Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 45 (8.11.1929)
- Date
- 1929-11-08
- Page
- Seite 600 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Kelz zu Pk Monaten, Streicher zu % Monaten Gefängnis verurteilt. Nürnberg entsandtenSonderberichterstatter.) (Von unserem n a ch Nürnberg, 4. November. Vor dem Eingang zum Nürnberger Schwurgerichtsgebäude stehen um die Mittagsstunde Dtenschen, die warten. Es ist der fünfte Verhandlungstag gegen Holz und Streicher. Um vier Uhr sott das Urteil verkündet werden. Stundenlang harren die Wartenden aus. Ihre Zahl wird innner größer. Polizei rückt mit starkem Aufgebot heran. Endlich wird eine einzige Tür geöffnet. Die Glücklichen, die Einlaß finden, betreten das Gebäude und den Verhandlungssaal. Die andern warten weiter. Plötzlich ist Unruhe unter den Wartenden. Verurteilt? Holz dreieinhalb Monate, Streicher zwei Monate Gefängnis? Die Erregung wird immer stärker, und als endlich Holz und Streicher in den dunklen Abend hinaustreten, schallen ihnen Heilruse entgegen, klingt ihnen beim Davonsahren im Auto das Hitler-Lied nach. Nichts ist für die Wirkung der Verhandlung wie des Urteils kennzeichnender als diese Huldigung der Anhänger. Sie beweist, daß keine der Folgen, die von einem Gerichtsurteil Glicht nur auf die Angeklagten, sondern auch auf die Umwelt ausgehen sollen, erreicht, daß der Zweck der Strafe verfehlt wurde. Von Streicher und Holz, die sich selbst als Fanatiker bezeichnen, die ihr Verteidiger als genial vorausschauende Menschen charakterisiert, erwarten, daß das Urteil sie bessert oder daß es sie vor der Wiederholung derartiger Straftaten ab - schreckt, hieße phantastischen Optimismus besitzen. Und daß die Strafe ihre Anhänger auch nicht einen Augenblick in ihrem Glauben an sie irre machte, bezeugen die Ovationen. Nur das verletzte Rechtsgefühl der Anständigen, die angegriffene äußere Ehre unseres Glaubens, die durch die maßlosen Roheiten der Angeklagten zerstörte Rechtsordnung schöpfen aus dem Urteil Heilung. Eine Wirkung werden die Strafen auch auf Holz und Streicher haben: Sie werden noch vorsichtiger werden, als sie es nach ihren bisherigen Erlebnissen mit dem Strafrichter waren. Wenn man die zehnte und elfte Vorstrafe im wesentlichen wegen dergleichen Delikte erhält, so klingt es zwar sehr schön, das Strafregister, wie es Streicher tat, als Ehren liste zu bezeichnen; aber die Gerichtskosten sind hoch, die Gefängnishaft nicht gerade angenehm. Warum soll man nicht auf Angrisfsstoffe zurückgreifen, die weniger deutlich in ihrer Strafbarkeit sind, warum nicht Verleumdungen erheben, die man so famos als Kollektivbeleidigungen rubrizieren und also straffrei oorbereiten kann. Das Handwerk kann im „Stürmer" weiter ausgeübt werden — bis zum nächsten Betriebsunfall. Die umfasiende Klärung - des angeblich beweisbaren Angriffsstoffes gegen das Judentum hatten die Angeklagten, wie gemeldet, bereits am ersten Verhandlungstage durch die Ablehnung der Professoren Windfuhr und Guttrnann als Sachverständige verhindert. Am zweiten Tage nahmen Holz und Streicher zur Anklage Stellung. Sie taten es in Volksversammlungsreden, auf deren Inhalt und Form näher eingegangen werden soll, da jüdische Zuhörer nur selten nationalsozialistische Agitatoren hören können. „Juden haben keinen Zutritt." Der Bedeutendere der beiden ist Streicher, voller Leidenschaft, Agressivität. Er verwendet zahlreiche Beispiele aus dem Alltagsleben, um dem Zuhörer verständlich 31t werden. Für ihn ist die Judenfrage keine R e l i g i 0 n s -, sondern eine Rassen frage. Der Gegensatz lautet für ihn nicht Christ oder Iud e, sondern Deutscher oder Iude. Mit dem Neger hat der Deutsche mehr innere Verwandtschaft als mit dem Juden. Dieser ist der Ausbund alles Bösen auf Erden, der Deutsche dagegen der Inbegriff des Reinen und Edlen, der Wahrhaftigkeit. Für beide Angeklagten besitzt das gedruckte Wort als solches schon Beweiskraft. Was irgendwo in einem Buche, einer Zeitung stand, ist unumstößliche Wahrheit. Katholische Heiligen legenden, in denen in phantasievoller Weise die Ermordung von Christenkindern durch Juden behauptet wird, sind historische Dokumente. Plastische Nachbildungen derartiger Märchen an einzelnen katholischen Kirchen beweisen, daß es wirklich so war, wie geschrieben steht, ja, daß darüber hinaus die katholische Kirche die Ritualmorde anerkenne. Die Angeklagten wissen angeblich nichts von den päpstlichen Bullen gegen das Ritualmordmärchen, von der Revision des berühmten Falles Simon von Trient durch einen päpstlichen Kommissar. „Meine Herren Schöffen," apostrophiert Streicher immer wieder die Laienrichter direkt, „wenn es nicht stimmte, könnte es doch nicht gedruckt sein". Streicher hat in Wien in der staatlichen Gemäldegalerie, „Dichter" Goebbels. In dem Berliner „Theater in der Klostevstraße" ist „Der Wanderer, ein Spiel in einem Prolog, zehn Bildern und einem Epilog" von Goebbels zur Aufführung gelangt. Da Schiller, Kleist und Goethe Nicht rassisch zweifelsfrei. Führt nun die Morgenröte Herr Goebbels selbst herbei. Mt einem Stück „Ter Wandrer" Erfreute er uns schon. (Ter Wandrer ist kein andrer Als Goebbels in Person.) Der Inhalt ist nicht heiter. Da friert ein Greisenpaar, Da hungern Schlverarbeiter: Da werden Gründe klar: Durch Jndnstriemagnaten Wird deutsches Gut und Blut Ans Ausland frech verraten. Mitschuldig ist? — „Der Jud!" Tendenz: Da kann nur retten. Da macht nur wirklich frei Von solchen Sklavenketten Die Hakenkreuzpartei. Den Ausstieg deutscher Massen Vollzieht Partei-Genie. (Und nimmt in seine Kassen Das Geld der Industrie.) Die Juden zu vernichten, . Trügt man, wie stets man trog. E r dichten gilt als dichten. Und Pro und Epi log! Begrüßt die neue Richtung Mit „Müsen-Heil!" Bedenkt: Es ward der deutschen Dichtung Ein Dichterfürst — „geschenkt.!!" HU. angeblich von der Hand eines bedeutenden. Malers, die künstlerische Darstellung eines sogenannten Ritualmordes gesehen. „Ja, meine Herren Schöffen, würde ein großer Künstler denn so etwas malen, wenn es das nicht gäbe, und wenn der Staat ein solches Bild in feiner Galerie aushängt, so bezeugt er damit die Wahrheit des Gemalten." Das ist fast wörtlich so von Streicher mit dem Tone innerer Ueberzeugung gesagt worden. Wenn also beispielsweise Re.mbrandt die Entführung Ganymeds durch Zeus in Gestalt eines Adkers darstellt, so malte er „nach dem Leben", und wenn das Bild in einer staatlichen Gemäldesammlung hängt, dann beweist das die Richtigkeit und Anerkennung des griechischen Götterglaubens durch den Staat! Auf dieser Ebene bewegt sich die Beweisführung Streichers. Wenn man aber hört, wie er diese und die anderen Ungereimtheiten vorträgt, zweifelt man nicht an ihrer Ueberzeugungskrast und verhetzenden Wirkung aitf urteilslose Zuhörer. Neben Streicher fällt Holz menschlich, wenn man das so sagen darf, beträchtlich ab. Er ist ein ewig lächelnder, nie heißwerdender, berechnender Agitator. In der Verhandlung entfaltet er die größere Aktivität. Seine rednerische Stärke liegt in der Ausmalung grauenhafter Vorgänge. Eine Abschlachtung führt er pantomimisch vor, bei Sexualdelikten schildert er das nach Messerstichen hervorquellende Blut so anschaulich-schreckenerregend, daß die Geschworenen blaß werden und der Vorsitzende ihm entsetzt das Wort entzieht. Zu welcher Siedehitze dadurch einfache Menschen angefacht werden können, davon hat man jetzt eine Vorstellung. Athanasius Fern, Theodor Fritsch, Ecker und sein „Judenspiegel" sind Holz' wissenschaftliche Quellen. Denn er behauptet mit Stolz, und sein Verteidiger bestätigt es ihm gern, daß er aus Grund seiner Studien als Talmudkenner angesprochen werden muh! Daß er der öffentlich anerkannten jüdischen Religionsgesellschast jemals einen Ritualmord vorgeworsen habe, weist Holz zurück, es gäbe aber eine uralte jüdische Geheimsekte, die Chassidim, die eine mündliche Ueberlieserung besitze. Die begehe wahrscheinlich — nicht die Ritual sondern die Blut morde. Den Unterschied Zwischen Blut- und Ritualmord herauszuholen, war trotz angestrengter Bemühungen nicht möglich. Hier sollte die Vernehmung der Sachverständigen Bischofs und Goettsberger näheren Aufschluß bringen. . . Als einziger Zeuge trat der Vorsitzende der Ortsgruppe Nürnberg des Cent ralvereins, Rechtsanwalt Dr. Berlin, vor den Richtertisch und leistete seinen Zeugeneid. Er bekundete in ruhiger, eindringlicher Form, daß er und sein ganzer Kreis über die Exzesse des „Stürmers" aufs höchste entrüstet gewesen seien und an ihnen Aergerms genommen hätten. Der Vorsitzende will Dr. ^Berlin entlassen, da melden sich Holz und Streicher. Ten gelehrten Fachmann Professor Guttmann haben sie abgelehnt, den Laien Dr. Berlin versuchen ste auszusragen und in die Enge zu treiben. Es miß- August Förster FLÜGEL UND PIANOS Fabrik: Uöbau i.Sa. / Filiale: Berfirt Kurffirstendamm 22. Fernruf: Bismarck 7826. Föfcrenda Qualität, Sitttf efurtßaus erstßfassigi Jedoch preiswert! Engen d Alkeri.