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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1929-11-22 · 8 (22.11.1929) · p. Seite 26

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
5 (1929)
Issue
8 (22.11.1929)
Date
1929-11-22
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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26 Staatszugehörigkeit genügt, sondern hinzukommen muss, der subjektive Wille zur Volkszugehörigkeit. Jede Abwehrarbeit muss getragen sein von einer bestimmten Gesinnung. „Wenn beispielsweise heute jemand im privaten Leben in eine neue Familie tritt, so entsteht die Frage: Will er in dieser Familie als ihr Mitglied Fuss fassen, oder will er zwar alle moralischen und . gesetzlichen Verpflichtungen dieser Familie gegenüber erfüllen, aber im übrigen neben der Familiengruppe hergehen?“ (Ludwig Holländer: „Deutschjüdische Probleme der Gegenwart“, S. 12.) Hier liegt der eigentliche Kern der Problematik, ihn näher freizulegen, hiesse die ungeheuer komplizierte Frage der Eindeutschung aufrollen, was aber den Rahmen dieser Ausführungen sprengen würde. Aber um es noch einmal zu sagen, gemeinsam ist für die deutschen Juden ihre objektive Lage, ihre Bedrängtheit von seiten des Antisemitismus. Und so unmöglich es ist, dass Juden auf die Dauer den Schwerpunkt ihres Lebens dorthin verlegen, wo sie nicht leben, so ungerechtfertigt ist es, dass man die täglichen Nöte nicht gemeinsam zu lindern versucht. Wie die gemeinsame Basis gefunden werden kann, mag hier unerörtert bleiben, Keiner menschlichen Kraft wird es gelingen, durch politische Massnahmen den Antisemitismus in seiner ganzen Tiefe zu vernichten. Er ist eine Erscheinungsform im Gegeneinander der Völker und Gruppen, und er ward erst verschwinden, vcenn aus dem Gegeneinander ein Nebeneinander wird, eine Entfaltung der eigenen Werte und eine Anerkennung der Werte des andern. Einstweilen aber sind wir den nüchternen Gegebenheiten des Tages ausgesetzt und müssen ein Ueberhandnehmen zu verhindern suchen, sovceit es in unserer Kraft steht. A. H. Werner Rosenstock hat die Gedanken seines Aufsatzes am Vorabend der Führertagung Deutsch-Jüdischer Jugend zum Vortrag gebracht, der, wie wir berichteten, politischen Problemen gewidmet wrar, Der Aufsatz stand damals bereits im Satz. Wenn es gleichwohl zweckmässig erschien, die Ausführungen hier im Zusammenhänge und vor einem grösseren Kreise zu wiederholen, so geschieht es, weil wir die Aussprache über den unbedingt notwendigen Eintritt der auf deutsch-jüdischem Boden stehenden jungen Generation in die politische Arbeit für das deutsche Judentum, d. b. in den Centralverein, vor einem möglichst breiten Forum aufnehmen möchten. Vielen werden die Erwägungen Rosenstocks und seiner Freunde mit Problematik zu sehr belastet scheinen, besonders denjenigen, die, bevor sie sich über das Weshalb und Warum ihrer Arbeit im politischen deutsch-jüdischen Lehen klar wurden, bereits gearbeitet haben, ohne dass blosses Trutzjudentum die Grundlage dafür darstellte, ebensowrenig wie bei der Gründung des Centralvereins nur trutzjüdische Gesichtspunkte ausschlaggebend w?aren. Vor allem wird die Aussprache die Unzulänglichkeit einer blossen „Abwehr“ nachzuweisen haben, die im Centralverein ja gar nicht mehr geübt wird, und die Möglichkeiten aufziispüreii versuchen, wie bei der positiven, Persönlichkeiten erfordernden Aufklärungsarbeit die Jugendförderung an den Centralverein gleichzeitig einen Prüfstein des Jugendkönnens bilden kann. Gerade der jungen Generation mit ihrem Streben nach Erkenntnis und Vertiefung jüdischen Weseninhaltes müsste es eine sie tief erfüllende Aufgabe sein, durch eine auf guter Wissensgrundlage ruhende Eigenpersönlichkeit der Umwelt das wrahre Bild des deutschen Juden zu zeigen und für die Anerkennung dieser Werte eintreten zu können. Wir glauben, dass hierüber von vielen manches zu sagen sein wdrd, und hoffen, dass die Anregung, hierüber zu diskutieren, mit demselben Beifall aufgenommen werden wird, mit dem Rosenstock wregen des Ernstes seines Strebens um Klarheit auch diejenigen Zuhörer der erwähnten Veranstaltung Beifall zollten, die ihm nicht zustimmten. Ueber die Berufsaussichten der jüdischen Jugend / Von Lucie Zobel Mehr als jede andere Bevölkerungsschicht ist die jüdische Jugend in ihren Entschlüssen von der Neuordnung der Wirtschaft betroffen werden; die meisten haben, in Erkenntnis der Sachlage, ihre Berufswahl der Realität angepasst. Der kaufmännische Beruf, von der Jugend des jüdischen Mittelstandes am häufigsten erwählt, ist in seinen Berufsbedingungen grundlegend verändert. Noch vor wenigen Jahrzehnten war der jüdische Junge mit der Absicht einer späteren Selbständigkeit Kaufmann geworden; beute muss fast immer die Erlangung einer gehobenen Stellung im Angestelltenverhältnis sein Ziel sein. Er reiht sich also mit dieser Entscheidung mehr oder weniger in das Proletariat ein. Die jüdischen Jugendlichen, meist aus bürgerlichem bzw\ kleinbürgerlichem Milieu kommend, streben fast ausnahmslos nach einer wirtschaftlichen Selbständigkeit, die es im Handwerk heute noch gibt, und kommen auf diese Weise zu dem Entschluss, Handwerker zu werden. Hier liegt auch die Erklärung für die Tatsache, dass die in früheren Jahrzehnten von einzelnen Gruppen der jüdischen Bevölkerung geförderten Bestrebungen, Juden dem Handwerk und der Landwirtschaft zuzuführen, niemals von nennenswertem Erfolge begleitet waren, dass sie sich aber heute, da sie mit den Forderungen der allgemeinen Wirtschaft im Einklang stehen, in immer steigendem Masse durchsetzen. Ohne Zweifel spielt auch jetzt, besonders bei der hündischen Jugend, die Einstellung zur Gemeinschaft eine die Berufsentscheidung wesentlich beeinflussende Rolle. Doch sind es ohne Zweifel die wirtschaftlichen Verhältnisse, die diese Umschichtung erleichtern und vielfach überhaupt ermöglichen. Welchen Umfang diese Umschichtung etwa hat, zeigt die nachstehende Statistik aus den Jahren 1924 bis 1927, die einen Versuch der Berliner jüdischen Berufsberatung darstellt, die Berufe von 1500 Vätern und Söhnen gegenüberzustellen und so die Fortschritte der Umschichtung aufzuzeigen. Es muss hierbei betont werden, dass es sich um jüdische Jugendliche aller Gesellschaftsschichten handelt, die durch die genannte Stelle in ihren Beruf eingereiht sind. Die Statistik des letzten Berichtsjahres zeigt deutlich ein weiteres Ansteigen der handwerklichen und ein Sinken der kaufmännischen Berufswünsche. So sind im Jahre 1928 31 Prozent der Jugendlichen in kaufmännische Berufe, 60 Prozent in handwerkliche und 9 Prozent in freie Berufe eingetreten. Die jüdische Berufsberatung kann aus den Erfahrungen der letzten Jahre mitteilen, dass von den handwerklichen Berufen vorzugsweise jene gewählt wurden, die eine spätere Selbständigkeit gewährleisten,, also vor allem Schneider, Kürschner, Elektrotechniker und andere. Die Gründe hierfür sind, wde bereits erwähnt, der Wunsch, Kleinbürger zu bleiben, zweitens aber die Erkenntnis, dass gerade die Stellung des jüdischen Arbeitnehmers in nichtjüdischem Betrieb eine besonders unerfreuliche ist. Da jedoch die Rationalisierung immer raschere Fortschritte macht und die Lage der selbständigen Gewerbetreibenden immer schwieriger sich gestaltet, muss es gerade Aufgabe der bewussten jüdischen Jugend sein, sich hier eine Stellung zu erobern. Die Produktivierung der jüdischen Menschen wird zweifellos davon abhängen, ob es der berufstätigen Jugend gelingen wird, sich alle Berufe zu erobern. Entscheidende Aufgabe einer jeden Berufsberatungsstelle aber muss es sein, die von ihr beratenen Jugendlichen zu veranlassen, ihre Berufsentscheidung in einer Richtung zu treffen, die mit den wirtschaftlichen Zeitströmungen in Einklag stellt. Berufsgruppe Kaufmann .... Bekleidungsgewerbe Nahrungsmittelgew7erbe Metallgewerbe . Beamte . . . Lohnarbeiter Baugewerbe . . Holzbearbeitung Freie Berufe . VervielfältigungsgewTerbe Gastwirtschaft . . . Lederbearbeitung Spinnstoff ge werbe Gesundheitspflege Musik, Schaustellung Papierbearbeitung . Kunstgewerbliche Beruh Landwirtschaft . Beruf unbekannt Berufsunfählge Väter Söhne Prozentsatz Prozentsatz . 63,54 35,22 . 13,74 29,19 . 3,92 4,44 « 3.13 12^8 2.86 — 2,33 . 1,99 1,06 3.99 1,53 o 0,83 2,13 0.07 . 0,59 0,40 . 0,47 — 0,47 1,59 . 0,40 0,53 . 0,33 0,26 . 0,26 0,79 ■ 0,19 3,33 s 2,23 — — 0,66 100 Proz. 100 Proz. Es entsteht nun die Frage, ob man überhaupt heute noch zum Handwerk, nicht vielmehr zum industriellen Beruf raten soll. Man neigt jetzt sehr dazu, das Handwerk als in nächster Zeit durch die zunehmende Rationalisierung überlebt anzusehen, doch muss man sich hier immer wieder vergegenwärtigen, dass heute noch ein Drittel aller gewerblichen Betriebe in Berlin Handwerksbetriebe sind, und dass in dieser Stadt mehr als eine halbe Million Menschen unmittelbar vom Handwerk leben. Das Handwerk hat heute noch für sehr viele Menschen Aufstiegs¬ und Fortkommensmöglichkeiten, insbesondere kann man Absolventen höherer Lehranstalten, die eine praktisch-technische Begabung aufweisen, sehr wohl raten, handwerkliche Berufe, beispielsweise im Metallgewerbe, zu ergreifen. Bei dem sehr starken Konkurrenzkampf, den jeder einzelne zu bestehen hat, ist es wuchtig, dass sowohl die Schulbildung als auch die Berufsausbildung gut ist. Es ist immer wieder zu

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