Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 45 (8.11.1929)
- Date
- 1929-11-08
- Page
- Seite 603 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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öSZ Ausklärungsversammlung -es L. V. in Äarmstavt. Etwa 1000 Besucher hatten sich am Montag, den 4. November, in D a r m st a d t zu einer großen, von der dortigen Ortsgruppe des C. V. einberufenen öffentlichen Versammlung eingefunden, in der der Direktor des Centralvereins, Dr. Ludwig Holländer, über das Thema: „Innerer Friede, Deutschlands Rettung" berichtete und den Judengegnern, insbesondere den Nationalsozialisten, ein Spiegelbild vorhielt, indem er ans Grund rein wissenschaftlicher Darlegungen die vollkommene Brüchigkeit ihres Programms und ihrer praktischen Betätigung nachwies. Die zahlreich anwesenden Nationalsozialisten kamen in der langausgedehnten Diskussion ausgiebig zu Wort. Bezeichnend ist es, daß auch hier von einer maßgebenden Persönlichkeit der Partei nicht der Versuch gernacht wurde, die Darstellungen des Reserenkn irgendwie zu erschüttern, sondern daß man sich lediglich aus die. Ankündigung beschränkte, daß man'mit Juden nicht diskutiere. Diese Feigheit machte aus den größten Teil der Versammlung den Eindruck, den jeder solcher Mangel an Mut unbedingt Hervorrusen muß, nämlich der Unmöglichkeit, Dinge zu widerlegen, die geschichtlich und politisch als eindeutige Wahrheiten zu betrachten sind. Ein Redner, der sich als Nationalsozialist bezeichnete, wandte sich gegen einzelne Lehren des Judentums und stellte Behauptungen über wirtschaftliche Fragen auf, die sich mit den bekannten Ausführungen der nationalsozialistischen Wirtschaftstheoretiker deckten. Rabbiner Dr. Merzbach konnte ihm aus dem religiösen Gebiet schlagend die Unhaltbarkeit seiner Auffassung Nachweisen, während der Referent in seinem Schlußwort die anwesenden Gegner wiederholt ausforderte, ihm Gelegenheit zu geben, vor einem Forum unparteiischer Gelehrter über die einzelnen Abschnitte seines Vortrags zu diskutieren. Wenn die Gegner von der Richtigkeit ihrer eigenen Ausführungen überzeugt seien, so sollten sie auch den Mut aufbringen, mit ihm über das. was. ihnen besonders am Herzen liege, in Erörterungen ernzutreten. Einen Höhepunkt des Abends bildete Diskussionsrede von Dr. Carl Mierendorff, der auf die Herausforderung mehrerer Redner mit allem Nachdruck darauf hinwies, wie wenig die Nationalsozialisten ein Recht hätten, über die Vaterlandslosigkeit anderer zu sprechen, nachdem der Redakteur ihres Blattes im „Hessenhammer" vom 31. Oktober 1929 bei Besprechung der Arbeit des Reichsbanners seine Verwunderung ausgesprochen habe, daß „keine französische Behörde sich gegen die Hebungen des Reichsbanners, die militärischen Charakter hätten, auflehne". Diese Eröffnung löste eine ungeheure Empörung aus. Vergebens versuchten die Nationalsozialisten durch Zwischenrufe diese Stelle in ihrem Blatt von sich abzu schütteln. Der Erfolg dieser Versammlung liegt zweifellos darin, daß Hunderten von Menschen die Augen über die Dinge geöffnet wurden, die sie sonst nur in einseitiger Beleuchtung zu lesen und hören bekommen. 4tm Oalattina. Die Lage. Die Hoffnung, daß in den letzten vierzehn Tagen die Erregung und die Unruhen in Palästina abebben würden, hat leider gründlich getäuscht. Anscheinend sind die Araber in ihrem Widerstande gegen die Balfour-Deklaration und gegen ' die zionistische Einwanderung zum äußersten entschlossen. Der Boykott jüdischer Geschäfte und jüdischer Waren dauert im ganzen Lande ungefchwächt an. Auch arabische Geschäftsleute im Auslande (vor allem tn Syrien) boykottieren die Erzeugnisse jüdischer Fabriken in Palästina systematisch. Am 2. November, dem Jahrestage der Balfour-Deklaraüon, veranstalteten die Araber einen Generalstreik in ganz Palästina. Der Streik- Parole wurde eiirmütig gefolgt. Glücklicherweise sind Unruhen — die Palästina-Regierung patte umfassende Sicherheitsmaßnahmen getroffen — dabei nicht eingetreten. Inzwischen ist die Uutersuchungskommission, die von der englischen Regierung eingesetzt ist, in Jerusalem eifrig an der Arbeit, die Gründe der Unruhen sestzustellen. Zu welchen Ergebnissen sie kourmeu wird, läßt sich naturgemäß nicht sagen. Die Palästina-Exekutive der Zionistischen Organisation hat nach einem Telegramm der Jüdischen Telegraphen-Agentur (Jta) vom 21. Oktober 6000 Einwanderungs- Zertifikate angefordert. Die Palästina- Regierung soll nach einem sehr unklaren Telegramm der Jta vom 5. November Gerüchten gemäß sich bereiterklärt haben, „weniger als die Hälfte der von der Exekutive angesorderten Zertifikate zu bewilligen, wobei die Regierung in drei Monaten die Frage nochmals erwägen will." Es ist allerdings sehr auffällig und muß große Bedenken Hervorrufen, daß die zionistische Exekutive bei dieser gespannten Lage ihre Einwanderungsplnne vorläufig nicht zurückstellt. Uunögebung öes Srith Schalom in Serlin. Der Brith Schalom (Friedensbund) ist eine Vereinigung zionistischer Juden (Arthur Ruppin, Haus Kohn, Hugo Bergmann, Martin Buber u. a.), die eine friedliche Verständigung mit den Arabern erstreben. Der Bund hat in Palästina bisher keinen großen Einfluß. Arabische Führer stehen ihm nicht nahe. Am 31. Oktober fand in Berlin die erste deutsche Kundgebung des Brith Schalom statt. Martin Buber sprach über das Thema: „Jüdisches Nationalheim und nationale Politik in Palästina." Der Zionismus muß erkennen, sagte Buber, daß in Palästina vieles, fast alles versäumt worden ist, um Fühlung mit den Arabern zu gewinnen. Dies sei die erste Voraussetzung für eine erfolgreiche Aufbauarbeit in Palästina. Jüdischer Nationalismus und — wie Buber meint — unberechtigter Dünkel und Neberheblichkeit haben zu einem Liesen Riß zwischen der jüdischen und der arabischen Bevölkerung geführt. Aus der völligen Verkennung der arabischen Mentalität ist eine Gefahr für den Zionismus und überhaupt für den jüdischen Ausbau in Palästina erwachsen, die den Zionismus zwingt, in elfter Stunde nach Möglichkeiten zu strchen, Brücken zu den Arabern zu schlagen. Das ist heute die. erste Aufgabe aller zionistischen Politik, denn was nicht in dieser Richtung geht, ist Bewegung in luftleerem Raum. Zweierlei muß geschehen: 1. die Juden müssen intervenieren, daß die ersten in Palästina gefällten Todesurteile an den Arabern nicht vollstreckt werden und 2. die Klagemauersrage muß bereinigt werden, nicht in Verhandlungen über den rechtlichen Anspruch, sondern im Bestreben einer Einigung zwischen Judentum und Islam. Buber betonte noch, er sei selbst sich darüber klar, daß diese Forderungen ein Minimum darstellen, aber dieses Minimum sei unter den gegenwärtigen Umständen das Mögliche, und das zu erreichen sei die Aufgabe der Stunde. An der Aussprache beteiligten sich Dr. S L e i n b e r g, K l i n o w, Dr. K l a tz k r n, Kurt B l u m e n s e l d und zwei arabische Bekenner des Islams. Blumenfeld führte aus, die Forderungen Bubers seien keine praktische politische Arbeit. Welche Art von zionistischer Zukunfts- Politik es auch sein mag, es wird ihre Ausgabe sein, der englischen Mandatsregierung klarzumachen, daß es gut und notwendig ist, die jüdische Einwanderung nach Palästina zu fördern. Er erkennt an, daß die Forderungen Bubers ein Weg sind, den Frieden mit den Arabern wieder herzustellen. Auch er hält diese Ausgabe für dringend, aber der Frieden sei nur wieder herzustellen, wenn man die Araber vor ein „fait accompli" stelle, nämlich, daß die jüdische Einwanderung eine Tatsache ist, die durch die englische Regierung geschützt und unterstützt wird. A. L. , Zionistische Gotteshäuser"! In einer Zeit, wo die Zionisten sich um die Mitarbeit der Nichtzionisten an der Agency bemühen, veröffentlicht die „Jüdische Rundschau" einen Brief an die „Schristleitung", in dem es heißt: „Ein großes Manko im jüdischen Galuth ist: das Fehlen von zionistischen Gotteshäusern. Ihre große Bedeutung ist Zweifellos, und es ist zu hoffen, daß diese Anregung auf fruchtbaren Boden fallen wird. Ära üi'.vi