Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 46 (15.11.1929)
- Date
- 1929-11-15
- Page
- Seite 610 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsere Wahlrede. Wer in den letzten Wochen Gelegenheit hatte, mit Menschen unserer Kreise über ihre Stellung zu den Wahlen am nächsten Sonntag zu sprechen, der mußte oft eine sehr bedauerliche Feststellung machen. Neben vielen Freunden, die die Bedeutung der Kommunalwahlen für uns als deutsche Staatsbürger und als Juden richtig einschätzten und danach ihr Praktisches Verhalten einzurichten gedachten, fanden sich viele, die glaubten, sür ihre Person aus eine aktive Stellungnahme verzichten zu können. Eine Stimmung müder Resignation tonnte und fami in weiten Kreisen des Bürgertums allem politischen Handeln und Tun gegenüber festgestellt werden. Man würde diese Stimmung in ihren Grundlagen zu leicht nehmen, wenn man glaubte, es genüge, sie mit den üblichen Schlagworten abzutun. Auch der Satz „Wahlrecht ist Wahlpflicht" versagt hier, denn er hat zur Voraussetzung, daß man politisches Tun überhaupt bejaht und für nötig hält. Wollen wir allen den vielen, die sich heute aus — wie sie selber glauben — guten Gründen tunt jedem staatsbürgerlichen Handeln fernhalten, wirksam entgegentreten, so müssen wir uns näher mit ihren Gedankengängen beschäftigen. Wir werden uns dabei, nach dem Grundsatz, daß jeder vor seiner Tür kehren" solle, aus unseren engeren Kreis beschränken und versuchen, un@ mit der Wahlmüdigkeit, wo wir sie bei uns deutschen Judeit finden sollten, auseinanderzusetzen. Wir können nun für diese Betrachtung zwei Gruppen von Menschen unterscheiden. Die erste setzt sich zusammen aus Männern und Frauen, die an sich durchaus die Voraussetzungen für politisches Verständnis mitbringen/ Menschen von gutem Verstand, sicherer Meisterung ihrer beruflichen Lage und ausreichender Welt- und Lebenskenntnis. Sie erleben mit uns allen die bedrängte und schwere Lage ihres Vaterlandes, die gefahrvolle und bedrohte Situation des deutschen Judentums. Wenn sie sich die Mühe nehmen, den Ablauf der Tagesereignisse genauer zu verfolgen, bringt ihnen fast jeder neue Tag neue Einzelheiten, die das Bild einer verworrenen politischen Lage abrunden. Und nun werden sie angesichts der immer mehr sich auftürmenden Schwierigkeiten von einem leisen Pessimismus befallen. Wir finden ihn heute in weiten Kreisen der Wirtschaft, und wir sehen, welche lähmende Wirkung von einer solchen Stimmung ausgeht. Wir sehen ihn in weiten Kreisen des deutschen Bürgertums, die an einer Bewältigung der staatspolitischen Ausgaben verzweifeln. Und wir können seine Spuren noch deutlicher in den Kreisen der Juden verfolgen. Denn hier wird der allgemeine politische Pessimismus noch verstärkt durch die Welle des Antisemitismus, die über das Land hinweggeht. Immer wieder bekommen wir es von Menschen, die unserer Arbeit fernstehen, zu hören, daß es doch_ nutzlos sei, sich mit seinen schwachen Kräften diesen Gewalten entgegenzustemmen. Und so führt diese Resignation zum Verzicht auf jedes politische Tun, weil „man doch nichts ändern könne". Pessimistische und optimistische Weltbetrachlung wird immer eine Frage des persönlichen Temperamentes sein und deshalb den: einzelnen überlassen bleiben ntüssen. Aber Pessimismus als Massenstimmung kann und darf nicht so ohne weiteres hingenommen werden. So wie tatenfrohe Hochstimmung einen: Volk einen unbesieglichen Auftrieb geben kamt, so kann resignierte Haltung bcn drohenden Niedergang herbeiführen. Deshalb gibt es jetzt 'sü r j e d e n , d e r sich sür sein beut ch e s Volk v e r a n t w o r t l i ch fühlt, fei n e dringlichere A ufgabe, als sich eine nt Ausbreiten einer s o l ch e n pessi m i ft i s ch e n © r u ndhalt n u g m i t allen Kräften entgegen z u st e m m c n. Und wie betmdjcn Inden, doppelt beladen mit Pflichten am Aufbau unseres Vaterlandes und an der Wahrung unserer Gleichberechtigung in diesem Vaterlande, müssen mit verdoppelter Energie dafür sorgen, daß niemand vott ttns resigniert beiseitesteht. Wenn es gilt, alle verfügbaren Kräfte zu sammeln, dann brauchen wir dazu die Hilfe aller unserer Freunde. Denn nur, wenn jeder in seinem Kreise durch persönliche Einflußnahme dafür sorgt, daß alte ihm Nahestehenden ihren staatsbürgerlichen Pflichten genügen, werden wir uns in geschlossener, kampfeskräftiger Front den Schichten der staatsbejahenden Volksgenossen an die Seite stellen können, mit denen unser Geschick aufs engste verbunden ist. Wir müssen immer wieder vor dem Fehler warnen, in den so viele verfallen: den Antisemitismus als g e t ft t g e Bewegung zu it b e rschätzen und ihn als P o l i t i sch c' Bewegung zu it u t c x schätzen. Wir müssen immer roiober darauf Hinweisen, daß die antisemitische Frage heute in erster Linie eine Politische Frage ist; daß wir detttschen Inden mit unserem Kamps in einen viel größeren Kampf hineingestellt sind, der um den Volksstaat geführt wird. Ein solcher Kampf ist nicht ohne die frohe Zuversicht des Sieges zu führen. Und er kann und wird nur dann gewonnen werden, wenn jeder Kämpfer von der festen Hoffnung auf eine gute Zukunft getragen wird. Wir deutschen Juden haben das Glück, daß sich unsere Zukunstshossnungen mit den Zielen decken, denen heute jeder staatsbejahende deutsche Bürger zustrebelt muß.' Wir werden in unserem Kreise nicht zu fragen haben, auf welchem Parteintäßigen Weg der einzelne dieses Ziel erreicht sehen will. Aber wir werden vott allett unseren Freunden fordern, müssen, daß sie an irgendeiner Stelle in diesem Ringen um die Gestaltung unseres politischen Lebens zu finden sind. Es' ist hier schon vor einer Woche mit iiinsv <r\ k FR Ei H ERKN | VOM STEIN DAS DANKBARE' VATQRiANfr! Die Nationalsozialisten nennen die Stein-Hardenberg'sehe Selbstverwaltung ..bürgerliche Feigheit und C n fähig keil'1, Recht gesagt worden, daß nur die großen bewährten Parteien die Gewähr dafür bieten, daß unsere wohlverstandenen Interessen als vollwertige Glieder des Staats ganzen gewahrt werden. 'Und wir können noch hinznfügen, daß nur dann eine Reinigung unseres öffentlichen Lebens vom Antisemitismus wird erfolgen können, wenn wir die großen Parteien durch aktive Mitarbeit in ihren Reihen an biefem Kampf interessieren. Angesichts der neuerlichen Entwicklung der nationalsozialistischen Agitation erkennen ja auch den Dingen fernerstehende Politiker immer mehr', daß der Kamps gegen die Juden nur ein Teilstück ist aus einem gigantischen Kampf dunkler Gewalten gegen die Republik, gegen Ruhe und Ordnung, gegen eine friedliche Entwicklung unseres Vaterlandes. Wenn wir deutschen Judenuns rückhaltlos im Rahmert der Parkeiett zum Gedanken des Volksstaates bekennen, dann toerden wir damit auch die Lösmtg der Probleine in unserer engeren Gemeinschaft wirksam fördern helfen. Wenn wir mm die Folgerungen ans diesen Anschauungen ziehen wollen, wenn wir, als unsere Nächstliegende Aufgabe, am kommenden Sonntag unsere Bürgerpflicht erfüllen wollen, dann stellt sich uns hemmend eine aridere Gruppe von Menschen und Meinungen entgegen. Wir finden sie besonders in Kreisen gebildeter, geistig und gefühls mäßig, disserenzierte rer Menschen. Gewiß, so sagen sie, liege der Schlüssel auch kultureller Fragen heute in der Politik, gewiß sei es nötig, daß Politik getrieben werde. Aber sie sei doch eigentlich eine Angelegenheit, die eines geistigen Menschen nicht ganz würdig ist. Und dann, große Politik mag noch hingehen, aber Kommunalpolitik — eine Aufgabe 'für kleine Menschen; eng der Aufgabenkreis, ertg der Horizont. Solche Stimmung wird noch verstärkt durch mannigfaltige Eindrücke. Man sieht, wie die Methoden der politischen Arbeit sich der vergröberten Umgebung angepatzt haben. Man hört, wie junge aufftrebenbe Politiker mit leiser Verstimmung von den niederschlagenden Eindrücken berichten, die sie im großen und kleinen politischen Betrieb sammeln mußten. Und schließlich kommen noch die unerfreulichen Vorgänge hinzu, die sich in letzter Zeit gerade auf dem Gebiet der Kommunalpolitik ereignet haben, um dem oberflächlicheren Betrachter diesen Ab-schnM des polnischen Lebens als einen Sumpf der Korruption erscheinen zu lassen. Wir haben in dm letzten Tagen wiederholt hören müssen, daß man doch angesichts solcher Vorgänge wie des Falles Skläret keine Partei mehr wählen könne. Wir können bei der Widerlegung aller dieser Einwände mit diesem letzten beginnen und seststellelt, daß es nichts Nettes ist, daß es Lumpen in allen Lagern gibt. Wir wollen aber nicht, unseren Gegnern, folgend, diese Erscheinungen verallgemeinern, sondern ttits an die anständigen Mehrheiten halten, die bereit sind, die Lehren aus solchen Vorkommnissen zu ziehen. Gerade, wer für Reinheit des politischen Lebens eintritt, ist doppelt verpflichtet, durch fein eigenes politisches Handeln diese anständigen Mehrheiten zu stützen. Die Betrachtung der Politik als notwendiges Nebel ist ja leider in Kreisen des gebildeten Bürgertums noch sehr verbreitet. Aber dieselben Menschen, die zu einem aktiven Handeln, und sei es auch nur der Stimmabgabe', nicht zu bewegen sind, sind sehr schnell zur Stelle, wenn es gilt, die handelnden Menschen und ihre Erfolge zu kritisieren. Nun, man kann gewiß niemanden zur Politik zwingen. Aber man m u s; b c m , der nicht ein m a f v on d e m e i n f a ch st cn R e ch t des Staatsb ü r g e r s G e b r a u ch nt a ch t, m i f alle r S ch ärse s a gen, daß e r j i ch b a m i t jeden, a b e r a u ch jeden R echtes o c - g i b t, n o ch t r g e u b e i n c K ritik n u politi s ch e m G e s ch ehe n z u i"t b e n. Und man mochte diesen literarisch meist doch recht belesemm Menschen sehr warm die Lektüre