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Central-Verein-Zeitung · 1929-11-01 · 44 (1.11.1929) · p. Seite 585

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
44 (1.11.1929)
Date
1929-11-01
Page
Seite 585 (sequence 1)
Language
German
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<mmu PMKer sürHeulscdtumWl mrvIuÄmtmn. Serlin, l. November 1-2- VlU. Jahrgang * Nr. 44 Einzelnummer 20 Pfennig loraan -es Cenlrnl-Vmins -cutsckrr Etimtsvüwer ifiMefam fflcobenstt». Allgemeine Zeitung^ des Judentums Bierteliakrsabonnement. 2,50 man. (zuzügl. Bestellgeld). - „ J m . Berlaa und Schriftleitung: Berlin SW 68, Lindenstr. 13. .:. Amt Ddnhoff 3594, 3595. .:. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube 6, Berlin SW 68, Lindcnstraße 7, und von Eoldschmidt - Rothschild & Co., Berlin w 8. m _ Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Masse, Berlin 8W 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Moffe, Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 JIS., die 62 mm brerte Rerlamezeue 3,50 Woher stammen die nationalsozialistischen Glimmen in Baden? Bei den Landtagswahlen in Baden haben die Nationalsozialisten sechs Plätze erobert. Die Frage, aus welchen politischen' Lagern dieser Stimmenzuwachs stammt, beschäftigt die gesamte deutsche Presse. Und sie verdient auch diese Beachtung; denn für die Einstellung zu den Parteien und für die Aufklärung über einen zügellosen Radikalismus ist Klarheit darüber erforderlich, in welchen Schichten der Bevölkerung die nationalsozialistische Agitation fruchtbaren Boden gefunden hat. Die meisten Blätter begnügen sich mit der Feststellung, die Nationalsozialisten hätten die seit den Neichstagswahlen 1928 verlorenen 30 000 Stimmen der Deutschnationalen Volkspartei für sich gewonnen; diese Behauptung stellt aber zweifellos keine befriedigende Lösung dar. Denn der Evangelische Bolksdienst hat sich im ersten Anlauf 35 000 Stimmen geholt, die sicher in erheblichem Maße aus den deutschnationalen Reihen stammen. Und die Badische Bauernpartei hat — gleichfalls zum erstenmal im Wahlkampf — fast 30 000 Stimmen erobert und damit, wie selbst deutschnationale Organe schreiben, den Deutschnationalen Stimmen entzogen. Einen großen Stimmenverlust weisen außer den Deutschnationalen die Deutsche Volkspartei mit rund 12 000 Stimmen, die Sozialdemokraten mit rund 17 000 Stimmen, die Kommunisten mit rund 11 000 Stimmen und die Linkskommunisten mit rund 3000 Stimmen auf. So schwer es ist, zumal eine neue Kreiseinteilung in Baden dieser Wahl Zugrunde lag und die Wahlbeteiligung sich gegenüber 1928 verändert hat, eine wirklich einwandfreie Feststellung über die Verschiebung der Wählerstimmen zu treffen, so muß doch wohl gesagt werden, daß die Nationalsozialisten nicht nur aus Rechtskreisen, sondern auch von links, besonders von kommunistischer Seite her, Stimmenzuwachs erhalten haben. So dürfte es sicher sein, daß keinesfalls die Deutschnationalen eine beträchtliche Zahl von Stimmen an die Nationalsozialisten abgeben mußten. Das ist eine eindringliche und beachtenswerte Lehre aus den badischen Landtagswahlen. Eine eingehende Würdigung dieser Wahlen veröffentlichen wir aus Seite 588. Stände oder Die liefere Bedeutung der Die Kommunalwahlen stehen vor der Tür.' Angesichts der erschreckenden Uninteressiertheit und Wahlmüdigkeit, die sich leider gerade in verfassungstreuen Kreisen in letzter Zeit bemerkbar macht — wenigstens den kommunalen Dingen gegenüber —, muß einmal mit allem Nachdruck auf die Bedeutung jenes Ereignisses hingewiesen werden. Worüber fällt die Entscheidung am 17. November? Worum handelt es sich? Um nichts weniger als um das Bestehen oder den Untergang der kommunalen Selbstverwaltung! Ach, mag so mancher Gleichgültige denken, was kümmert es mich, ob in der Stadtverwaltung von rechts her oder links her regiert wird. Mir genügt es, wenn ich meine persönliche Ruhe habe und unbehelligt meinem Berufe nachgehen darf. Kaum kommt ihm der Gedanke, daß auch die Wohlfahrt des einzelnen von der bevorstehenden Wahl abhängig ist. Er macht sich nicht klar, daß jedes Glied einer Gemeinschaft — in unserem Falle der Bürger einer Stadtgemeinde — von der Gestaltung ihrer Geschicke unmittelbar betroffen wird. Vielleicht wird jener sattsam bekannte Gleichgültige doch ein wenig stutzig, wenn wir ihm sagen, daß in der kommenden Wahl um nichts geringeres als um die Beantwortung der eigentlichen Grundfrage des modernen deutschen Staats- und Versassungslebens gekämpft wird. Was steht denn auf dem Spiele? Der Geist der bürgerlichen Demokratie steht vor der schweren Ausgabe, die Errungenschaften des letzten I a h r h u n d e r t s gegen den e r n e u t e n A n st u r m der st ä n d i s ch - s e u d a l i st i s ch e n- Reaktion zu verteidigen. Inwiefern dies zutrisst, mag ein kurzer geschichtlicher Rückblick lehren. AUS DEM INHALT: Dr. Alfred Hirschberg: Der Nürnberger Tatmudprozess Seite 587• — Richard May: Bernhard Fürst Bülow Seiie 590. - Rabbiner Dr. Vogetstein: Zur Erinnerung an Rudolf Kittel Seiie 59i. - Frank Thiess r Bemerkungen zur Rassenfrage Seite 592. freier Staat? Wühlen am 17. Aonember. War es denn immer der Fall, daß die Bürger einer Stadt ihre Angelegenheiten selbst ordnen durften? Nein, gewiß nicht! Noch im Staate Friedrichs des Großen war von einem eigenen Stadtregiment der Bürger keineswegs die Rede. Im Zeitalter des großen Königs herrschte die Staatssorm des Absolutismus. Der Herrscher konnte zwar, wenn er das Vernntwortungsbewußtsein und Pflichtgefühl eineS Friedrich besaß, der erste Diener seines Staates sein, er brauchte es aber nicht zu sein, denn als absoluter Souverän durfte er die bezeichnende Gesinnung des tonangebenden französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. für sich in Anspruch nehmen: „Ter Staat bin ich." Mit einer solchen Staatsverfassung, die das Wohl und Wehe eines ganzen Landes und Volkes von dem Willen eines Einzelnen abhängig machte, war natürlich eine Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen unverträglich. Vielmehr herrschte in der Gesellschaft des absolutistischen Staates ein streng durchgesührtes Prinzip, das die einzelnen Stünde kastenmäßig voneinander abschloß und damit dem Tüchtigen die freie Bahn versperrte. Wie hätte bei einer derartigen Gesellschaftsform und Staatseinrichtung der Stadtbewohner auch nur mit dem Gedanken spielen dürfen, die Zügel selber in die Hand zu nehmen. Mit unbeschränkter Vollmacht regierte der Alleinherrscher von oben herab, und er, der noch kein freier Staatsbürger sondern nichts weiter als ein Untertan war, mußte gehorchen. Der Adel war der weitaus bevorzugte Stand, der auf das „Bürgerpack", die sogenannte Kanaille, verächtlich herabsah. Feudalismus war ebenfalls der Grundzug der Epoche. Einhaltung der Standesschranken war ein weiteres Kennzeichen. Es erübrigt sich zu sagen, daß auch die Stadtregierung ausschließlich Staatsangelegenheit war. Es ist nun das unvergängliche Verdienst der großen französischen Revolution, in jenes feudalistisch-absolutistische System des Staates und der Stünde ein für allemal Bresche gelegt zu haben. Das Unzulängliche, was in der vorangegangenen englischen Revolution geschah, hier ward's Ereignis. Es ward dauernder Besitz der Menschheit. Tenn was bedeutet die große französische Revolution, wenn man sie auf einen Generalnenner bringt? Sie bedeutet die Selbstbefreiung des modernen bürgerlichen

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