Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 46 (15.11.1929)
- Date
- 1929-11-15
- Page
- Seite 612 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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612 Das Wahlergebnis von Lübeck. Die Nationalsozialisten von 0 auf 6. Tie Bürgerschaftswahlen' in der alten Hansastadt Lübeck haben wiederum durch die zügellose und eifrige Agitation der Nationalsozialisten mit dem Siege der extremen Verbände geendigt. Zentrum und Demokraten konnten die Zahl ihrer Mandate halten, während die Sozialdemokraten von ihren 35 Sitzen einen verloren haben. Der Hanseatische Volksbund, die Vereinigung der Volkspartei und der Deutschnationalen, hat nur 29 Mandate, gegenüber 36 im Jahre 1926, errungen. Die lachenden Erben der Parteiunzufriedenen waren die Kommunisten, die zwei Mandate mehr als bei den vorigen Wahlen, und die Nationalsozialisten, die sechs Mandate statt 0 im Jahre 1926 erringen konnten. Die Umgruppierung der Wählerschaft, bei anderen Wahlen oft undurchsichtig, ist hier leicht zu erklären. Bei zunehmender Wahlmüdigkeit der älteren Generation hat sich der Nachwuchs des Lübecker Bürgertums in erster Linie aus die Seite der extremen Rechten geschlagen, wahrend die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse die Unzufriedenen der SPD. den Kommunisten in die Arme trieben. Der Wahlkampf wurde verhältnismäßig ruhig geführt; man könnte sagen, halb wütend und halb heiter. Der Humor beherrschte neben der üblichen Wahlmache das Schlachtfeld. Zu Besorgnissen ist kein Anlaß, aber auch nicht zur Selbstzufriedenheit. Das zähe Anschwellen der Nationalsozialisten nun auch in Lübeck beweist von neuem, daß diese Gruppe immer noch im Ansteigen begriffen ist. Schon wieder eine Frieöhofsfchän-ung. Aus dem jahrhundertealten jüdischen Friedhof in Floß bei Weiden in Bayern wurden in der Nacht zum 28. Oktober zwei Grabsteine umgestürzt und zwei Kindergräber verwüstet Die Gendarmerie hat die Verfolgung der Täter, die die Friedhofsmauer beschädigt und den Ausgang in gemeinster Weise beschmutzt haben, sofort ausgenommen, konnte aber bisher noch niemanden feststellen. Gefängnis für den Nationalsozialisten Dietrich. Ter frühere nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete und berüchtigte Hitler-Agitator Lehrer D i c 11 i ch (Koburg), der während seiner Abgeordnctentätigkcit für verschiedene nationalsozialistische Blätter verantwortlich zeichnete, wurde vom Bezirksschöffengericht in Worms wegen Vergehens gegen das Republikschutzgesetz, Beleidigung der Reichsfarben und Preßvergehens zu zwei Monaten und einer Woche Gefängnis verurteilt. Dietrich mußte aus der Schule heraus verhaftet und dem Gericht zwangsweise vvrgcführt werden, da er trotz wiederholter Aufforderungen zu früheren Verhandlungen nicht erschienen war. Auch eine „Zudensiatistik". Mus ba-ifchen Wahlergebnissen. Wir haben stets den Grundsatz ausgestellt, daß keine Aufklärung durch Schrift und Bild so wirksam ist wie die menschliche Beziehung, wie das nachbarliche Miteinanderleben zwischen Juden und Nichtjuden. Eine klare Bestätigung dieses Grundsatzes geben uns die badischen Landtagswahlen im Amtsbezirk L ah r - E t te nh e i m. Die nachstehende kleine Statistik zeigt, daß in den Ortschaften, in denen Juden wohnen, der Anteil der nationalsozialistischen Stimmen, mit Ausnahme des Ortes Lahr selbst, nicht über 2,5 vom Hundert gestiegen ist, während in den Orten, wo keine Juden leben, die Nationalsozialisten bis 30 Prozent der Stimmen erringen konnten. Orte m i t jüdischer Bevölkerung. Altdors . . . etwa 0,5 v. H. (6,1) Ettenheim . . etwa 1.5 v. H. (1,4) Friesenheim. . etwa 2,5 v. H. (1,7) Kippenheim . etwa 1,0 v. H. (8,4) Rust .... etwa 1,0 v. H. (2,1) Schmieheini . . etwa 0,5 v. H- (17,8) Die eingeklmn werten Zahlen bezeichnen den rung auf Grund der Volkszählung von 1925. Die Moral: Lernt Inden, und Judentum alle schlechten Gerüchte über sie. . - Orte o h n e jüdische Bevölkerung. Allmannsweiler . . . etwa 14 v. H. Dundenheim .... etwa 25 v. H. Meißenheim .... etwa 20 v. H. Schutterzell .... etwa 30 v. H. Ottenheim .... etwa 15 v. H. il der jüdischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkeen. Nur wer Juden nicht kennt, glaubt Me „nationale" Mrbeit geleistet wird. Ein Nunöschreiben -er Ortsgruppe wittow -es »Uonigin-Luise-Sunöes". Vor einigen Wochen erschien, herausgegeben Dom „Jungnationalen Bund", eine Flugschrift „Hie junge Nation". Man mag 31t ihrem Inhalt stehen wie man will; jeder ernste Deutsche wird dankbar anerkennen müssen, mit welchem Verautwortungsgesühl, mit welch starkem sittlichen Willen hier jugendliche Führer über deutsche Aufgaben der Gegenwart und Zukunft sprechen. Da lesen wir Lätze wie: „Wir, die heute Heranwachsende Jugend, sollen und müssen der Nation, deren -Zukunft in ihren Menschen geschlossen liegt, die reinen Kräfte zum Guten und Edlen ersetzen, die unsere gefallenen Brüder mit sich in die zahllosen Gräber des Krieges genommen haben. Erschrecken wir nicht, wie tief wir in der Schuld der Nation stehen? . . . „Finden wir nicht trotz aller guten Vorsätze erschreckend viel tönendes Geschwätz und launische und geschäftige Wichtigmacherei, beschönigte Trägheit und launische Unbeständigkeit unter un§? Wer von uns weiß sich wirklich frei von Ueberheblichkeit und Eitelkeit, von Selbstsucht und Bequemlichkeit, von GleichgüWgkeit und Feigheit?" Diese aufrichtigen Worte nötigen jedem Achtung ab vor dem Mut, mit dem solche Feststellungen in aller Oesfentlichkeit gemacht werden. Eine völlig andere Gesinnung zeigt ein Rundschreiben, das aus einem Kreise kommt, der in seiner nationalen Einstellung der jungen nationalen Jugend nahe- ...aber Kathreiner muss es <em. , -m ckt ein ürbeliediger 'AalrkaKe.'" «Sw zustehe n wäh n t. Die Ortsgruppe Wittow des „König in-Luise-Bund" hat "folgendes Rundschreiben verschickt, das der „Vorpommer" in seiner Nummer 263 vom 8. November veröffentlicht. Der Anfang dieses Rundschreibens lautet: „Bund,Königin Luise' Ortsgruppe Wittow. z^vitz. 26. 10. 29. An alle Kameraden! Am Mittwoch, 30. 10., abends 8 Uhr, suchet im Hotel ,Bismarck' in Wiek unsere nächste Versammlung statt. Da ich Lichtbilder verführen lasse, irr denen die ganze Entsetzlichkeit der Inden gezeigt wird, so hoffe ich, das; sich recht viele Kameradinnen diese ansehen. . Wir wollen über diese Beschimpfung des Judentums kein Wort verlieren. Wahre nationale Jugend ergeht sich nicht in wüsten Schimpfereien gegen Andersdenkende, sondern versucht, an sich zu bessern und durch Gestaltung eines nationalen Typus Deutschland zu dienen. Das ist ein Weg nationaler Arbeit, über den sich durchaus reden läßt. Freifrau von Bot h m e r, die Ortsgruppensührerin des „Königin-Lnise-Bund" zu Wittow. führt dagegen Lichtbilder vor, in denen sie „die ganze Entsetzlichkeit der Juden" zeigen will. D a s h ä l t s i e s ü r n a t i o n a l e A rbei t. Wir stellen fest, daß die Ortsgruppe Wittow des „Königin-Luise-Bund" würdig ist, in Herrn Hitlers Reihen einzutreten. Sollte die Vorsitzende aber den Wunsch haben, die Lichtbildvorführungen über Juden und das Judentum sortzusetzen, so stellen wir ihr gern Photographien von annähernd 80 zerstörten jüdischen Friedhöfen zur Verfügung. * Bei dein Kamps um das Volksbegehren soll nach Pressemeldungen in einer Versammlung des Luise-Bund zu Waldenburg, die unter dem Vorsitz einer Frau von S ch m o r r e n s e i l stattjsand, die Reserentin, die Rittergutsbesitzerin von Buddenbrock aus Leutmannsdorf, Kreis Schweidnitz, folgendes ausgesührt haben: „Vor bem Kriege lag die Regierung in den Händen deutscher Männer, heute werden wir von Juden regiert. Diese sind keine Menschen, sondern Lumpenpack. In den Klubsesseln der Regierung sitzen nur but<fj Bazillen verseuchte Männer und Eiterbeulen. Wir wollen uns nicht von Krummnasen, Kraushaaren und Plattbeinen regieren lassen und nicht zuletzt von einem Grzesinski, dein unehelichen Sohn eines Juden Cohn, der von seinem Stiefvater später adoptiert worden ist." Wir haben nichts davon gehört, daß Frau von Schmorrenseil etwa ein Berichtigungs- Verlangen gestellt hätte.