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Central-Verein-Zeitung · 1929-11-15 · 46 (15.11.1929) · p. Seite 613

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
46 (15.11.1929)
Date
1929-11-15
Page
Seite 613 (sequence 5)
Language
German
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Hl 3 vor -em Hürgerkrieg? Hort, -en Warnruf! Rechtsanwalt Hermann M a r t i n, als Vertreter der preußischen Staatsregierung bei Verfahren wegen Auflösung nationaler Verbände vor dein Staatsgerichtshof bekannt, sende: seiner vielbeachtlichen Denkschrift „Zehn Jahre Stahlhelm" eine Broschüre nach „Bor dem Bürgerkrieg" (Kommissionsverlag E. F. Fleischer, Leipzig). Tie Arbeit des gut unterrichteten Verfassers verdient stärkste Aufmerksamkeit. Martin knüpft einleitend an eine Bemerkung Delbrücks über Bismarck an, die sich aus die rechtsradikale Bewegung der achtziger Fahre iu Frankreich, den Bonlangismus, der ■ allerdings einen kläglichen Ausgang nahm, bezieht: „Die Gefahr war so groß, daß er (Bismarck) es nicht inehr für richtig hielt, sie zu verhehlen, sondern sie zu bekämpfen durch offenes Aussprechen." ..Bon diesem Bismarckschen Grundsatz", so schreibt Hermann Martin, „lassen wir uns leiten, wenn wir diese Schrift der Oeffentlichkeit übergeben. Deutschland befindet sich perlte in denkbar größter Gefahr, was aber von derr meisten noch nicht erkannt ist. Die reaktionären Parteien und die vaterländischen Verbände haben fick) mit der sozialrevolutionären Arbeiterpartei verbündet^ und sind im Begriff, rrns in einen Bürgerkrieg zu stürzen, dessen Ende die Diktatur des Proletariats sein dürste." Martin sagt dann weiter bei einer Würdigung der politischen Bedeutung des Volksbegehrens: „Die im Reichsansschnß vereinigten Feinde der Republik machen einen letzten verzweifelten Versuch, die äußere Befreiung Deutschlands auf dem Wege der Verständigung mit Frankreich zu hintertreiben, um die innere Befreiung nicht zu gefährden. Ob Dawes- oder Poung-Plan, ist ihnen im Grunde ganz gleichgültig, aus 700 000 000 Mark jährlich mehr oder weniger kommt es ihnen nicht an, wo so große Dinge im Werke und Werden sind." „Wenn Hugenberg und seine Freunde nichts weiter bezweckten, als statt des Poung-Planes den Dawes-Plan wieder in Kraft zu setzen, so würden sie sich nicht mit der Revoültion verlnnrden haben. Aber sie brauchen die Nationalsozialisten, wenn sie den Marsch nach Berlin Vorhaben, denn alle Welt weiß, daß die Hitler-Leute die größten Draufgänger sind, durch tägliche Raufereien und Schießereien mit den Kommunisten für den Bürgerkrieg trainiert, und daß sie über eine ansehnliche Mitgift verfügen in Gestalt ihrer Waffenlager, von denen ungefähr in jeder Woche eines ansgedeckt wird." Den Marsch aus Berlin und die einzelnen Phasen des Bürgerkrieges, der, wenn es so wie bisher weitergehl, entstehen müsse, stellt sich Hermann Martin folgendermaßen vor: „Hindenburg legt sein hohes Amt nieder, sei es wegen seines Alters oder Gesundheitsrücksichten oder auch weil es ihm von der Partei verefeit worden ist, die ihn seinerzeit aus den Schild erhoben hat ... Es wird der Kandidat der Linken gewählt werden, hoffentlich sogar ein Sozialdemokrat. Die Armee wird das als einen harten Schlag empfinden. Nach dem Generalfeldmarschall vielleicht Loebe! Sobald nun die Wahl des neuen Reichspräsidenten stattgefunden hat, treten der Bund der Frontsoldaten und die Nationalsozialisten — es werden mindestens 100 000 Mann zur Stelle sein — den konzentrischen Marsch nach Berlin an, den sie im stillen aus das sorgfältigste vorbereitet haben, um die Inthronisation des neuen Präsidenten zu verhindern und ihren Kandidaten auf den Stuhl des Präsidenten zu setzen. Die preußische Regierung wirst ihnen die Schutzpolizei entgegen. Die weiße Armee wird diesen Karnps aber hinhaltend führen, da sie es mit der Schutzpolizei aus einem bestimmten Grunde nicht ganz verderben will. Die Kommunisten warten ja nur auf die Staatskrise, um die Revolution weiter zu treiben. ,Die Reaktion marschiert* wird ihre Parole sein. Nun erklärt der Reichspräsident den Ausnahmezustand nach Art. 48 RD. und bietet die Reichswehr gegen die Kommunisten auf. Damit wäre dann der große Moruent gekommen, in der sich für die Feinde der Republik alles zürn Besten wenden muß. Die Arbeiter werden wie am 9. November 1918 aus die Straße gehen und mit den Kommunisten gemeinsame Sache machen, wenn sie den Eindruck gewinnen, daß die Reichswehr sich weigert, aus die Faschisten zu schießen. Genau wie beim Kapp-Putsch. Das Reichsbanner ischwarz-Rvt-Gold wird sich im Banne dieser Vorstellung ebenfalls mit dem Roten Frontkämpserbund verbrüdern. Was wird in dieser kritischen Lage, in der nicht nur^ die Form des Staates, sondern auch seine Existenz aus dem Spiele steht, der Negierung, selbst wenn sie noch von Hermann Müller geführt Serben sollte, anderes übrigbleiben, als ihren Frieden mit den Faschisten zu machen, um auch die Schutzpolizei gegen die Arbeiter einsetzen 31t können? Der Stahlhelm und die Nationalsozialisten werden nicht ermangeln, der bewaffneten Macht des Landes in diesem schweren Kampfe beizustehen. Das Ende vom Liede wird die Nationaldiktatur sein als Nebergangszustand zur Wiederherstellung der Monarchie. Nach einem Bürgerkrieg kann die Partei, die den Sieg davongetragen hat, selbstverständlich nur diktatorisch regieren." Die Entwicklung der Dinge in Deutsch- Oesterreich verläuft ganz ähnlich wie bei uns. Wirkt vorbeugend! Fachinger Versandstelle, 'Berlin SW 11, Schöneberger Strasse 16a. Telefon: Lützow 8260/61. „Oesterreich befindet sich heute in der gleichen Gefahr, seine Staatsmänner bandeln jedoch nicht nach jener Dismarckschen Maxime, fonbern suchen die Gefahr zu vertuschen. Bon dein obersten Heimwehrsützrer Dr. Steidle wird mit Anwendung von Gewalt gedroht, und am 18. September erschien jn der ,Alpenländischen Heimatwehrst dem offiziellen Bundesorgan der Heimwehr, die Fetzte Warnungst die mit den Worten schließt: ,Die Zeit ist gekommen, der Zeiger geht auf 12 Uhr/ Das Leitmotiv Steidels ist: .Wenn die Berfassnngsresvrm durch den Reichsrat nicht bald kommt, so werden wir sie erzwingen/ ,Es geht los Ist das ist heute in Oesterreich die allgemeine Meinung. Die Lage hat eine fatale Aehnlichkeit mit derjenigen Italiens im Sommer 1922. Ein ausgezeichneter Kenner österreichischer Verhältnisse hat uns versichert, daß auch der Antisemitismus eine der stärksten Triebfedern der Heimwehrbewegung sei." Noch ist Zeit, zu warnen und dem Bürgerkrieg entgegenzuwirken. Martin verdient Dank, daß er es tut. Der Gchuhherr der Sklareks. Bruhn verhinderte die rechtzeitige Aufdeckung der Korruptionswirtschaft. Ter Sktarek-Skandal zieht immer weitere Kreise. Trotzdem im Neigen der dunklen Gestalten um die Gebrüder Sklarek an vorderster Stelle der bekannte Judenfeind und deutschnationale Reichstagsabgeordnete Wilhelm B r u h n steht, wird eine gewisse Presse nicht müde, die Geschäftsmethoden dieser Schädlinge als Ausfluß jüdischen Geistes und jüdischer Geschästsmoral Hinzustetten. Um so pikanter wirkt es, wenn nunmehr bekannt wird, daß der erste, der mit Energie, doch leider ohne Erfolg, der Korrnptionsclique um die Kleiderverwertnngsgesellschaft (KVG) zu Leibe zu gehen versuchte, ein j ü d i s ch e r Bezirksverordneter war. Ter Mitbegründer der „Neichspartei des deutschen Mittelstandes", der Charlottenburger Bezirksverordnete Hermann P e r l, brachte im Jahre 1927 in der Charlottenburger Bezirks- Versammlung die Preistreiberei und viele andere Mißstand-e, die sich im Berkehr zwischen den Organen der Stadt und der KVG herausgestellt hatten, zur Sprache. Zum Dank für diese pflichtgemäße Wahrnehmung der ihm anvertrauten öffentlichen Interessen ergoß der Abgeordnete Wilhelm B r u h n in der „Wahrheit" vom 7. Mai 1927 eine Schmutzftut niedrigster persönlicher Beschimpfungen über Herrn Perl. Unter der Ueberschrift „Der .geschäftstüchtige" Perl" schrieb Bruhn: „Die Wirtschaftspartei hat allerhand .Politiker" in sich vereinigt. Eine ganz besondere Zierde hat sich diese Partei in dem Charlottenburger Bezirksverordneten Heymann (Hermann) Perl zugelegt, der sich erdreistet, über öffentliche Angelegenheiten mitzureden, vbwohl er alle Ursachen hat, sich bescheiden zurückzuhalten" und berichtet dann über die Anfrage des Herrn Perl, die er als Tischgenosse und Gastfrennd der Sklareks selbstverständlich als völlig unhaltbar und unbegründet Zurückweist. In unerhörter Weise greift er dann Herrn Perl persönlich an, erhebt gegen ihn eine Reihe schwerster ehrenrühriger Vorwürfe, die er später, als Herr Perl ihn wegen Beleidigung verklagt hatte, zurücknehmen mußte mit der Erklärung, „diese Behauptungen nicht mehr ausstellen und nicht wiederholen zu wollen". Dabei stellte sich die interessante Tatsache heraus, daß Bruhn, der Vorkämpfer für „deutsche Art und nationale Ehre", diese schweren Ehrenkränkungen auf Grund einer Information ausgesprochen hatte, die von dem ebenfalls in den Sklarek-Skandal verwickelten Schwager der Sklareks, dom Kaufmann Albert Kleszewski, herrührten. Derartige Unterlagen genügten ihm, um einen in weitesten Kreisen des gewerbtichen Mittelstandes Groß-Berlins durch seine jahrelange Tätigkeit für die Interessen des Mittelstandes hoch angesehenen deutschjüdischen Kaufmann aufs schwerste zu beleidigen und seine pflichtmäßige Amtsansübung „eine aufgelegte gali- Zische Dreistigkeit" zu nennen. Durch eine Revision der Handelskammer wurde später der Nachweis erbracht, daß die Behauptungen Perls über die Uebervorteilung der Stadt durch die Sklareks iu jeder Beziehung berechtigt waren. Trotzdem schenke sich Bruhn nicht, in späteren Nummern der „Wahrheit" den Kampf gegen Perl fortzusetzen, ihn als den „Mann mit einer eisernen Stirn, der wider besseres Wissen die dreiste Anfrage in der Charlottenburger Bezirksversamlung Zu stellen wagte", zu bezeichnen und seinerseits noch Jahre hindurch den Schutzherru und Protektor der so freigebigen Sklareks zu spielen. Auch ein anderer deutscher Jude, der im vorigen Jahre verstorbene demokratische Stadtverordnete Kommerzienrat B a m b e r g , hat rechtzeitig vor den Sklareks gewarnt und der Stadtverwaltung allergrößte Vorsicht bei den Geschäften mit der KVG an geraten. Jüdische Deutsche haben also Zuerst versucht, die Korruptionswirtschaft aufzudecken — der antisemitische Vorkämpfer Wilhelm B r u h n ist ihnen, zum Schaden der Bürgerschaft Berlins, in den Arm gefallen. Dt'. Werner Rosenberg.

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