Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 44 (1.11.1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 586 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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SSb Ursprung 1835 Lebens-, Aussteuernnd Mitarbeiter gesuäit. UUWMWMDiM Geistes! Das Erwachen des dritten Standes, des bisher mißachteten Bürgertums, zeitigte — wie im darauf folgenden Jahrhundert das- Erwachen des vierten Standes, der Arbeiterfchaft — eine neue Weltüra. Die Revolution, sagt Aulard, wurde nicht von ein paar Helden, -sondern vom Volk gemacht.- Volksbildung war nach der Ansicht dieses ihres größten Kenners ihr eigentliches Politisches und soziales Programm. Durch die Erklärung der Menschenrechte wurden nicht nur die Bürger und Bauern, sondern auch — was in unserem Zusammenhang wichtig ist — die Juden zum erstenmal frei. Das Panier der Freiheit war entfaltet, die Gleichheit all dessen, was Menschenantlitz trug, wurde verkündet. Damit war der Liberalismus geboren. Napoleon war der Erbe der Revolution. Seine Hand zermalmte das ständisch-feudalistische Preußen. Sollte es nun im alten Geiste wiederaufgebaut werden? Dies verhindert und Preußen im Geiste der neuen Weltzeit, im modernen bürgerlichen Geiste wiederaufgerichtet zu haben, ist das Werk Zweier Staatsmänner, die zu den größten der deutschen Geschichte gehören: des Reichsfreiherrn Karl vom Stein und des Staatskanzlers Karl August v o n H a r - denberg. Wer war Stein? Ein geflügeltes Wort seiner Zeit sagt es uns: „Des Guten Grundstein, des Bösen Eckstein, der Deutschen Edelstein." Das deutsche Volk sollte diesen Mann besser kennen, um so mehr, als es über ihn die meisterhafte Lebensbeschreibung des kürzlich verstorbenen Göttinger Historikers Max Lehmann besitzt. Er war eine Persönlichkeit von ungeheurem Ausmaß, von dämonischen Kräften und vulkanischer Leidenschaft. Er ist im Gedächtnis des Volkes zu Unrecht von der Gestalt Bismarcks überschattet worden. Hugo Preutz hat in ihm den größten deutschen Staatsmann des Innern verehrt. „Ich kenne nur ein Vaterland, und das heißt Deutschland . . .", lautete sein großdeutsches Ideal. Steins wuchtiges Format besaß Hardenberg nicht; er war mehr Hofmann. Aber auch er war der Wegbereiter der deutschen Zukunst, der Urheber von Preußens Wiedergeburt. Das Reformwerk der beiden Männer bildet eine Einheit und soll hier ebenfalls als Einheit gewürdigt werden. Zwei Hauptgesichtspunkte beherrschen es. Die Schaffung einer lokalen Selbstverwaltung und die Vorbereitung einer r e p r ü s e nt a t i v e n V e r s a s s u n g. (Die militärische Seite des Reformwerkes, die Errichtung eines Volksheeres, soll hier außer Betracht bleiben.) In der neuen Städteordnung'kam die lokale Selbstverwaltung zum Ausdruck. Tie Stadt stand nun nicht mehr unter der bureaukratischen Fuchtel der Obrigkeit, sondern die Bürger regierten ihre Stadt selbst. Freilich wurden Justiz und Polizei in die Regie des Staates übernommen und das Aktivbürgerrecht war noch immer an einen Zensus gebunden. Jedoch der Stadtbürger hatte sein politisches Selbstbestimmungsrecht erlangt. Was für ihn die Städteordnung leistete, das leistete für den bisher erbuntertänigen Bauern das große Werk der Bauernbefreiung. In der Verwaltungsreform wurde die Justiz von der Last der Verwaltung befreit. Den- Zunftzwang beseitigte die Gewerbefreiheit. Ein weiteres Glied in der Kette des Reformwerkes ist die Judenbefreiung. Sie ist in erster Linie Hardenberg zu verdanken. Bereits unter Steins Aegide hatte man einen Anlauf zur Judenemanzipation genommen, indem man die Absonderung der Juden von der übrigen Bevölkerung zu unterbinden suchte. Dies geschah „im Interesse des Staatswohls", unter Mitwirkung eines Wilhelm von H u rn b o l d t. Hardenberg hatte jedoch, aus Frankreichs Vorbild zurückgreifend, das nrenschliche Interesse der Juden im Auge. Durch sein Edikt vom 11. Mürz 1812 wurden sie vollständig emanzipiert. Bürger-, Bauern- und Judenbesreiung bildeten ein organisch verflochtenes Ganzes. Der Kreis war geschlossen. Die neue Staatsidee war geboren. Konnten die ständisch-feudalistischen Mächte Preußens diese Entwicklung geduldig hinnehmen? Mitnichten. Ihr Eigennutz war schwer gekränkt. Sie fühlten ihre Standesvorrechte bedroht. Das Reformwerk stieß mit ihrer Reaktion hart zusauunen. Die feudale Partei holte zum Gegenschlage aus. An ihre Spitze stellten sich der märkische Junker von der Marwitz und Graf F i n ck e n - st e i n. Beide waren Abkömmlinge altpreußischer Adelsfamilien, echte Vertreter borussischer Herrenmoral. In beleidigender Tonart erhoben sie gegen Hardenberg den Vorwurf der Verfassungsverletzung, des Rechtsbruches gegenüber den Ständen. Marwitz — übrigens ein Mann von Gepräge — bezeichnet das Reformwerk als jüdische Mache. Ein Vergleich mit der Gegenwart liegt nahe. Damals griff Hardenberg mit derselben erfreulichen Energie durch wie heute Severin g. Er machte den beiden Widersachern den Prozeß, ließ sie auf die Festung Spandau transportieren, wo sie fünf Wochen installiert wurden. Der Kastengeist der Stünde hatte einen Denkzettel bekommen, er war aber keineswegs entmutigt, geschweige denn gebrochen. Die Besten ihrer Zeit standen auf seiten Steins und Hardenbergs. Unter ihren Mitarbeitern befanden sich Männer wie der Ostpreuße Theodor von Schön, ein Schüler Kants und Förderer des Freihandels', der Historiker und Staatsmann Rieb u h r, der Freiherr v o n Altenstein, bedeutend als Kulturpolitiker, sowie nicht zuletzt die Militärs S ch a r n h o r st und B o y e n. Auf geistigsittlichem Gebiet ergänzten Fichte und S ch l e i e r m a ch e r das Reformwerk. Dennoch blieb das große Werk ein Torso. Und darin liegt eine gewisse Tragik. Ter krönende Abschluß fehlte. Die versprochene Verfassung, die ersehnte „Nationalrepräsentation" wurde von der immer mehr erstarkenden Reaktion verhindert. Preußen und Deutschland zerfiel in zwei Lager. Auf der einen Seite die Welt des liberalen Bürgertmns mit ihrer Richtung auf einen freien Staat, und auf der anderen Seite die legitimistisch-konservativen Kreise mit ihrer Richtung auf Erhaltung der Stände. Feudalismus gegen Demokratie. Das bürgerliche Deutschland schuf im Frankfurter Parlament der Jahre 1848/49 das Verfassungswerk eines freiheitlichen deutschen Nationalstaates. Die Reaktion verschmähte und verwarf es. Es ist nun eitlem staatsmännischem Genie gelungen, das scheinbar Unvereinbare zu Vereinen. Bismarck schuf das Deutsche Reich. 'Wich er dabei von den Wegen Steins und Hardenbergs ab? Nein und Ja! Die Selbstverwaltung blieb unangetastet, sie wurde, freilich unter heftigem konservativen Widerstand, weiter ausgebaut: es sei nur an die Kreisordnung von 1872 erinnert. Auch die Rechte der Juden blieben ungeschmälert. Nachdem die preußische Reaktionszeit an dem Edikt von 1812 bedeutende Abstriche Vorgenomnien hatte, stellte die preußische Verfassung des Jahres 1850 die Rechtsgleichheit wieder her. Bismarcks norddeutsche Bundesverfassung erklärte „alle noch bestehenden, aus der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses hergeleiteten Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte" für ausgehoben. Die organische Beziehung von Städteordnung und Judenemanzipation sprach sich darin aus, daß die Juden sich um die Kommunalverwaltung verdient machten. Gabriel Riester förderte den Ausbau der Verfassung seiner Vaterstadt Hamburg. Dagobert F riedländer, Mitglied des preußischen Herrenhauses, wirkte erfolgreich als Stadtrat in Bromberg. In die Annalen der Geschichte der Berliner Stadtverwaltung sind seit David Friedländer, dem ersten jüdischen Stadtrat, Moritz Beit, Ludwig L o e w e, Oscar C a s s e l, Hugo P r e u ß, Paul N a t h a n u. a. m. eingezeichnet. Um sein Wenk überhaupt zu vollbringen, mußte Bismarck dem Feudalismus viel zu viel Zugeständnisse machen. Sein Staatsbau war eine vorläufige Lösung, die keine Gewähr der Dauer in sich trug. Dies hat soeben Arthur R o s e n b e r g in seinem Buche „Die Entstehung der deutschen Republik" mit tiefgreifender Kritik gezeigt. Die Weimarer Verfassung des Jahres 1919 beseitigte endgültig die Standesvorrechte des Feudalismus. Hugo Preuß beschwor bei der Begründung des neuen Verfasfungswerkes die Manen Steins. Was das liberale Bürgertum ersehnt hatte, war nun erfüllt. Das deutsche Volk besaß den freien Staat. Ihm will heute der Nationalsozialismus den Garaus machen. Seine Bewegung ist, geistesgeschichtlich gesehen, ein Rückfall in die reaktionäre Romantik der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Vergleich kann hier nicht im einzelnen durchgeführt werden, es sei aber auf die beiden Bewegungen gemeinsame Glorifizierung des Mittelalters hingewiesen, die von jeher eine Schutzwand der kulturreaktionären Bestrebungen gewesen ist. „Wenn ich einen Blick auf diese Schandschrift werfe, fühle ich mein ganzes Wesen beben", möchte man mit Büchners Danton ausrusen, sobald man das nationalsozialistische Programm zur Hand nimmt. Es ist ein Akte n tat sowohl auf die Judene m a n z i p a t i o n als auf die Selbstverwaltung. Die deutschen Juden sollen wie im Mittelalter entrechtet werden. Die kommunale Selbstverwaltung verurteilt Karl F i e h l e r in seiner „Nationalsozialistischen Gemeindepolitik" als „bürgerliche Feigheit und Unfähigkeit". Derselbe Autor verdammt den modernen bürgerlichen Geist durch die Feststellung: „Bürgerlicher Pazifismus und Kampf passen eben nicht zusammen." Was will demnach der Nationalsozialismus? Er will das Werk Steins und Hardenbergs — die Idee der bürgerlichen Selbstverwaltung und der Judenemanzipation — zerschlagen und den Geist Bismarcks — die Idee der Gleichberechtigung aller Staatsmitglieder — verraten. Statt der Demokratie will er Diktatur, statt des freien Staates, die Stände. Wer dies Programm nicht billigt, muß ber den Wahlen am 17. November den verfassungstreuen Parteien seine Stimme geben! Di'. Fritz Friedlaender.