Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 44 (1.11.1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 590 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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590 Bernhard Kürst Bülow, gestorben am 28. Oktober 1929. Von Richard May. Mit Bernhard Fürst Bülow ist einer der wirklichen Kulturträger der wilhelminischen Aera dahingegangen. Er war ein hervorragender Redner, der nicht nur schlagfertig war, sondern auch das Wissen der Zeit beherrschte, persönlich liebenswürdig und gewinnend, dabei von einer selten versagenden Menschenkenntnis. Ta es ihn: als Schüler Bismarcks und Sohn eines Staatssekretärs an den nötigen Verbindungen nicht fehlte, ist er sehr rasch emporgestiegen. Das Neichskanzlerpalais wurde unter ihm ein Mittelpunkt schöngeistigen Lebens, wozu arlch seine Gattin, die ihm im Tode vorangegangene Principessa di Camporeale, eine Schülerin Franz Liszts, sehr wesentlich betrug. Man mag über Bülows Politik denken, wie man will, sie ist heftig befehdet und namentlich angesichts des Weltkrieges von vielen Seiten stark kritisiert worden. Seine diplomatische Tätigkeit an zahlreichen Stellen der Weltpolitik hat ihn mit Erfahrungen ausgestattet, die ihn von jeder Engherzigkeit befreiten. Er war vielzuviel Grandseigneur, um in die Niederungen des Antisemitismus hinabzusteigen. Dabei blieb er konservativ. Dieser Gesinnung ist er treu geblieben, als er im Bruch mit den Konservativen aus dem Amte ausschied. Bülow sagt das auch ausdrücklich in seiner „Deutschen Politik". Er hat dem Liberalismus Zugeständnisse gemacht, ist aber niemals selbst liberal gewesen. Sein ganzes Bestreben ging, das zeigt auch seine Nechtfertigungsschrist, auf Eindämmung der innerpolitischen Gegensätze aus. Er war keine Kampfnatur. Das muß man feststellen, wenn man ihm gerecht werden will. Bülow sind während seiner Amtszeit auch von jüdischer Seite häufig Vorwürfe wegen seiner Haltung Rußland gegenüber gemacht worden. Damals konnten deutsche Juden die Einreiseerlaubnis nach Rußland nur dann erhalten, wenn sie von einer Handelskammer die Bestätigung beibringen konnten, daß sie im Zarenreiche Geschäfte abzuwickeln hatten. Man hat Bülow oft daraus aufmerksam gemacht, daß Deutschland schon aus Gründen der Selbstachtung dieses Verhalten seines östlichen Nachbarn nicht hinnehmen dürfe, wie es sich auch die Amerikaner nicht haben gefallen lassen. Die deutschen Amtsstellen haben auch dann geschwiegen, als die Pogrome in Kischinew und Homeln die Entrüstung der ganzen Welt hervorriefen und als selbst englische Minister es für selbstverständlich hielten, ihrem Unwillen Ausdruck zu geben. Bülow wollte die Freundschaft nach Petersburg zu erhalten und sie derartiger Vorfälle halber nichts aufs Spiel setzen. Damit begründet er ja auch in seiner „Deutschen Politik" die Ablehnung der englischen Bündnisangebote. Von hier aus ist seine Handlungsweise zu verstehen, wenn auch nicht zu billigen. Wie falsch sie für einen.deutschen Staatsmann war, hat der Weltkrieg bewiesen; mit Antisemitismus hatte Bülows Haltung nichts zu tun. Als der Hilfsverein der deutschen Juden bei ihm eine Audienz nachsuchte, um die trostlose Lage der Juden in Rumänien zu schildern, fand er ein offenes Ohr; das beweist der Bericht des Hilfsvereins, der Bülow ausdrücklich für sein Entgegenkommen dankte. Nur eine Aeußerung Bülows hatte — zum mindesten dem Wortlaut nach — antisemitische Färbung. Es war in der Reichstagssitzung vom 29. Februar 1904. Bebel hatte die Maßregelungen russischer Studenten in seiner leidenschaftlichen Art besprochen. Der Kanzler, der vom Krankenbett hingeeilt war, um an der Debatte teilzunehmen, führte aus, es sei das gute Recht und die Pflicht jedes Staates, sich gegen den Anarchismus zu wehren, und erwähnte die vielen Attentate auf gekrönte Häupter und die Präsidenten von Frankreich und Amerika. Dabei sprach er von den russischen Studenten in Berlin unter Führung von „Mandelstamm und Silbersarb". Dieser Ausdruck hat damals gewaltiges Aussehen erregt; man schloß aus ihn: aus eine judenfeindliche Gesinnung, die tatsächlich nie vorhanden war. Bülow neigte dazu, sich von der Stimmung im Hause leiten zu lassen, für die er ein sehr feines Ohr besaß. Dabei war die Bemerkung überflüssig, denn Bülow hatte ohnedies den Beifall der Rechten. Sachlich war der Ausdruck außerdem falsch; denn Bülow durfte die Russen gar nicht in eine Linie mit den Anarchisten anderer Länder, etwa den Italienern, bringen. Es sind iur Grunde genommen die Leute gewesen, die nach den: Zusammenbruch des Zarismus ans Ruder gelangten. Diese deutsche Einstellung, die übrigens in England nie geteilt wurde, hat uns schwer geschadet. Bülow selbst ist stets ein Vertreter der Toleranz gewesen und widmet ihr in seinem Buch mehrere Seiten. Für Radaupolitik war er nicht zu haben. Wiederholt stieß er mit L i e b e r m a n n von S o n n e n b e r g deshalb heftig zusammen. Die Agitation der Alldeutschen siel ihm häufig auf die Nerven; auch dafür finden sich genügend Belege in seinen Erinnerungen. Bülow war auch in seinem persönlichen Verkehr vorurteilsfrei und unterhielt mit jüdischen Vertretern des geistigen Lebens enge Beziehungen. Namentlich mit Journalisten pflegte er vertraulichen Umgang und hielt auch diese Beziehungen nach seinem Sturz aufrecht. Die Antisemiten dürfen ihn also ebensowenig zu den ihren zählen wie etwa Hohenlohe oder C a p r i v i, wie B e t h m a n n - H o l l - weg oder selbst Bismarck, trotz seiner gelegentlichen unwirschen Aeußerungen, mit denen er ja abwechselnd alle einmal vor den Kopf stieß. Und doch entstammen alle, mit Ausnahme Hohenlohes, der der liberalen Reichspartei angehörte, dem konservativen Lager. Tie Gerechtigkeit erfordert diese Feststellung. Fnnerer Friede - IeuWlands Rettung / «»««««W m &«. in «M» „Innerer Friede — Deutschlands Rettung" lautete das Thema, das sich der Centralv e r e i nzu einem großen öffentlichen Ausspracheabend in Hildesheim gestellt hatte. Ueber 600 Personen, fast ausschließlich christliche Männer und Frauen, waren der Einladung gefolgt, so daß der Saal des Gildenhauses nicht alle, die sich einmal frei und vorurteilslos über dieses wichtige Thema aussprechen und ausklären lassen wollten, fassen konnte. Einleitend wies Dr. Cohn, der Vorsitzende unserer Ortsgruppe Hildesheim, auf die wachsende Verleumdung und Beschimpfung der Juden im politischen Kamps hin. Um 'Deutschland aus seiner Zerrissenheit zu befreien, verlangte er von jedem guten Deutschen, selbstverständliche vaterländische Pflichterfüllung, Selbstachtung und Wahrheit und Gerechtigkeit jedem Andersdenkenden gegenüber. Dr. Bruno Weil (Berlin), der stellvertretende Vorsitzende des Centralvereins und Hauptreferent des Abends, N setzte an die Spitze seiner Ausführungen das N aus der Französischen Revolution von jedem modernen Staat übernommene Grundgesetz: jede Auseinandersetzung wird unter Volksgenossen ausgetragen, die als Menschen gleiche Rechte beanspruchen können. Demgegenüber stehe die nationalistisch-völkische Forderung, nur den Angehörigen eines Blutkreises Gleichberechtigung anzuerkennen. Vom geschichtlichen, gefühlsmäßigen, staatspolitischen und praktischen Standpunkt aus führte er diese Forderung ad absurdum. Seine eingehende Darstellung gipfelte in den Worten: „Die Wohlfahrt des deutschen Vaterlandes hängt also ab von der Bildung einer wahren Volksgemeinschaft, zu der jeder gehören kann, der die nationalen Belange wahrnehmen will. Keine Bluts-, sondern eine Willens- und Schicksalsgemeinschaft verbürgt den erfolgreichen Wiederaufstieg des deutschen Vol- ...zuerst: noch Kathreiner mit Bohnenkaffee gemilcht 6twn Kathreiner allein"/ 6o lind Ichon viele hunöerttau/möe bekehrt worden/ kes. Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn ihr einig seid und treu!" An diese mit lebhaftem Beifall ausgenommene Rede schloß sich eine sehr unifangreiche Aussprache, in der u. a. Senator Weßling im Namen der Deutschen Volkspartei erklärte, daß diese — gemäß ihrem Parteiprogramm — der völkischen Bewegung ablehnend gegenüberstehe, da die Parteizugehörigkeit nicht abhängig von Religionsbekenntnis oder Rasse sein dürfe. Der Oberbürgermeister von Hildesheim, Dr. E h r l i ch, forderte von jedem, ehe er ein Urteil über die Juden fällt, schärfste Selbstkritik. Chefredakteur Wallis rügte die isolierende Haltung der deutschen kleinen Gruppen, die die Zersplitterung des deutschen Volkes in unnötiger Weise erhöhen. In diesem Zusammenhang vermeinte er auch seststellen zu können, daß sie sich überall in Gruppen und Cliquen von ihren Mitbürgern absonderten. Sie müßten mehr Verbindung suchen, auch ein hartes Wort nicht scheuen und ständig von sich aus den Ausgleich anstreben. Dadurch ließe sich mancher Gegensatz mildern. Leider hatten die anwesenden Gegner nicht den Mut, in die Aussprache einzutreten., eine Beobachtung, die man immer wieder machen kann und die Dr. Weil in seinem Schlußwort bedauerte. Bei der -sachlichen Versammlungsleitung durch Dr. Cohn nahm $er Abend einen ruhigen Verlauf.