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Central-Verein-Zeitung · 1929-10-18 · 42 (18.10.1929) · p. Seite 564

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
42 (18.10.1929)
Date
1929-10-18
Page
Seite 564 (sequence 4)
Language
German
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5ö4 Die Ortsgruppen Vreslau, Waldenburg, Schweidnitz, Striegau derASDAP aufgelöst Wie im ganzen Reiche, so machte sich auch in Schlesien seit Beginn dieses Jahres eine steigende Agitation der NSDAP bemerkbar. Nach einem deutlich erkennbaren System wurde ein Landkreis nach dem anderen vorgenommen und bearbeitet. Zeitweise jagten die Versammlungen einander. Die entlegensten Nester von wenigen hundert Einwohnern wurden heimgesucht und mit Veranstaltungen bedacht. Im Juli und August war eine Sommerpause. Dann setzte die Agitation verstärkt ein. Neben der Versammlungspropaganda trat die durch Flugzettel, gemessen an der der deutschvölkischen Bewegung während der Inflationszeit, merklich zurück. Immerhin war es interessant festzustellen, daß die damals verbreiteten „Ausklärungsblätter der Deutschen Erneuerungsgemeinde" (Verlag Kramer, Leipzig), fast durchweg von Fritsch versaßt, jetzt von neuem austauchten. Man hatte sie nur mit dem Stempel der Hitler-Partei versehen. Den G e g e n st a n d der Versammlungsreden bildete die Notwendigkeit der politischen Umgestaltung Deutschlands durch Ausschaltung jeglichen Einflusses der gegenwärtig am Ruder befindlichen Koalitionsparteien. Dabei fehlte es aber auch nicht an scharfen Seitenhieben gegen die Deutfchnationalen, denen mitunter der Titel „Verräter der deutschen Sache" beigelegt wurde. Auch wurden sie Verbündete des Kapitalismus genannt, aus dessen „Zinsknechtschaft" das deutsche Volk von den Nazis erlöst wAden würde. Es gab Redner, die sich dazu verstiegen, ihren Zuhörern, sei ihre Partei erst einmal zur Herrschaft gelangt, ein, noch dazu steuerfreies, Mindesteinkommen von mehreren tausend Mark jährlich zu garantieren! Die Judenfrage Hielte in der ersten Jahreshälfte nur eine sekundäre Rolle. Sie wurde aufs Tapet gebracht im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Problemen, nämlich mit dem des „internationalen Bank- und Börsenkapitals", das sich fast ausschließlich in jüdischen Händen befinde, und mit den Warenhäusern, deren Inhaber gleichfalls nur Juden seien. Der seiner Vollendung entgegengehende Breslauer Neubau der Firma Wertheim lieferte hier reichlichen Agitationsstosf. Mehr in den Vordergrund traten die Angriffe gegen die deutschen Juden, als in der zweiten Jahreshälfte der Expastor Münchmeyer auf dem Plan erschien, und noch mehr, als der Redaktionsstab des Nürnberger „Stürmer" auf Schlesien losgelassen wurde. Die Streicher und Holz brachten, das muß man ihnen lassen, eine neue Note in die Versammlungsreden. Ein so grobklotziger Ton lag selbst den nicht gerade zimperlich auftretenden schlesischen Agitatoren nicht. Die Rassenfrage wurde in ihrer ganzen Breite — nicht etwa Tiefe — aufgerollt. „Der Jude lebt in unserem Volk wie ein Blutegel, Ungeziefer und Schmarotzer" . . . „Ueberall grinst das Judengesicht, nur nicht im Schützengraben" . . . „Unter Jude versteht man einen Menschen, der faulenzt, betrügt, mürrisch und verlogen ist." (Diese Definition sollte sich das Reichsgericht für seine Rechtsprechung auf dem Gebiet der „I u d e n r e p u b l i k" ad notam nehmen!) — Das sind so einige Stilblüten aus der Rede, die Herr H o l z am 27. September in Glatz über das Thema: „Parasiten am deutschen Volke" hielt. Eine eigene Presse besaßen die Nationalsozialisten bisher nicht. Erst seit Juli erscheint in H i r s ch b e r g der „Hirschberger Beobachter", der sich im Gebiete des Riesengebirges allmählich zur Landplage auswächst. Neben den widerlichsten Verdächtigungen gegen die Hirschberger Kommunalverwaltung und ihre Leiter besaßt er sich in jeder Nummer eingehend mit den wenigen hundert Mitgliedern der jüdischen Gemeinde des Ortes. Er nimmt sich einzelne Personen vor, durchleuchtet ihr Privatleben und benutzt die festgestellten — leider nicht immer wegzuleugnenden — Ausschreitungen auf wirtschaftlichem oder sittlichem Gebiete zu bösartigen Verallgemeinerungen und wüsten Beschimpfungen gegen die Gesamtheit. Obwohl Holz in seinem oben erwähnten Vortrag ausdrücklich betonte, es gehe nicht um die Religion, sondern um die Rasse, bringt jetzt der „Hirschberger Beobachter" in Fortsetzungen eine Erneuerung des aus den achtziger Jahren noch in Erinnerung stehenden „Talmudauszuges". Das hat bereits zu einer Strafanzeige unseres Landesverbandes gegen den Schriftleiter wegen Religionsbeschimpfung geführt. Interessant ist die in einer Verfügung des Liegnitzer Regierungspräsidenten vom 16. Juli 1929 hervorgehobene Tatsache, daß sich beim schlesischen Stahlhelm eine Annäherung an die NSDAP bemerkbar mache. Bei einer Versammlung des Stahlhelms in Schweidnitz hat tatsächlich einer seiner Führer, der Major a. D. von Reibnitz, erklärt, er sehne die Vereinigung mit den Nationalsozialisten herbei; der Stahlhelm gehöre im Herzen schon l ä n g st zur NSDAP und kämpfe Schulter an Schulter mit ihr. Die schlesischen Provinzialbehörden haben diese Aeußerung und ähnliche zum Anlaß genommen, dieser Verschmelzung ihre besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Agitation hat trotz ihrer Regsamkeit und Schärfe fühlbare Wirkungen bisher nicht hervorgebracht. Zu nennenswerten Ausschreitungen gegen Juden ist es nirgends gekommen. Auch der vielfach gepredigte Geschäftsboykott hat sich höchstens in ganz vereinzelten Fällen bemerkbar gemacht. Der gesunde Sinn der Bevölkerung entscheidet vorläufig in Niederfchlesien noch immer zugunsten derer, die ihr Publikum gut und reell bedienen. Dem nationalsozialistischen Treiben wurde in den letzten Tagen ein empfindlicher Dämpfer aufgesetzt. Die Ortsgruppen Breslau, Schweidnitz, Waldenburg und Striegau wurden durch eine Verfügung des Breslauer Regierungspräsidenten aufgelöst. Anlaß zu dieser Maßnahme gab ein von den Nationalsozialisten bei einer Reichsbannerversammlung in Schweidnitz inszenierter Tumult, bei dem es einige Dutzend Verletzte gab. Man stellte fest, daß zur Verstärkung der Schweidnitzer Kampffront Hilfstruppen aus Breslau, Waldenburg und Striegau auf Lastautos herbeigeschafft worden waren. Deshalb verfielen auch die an diesen Orten bestehenden Gruppen der verdienten Auflösung. Die Behörden haben also ein scharfes Auge auf das Treiben und werden wohl auch in Zukunft dafür sorgen, daß es sich innerhalb der gesetzlichen Schranken hält. Rechtsanwalt Foerder (Breslau). „ - .und mit Kathreiner trinkenDeituÄinber die ittilck noch 'mal (o gern/ Aeöe gute iltutter be/tätiyt bas/ Sonderbare Erdkunde. In dein im Verlage Velhagen und Klasing erschienenen Buche von Professor Dr. E. Schäfer: „Spanien, eine Fahrt nach Andalusien" (Band 38 der „Monographien zur Erdkunde"), heißt es aus Seite 28: „. . . der für eine gesunde, selbständige Volkswirtschaft sehr bedenkliche Einfluß des Zahlreichen Judentums wurde durch die Einführung der Jnguisition und schließlich 'durch die Vertreibung aller Juden gebrochen . . ." Diese verallgemeinernde, gefährliche Darstellung veranlaßte das Mitglied unseres Hauptvorstandes, Rabbiner Dr. G o l d m a n n, Verhandlungen mit dem Verlage aufzunehmen. Er bat, eine neue Fassung für diese Ausführungen zu finden, durch die der Eindruck vermieden werde, als ob der Einfluß der Juden für jede Volkswirtschaft bedenklich sei. Der Verlag entschuldigte sich zunächst mit der angeblichen „Ueberempfindlichkeit der Juden". Erst nach nochmaligen Vorstellungen erklärte er: „Daß die Feststellung einer geschichtlichen Tatsache als Verunglimpfung angesehen wird, ist eine Verurteilung nicht der F e st st e l l u n g, sondern der Tatsache. Wenn Sie von vornherein sagen, daß kein unbefangener Leser die Stelle anders auffassen könne als Sie, so ist die Angelegenheit damit ja erledigt; wir wenigstens schließen f)iermit die Diskussion darüber." So schnell wie der Verlag V e l h a g e n und Klasing, schließen wir freilich die Akten darüber nicht. Seine Geschichtsauffassung ist glücklicherweise stark bestritten, um nicht zu sagen, längst widerlegt. Der zweifellos keiner übertrieben judenfreundlichen Regung verdächtige Volkswirtschaftler Werner S o m b a r t macht in seinem Werke „Die Juden und das Wirtschaftsleben", II. Kapitel, wiederholt die Austreibung der Juden für den Niedergang Spaniens geradezu verantwortlich. Und der Soziologe Robert Michels schreibt in seinen „Wirtschafts¬ und sozialphilosophischen Randbemerkungen", erschienen im „Archiv für Rechts- und Wirtschaftsphilosophie", April 1911, IV. Band, S. 411 ff.: „Es ist wirtschaftshistorisch nicht unstatthaft, den wirtschaftlichen Niedergang Spaniens mit der Vertreibung der dortigen Juden und den fall gleichzeitig eintretenden Beginn des Aufschwungs der nördlichen Niederlande, insbesondere Amsterdams, mit der Tatsache, daß sich der größte Teil dieser Juden gerade jenen Landstrichen zuwandte (1492, 1609 bis 1611), in nahe Verbindung zu bringen." Das Gegenteil ist richtig! In einen: Artikel vom 19. Juli d. I. berichtete die nationalsozialistische Zeitung „Die neue Front" unter der Ueberschrist: „Ein lehrreicher Prozeß": Rechtsanwalt Dr. Setter in Siegen habe in einer Gerichtsverhandlung geäußert, es sei festgestellt, daß nach dem religiösen Glauben des (jüdischen) Angeklagten wohl ein Meineid oder Falscheid gegenüber den eigenen Glaubensgenossen eine Sünde ist, daß aber Angehörigen anderer Bekenntnisse gegenüber eine andere Auffassung bestehe. Herr Dr. Seiter erklärte unserem Vertrauensmann zu dieser Behauptung: „Die mir von dev „Neuen Front" in den Mund gelegten Aenhernngen Mer den jüdischen Eid habe ich weder dem Wortlaut noch dem Sinne nach getan. Ich habe allerdings eine Bemerkung gemacht, die aber etwas ganz anderes besagte und durchaus nicht judenseindlich war. Was den Eid vor Gericht anbetrifft, so weis; ich ans eigener Erfahrung, datz ev gerade von den Inden besonders ernst und gc wissenhast genommen wird, gleichviel, ob die andere Partei jüdisch oder nichtjüdisch ist."

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