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Central-Verein-Zeitung · 1929-11-01 · 44 (1.11.1929) · p. Seite 587

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
44 (1.11.1929)
Date
1929-11-01
Page
Seite 587 (sequence 3)
Language
German
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Der Nürnberger Talmu-prozeß. Der erste Tag einer Schwurgerichtsverhanülung gegen öen „Stürmers Von unserem nach Nürnberg entsandten Sond Nürnberg, 29. Oktober. Das Rubrum der Anklagen, über die das Nürnberger Schwurgericht heute zu verhandeln begann, lautet: Holz, Streicher und H i l Z wegen fortgesetzten Neligionsvergehens, begangen durch die Presse. Sechs Verfahren, von denen vier aus Anzeigen der Ortsgruppe Nürnberg oder des Landesverbandes Bayern des Centralvereins zurückgehen, sollen in einheitlicher Verhandlung zum Urteil geführt werden. Die Anklage macht Holz und Streicher zum Vorwurf, durch Artikel im „Stürmer", der berüchtigten Nürnberger Wochenschrift, die jüdische Neligionsgesellschast beschimpft und Gott gelästert zu haben. Hilz sitzt als Drucker einer Schmähschrift „Der biblische Joseph" auf der Anklagebank. Hilz ist unbekannt und unwichtig. Er ist ein bieder aussehender Drucker, der im Schatten seiner Mitangeklagten vollkommen verschwindet. Holz und Streicher müssen dagegen auch diesmal vorgestellt werden. Holz, der Nürnberger Stadtrat, und Streicher, der bayerische Landtagsabgeordnete, machen in jeden: Augenblick, den sie reden — und man hört neben ihnen die anderen Akteure der Hauptverhandlung nur selten und so schwach, daß man den Eindruck von Schüchternheit erhält —, das Tribunal zur Szene. Sie reden wie in Volksversammlungen zum Gericht und zu ihren im Zuhörerraum zahlreich vorhandenen weiblichen Anhängern, und trotz der gegen den regnerischen Herbsttag geschlossenen Fenster reden sie hinaus: die nächste Nummer des „Stürmer" wird schon alles wiederholen. Der Staatsanwalt, sachlich und menschlich Vertreter der Anklage, wird in gröblichster Weise insultiert. Als die Hauptverhandlung vorbereitet wurde, erschien es bei der Fülle der unter Anklage gestellten aus angebliche Talmudvorschriften beruhenden Vorwürfe dem Untersuchungsrichter notwendig und zweckmäßig, einmal reinen Tisch zu machen. Gebietet die jüdische Lehre Morde aus religiösen Gründen? Gestattet sie oder fordert sie sogar Meineid und Betrug an Nichtjuden? Begrüßt sie die Schändung nichtjüdischer Frauen und Mädchen? Von der Wiederholung dieser Behauptungen lebt nicht nur der „Stürmer" und durch ihn Holz und Streicher. Die ganze nationalsozialistische Preß- und Versammlungspropaganda beruht zu großen Teilen aus ihr. Nach den Plänen des Untersuchungsrichters sollte deshalb vor dem Schwurgericht eine Art Ncligionsdisputation stattsinden. Sachverständige aus den drei großen Religionen waren geladen und hatten bereits große Gutachten eingereicht. Da saßen um zwei Tische: der Hamburger Pastor und Professor für rabbinisches Hebräisch D. Windfuhr, der Prälatenkopf von Professor Goettsberger aus München nebenihm. Würdig der Talmudgelehrte Professor Dr. Michael G u t t m a n n, Rabbiner und Dozent am Breslauer Rabbinerseminar. Etwas abseits, leidend, undurchsichtig, Dr. Erich Bischofs aus Leipzig, Autor des Hammer-Verlages dessen erste Schriften in jüdischen Verlagsanstalten herausgekommen waren. Verfasser von Schriften aus heterogensten Gebieten, Spötter über Fachgenossen im Talmudwisfen, ein erbitterter Feind des Centralvereins. Gegen Windfuhr und Guttmann richtet sich zunächst ein Ablehnungsantrag der Angeklagten. Windfuhr habe vom C. V. für Artikel in der „C. D.-Zeitung" und für Vorträge über den Talmud Honorare erhalten. Windsuhr entgegnet, Rezensionen über wissenschaftliche Bücher würde er sogar im „Stürmer" schreiben. Er werde von vielen Blättern zur Mitarbeit eingeladen. Er erhalte natürlich überall das übliche Honorar. Die Vorträge seien gegen niemanden gerichtet gewesen, sondern hätten wissenschaftlich über das jüdische Schrifttum Aufklärung gebracht. Er fühle sich, bei Prüfung auf Ehre und Genüssen, unbefangen. Und Guttmann? Weswegen hatte man ihn geladen? Ein maßgebender Kenner des jüdischen Schrifttums sollte darüber aussagen, was der Talmud enthalte und was er für den Juden von heute bedeute. Ein Jude sollte eine große Konfession abgeben, um neben den starren Konunentaren und Paragraphen die lebendige Wärme eines wirklichen Menschen spüren^zu lassen! Die Angeklagten lehnten ihn ab: Er sei berufsmäßig verpflichtet, für das Judentum einzustehen, zudem sei er Mitglied des Centralvereins. Vergeblich sprechen- Guttmann und der Staatsanwalt-, Guttmann sei nicht befangen. Gerade um einen Juden zu hören, sei er geladen worden. Aber Holz und Streicher sprechen ja auch in Volksversammlungen nur, wenn „Juden der Zutritt verboten" ist. Noch können sie nicht verhindern, daß Juden den Gerichtssaal betreten; aber daß sie schweigen müssen, daß in das glitzernde Halbdunkel ihrer Pseudowissenschast Helle eindringe, das wollen sie verhindern. Fanatisch und pathetisch' klingen die Anträge immer wieder zu den Geschworenen. Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück. Fast zwei Stunden währt hinter den verschlossenen Türen des Beratungszimmers der Kampf zwischen dem Streben nach Wahrheitsfindung und Parteiinteresse. Die Türen öffnen sich: Der Vorsitzende verliest einen kurzen Satz. Die Sachverständigen find abgelehnt. Keine nähere Begründung. Windsuhr kann gehen. Und Guttmann muß den Saal verlassen. Juden haben also auch hier keinen Zutritt. Am Nachmittage unternimmt der Staatsanwalt den Gegenzug. Wenn Windfuhr und Guttmann befangen sein sollen, um wieviel mehr Bischofs! Da fahren sie alle auf, Holz, Streicher, ihr Verteidiger, Bischofs selbst. Der Staatsanwalt kann froh sein, nicht aus dem Saale gewiesen zu werden. Bischofs bringt, um seine Unbefangenheit kundzutun, jenes Genusch von Wahrheit und Unwahrheit vor, das auch seine wissenschaftlichen Werke charakterisiert. Halbstündige Beratung. Bischofs darf bleiben. I h m ist zu glauben, daß er unbefangen ist. rberichterstatter. Jetzt, um 6 Uhr nachmittags, werden die Erösfnungsbeschlüsse verlesen. Monoton klingen die Sätze der inkriminierten „Stürmer"-Artikel vom Richtertisch zu den Zuhörern. Friede lagert über allen. Man ist wieder ganz unter sich, und wenn man die Augen schließt, könnte man meinen, vom Podium spende ein nationalsozialistischer Redner Weisheit. Und so ging der erste Verhandlungstag zu Ende. Dr. Alfred Hirschberg. Der Aufruf öer Satten. „Eine ganze Reihe von Juden." Die deutschnationale Schriftenvertriebsstelle versendet eine Sondernummer der Zeitschrift ,,Unsere Partei", die besonders der Werbearbelt für das Volksbegehren gewidmet ist. In dieser Sondernummer wird der Aufruf maßgebender Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Literatur und Kunst gegen die Unterzeichnung des Volksbegehrens mit. Hohn und Spott überschüttet. Es fehlt nicht viel an dem Ton, den der nationalsozialistische Bundesgenosse der Deutschnationalen Volkspartei in seinen Radau- Versammlungen anzuschlagen Pflegt. Man kann nur bedauern, daß eine so stark bürgerliche Partei wie die Deutschnationale Volkspartei, daß ein Führer wie der erfahrene Politiker Dr. Hugenberg politische Auseinandersetzungen auf dieses niedrige Niveau herunterschrautzen lassen. Selbstverständlich fehlen auch, um dem neuen Verbündeten in nichts nachzustehen, die niedrigen Mätzchen des Antisemitismus nicht. Wenn aber diese Mätzchen nicht geistvoller und wahrhaftiger sind als in diesem „Aufruf der Satten", so können einem die deutschnationalen Persönlichkeiten in der Seele leid tun. „E i n e ganze Reihe von Juden" haben, so wird behauptet, den Aufruf unterschrieben. Wir finden unter den 73 Unterzeichnern zwei Persönlichkeiten jüdischer Abstammung und zwei, die zur jüdischen Gemeinschaft gehören: Einstein und Liebermann. Deshalb haben die Deutschnationalen recht: „Wie wir es verstehen." Einstein und Liebermann ersetzen in der Tat „eine ganze Reihe von Juden". Und der überwiegende und besonnene Teil des deutschen Volkes, einschließlich seines jüdischen Bestandteiles, ist stolz darauf, eine solche Reihe von Juden, genannt Einstein und Liebermann, zu den ihren zu zählen. Beide werden geschmackvoll in die Zahl der „Satten" eingereiht. Wer diese bescheidenen großen Männer kennt, lacht über solche Unterstellungen. Und weiter heißt es in dem deutschnationalen Ausruf: Eine ganze Reihe von Inden! Warum? Nebbich! Wos haißt Volksbegehren? In Deutschland Hot nur einer zu begehren, und dos ist der Jud! Nu, wie haißt?! Der kluge Verfasser des Aufrufs täte gut daran, einmal Einsteins Schriften — ihm wohl ein Buch mit sieben Siegeln — zu lesen oder vielleicht den deutschen Stil in Liebermanns Bildern und hie feine Sprache in seinen Kunstschriften zu studieren. Dann würde er vielleicht noch einmal Deutsch lernen, und das scheint nach dem schönen, angeblich jüdischen Kauderwelsch das er verzapft, dringend notwendig zu sein«

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