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Central-Verein-Zeitung · 1929-11-15 · 46 (15.11.1929) · p. Seite 611

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
46 (15.11.1929)
Date
1929-11-15
Page
Seite 611 (sequence 3)
Language
German
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m eines Gottfried Keller empfehlen mit seinem prächtigen Stolz auf verantwortungsbewußtes Staatsbürgertum und möchte sie auf seinen schönen Spottvers verweisen von dem Manne, der „über den Parteien zu stehn sich wähnt mitstolzen Mienen, der steht zumeist beträchtlich unter ihnen". Selbsterniedrigung z u m Untertan oder Bekenntnis zum b e w u ß t e n S t a a t s b ü r g e r, das istdieWahl. Aber Kommunalpolitik? Kann sie wirklich auch dem etwas geben, der nach vertiefteren Aufgaben sucht? Hat sie für den deutschen Juden, der sich um eine Neugestaltung unseres Staatsleben bemüht, eine Bedeutung? In der letzten Nummer der „C. V.-Zeitung" wurde von Dr. Alexander (Krefeld) ausgeführt, welche praktische Bedeutung die Kommunalpolitik für unsere Lebensgestaltung und auch für die Lage der deutschen Juden hat. Hier sei noch in Ergänzung dazu der mehr ideelle Ausgabenkreis skizziert, der den Gemeinden und Städten gesetzt ist. Es ist schon beinahe ein Gemeinplatz geworden, daß wir nach einer Epoche des Bestimmtseins unserer Politik durch auswärtige Fragen in eine Periode innenpolitischer Arbeit kommen. Ziel dieser innenpolitischen Auseinandersetzung kann immer nur das eine sein: die Bildung einer wahren d e u t s ch e n Volksgemeinschaft auf der Basis des Volks st a a t e s. Und wir deutschen Juden haben immer wieder betont, daß wir letzten Endes in dieser Volksgemeinschaft die Lösung auch unserer persönlichen Fragen sehen, daß wir um ihretwillen unseren schweren Kampf führen. Eine solche Gemeinschaft aber kann nicht von oben her begründet werden, sie muß organisch von unten heraus wachsen. In den öffentlichen Körperschaften unserer Gemeinden und Städte, in denen Menschen der gleichen Landschaft, der gleichen Sprachform und der gleichen Lebensweise die Nöte und Sorgen ihres engeren Kreises zu meistern suchen, kann und wird sich die erste Anbahnung einer Annäherung vollziehen. Hier wird sich die „Front der anständigen Menschen" formieren, und aus so verbundenen Kreisen wird dann allmählich eine Volksgemeinschaft entstehen, die in der Staatserhaltung und in aufbauender Staatsbürgerarbeit verbunden ist. Das wird nicht mit großen Worten und Manifesten geschehen, sondern mit zäher und unermüdlicher Arbeit an gegebenen Einzelausgaben. Darum bieten nur diejenigen politischen Gruppen die Gewähr für eine Erreichung des großen allgemeinen Zieles, die entschlossen sind, in unseren Gemeinden und Städten sachliche, nüchterne und sinnvolle Einzelarbeit zu leisten. Gerade wer das Wunschbild der wahren Volksgemeinschaft vor Augen hat, und wir deutschen Inden sollten es immer haben, sollte es als eine Ehrenpflicht ansehen, seine Stimme dafür in die Waagschale zu werfen, das; den arbeitsbereiten Parteien die Arbeit an Stadt und Gemeinde ermöglicht wird. Alles in allem: angesichts der großen Entscheidung, die der kommende Sonntag in Preußen bringen wird, tut die Sammlung aller verfügbaren Kräfte auch der deutschen Juden not. Wer zurückbleibt, versündigt sich schwer an der Gesamtheit. Keine Stimme den Feinden ruhigen Ausbaus unseres Vaterlandes, und keine Stimme einem Vertreter der Bekämpser unserer Gemeinschaft als deutsche Juden. Aber jeder von uns ein Kämpfer für sachliche Arbeit, für Einigkeit im Volksstaate, für wahre Volksgemeinschaft. Nicht müder Verzicht, frohe Zukunftshoffnung sei unsere Losung. In diesem Zeichen wollen wir alle am 17. November unsere Pflicht tun. Dr. Friedrich Brodnitz. Gtrrderrtemmvuhen in Wien und Vevlin. An der Wiener Universität haben, wie aus den Tageszeitungen bekannt, in den letzten Tagen wiederholt Ueberfälle völkischer Stutzenten auf jüdische und sozialistische Studierende stattgefunden. Der gesamte akademische Unterricht an den Wiener Hochschulen mußte stillgelegt werden. An Stelle einer Wiederholung der bereits in den Tageszeitungen gegebenen Schilderungen dieser empörenden Vorgänge veröffentlichen wir nachstehend die Zuschrift einer jungen Wiener Studentin, deren ehrliche Entrüstung darüber, daß solche Vor- .gange sich in einem Kulturstaat überhaupt noch abspielen dürfen, alle wahrhaft deutsch Fühlenden teilen werden. Sie schreibt: Wien, den 8. November 1929. Wenn jemand auf der Straße verprügelt wird, so hat die Polizei einzugreisen. Wenn in dem antisemitischsten Staat ein Jude auf der Straße verprügelt wird, so muß selbst die antisemitischste Polizei eingreifen, solange wir noch unter einem Gesetz leben. Wenn in dem antisemitischsten Staat ein Jude in ernern Geschäft etwas kauft, und statt der Waren Prügel erhält, so muß ebenfalls die Polizei eingreifen, wenn aber an der Universit ä t W i e n und an den übrigen Hochschulen jüdische Studenten verprügelt werden, so greift niemand ein. Hier bezahlen jüdische Studenten ihre Kolleggelder in der Meinung, Kollegs hören zu dürfen, um wissenschaftlich zu arbeiten. .Mer was erhalten sie dafür? Prügel. Ja, noch mehr, sie werden lebensgefährlich verletzt. Es ist vorgekommen, daß ein jüdischer Student unter den Stockhieben vieler deutscher Mannen und unter den höhnischen Rufen: „ein Judenschädel hält viel aus", Zusammengebrochen ist und der Pedell sich weigerte, ein Sanitätsauto zu alarmieren. Und warum geschieht das alles? Hier herrscht akademische Freiheit. Die Universität besitzt Autonomie, d. h. der Rektor und die Professoren haben selbst für Ruhe und Ordnung zu sorgen, die Polizei d a r s n i ch t eingreifen. Allerdings die Rampe der Universität untersteht gar keiner Gewalt. Der Rektor lehnt jede Verantwortung ab. Die Rampe gehöre nicht mehr zur Universität. Jedoch nach der Meinung der Polizei gehört die Rampe zur Universität. Soll man sich wundern, wenn die edlen deutschen Mannen besonders diesen Ort zum Schauplatz ihrer Heldentaten wählen? Hier herrscht kein Gesetz, von einem moralischen Gesetz ganz zu schweigen. Hier herrscht nur die viel besungene, viel gepriesene akademische Freiheit! Hier können ganze Trupps über einen einzelnen Juden herfallen. Wahrlich, der einfachste Mann aus dem Volke ist sicherer als der verprügelte jüdische Student. Man könnte einwenden, diese Prügel richte sich auch gegen die Sozialdemokraten, aber steht es einem denn aus dem Gesicht geschrieben, daß man Sozialdemokrat ist? Das Wort Jude, das steht vielen auf dem Gesicht geschrieben. Wenn Sozialdemokraten verprügelt werden, so werden nur jüdische Sozialdemokraten verprügelt. Und wodurch schützen sich die jüdischen Studenten, da ihnen niemand hilft? Sie bilden einen S e l b st s chu tz. Man ist sich zwar klar darüber, Prügel wird num weiter beziehen. Denn die andern sind zahlenmäßig in der Uebermacht: aber man wird die Prügel gemeinsam beziehen und wird wieder schlagen, aber herausgeprügelt wird man trotzdem. Man fühlt sich hier in mittelalterliche Zustande versetzt und glaubt nicht in einer zivilisierten Stadt Europas im Zwanzigsten Jahrhundert zu leben. Allerdings im Mittelalter \mx es der Pöbel, der die Juden schlug, hier sind es die führenden Kreise unseres Volkes. Selbst Professoren, die als edles Vorbild dienen sollten, Helsen mit, die Hakenkreuzler aufzuhetzen. Nachdem aus dem Hörsaal VII alle jüdischen Studenten heransgeprügelt waren, brachte Dekan Dr. Hold ein Hoch auf die deutsche Studentenschaft aus! Und erst nachdem sich die unerhörtesten Ereignisse, wie z. B. in der Anatomie, ereigneten, begann Rektor G l e i s b a ch durch die Sperrung der Hochschulen einzugreifen. Wann werden sich diese Zustände ändern? Hoffentlich dann, wenn die Antwort erfolgen wird. Die Antwort wird sein: Eine um ein Beträchtliches verminderte Hörerschaft und dadurch verminderte Kollegiengelder. Eine so gute Universität wie in Wien gibt es auch woanders. Ich glaube, ein großer Teil nicht nur der jüdischen Studenten, sondern auch der anders konfessionell gerichteten Hochschüler, nämlich all die, die diese Vorgänge als Schmach ansehen, werden fernerhin diese Universität meiden. 8tuck. jur. Steffi Klinenberger. * Die Wiener Studentenkrawalle, durch die die Politik der Straße in die Hörsäle getragen wurde, hat auf die Berliner Gesinnungsgenossen dieser sogenannten Akademiker ansteckend gewirkt. Aus Protest gegen das Verbot des Rektors, den diesjährigen Ball der „Allgemeinen Deutschen Studentenschaft", zu der vorwiegend völkisch eingestellte Kreise gehören, aus einem Plakat als „Universitätsball" schlechthin anzukündigen, versammelten sich mehrere Hunderte rechtsradikaler Studenten auf dem hinter der Universität gelegenen Hegelplatz. Im Anschluß daran veranstalteten sie in den Korridoren des Universitätsgebäudes eine die Vorlesungen störende Demonstration, die sich im wesentlichen gegen indische und sozialistische Kommilitonen richtete. Um schwereren Mißhandlungen zu entgehen, waren die bedrängten Studenten gezwungen, sich durch eingeschlagene Fenster im Erdgeschoß der Universität ins Freie zu retten. Ein größeres Polizeiaufgebot stellte die Ruhe wieder her, nahm sechs Demonstranten in Haft und lieferte sie ins Polizeigefängnis ein. Es ist sestgestellt worden, daß sich unter den Störenfrieden Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, und zwar nichtimmatrikulierte Studenten, befunden haben. Das Anschlagsbrett des Nationalsozialistischen Stndentenbundes wurde beschlagnahmt. Der Rektor hat im Lause des Tages dem Kultusminister über die bedauerlichen Vorgänge Bericht erstattet.

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