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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1929-11-22 · 8 (22.11.1929) · p. Seite 25

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
5 (1929)
Issue
8 (22.11.1929)
Date
1929-11-22
Page
Seite 25 (sequence 1)
Language
German
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itatf&Mttdfel ffeUoffe Oer fit.$ Berlin, 22, ttoDcmbec 1929 [ 3al)C0<wg 5 Selbstbehauptung / Von Werner Rosenstock Es ist in diesen Blättern viel von Wert und Weg jüdischer Selbsterhaltung und jüdischer Weiterentwicklung zur Sprache gekommen. Wenig jedoch wurde hierbei ein Problem behandelt, das, wenn auch nicht von ausschlaggebender, so doch auch nicht von untergeordneter Bedeutung ist: die Sicherung der äusseren Existenz des Judentums, die Einstellung zur Abwehrarbeit. Und es ist gewiss kein Zufall, dass gerade dieser Fragenkomplex bisher keine allzu grosse Beachtung bei den innerjüdischen Auseinandersetzungen, wie sie hier gepflogen werden, gefunden hat. Vielfach liegt der Grund darin, dass man unter der Jugend, und besonders unter der „hündischen*4, eine etwas einseitig geistig-theoretisch orientierte Betrachtungsweise hat. Man misst dem politischen Geschehen der Gegenwart nicht allzu grosse Bedeutung bei und begnügt sich mit einer Freilegung „überzeitlicher4* Werte, was gewiss der Gegenwart auch nottut, nur dass sich hierin die Arbeit nicht erschöpfen darf. Denn ihren Sinn erhält sie erst durch eine Nutzbarmachung für das tägliche politische Geschehen der Gegenwart. Stellt man sich auf den Standpunkt, dass das politische Geschehen nur immer von wenigen getragen wird und dass das Mitmachen der „andern“ mehr oder weniger sinnlose Betriebmacherei ist, und hält man sich demgemäss von politischer Arbeit fern, so bedeutet dies eine Rückkehr in den Polizeistaat, in dem die Ruhe die erste Bürgerpflicht war. Aber auch diejenigen — und dies sind ja wohl die meisten —, die den Durchbruch zu allgemeiner Arbeit, über den Rahmen des Herkimftsbundes .hinaus, gefunden haben, die sich also nicht nur einem kleinen Kreise, sondern der Oeffentlichkeit — in diesem Falle der jüdischen — gegenüber verantwortlich fühlen, stehen der Abwelirarbeit mit nicht geringer Skepsis gegenüber. Denn die Rückwirkungen, die die einseitige Ueberbetonung der Abwehrarbeit hatte, sollten der jüdischen Entwicklung zum Verhängnis werden. Die Abwehrarbeit wurde zum Surrogat einer positiv-jüdischen Bindung, sie wurde alleiniger Ausdruck „jüdischer“ Arbeit, sie erzeugte ein gefährliches und, vom jüdischen Standpunkt aus gesehen, wertloses Trutzjudentum. War es zuerst ein schönes Zeichen der Selbstwürde, dass man sich zur Wahrung der eigenen Rechte zusammenschloss, ja, lag hierin, nämlich in der Bildung einer jüdischen Organisation im Deutschland der Jahrhundert wende, eine revolutionäre Tat, so konnte doch daraus zunächst noch keine Gefahr erwachsen. Denn die damalige Generation war noch stark genug mit jüdischen Werten und jüdischer Atmosphäre verbunden. Heute aber müssen wir sehen, wie viele glauben, ihre jüdischen Verpflichtungen schon dadurch abzutragen, dass sie nach dem Motto „Viel Feind — viel Ehr“ gegen etwas kämpfen, ohne darüber hinaus Bindungen zu dem Judentum zu haben, für das sie kämpfen. Ünd hier setzte die Gegenbewegung derjenigen ein, die für eine Akzentverschiebung nach der jüdischen Seite eintreten, die sich nach jüdischem Leben und jüdischen Werten sehnen. Es wäre aber verkehrt, wenn Menschen dieser Richtung — von denen, die den Zionismus nicht genau genug kennen und die nicht wissen, dass mail Ideen nicht halbieren kann, auch „halbe Zionisten“ genannt — nun in den entgegengesetzten Fehler verfallen würden, indem sie sich den Realitäten des Abwehrkampfes gegenüber verseil Hessen. Wir alle werden uns der Begrenztheit einer „A bw e h r“ bewusst sein. Wir wüssen, dass der Antisemitismus das Judentum begleitet wie der Schatten den Menschen. Wir empfinden, dass es sich hier um Affekte in der menschlichen Seele handelt — Arnold Z wr e i g nennt sie in seinem „Caliban“ D i f f e r e n z a f f e k t e —, die noch gar nicht genügend aufgedeckt sind und die zum Teil auch unserer Einwirkung entzogen sind. Aber all dies (es kann und soll hier nur andeutungsweise gestreift werden) darf uns nicht zu einer allgemeinen Resignation führen. Es muss uns vielmehr dazu bringen, innerhalb der gegebenen Grenzen unsern Platz auszufüllen. Und diese Grenzen sind nicht so eng, wie sie zuerst erscheinen. Mail soll es richtig einschätzen, was es bedeutet, wenn Lehrer, Geistliche, Beamte, die täglich den Einflüssen völkischer Agitatoren ausgesetzt sind und deren Wort für die Wählerschaft etwas gilt, durch Wort und Schrift Material über die tatsächliche Lage der Juden erhalten. Man soll es richtig einschätzen, welcher Wert darin liegt, dass gegen Auswüchse beruflichen und gesellschaftlichen Boykotts eingeschritten wird. Beispielhaft werden nur ein paar Fälle aus der täglichen Praxis herausgegriffen. Mag auch das Anschwellen der nationalsozialistischen Bewegung zunächst keine direkten Folgen haben, so können doch die Auswirkungen für das Vorwärtskommen jedes einzelnen Juden von schwerwiegender Bedeutung werden. Die Bekämpfung des Antisemitismus ist gewiss kein Ideal, an dem sich die Begeisterung der jüdischen Jugend entzünden könnte. Aber sie ist eine Notwendigkeit für jeden, der nicht der jüdischen Zukunft gegenüber verantwortungslos handeln will. Dass hierbei für uns neben der Mitarbeit innerhalb der Ortsgruppen auch Hochschul-„Politik“ in Frage kommt, und vor allem Aussprache mit nichtjüdischen Bünden, sei als Selbstverständlichkeit nur nebenbei erwähnt. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass diese Arbeit mit der notwendigen Würde geleistet wird, unter Verzicht auf jede Anbiederei und Selbstverleugnung. Jenen Typus im „Generalverband der mosaischen Untertanen im Deutschen Reich“, den Sammy Gronemann in seinem „Tohuwabohu“ schildert, und der als deutscher Untertan, „wennschon“ als mosaischer, um sein Recht „bittet“, hat es nie gegeben, und wenn es ihn gegeben hätte, so wäre er der Ablehnung der meisten Deutschjuden gewiss gewesen. Ebenso wie es unwürdig wäre, sich bei der Wahrung jüdischer Interessen hinter dem Pseudonym allgemeiner Menschlichkeit zu verstecken. Getragen von einer tiefen Verbundenheit mit dem Judentum und dem Bewusstsein eigener jüdischer Wertigkeit wird die Abwehrarbeit geleistet. Dass dieser Grundforderimg genügt wird, ist schwerlich zu bestreiten, und soweit sie nicht erfüllt wird, gilt es, nicht abseits zu stehen, sondern b e sse r zu ma ch en. Freilich Messe es, die Problematik der Abwehrarbeit herabziehen, wollte man nur die äussere Lage des deutschen Juden als ausschlaggebend ansehen und nicht die persönlichen Konsequenzen, die der einzelne zu dieser objektiven Lage zieht, in Rechnung stellen. Denn der Kampf wird n i c h t a u s dem Bewusstsein der juristischen, sonder n der moralischen Berechtigung heraus geführt. Nicht der objektive Tatbestand der AUS DEM INHALT: Lucie Zobel: Berufsaussichten der jüdischen Jugend. — Arno Herzberg: Gegen die Uebermaeht der Wirtschaft. — J.Friedlaend e r : Wie richte ich mir ein Familienstammbuch ein.

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