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Central-Verein-Zeitung · 1929-11-08 · 45 (8.11.1929) · p. Seite 598

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
45 (8.11.1929)
Date
1929-11-08
Page
Seite 598 (sequence 2)
Language
German
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eine solche Wahlenthaltung, da, wie nochmals betont lverden soll, in den städtischen Körperschaften Dinge verhandelt werden, die jeden einzelnen Bürger nicht nur interessieren müssen, sondern ihn auch persönlich auss stärkste angehe n. Eine weitere Gefahr für das Bürgertum ist seine parteipolitische Zersplitterung, die damit wieder den extremen Richtungen einen Vorteil bietet. Jede Interessengruppe will heute einen eigenen Stadtverordneten haben. Erhält sie ihn bei einer der vorhandenen Parteien nicht, so stellt sie eine eigene Liste auf. Geht man aus diesem Wege weiter, so wird man in Zukunft nur noch extreme Parteien haben, da die anderen infolge der Zersplitterung anr Stimmenverlust zugrunde gehen. Deshalb nicht mtv Ausübung der Wahlpflicht, sondern auch Unterstützung der grotzen politischen A. W. Nach langem Rätselraten hat sich in der Tat herausgestellt, daß knapp über 10 Prozent der deutschen Neichstagswähler sich bereit fanden, ihren Namen für das Hugenbergsche Volksbegehren herzugeben. Eine laute Frenoe über diesen knappen Sieg ist im Lager der Anhänger des Volksbegehrens nicht aufgekommen, und der so energisch formulierte unb verkündete Beschluß, den Kampf weiterzntragen bis zum Volksentscheid, rnutet stark gekünstelt an. Ein Teil der Blätter, die das Volksbegehren scharf ablehnten, hat nicht klug daran getan, allzu früh vom „gescheiterten Volksbegehren" zu schreiben, und auch * eine laute Freude über den allzu knappem Sieg Hugenbergs und Hitlers sollte nicht auf-' kommen. Es ist ein beschämendes Gefühl für alle Deutschen, mögen sie politisch rechts oder links oder in der Mitte stehen, daß jeder Zehnte verantwortungsbewußte Deutsche — so sollten doch die beschaffen sein, die die Ehre haben, das Wahlrecht auszuüben — durch das Volksbegehren bekundet hat, daß er die Minister des Reichs, insbesondere aber den unersetzlichen verstorbenen Außenminister, für Landesverräter hält, für die das Zuchthaus gerade gut genug ist; daß er, um in Hitlerschen Gedankengängen zu sprechen, die Republik in Trümmer schlagen will, um dann erst das dritte Reich der Zukunst Zu errichten, und daß er schließlich damit seine Bereitschaft bekundet, in absehbarer Zeit einen Bürgerkrieg Zu dulden, ohne den doch wohl die Republikaner im Bürger- und Arbeiterkleide und vor allem die Staatssührer den schlimrnsten Radikalen nicht die Herrschaft einräumen würden. Gewiß sind unter den Unterzeichnern viele durch die brutale Agitation der Hitler-Leute in einen grenzenlosen Haß und in eine kaum überbietbare Erregung hineingerissen worden. Irregeleitet, haben sie dann ihre Namen in die Listen eingetragen. Gewiß werden sehr viele darunter sein, die vom Dawes- oder Ioung-Plan günstigstenfalls den Namen gehört haben. Auch der Terror wird hier und da in den ländlichen Gegenden eine Nolle gespielt haben. Aber es ist doch wohl nicht richtig, wenn ein hochangesehener deutscher Journalist alle, die für das Volksbegehren eintraten, austeilt in solche, denen die Tressen und die Uniformen von einst fehlen und in solche — „denen es anderswo fehlt". Man soll sich hüten, die Gegner zu unterschätzen, und es lst sicher nicht richtig, daß knechtseliae Gesinnung oder Dummheit einzig und allein die Gründe dafür gewesen sind, weshalb das Volks¬ Parteien, die kraft ihrer Tradition, kraft der gemachten Erfahrungen die Gewähr dafür bieten, daß ste die Interessen der BeviMernng nnd damit auch unsere Interessen richtig vertreten; Auch praktische Unterstützung ist vonnöten. Wenn sich am 17. November wieder Wählmüdigkeit bemerkbar machen sollte, so müssen wir mit dazu beitragen, die müden und säumigen Kräfte an die Wahlurne heranzubringen. Wenn die Wählerschaft die ungeheure Bedeutung der Entscheidung, die am 17. November fällt, nicht in vollem Umfange erkennen sollte, so sollen wir uns jedenfalls nicht den Vorwurf machen lassen oder uns selbst später den Vorwurf machen müssen, daß wir von der gleichen Nachlässigkeit befallen waren. Wir sollten unsere Pflicht auch begehren mehr als vier Millionen Unterschriften erhalten hat. Gerade das ist das Traurige, daß sicher eine Anzahl ernst zu nehmender Men sehen, so gräßlich ausgepeitscht worden ist, daß sie sich zu diesem radikalen Schritt entschlossen hat; wenn diese Feststellungen hier gemacht werden, so deshalb, weil sie klar zeigen, wohin die Zügellosigkeit radikaler Methoden führt unb wie heillos heute die Köpfe deutscher Mitbürger und Mitlmrgerinneu verwirrt sind. Nicht zuletzt hat zu dieser Haßerregung auch die fortgesetzte Beschimpfung unb Verleumdung des Judentums beigetragen, in der die Nationalsozialisten Meister sind. Vor Jahren begann einmal eine Agitation, ein Volksbegehren So warb man jür das Volksbegehren Karikatur des Yoang-Planesansdem „ Völkischen Beobachtera gegen die Ostjuden herbeizuführen. Sie verlies im Sande. Aber wer kann wissen, ob nicht einmal die Nationalsozialisten auf den ihnen gewiß nicht neuen Gedanken k o m m e n, mit einem Volksbeg ehren gegenirgendwelche angebliche jüdische Machenschaften und mit irgendwelchen ges e tz l i ch e n B e st im m u n g e n z u r I u d e n -- srageaufzutreten. Wieviel von den vier Millionen würden dann Zurückbleiben? Vier Attllionen, die sich in diesen schweren wirtschaftlichen Zeiten nicht scheuen, einem sogenannten „Freiheitsgesetz" ihre Zustimmung zu geben, das, sollte es Reichsgesetz werden, Deutschland in ein Chaos hineinführen müßte. Daß Hugenberg so den Bogen überspannt, hat aber, wie sich in den letzten Tagen mehr und mehr herausstellt, sein Gutes, ja sogar seinen Segen gehabt. Denn, wenn bisher diejenigen Deutschnationalen, die nicht mit Hugenberg durch dick und dünn gingen, aus Parteidisziplin geschwiegen haben, hat nunmehr öle öffentlich erklärte Absicht, den Karnps um das sogenannte Freiheitsgesetz entschieden weiterdarin erkennen, jeden aufzuklären, und mitzuhelfen, daß er seiner Wahlpflicht genügt. Unsere Gegner arbeiten emsig. Sie, die nur von der Opposition und der Verneinung und der persönlichen Befehdung ihrer Mitmenschen leben, haben es auch leicht mit ihrer Arbeit. Seien auch wir auf dem Platze; Wenn wir nicht wünschen, datz unmittelbar nach dieser Wahl eine neue gefährliche Welle des Judenhasses über unser Land flutet, so tun wir am 17« November nach jeder Richtung hin unsere Pflicht! Deutscher Jude; Es geht um deine brennendsten Interessen: als Bürger deiner Stadt, als Mitglied deiner jüdischen Gemeinschaft; Zusi'lhreu, eine Reihe verantwortungsvoller Deutschnationaler aus den Plan gerufen, die vor ihrem Gewissen gegenüber dieser „Katastrophenpolitit" des deutschnationalen Führers nicht mehr schweigen können. In diesem Sinne führt Hugenbergs Vorgehen vielleicht sogar zu einer Reinigung der politischen Atmosphäre im Lager - der Rechten. Mit vielen sind auch wir der Meinung, daß eine charaktervolle Opposition, gestützt aus konservative Grundsätze, für die Republik etwas Erwünschtes und Heilsames sem muß. Diese Opposition der letzten Jahre war aber keine Opposition. Sie war ein Herunterreißen, ein Zerstören, ein Begeifern in einem derartigen Maße, wie wir es leider aus der ganzen Welt einzig nnd allein in Deutschland erleben. Gerade wertvolle Persönlichkeiten aus der Rechten, insbesondere auch im Lager der Jungen, treten mit jedem Tage deutlicher dieser Art von Opposition entgegen. Und die Tatsachen, daß sich ein so erfahrener Mann wie Hugenberg mit den einmal mit den. Kapitalisten, einmal mit den Kommunisten, hier mit der Republik, dort mit der Monarchie kokettierenden Nationalsozialisten verbündet, daß Hitler den Deutschnationalen erhebliche Stimmen in Baden abgenommen hat, daß Hugenberg und seine Gefolgschaft sich mehr und mehr vom bürgerlichen Lager hinwegpolitisiert, alle diese Tatsachen haben dazu beigetragen, mutige deutschnationale Männer aus den Plan zu führen, die solchem Vorgehen ein kräftiges Halt entgegenrnsen. Die „Kreuz-Zeitung", die „Deutsche Tageszeitung", die „Berliner Börsen-Zeitung" und andere Organe nehmen mehr oder minder offen in Artikeln — nicht von den ersten besten geschrieben — gegen diese Politik scharfe Stellung. Darin wird nicht zuletzt Wert darauf gelegt, von dem Radikalismus der Hitler- Jünger entschieden abzurücken. Hugenberg wird mit besorgter Miene davor gewarnt, sich diesen Zügellosen weiter auszuliefern. Wie mag es nun erst hinter den Kulissen zugehen, wenn schon so offen dem Parteiführer die Stirn gezeigt wird! Wir sind die Letzten, die sich um die Auseinandersetzung innerhalb der Deutschnationalen Volkspartei zu bekümmern haben. Wir sehen aber in ihr ein Zeichen dafür, daß in den Kreisen dieser großen und mächtigen Partei die Einsicht einzuziehen beginnt, daß politischer Kampf zwar unumgänglich, Opposition zwar unerläßlich, daß aber der Radikalismus der Nationalsozialisten in seinen Folgen der Totengräber Deutschlands werden muß, in einer Zeit, wo Zusammenschluß aller staatserhab tenden Elemente geboten ist. Hlötttttg* / Eine Würdigung des Volksbegehrens.

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