor Ueberalterung hetzt sie. Der Zustand der Jugend ist das einzige Kapital, das sie ihr eigen nennt. Und ihr Verlust scheint die Katastrophe selbst. Das empfinden auch diejenigen, die sonst nachdenken über die unerhörten Umwälzungen, die sich kaum merklich, aber um so wirksamer vollzogen haben. Es kann als sicher gelten, dass nicht allzu erfüllt sehen werden. Und wenn dieses Ideal durch die Notwendigkeiten des Tages, dahinschwinden muss: um so grösser wird der Hang des Dahinlebens in weltanschaulicher und geistiger Bedürfnislosigkeit. Gerade hier ist der Hebel zum Verständnis aller gegenwärtigen Not des Judentums. Die Resignation und das Hadern mit dem eigenen Los führen zu einer Uninteressiertheit am Schicksal der deutschen Judenheit. Das eigene Sein ist zu problemreich. Es wird zu hart empfunden, als dass man noch Sinn hätte für die Bedürfnisse der Allgemeinheit des Judentums. So wird die Masse der Indifferenten immer grösser. Und für sie der Zusammenhang mit dem Judentum immer lockerer. Man redet ins Leere. Das ist das Unheilvolle. Die Masse der jüdischen Jugend wird nicht erfasst. Es sind immer dieselben, denen wir in den Vereinen und bei Veranstaltungen begegnen. Die anderen stehen abseits. Wenn überhaupt noch, so ist Judentum ihnen eine negative Angelegenheit. Sie spüren es nur dadurch, dass es ihnen von judenfeindlicher Seite bewrusst gemacht wird. So wird durch das wirtschaftliche Geschehen und seine Einwirkung auf die Jugend die Frage nach der Zukunft des gesamten Judentums g e s t e 111. Eindeutig ergibt sich die Notwendigkeit, den Weg zu einer erneuten Gemeinschaftsbindung zu beschreiten. Die Voraussetzungen dafür können nur geschaffen werden, wenn man den Hemmungen, die von der wirtschaftlichen Seite herkommen, durch eine geschickte jüdische Wirtschaftspolitik begegnet. Wenn auch der Uebergang breiter Teile der Jugend in das Abhängigkeitsverhältnis des Arbeitnehmers, wrnnn Seelenhaltung und Einstellung, wenn dieses Leben von der Hand in den Mund auch nur das Kennzeichen einer allgemeinen Erscheinung ist, so können doch jiidischerseits gewisse Wege gefunden wTerden, um vorerst vom Materiellen her eine Umstellung und Wendung zu versuchen. Dazu gehört u. a. ein Fördern aller Gelegenheiten und Gegebenheiten für den einzelnen, um zu einer selbständigen Tätigkeit und zu eigner Existenz zu gelangen. Dazu gehört ein Hiirweis auf gewisse Vorzüge der Kleinstadt gerade in bezug auf dieses Sichselbständigmaciien. Und dann eine Betonung der Nachteile der Grossstadt, die den einzelnen durch Raunnveite und Zeitbeschränkung nicht allzuviel auf jüdisches Milieu hinweist. Auch vom Geistigen her muss das Entscheidende erfolgen. Solange uns das Judentum nicht mehr ist als eine geschichtliche Angelegenheit, solange wir nicht seine unvergänglichen Werte betonen, erfühlen und erleben, so lange wird eine Neubelebung nicht kommen. Wir brauchen lebendiges Judentum; das ist neben der unentwegten Betonung unseres Deutschseins die Forderung der Stunde. Um dieses Judentum müssen wir ringen. Wir müssen es uns formen. Wir müssen trotz aller Widerwärtigkeiten nicht aufhören, selbst Gestalter unseres Schicksals zu sein. Die Kraft hierzu muss kommen aus der Erkenntnis des Gegenwärtigen. Und sie muss kommen aus dem Bewusstsein der \ erantwmrtung vor der Zukunft unseres deutschen Judentums. Wir müssen es einhämmern in die Köpfe aller Jugendlichen: Kaum eine andere Generation als die unsrige hatte grössere Verantwortung zu tragen vor der Zukunft. Bei allem Verständnis wirtschaftlicher Schwierigkeiten, bei allem Wissen um geistige und materielle Not: wir müssen den Kampf wmgen, der um unser Sein und unsere Seele geht. Deutsch-Jüdische Jugend Hamburg, Die Deutsch-Jüdische Jugend widmete dem verstorbenen Reichsaussenminister Stresemann eine ernste und weihevolle Stunde des Gedenkens. Chefredakteur Rudolf Michael, M. d. B., entwarf ein Bild des grossen Menschen und Staatsmannes, dieser Persönlichkeit, die in"unserem Jahrhundert, der Zeit des Materialismus, uns das Leben eines grossen Idealisten vorgelebt hat. Ille öeutsclt-Jüdische Jugend Sclineidoinühl hat an dem von der Sportgruppe des R. j. F. in Deutsch-Krone veranstalteten Sportfest teilgenommen und recht beachtliche Erfolge erzielt. Wöchentlich finden Vorträge mit anschliessender Aussprache statt. Die Deutsch-Jüdische Jugend beteiligte sich geschlossen an der von der Gemeinde veranstalteten Mendelssohn-Feier. Sie hat festen Fuss gefasst. Ihre Mitgliederzahl ist im ständigen Wachsen begriffen. Auch in anderen Städten der Grenzmark ausserhalb Schneidemühls konnte sie bereits Erfolge erringen. Bundestag der Kameraden, Alfred Levis Bericht in der letzten Nummer musste aus Raummangel gekürzt werden. Infolge eines Missverständnisses fiel ein anderer als der zur Streichung bestimmte Absatz aus. Wir holen ihn nach, um Irrt inner über die Tendenz des Berichtes zu beheben, der richtig folgendermassen schliesst: „Vielleicht bedeutet die Tatsache, dass man es zur vorbildlichen Bundesarbeit gemacht hat, sich mit den Problemen des Sozialismus auseinanderzuestzen, einen Anfang zu einem Neubewegtsein und zu einem Sich-hinbewregen zu den Dingen des Alltags und der Allgemeinheit. Denn bei der Beschäftigung mit dem Sozialismus ward sich zwrar klar der Gegensatz heraussteilen zwischen ihm als Gesellschaftsbewregung und der Jugendbewegung als einer Bundesgemeinschaftsbewregung, aber es wrird sich zeigen, dass Sozialismus und Jugendbewegung schliesslich doch zusammengehören. Die Jugendbewegung ist, wie Hans Deppe einmal gesagt hat. kein Volksprogramm, sondern in ihr ist der Wille der bürgerlichen jungen Generation zu dem lebendig geworden, was grösser ist als die Vergangenheit: sie sieht die Brüderschaft des Sozialismus.“ Verantwortlich für die Beilage „Von deutsch-jüdischer Jugend.“: Dr. Alfred Hirschberg (Berlin-Charlottenburg). Druck von Rudolf Mosse, Berlin SW 100.