Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 45 (8.11.1929)
- Date
- 1929-11-08
- Page
- Seite 602 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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602 Programm und Werk des Mövereins der Deutschen Süden. Ben Sr. Mark Wchnitzer. Die Idee des Kampfes für die Menschen- und Bürgerrechte der Juden dort, n?o sie unter politischer Knechtschaft und religiöser Verfolgung fcknnachten, entstand, konnte nur entstehen in einem Lande, wo die Juoen diese Rechte bereits genossen. Die erste große jüdische Vereinigung zur Erlangung der Gleichberechtigung der Inden im Osten und iln Orient wurde bon französischen Juden gegründet. Es war das die 1860 ins Leben gerufene Alliance Israelite Universelle. Ihr folgte im Jahre 1873 die Anglo-Jewish Association in London. So hatten sich die westenropäisäjeu Juden Organe geschaffen, durch die sie das öffentliche Gewissen für ihre in tiefer Schmach darbenden Stammesgenoffen anrufen konnten. Bei den deutschen Juden machten sich keine organisatorischen Bestrebungen größeren Stils bemerkbar. Von Zeit zu Zeit wurden Komitees gebildet, wie während des Berliner Kongresses und anläßlich der russischen Pogrome 1881 und 1891, aber diese Komitees lösten sich nach getaner Arbeit wieder auf. Es fehlte in Deutschland die st ä n d i g e Organisation für die Durchführung einer systematischen Hilfsarbeit. Aus der Argumentation Paul Nathans, mit der er den Wunsch der deutschen Juden, eine eigene Organisation zu besitzen, vor den französischen Juden begründete, wird die Situation besonders' klar. Man mußte sich für den Wunsch nach eigener Führung verantworten, und so war es eine bedeutsame Tat, als Paul N a t h a n, James S i m o n und Eugen Landau 1901 zur Gründung des Hilfsvereins der Deutschen Juden schritten. Die Organisation war 1903 bereits so stark, daß eine große Hilfsaktion zugunsten der Pogromopfer in Rußland unternommen werden konnte. 1905 führte der Hilfsverein zusammen mit den englischen Juden und Vertretern der russischen jüdischen Gemeinden die Hilfsarbeit in Rußland durch, als nach der Revolution die Reaktion und in deren Gefolge der Antisemitismus wütete. 1907 griff er in Rumänien nach den Agrarunruhen, die zu antisemitischen Ausschreitungen führten, ein. Und dann kamen die Aktionen für die Kriegsopfer während der Balkankriege und zuletzt während des Weltkrieges in den von den Mittelmächten besetzten Gebieten. Die deutschen Juden haben nach dem Kriege ihre wirtschaftliche Kraft nicht wiedererlangt. Aber ungeachtet der eigenen Nöte reagierten sie in warmherziger Weise auf den Ruf der durch Hungersnot heimgesuchten jüdischen Massen in Rußland. Der Hilfsverein konnte sich an der Hilfsaktion für Rußland 1922 beteiligen, er übernahm in demselben Jahre eine Gruppe von ukrainischen Pogromwaisen, für deren Erziehung und berufliche Ausbildung in Deutschland er bis zum heutigen Tage sorgt, und in den letzten zwei Jahren führte er Sammlungen für die Opfer des Erdbebens in Bulgarien und der Hungersnot in Vefsarabien durch. Auch das politische Wirkungsfeld des Hilssvereins, der vor dem Kriege wiederholt bei den Regierungen Rußlands und Rumäniens intervenierte, hat sich — besonders nach Eintritt Deutschlands in den Völkerbund — wieder erweitert. Er besitzt das Recht, sich für die jüdischen Minoritäten in Genf einzusetzen, und wirkt dort mit dem Joint Foreign Committee und der Alliance Israelite Universelle zusammen. Der Hilfsverein faßt seine Ausgabe — nach dem Gedanken seiner Gründer — nicht bloß im Sinne einer Bekämpfung der Rechtlosigkeit und der Not in Augenblicken von plötzlich hereinbrechenden Katastrophen auf, sondern arbeitet an der Hebung des wirtschaftlichen und geistigen Niveaus der Juden mit. Er unterstützt daher alle die Bestrebungen im jüdischen sozialen Leben, die die Stärkung der jüdischen Massen herbeiführen können. Als durch den unerträglichen Druck in Rußland große Teile der jüdischen Bevölkerung auszuwandern gezwungen waren, übernahm der Hilfsverein die Fürsorge für die Auswanderer, die Deutschland passierten. Er schuf eine weitverzweigte Organisation zur Beratung und Weiterbeförderung der Auswanderermassen. Er errichtete eine Anzahl Komitees längs der deutschen Ostgrenze, an wichtigen Knotenpunkten im Reich und in den Hafenstädten Hamburg und Bremen. Nach dem Kriege gestaltete er seine Auswanderersürsorge entsprechend den neuen Verhältnissen um, gründete den Bahnhofsdienst am Schlesischen Bahnhof in Berlin und richtete seine Fürsorgestellen in Stentsch, Oderberg, E y d t k u h n e n, Osnabrück und Bentheim ein. Er organisierte ein Netz von Verbindungen mit jüdischen Auswanderergesellschaften, Gemeinden und verschiedenen sich mit der Emigration befassenden Stellen. Besonders eng ist die Zusammenarbeit mit der Jewish Colonization Association (ICA), Hias-ICA-Emigdirect (Hicem) in Paris sowie dem National Council of Jewish Women in New Mrk. Das vom Hilfsverein gesammelte Jnformationsmaterial zur Beratung der Auswanderer wird in feinem Korrespondenzblatt über'Auswanderungs¬ und Siedlungswesen veröffentlicht. Es ist hier nicht der Platz, näher das Wesen der Auswanderungsbewegung, ihre Richtung und ihr Tempo zu erörtern, wie wichtig auch die mannigfachen Phasen der heutigen jüdischen Emigration sein mögen. Es seien hier nur einige Zahlen aus dem letzten Jahre genannt: In den ersten neun Monaten 1929 passierten unter der Fürsorge des Hilssvereins den Bahnhofsdienst am Schlesischen Bahnhof in Berlin 31 642 Aus- und Rückwanderer (darunter ein Teil Nichtjuden); über den Bahnhofsdienst in Stentsch nahmen in der gleichen Zeit 6867 Aus- und Rückwanderer ihren Weg, über Osnabrück 1253. Durch Hamburg gingen 3400 und durch Bremen 850 jüdische Auswanderer. Durch seine Auswanderersürsorge trägt der Hilfsverein zur Entlastung jüdischer Gemeinden und Organisationen in Deutschland bei. Im Programm des Hilfsvereins, das seine Gründer zum erstenmal vor einem größeren Kreis entwickelten, hatte die Erkenntnis der Bedeutung einer beruflichen Umschichtung rrnd der Förderung der landwirtschaftlichen und gewerblichen Ausbildung der Juden Ausdruck gefunden. Ter Hilfsverein legte den Grundstein für das Erziehungsfystem in Palästina; eine Reihe von Schultypen — vom Kindergarten über die Volksschule, das Gymnasium und das Lehrerseminar bis zum Technischen Institut in Haifa — wurden von ihm dort geschaffen. Das Schulwerk des Hilssvereins umfaßte ferner die Türkei, Bulgarien, Griechenland und Rumänien. Es ist für den geistigen Aufstieg der osteuropäischen Judenheit bezeichnend, wie das Schulnetz nun unter den gegenwärtigen Verhältnissen weiter ausgebaut wird. Den an ihn gestellten Forderungen entsprechend fördert der Hilfsverein heute einige Schulen durch Lehrmittel, Maschinen ufw., andere durch geldliche Unterstützungen bzw. durch Lehrerpersonal. Wie sehr sich die Ausgaben des Hilfsvereins wieder erweitern, zeigt die Tatsache, daß fein Einfluß sich in Polen, Litauen, Vefsarabien und der Bukowina ausgedehnt hat, wo er Schulen unb Schulvereine von neuem unterstützt. Seit 1924 leitet der Hilfsverein die Aktion für mittellose jüdische Studenten ans den östlichen Ländern, die an deutschen Lehranstalten ihre Ausbildung erhalten. Dan! dieser Aktion konnten mehrere Hunderte von Studierenden, die zum Teil durch den numerus clausus von ihren heimatlichen Hochschulen vertrieben wurden, in Deutschland ihr Studium beendigen. Die Umwälzung in Rußland brachte eine völlige Umgestaltung der Judenfrage mit sich. Im November 1926, ging Paul N a t h a n im Aufträge des Hilssvereins nach Rußland, mn sich über die dort unternommenen Versuche der Ueberführung der Juden zur Landwirtschaft und zur Industrie zu unterrichten. Nach einer zweiten Studienreise, die von mir, und zwar nach den Kolonien in Südrutzland, unternommen wurde, wurde im Hilfsverein der Beschluß gefaßt, sich an der Aufbauarbeit zu beteiligen. Der Hilfsverein wählte zunächst ein besonderes Arbeitsgebiet, die Versorgung von Kolonien mit hygienisch-sanitären Einrichtungen. Es werden aus den Mitteln des Hilssvereins Ambulatorien gebaut, von denen jedes in einem Umkreis von zehn bis zwölf Dörfern für eine Bevölkerung von 4000 bis 5000 Kolonisten bestimmt ist. Auch die Errichtung von Säuglings- und Kinderheimen ist beabsichtigt. Der Hilfsverein ist eine überparteiliche neutrale Organisation, der deutsche Juden aller religiösen und politischen Schattierungen angehören. Nachdem die schwersten Jahre der Nachkriegszeit überstanden waren, ging man an die Reorganisation; neue Mitgliedergruppen sind im Entstehen, neue Freunde und Förderer schließen sich dem Hilfsverein an, dessen Präsidenten zurzeit Dr. James Simon, Eugen Landau, Max Marburg und Willy Dreyf u ß sind. Larrvesverhan-stagurig Hessen-Nassau und Hessen. Delegiertenversammlnngen der Landesverbände haben ihr eigencs Gesicht, je nachdem sie vorbereitet sind und je nachdem die Referenten die praktische Arbeit auszulösen verstehen. Vor neunzig Delegierten des großen Landesverbandes Hessen-Nassau und Hessen sprachen am Sonntag, den 3. November, der Syndikus Dr. Marx (Frankfurt) und der Direktor des C. V. Dr. Ludwig Holländer (Berlin) über die großen entscheidenden Fragen der Gegenwart, indem sie die Grundsätze der Gesamtarbeit in praktische Beziehung zu den Forderungen der Zeit einftellten. Marx insbesondere erörterte die Einzelheiten der geleisteten Arbeit und entwickelte ans Erfolgen und Mißerfolgen die Grundsätze der noch zu leistenden Tätigkeit. Holländer charakterisierte die Aufgaben des Tages und besprach im einzelnen die Möglichkeit der Erfüllung. Die klare Ausweisung der Schwierigkeiten der gegenwärtigen Lage schuf die Grundlage zu einer ganz eingehenden Aussprache, in der über die Anregungen und die besonderen Erfahrungen im Lande gesprochen wurde, so daß das Gesamtbild die unbedingte, ernste Zähigkeit des Arbeitswillens unter-Ausschaltung aller kleinlichen Bedenken auswies und das Bild unbedingter Zielstrebigkeit bot. Erfreulich wurde unsere Haltung gegenüber der Orthodoxie dadurch unterstrichen, daß der Redakteur des „Israelit", Herr Schachnowitz, für die von ihm vertretene Richtung der Arbeit unserer Organisation die wärmste Anerkennung ’ und Sympathie zollte.