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Central-Verein-Zeitung · 1929-10-18 · 42 (18.10.1929) · p. Seite 565

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
42 (18.10.1929)
Date
1929-10-18
Page
Seite 565 (sequence 5)
Language
German
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Auf <zm £audtatysiaafd m Jiadett! Am 27. Oktober finden die Sandtagswahlen irr Baden statt. Obwohl wir sicher sind, daß jeder Badener und nicht zum wenigsten unsere Freunde wisien, um was es bei dieser Wahl geht, veröffentlichen wir nachstehenden Aufsatz unseres dorthin entsandten LLO-Sonderberichterstatters, der die Anstrengungen der Nationalsozialisten nm die Eroberung des Badener Sandes schildert. he. Karlsruhe, 13. Oktober. Nach einjähriger zellenbitdender Vorarbeit — die in zäher und skrupelloser Presiebearbeitung imb in rund 80 Versammlungen pro Monat bestand — haben die Nationalsozialisten ungefähr sechs Wochen vor dem Wahltag mit einem nun schon System gewordenen. reibungslos sunktionierenden Agitationstrolnnrelfeuer eingesetzt, dem keine gleichwertige Abwehrtaktik der übrigen Parteien entgegensteht. Mit der Intensität ihrer Arbeit haben sie auch die Quantität gesteigert: nachdem sie seinerzeit Sachsen mit 1300 Versammlungen überschüttet haben, wollen sie das tteiuere Baden mit nicht weniger als 2000 Versammlungen mürbe machen. Die allgemeine Lage ist ihnen in jeder Weise günstig: der schwere Wirtschaftskampf, in Baden, verschärft durch seine Grenzlage und den starken Anteil kleinbäuerischer Bevölkerung: die exponierte Stellung der badischen republikanischen Parteien als langjährige Regierungsparteien, die überdies augenblicklich den Koalitionsburgfrieden gebrochen haben; verschiedene, leicht demagogisch ans schlachtbare Skandale im Reich und nicht zuletzt die Hilfsdieuste, die Deutschnationale und Stahlhelmer den Nationalsozialisten mit Rücksicht auf das Volksbegehren direkt und indirekt leisten müssen und hier in Baden augenscheinlich besonders gerne leisten: dies alles treibt der nationalsozialistischen Agitation Wasser auf die Mühle. Wie geartet die nationalsozialistische Agitation neuerdings ist, beweisen die beiden Redeverbote, die die Regierung gegen M ü n ch - in e h e r und gegen L o e p e r (Dessau), die beide in Baden arbeiteten, erlassen mußte. Es war gewiß nicht etwa Zimperlichkeit, die die Regierung zu solchem Vorgehen bewog, denn hierzulande kann man ein kräftiges Wort gut vertragen. Aber keine Regierung, wenn sie nur noch eine Spur von Berautwortungsempfinden und Selbstachtung besaß, durfte die Beschimpfung und die gefährlichen Lügenkonstruktionen dieser bösartigen Hetzer länger dulden. Für ihre Methode ist das badische Organ der NSDAP, der „F ü h r e r", charakteristisch, der eine Kreuzung zwischen dem berüchtigten Blatt Streichers, dem „Stürmer", und dem pseudo-revolutionären „Angriff" Goebbels darstellt: unter dem Strich wird in Privatem gewühlt, geklatscht, verdächtigt, angedeutet und mit pornographischen Mitteln an die niedrigster! Instinkte appelliert: über dern Strich werden heroische, schein-idealistische Fanfaren geblasen, wird das „Dritte Reich" verkündet. Diese Methode haben sich auch die Redner zu eigen gemacht. Und sie verfehlt auf primitive Naturen, deren es bekanntlich auch unter den sogenannten Gebildeten nicht wenige gibt, nicht ihren Eindruck. So ist. in Baden die besonders erschreckende und gefährliche Tatsache zu verzeichnen, daß die Nationalsozialisten vor allem unter der Lehrerschaft eine zahlreiche Anhängerschaft gewonnen haben. Ihr Führer und Landtagskandidnt Lenz (Karlsruhe) war Lehrer, bis die Regierung sein Treiben in der Schule nicht mehr verantworten konnte; aber eine Reihe anderer badischer nationalsozialistischer Führer ist heute noch in: Schuldienst tätig. ... Die Anfänge der nationalsozialistischen Bewegung wurden in Baden seinerzeit von den Parteien völlig unterschützt und übersehen. 1925, bei den letzten Landtagswahlen, ließ man sie unbeachtet; sie erhielt 8900 Stimmen und kein Mandat. Bei den ReickMagswahlen 1928 blieb sie gleichfalls kaum angetastet; Ergebnis: 26 300 Stimmen, das bedeutete zwei Landtagsmandate. Nun, nach den Erfolgen der Nationalsozialisten bei den sächsischen Landtagswahlen scheint man die Gefahr endlich annähernd richtig einzuschätzen. Aber allzuviel wurde von seiten der Parteien schon versäumt und der Kampf ist sehr schwer. Das Zentrum ist heute so sehr von der NSDAP bedrängt, daß es seine Hauptfront völlig gegen sie Wersen mußte. Auch Sozialdemokratie und Demokraten haben sich zur Abwehr aufgerasft. Aber all' diese Parteien stehen gleichzeitig im Kampf gegeneinander und gegen ein halbes Dutzend anderer Fronten. Auch kämpfen sie fast durchweg mit allzu überalterter Ideologie und Methodik. Die Kommunisten sind in Baden völlig still geworden und scheinen das Gros ihrer Anhänger an Hitler abgetreten zu haben, ein Vorgang, der uns keineswegs überraschte, da wir ja immer schon die „geistige" Nähe dieser beiden Beivegungen mit Skepsis betrachteten. So liegen die Dinge augenblicklich in Baden. Und aus jenem Gebiet, das uns vor allem angeht, im Bezirk des judenhasserischen Kampfes der Nationalsozialisten, geschieht von seiten der Parteien soviel wie gar nichts. Es bleibt völlig uns überlasten. Leider gehen nun allzu viele i. Pr. unternahm kürzlich einen ersten Versuch, au die christliche gebildete Frauenwelt der Stadt mit einer Einladung heranzutreten, die zu einer Aussprache über die Möglichkeiten einer Entgiftung der antisemitischen Atmosphäre aufforderte. Die Einladung war nur mündlich ergangen zu „einer Stunde der Aussprache über die Fragen, die uns als Jüdinnen und Deutsche in gleichem Maße am Herzen lügen". Durch persönliche Besuche von vier Mitgliedern des Arbeitsausschusses wurden*-etwa 50 Damen der Behörden, Lehrerinnenschaft, neutralen Frauenvereinen und die Abgeordneten des Stadtparlaments von dem Zweck der Einladung unterrichtet und bewogen, zu dieser Veranstaltung zu erscheinen. Vorweg sei bemerkt, daß mit Ausnahme derjenigen Frauen, die verreist waren, k e i n e A b sage emging. Wohl wurden schon in diesen persönlichen Gesprächen viele Probleme angeschnitten und nicht alle standen nuferer Einladung oder unserer Gemeinschaft ohne Einschränkung wohlwollend gegenüber. Juden über dieses Problem mit Achselzucken und mit dein Hinweis darauf hinweg, daß es von den großen Parteien abhäuge, wie der Nationalsozialismus sich entwickle. Genuß werden das in erster Linie die großen Parteien entscheiden. Und wie diese Entscheidung nnsfallen wird, wissen wir heute noch nicht. Aber eines wisien wir: gleichviel, ob der Nationalsozialismus zürn Riesen oder zum Zwerg sich entwickeln wird: das, was er heute au Judenhaß, an antisemitischer Verhetzung und Verwirrung sät, das wird unhertvott aufgehen und das deutsche Judentum und seine Zukunft aufs schwerste gefährden, wenn wir uns nicht selbst intensiv der Dinge annehmen. Der E. V. arbeitet zäh und angespannt in dieser Richtung und sorgt, soweit es in seinen Kräften steht, für Aufklärung und für Entwirrung des judenhasserischen Lügenuetzes. Aber für Wahlzeiten, für die Zeit der antisemitischen Masieulüge und Lügenmassen, genügt nicht die Abwehrarbeit normaler Zeilen. Jähen und großen Schlammfluten gilt es, schnelle und große Dämmungen entgegenzuwersen, sollen sie wirksam sein und lange nachwirkendes Unheil verhüten. Für solche Zeiten genügen auch nicht die normal zur Verfügung stehenden Mittel. Allzu viele, denen die Pflicht obläge, diese Mittel mit auszubringen, entziehen sich dieser Pflicht; sie treiben Vogel-Strauß-Politik, die sich an ihnen und ihren Kindern rächen wird. Noch ist es Zeit, das Schlimmste abzuwehren, wenn jeder Badener Jude, jede Badener Jüdin ihrer Wahlpflicht genügt. Immerhin waren rund 25 Darum erschienen, also ein durchaus befriedigender Prozentsatz. Wir empfingen unsere Gäste auf neutralstem Boden, in einem behaglich hergerichteten Klubzimmer eines Hotels, zum Tee. Als einziger Herr war Dr. Ludwig H o l l ä n d e r anwesend, der, nach kurzen Einführungsworten der Vorsitzenden der Frauengruppe des E. V. über den Zweck der Zusammenkunft, seine Ausführungen über den Stand der „Judenfrage" begann und ans Schul- und Rassenantifemitismns sowie auf die politische und wirtschaftliche Orientierung der deutschen Juden näher eing'rng. Die Aussprache wurde in der Hauptsache von Lehrerinnen geführt, die ihre Erfahrungen dahingehend zusammensaßten, das viele jüdische Schulkinder an einem Mangel an Ehrfurcht vor denn was anderen heilig ist, und an denr Fehlen persönlicher Disziplin, die ihnen das sich Einfügen in eine, vielleicht nicht immer ganz bequeme- Gesamtheit als Selbstverständlichkeit gebiete, kranken. Im übrigen waren alle Rednerinnen durchaus bemüht, sachlich zu bleiben und nur eigenes Erlebtes zu bringen, um nicht in Datum, am 27. Okioktt jede jüdische Stimme ■gegen die Ttationaisasiatisten! Kusklärungsversammiung vor christlichen Krauen in Königsberg. Tie Fra neugruppe des E. B. Köni gsberg

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