Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 42 (18.10.1929)
- Date
- 1929-10-18
- Page
- Seite 567 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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567 Das „Morgen"-Geöenkhefl für Julius Golöftein. Das Oktoberhest des „Morgen" ist als Gedenkheft für Julius G o l d st e i n, den Begründer und Herausgeber der im Philo'-Verlag erscheinenden Zweimonatsschrift, herausgekommen. Männer und Frauen, die ihm im Geist und in Freundschaft verbunden waren, haben die Anregung zu diesem Denkmal, gegeben, das Zeugnis davon ablegen soll, was die gebildete jüdische und nichtjüdische Welt, zumal die deutsche, an ihm verloren hat. Durch die Blätter dieses wundervoll komponierten Buches tönt kaum ein Klang der Klage um den, den wir verloren, nur wehmütiger Dank für das, was er uns gegeben und was er uns gewesen. Denn lebendig steht'das Bild des Heimgegangenen hier vor unserem leiblichen und geistigen Auge. Wir sehen in vortrefflicher Wiedergabe den schönen geistvollen Kops — wer, der ihn einmal erblickt hat, kann ihn je vergessen! — mit der hohen gewölbten Denkerstirn und dem zurückgekämmten dichten schlohweißen Haar, und wir glauben seine volle, wohltönende Stimme in scharf akzentuierter Sprache Worte und Sätze zu klarer Rede und meisterhaftem Vortrag formen zu hören. Wir finden eine stattliche Reihe von wichtigsten Schriften aufgesührt, die er uns im Laufe von 30 Jahren geschenkt hat. Er selber spricht zu uns noch einmal, psychologisch fein und pädagogisch eindringlich, in einem Entwurf aus seinem Nachlaß über „Ehrfurcht, eine Grundsorderung des Judentums", spricht als einer, der Ehrfurcht vor dem Geiste und Ehrfurcht vor dem Gott des Judentums als tiefstes seelisches Erlebnis erfahren hat. Andere suchen seine Gestalt in Worten nachzuzeichnen. Max Diene m a n n entwirft ein klares, kluges und zugleich liebevoll umfassendes Bild des Mannes in seiner Arbeit und seinem Leben, seinem Werden und seinen Zielen. Unter dem Motto eines Liedes von Uhland weiht Heinrich Frick dem Menschlichen in Julius Goldstein feinsinnige Gedüchtnisworte: wie er, aus tiefer religiöser Hoffnung heraus, allem Leid und Dunkel, die seine Sehnsucht weckten, nach der „seligen Rast" das tatensrohe „Dennoch" entgegensetzte. Aus „Zügen seines Bildes" hebt Wilhelm M i ch e l den Jünger des deutschen Idealismus hervor, der eigentlich nicht zum politischen Streiter in dieser aus den Fugen geratenen Welt bestimmt war und sich um der Menschlichkeit willen dem Kampf doch nicht entziehen konnte. Goldsteins Stellung zu der Philosophie der Gegenwart behandelt Ernst von Aster in einer kurzen aufhellendeu Abhandlung; wir erkennen ihn da als Schüler und Mitarbeiter der drei lebensnahen Philosophen, die den stärksten Einfluß auf ihn hatten: Eucken, James und Bergson (Briefe von ihnen an G. sind auszugsweise am Ende des Heftes abgedruckt); leider war, ein eigenes System abschließend zu schaffen, ihm nicht mehr vergönnt. Das Interesse des Religionsphilosophen Goldstein für die Theorie der Medizin erklärt R i ch a r d K o ch (in „Theorie der Medizin und Religionsphilosophie") mit der Wandlung der Medizin aus einer bloßen angewendeten Wissenschaft zu einer Kunst, von Seele aus Seele zu wirken. Dem Problem von Deutschtum und Judentum, das Goldstein für seine Person, eine in sich geeinte Persönlichkeit, gelöst hatte, sind einige weitere Aufsätze gewidmet. Unter dem Bilde des „elliptischen Menschen" macht Friedrich Thieberger anschaulich, wie der jüdische Mensch zwei Mittelpunkte hat, eben Jude und Mensch. FranzRosen zweig spricht in einem vollendet knappen „Vorspruch zu einer Mendelssohn-Feier" von den „geliebten beiden Verbundenen, dem Judentum und dem Deutschtum", und von der „geliebten Gefahr", in die uns jener erste „deutsche Jude" geführt hat, während. Iulius Bab in einer anziehenden Gegenüberstellung „Rembrandt und Spinoza", den deutschen Maler und den jüdischen Denker wie in einem „tiesinnerlichen Bedürfnis nach gegenseitiger Ergänzung" jeden auf das Volk des anderen zuschreiten läßt. Ins Gebiet des Politischen führt Ada m Röder mit einer kurzen Betrachtung über „Konservative Kulturpolitik", in der er sich mit dem ethisch-religiösen Juden einig weiß und die er von der bloßen konservativen Politik, auch gewisser jüdischer Kreise, unterschieden wissen möchte. An Goldsteins Werken: „Rasse und Politik" und „Deutsche. Volksidee und deutschvölkische Idee" gemahnt uns Otto M e l l e r s Beitrag zur Kritik der völkischen Bewegung und sein Titel „Bolknatur und^Bolkgeist". Ist Volk Bluts-, Schicksals- und Sprachgemeinschaft, so sind doch Geistesmächte wie Judentum und Ehristentmn notwendig, die grundsätzlich auf das Uebernationale gerichtet sind; nur aus einer letzten übervölkischen Einstellung heraus (wie Goldstein) kann man seinem eigener! Volke dienen. Ludwig Holländer weift nachdrücklich auf die Gewissenlosigkeit und Gefährlichkeit der Verhetzung voll Gruppen des Volks gegen Andersdenkende hin, indem er die gebräuchlichste Methode der „Vergiftung der öffentlichen Meinung bloßlegt: man verschiebt die Beweislast" und verlangt von dem zu unrecht Beschuldigten, daß er den Vorwurf widerlege. Zur Höhe letzter religiöser Erkenntnisse leiten endlich drei Beiträge empor, die alle drei wie in einen scheu verhüllten Nachruf auf den im tiefsten Sinne frommen Juden ausklingen. B. Jacob bringt in einer Skizze eine interessante neuartige Dichtung des befremdlichen biblischen Ausdrucks „Gott sehen". L e o Baeck lehrt, gedankentief wie immer, im Friedensgedanken Sinn und Gehalt der „Weltgeschichte" erkennen, sofern der Friede Ausdruck der Gerechtigkeit ist. Und in bemerkenswerter Übereinstimmung damit zeigt M a r g arete Susmann in einem Aufsatz, der in edelster Sprache religiöse Glut meistert, wie wir gerade aus unserer dunklen, wirren, glaubenslosen Gegenwart die messianische Friedensidee als Hoffnung auf das Heil der Welt neu gewinnen müssen und können und wie der Weg dahin kein anderer ist als Gerechtigkeit und Güte. Tor „Morgen", sagt Dienemann, ist Zeugnis von Julius Goldsteins Geist und Wollen, „mehr als jede andere Zeitschrift war er geprägt von dem Willen und der Denkart ihres Leiters; wenn er auch nicht oft selbst darin schrieb — er bestimmte die Richtung, er stellte die Fragen, er suchte und fand die Menschen, die auf seine Fragen mit ihrem Wissen und ihrer Denkart antworteten". Es ist eine Pflicht der Pietät gegen den Toten, aber mehr noch — denn nach ihm bedeutet Pietät, „daß etwas eigentlich schon Vergangenes dennoch bewahrt und erhalten bleibe" —, es ist eine Forderung der Ehrfurcht vor seinem lebendigen Geiste, ist ein Gebot der schuldigen Dankbarkeit zugleich gegen seine vortreffliche Gefährtin und Mitarbeiterin, daß wir nun, da ihm „die Abende dämmern" und er „schaut der Sterne lichteren Schein", alle unsere Kräfte vereinen, damit sein „Morgen" sein erhellendes Licht weiter über das kalte Dunkel unserer Tage breite. Dr. G. Salzberger (Frankfurt a. M.). Rabbiner Ir. Baeü MosvpW und Relisivnsunterricht. Ein Vortrag auf der „Tagung zur Förderung des philosophischen Unterrichts". Das Provinzialschulkollegium der Provinz Brandenburg und von Berlin, die Kant-Gesellschaft und das Zentralinstitttt für Erziehung und Unterricht veranstalteten am 10. und 11. Oktober eine „Tagung zur Förderung des philosophischen Unterrichts", die im großen Saale des Zentralinstituts zu Berlin stattfand. Ter erste Verhandlungsgegenstand war „Philosophie und Religionsunterricht:". Ueber den protestantischen Religionsunterricht sprach Oberstudiendirektor Dreher, über den katholischen Studienrat Dr. S ch u l t e-H u b b e r t, über den jüdischen Rabbiner Dr. Leo B a e ck. Rabbiner Baeck ervfsnete seinen Bortrag mit allgemeinen Bemerkungen über die Religiosität des modernen Menschen. Es sei für unsere Zeit charakteristisch, daß es keine Religion gäbe ohne Denken ü b e r die Religion. Manches Sehnen geht zwar nach einer naiven Hingabe, nach einer Religion, die nur Religion ist, aber diese Stufe kann nicht mehr künstlich zurückgerufen werden. Im Kulturleben ist es ebenso wie im Leben des einzelnen; wenn die Jahre des naiven Lebens einmal vorüber sind und das bewußte Leben, das zugleich Leben und Denken über das Leben ist, einmal begonnen hat, dann kann kein Mensch mehr auf die naive Zeit zurückgehen. Deshalb müsse man es als eine Tatsache hinnehmen, daß für den heutigen Menschen Religion stets mit Denken über Religion verknüpft sei. Damit, so führte Rabbiner Baeck aus, sei die Frage nach den Beziehungen zwischen Religionsunterricht und Philosophie bereits beantwortet. Es kann keinen Religionsunterricht geben ohne philosophische Einstellung des Lehrers und ohne philosophische Unterweisung und Hinführung des Schülers; — denn jedes Denken, und also auch das Denken über Religion, bedarf der Leitung durch den philosophisch geklärten Begriff. Die Schule, die wahrhaft den Menschen gestalten will, kann auch im Religionsunterricht der Philosophie niemals entraten. Der Redner ging dann ans die besonderen Bedürfnisse des jüdischen Religionsunterrichts ein. Eine Reihe von Gründen mache die philosophische Belehrung gerade hier zu einer sehr wichtigen Angelegenheit. Das Judentum sei eine Religion ohne Dogmen, aller Nachdruck sei aus die Tat gelegt, es fehle eine konstituierte Glaubensbehörde, die einen festen Dogmengehalt ausrechterhalte. Das Denken über die Religion, an keine Dogmen gebunden, sei im Judentum im besonderen Maße frei. Daher spiele die philosophische Besinnung hier eine besondere Nolle: denn freies Denken verlangt doppelt und dreifach die begriffliche Klarheit und Wahrheit. Die Geschichte der jüdischen Religion sei zugleich die Geschichte einer Religionsphilosophie. Es entspreche vielleicht der geschichtlichen Sendung des Judentums, in der M i n o r i t ä t zu sein. Eine Mehrheit kann möglicherweise ohne Philosophie leben, eine Minderheit nicht; denn sie bedarf des dauernden Nachdenkens über sich selbst. Die Grundidee des Judentums von der Einheit und Einzigkeit Gottes und von der unbedingten Pflicht zur sittlichen Tat rufe geradezu den Philosophen herbei; denn das Problem der Einheit und der sittlichen Verantwortung sei ein philosophisches im höchsten Sinne des Wortes. Aus allen diesen Gründen rücke das Philosophische gerade im jüdischen Religionsunterricht stark in den Mittelpunkt. Tie Bestrebungen, dem philosophischen Unterricht einen breiteren Raum in dem Lehrplan unserer höheren schule zu geben, sei daher auch vom Standpunkt der Unterweisung in der jüdischen Lehre zu begrüßen. — Die Versammlung, in der man außer den Vertretern der Wissenschaft, des preußischen Kultusministeriums, verschiedener deutscher Provinzialschulkollegien auch Vertreter des Auslandes bemerkte, ehrte Rabbiner Dr. Baeck durch langanhaltenden Beifall. Dr. S. Weinberg.