Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 7 (11.10.1929)
- Date
- 1929-10-11
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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23 Zur Einigungsfrage Von Wolfgang Siegfoert Matzdorff (Breslau) Die Aussprache über die Einigung der jüdischen Jugend hat durch den Beitrag Erich Vulkans gezeigt, mit welcher Subjektivität diese Lebensfrage des deutschen Judentums von der Minorität der in dieser Frage aktiven jüdischen Jugend an das Problem herangegangen wird. Weil diese Methode zur Stagnation zu führen droht und zudem die Entwicklung eines Tages bei dem Festhalten der gegenwärtigen Einstellung der Träger der jüdischen Jugendbewegung eine „jüdische Jugend“ als solche überhaupt nicht mehr vorfinden wird, schien mir die Frage der Einigung vornehmlich unter dem Gesichtspunkt einer Mobilisierung jüdischer Jugend behandelt werden zu müssen. Dass hierbei von bestehenden jüdisch-politischen oder jüdisch-religiösen Gruppeneinstellungen ausgegangen werden muss, scheint mir mit Erich Vulkan mindestens praktisch und zweckmässig. Darüber hinaus aber lag meiner Forderung der Intensivierung des Verantwortungsbewusstseins in der jüdischen Jugend der Gedanke zugrunde, dass die von der überwiegenden Mehrzahl in ihrer Notwendigkeit bejahte Einigung entscheidend gefördert wrürde durch die Heranziehung bisher abseits stehender junger jüdischer Menschen. Mir schwebt etwas vor wrie eine jüdische Aktion unter der jüdischen Jugend, etwa in der Art — die Beispiele mögen cum grano salis gewertet werden —, wie die katholische Aktion im Lager des politischen Katholizismus oder die von Georg Bernhard wiederholt geforderte republikanische Aktion für die Vertiefung praktischer Demokratie in Deutschland. Es würden dann Die von Fritz Plotke und Werner Rosenstock in Nr. 6 dieser Beilage herbeigeführte Aussprache über „Erziehung zum deutschen Juden“ ist dankbar zu begrüssen. Die angeschnittene Frage verdient es, über den ursprünglichen Rahmen hinaus in diesen Blättern behandelt zu werden. Plotkes Ausführungen haben einmal in seltener Klarheit die heutige Situation der jüdischen Jugend beleuchtet. Vor allem muss man seinen Schlussfolgerungen zustimmen, in denen „weniger Problematik, mehr positive Arbeit“ gefordert wird. Erfeulicherweise sieht auch Plotke die wesentliche Aufgabe der Bünde in der Durchdringung des jugendlichen Denkens mit jüdisch-religiösen Ideen. Sagt er doch an einer Stelle deutlich, dass man den Jüngeren die Grundlagen im Bunde geben soll, die das Wesen des religiösen Juden ausmachen. Erst dann könnte der junge Jude an die Klärung der ihn bewegenden Umweltprobleme herangehen, um den Ausgleich zwischen jüdischem und nichtjüdischem Denken zu finden. Kurz, um sein Deutschjudentum zu erproben. Ich möchte gleich vorausnehmen, dass nach meiner Auffassung zur Erfüllung dieser Arbeit am besten die rein religiös orientierten Bünde geeignet sind. Erstrebt man eine Erziehung zum deutschen Juden im Sinne Plotkes, so werden vorerst zwei Momente ausgeschaltet werden müssen, die dem im Wege stehen. Beide kommen in ein und demselben Begriff zum Ausdruck, dem Begriff des jüdischen Milieus. Es gilt, über alle Theoretisiererei hinweg die Praxis im Auge zu behalten. Hier sind zunächst einmal die Voraussetzungen für ein aus der bisherigen Linie vom Nationaljudentum bis zum Trutzjudentum sich Gedanken abheben, die wesentlich, da neuartig-frisch, sein könnten für die kommenden Krisen auf dem Wege der Einigung der jüdischen Jugend. Nicht gedient ist der Sache, wenn die einen, auf ihr religiös-liberales Judentum pochend, sich zur „Einigung“ erklären, die anderen wieder, indem sie ein eindeutig nationales Judentum unterstellen. Wer fühlt nicht das Fehlen eines „Mehr“ als der hier und dort gegebenen Einstellung. Um dieses „Mehr“ geht das Ringen. Dem jungen jüdischen Menschen ist „Judentum“ als Inhalt mehr, als er in Wahrheit zu erleben vermag. Um dieses Komplement ringt er und muss hierzu auf die bewusste Anteilnahme aller als Juden geborenen Menschen rechnen. S i e gilt es zu mobilisieren durch die klare Fragestellung: Was hast du als Jude Geborener zu tun, um zu deinem Teil als Träger dieser Generation deinem Judentum einen Sinn zu geben? Wenn noch hinzukommt die wissensmässige Einführung im Einzelfall, etwa durch die „Schule der Jugend“, so ist zu hoffen, dass in diesem Ringen Gedanken reifen, die eine Einigung der jüdischen Jugend vorbereiten. Verwechselt nicht „Einigung“ mit „Verwischung der Gegensätze“! Dieses ist zu vermeiden, jenes zu fordern. Im grossen Forum soll das junge Judentum, seine Zukunft vorbereitend, aus allen Richtungen Zusammenkommen. Dieses ernste Ringen der verantwortungsbewussten „Juden“ um den allen so verschiedenartigen Wesensinhalt dieses Wortes ist etwas erstes Gemeinsames, ein Schritt zur Einigung. jüdisches Milieu zu untersuchen. Man wird sie rein äusserlich in einer Abgeschlossenheit von der Umwelt sehen müssen. Es gibt eine derartige, und zwar selbstgewählte Einkapselung in vielen jüdischen Vereinen und Institutionen, die da angeblich jüdische Eigenwerte zu pflegen glauben. Das geschieht z. B. vermittels jüdischer Chöre oder sonstiger Musikvereine (soweit sie nicht einen rein religiösen Charakter tragen), in jüdischen Turn- und Sportvereinen u. ä. Man könnte ja eine grosse Zahl derartiger Vereinigungen anführen. Selbstverständlich seien hiervon die Vereine ausgeschlossen, die aus Abwehrgründen bestehen oder deren Vorhandensein (auch in sportlicher Beziehung) erforderlich ist, soweit uns Juden die Aufnahme anderweitig unmöglich gemacht wrird. Die vorhin genannte Art von Vereinen ist aber im allgemeinen nur dazu angetan, einen Absonderungsgeist grosszuziehen, der aller Erziehung zum deutschen Juden zuwider ist. Geht man den Gründen nach, die zu dieser Absonderung führen, so entdeckt man zumeist (natürlich abgesehen von zionistischen Vereinen) eine Erscheinung, die man zwar menschlich verstehen, nicht aber billigen kann. Der einzelne Jude geht weniger in diese Vereine, weil scheinbar ln ihnen Eigenwerte gepflegt werden, als vielmehr in dem Glauben, sich in einem solchen Kreise wohler zu fühlen. Gewiss werden durch dieses einer Milieustimmung entspringende V erhalten viele Widerstände beseitigt, denen man sonst vielleicht ausgesetzt ist. Prüft man aber weiter, so entdeckt man, dass der Betreffende aus einem Gefühl des Sichgehenlassens in der Geborgenheit, aus. Bequemlichkeit und Furcht vor geistiger Auseinandersetzung so handelt. Ein derartiges Verhalten von Leuten, die sich durchaus als gute deutsche Juden fühlen, kann zwar dem einzelnen Befriedigung gewähren, muss aber notwendig jede Erziehung zum deutschen Juden unserer Auffassung unterbinden. Ein weiteres Gefahrenmoment ist zu beachten. Hierbei soll der Begriff des jüdischen Milieus nicht wie im vorigen rein gefühlsmässig auf gefasst werden, sondern in dem Sinne, wie ihn Werner Rosenstock in seiner Antwort an Plotke vertreten hat. Rosenstock hält als Basis für Wissen und Lernen eine Art gruppen - oder bundesbedingten jüdischen Milieus für notwendig. Diese Form von Milieubildung hat jetzt bereits zu eigenartigen Erscheinungen geführt. Man versucht in manchen jüdischen Bünden, sich mit allen möglichen jüdischen und nichtjüdischen Dingen zu beschäftigen, erst in letzter Linie mit dem Judentum als Religion. Auf Grund dieser Beschäftigung glaubt man dann ein Judentum gefunden zu haben, in dem zu leben einem nur der eigene Bund ermöglichen kann. Das hat zu einer erheblichen Ueb er Schätzung des Bundes geführt. Man fühlt sich als etwas anderes und erblickt auch in dem ausserhalb des Bundes Stehenden einen ganz wesensverschiedenen Menschen. Diese Ueberspitzung der Bundesidee hat bewirkt, dass der Bund dem einzelnen, zum Selbstzweck wurde. Und hierin liegt die Erklärung, warum es vielen nicht gelang oder gelingt, die Brücke zwischen dem Bunde und dem Leben herzustellen. Nicht, wie Werner Rosenstock schrieb, dass die einzelnen dies nicht verstanden haben, sondern gerade an dem Selbstzweck gewordenen hündischen Milieu, das sie gebunden hält. Es folgt von selbst, dass aus solcher Ueberspitzung der eigenen Bundesidee der Wille zum Empfangen von aussen und zum Ausgleichssuchen mit der Umwelt wesentlich erschwert wird. Damit also auch die Erziehung zum deutschen Juden. Der beste Weg wird wohl der sein, den Plotke vorgeschlagen hat. Will ein Bund als jüdischer eine Daseinsberechtigung besitzen, so wird in ihm notwendigerweise jüdische Arbeit getrieben werden müssen. Und soll diese die Erziehung zum deutschen Juden ermöglichen, so wird letzten Endes eine jüdisch religiöse Arbeit notwendig sein. Eine solche unter der gemeinsamen religiösen Idee stehende Arbeit verbürgt hinreichend die Bindung von Mensch zu Mensch, wozu nicht erst ein zu schaffendes jüdisches JVlilieu erforderlich ist. Gleichzeitig wird eine Ueberspitzung der Bundesidee verhindert. Verlangt doch gerade unsere religiöse Idee das Hinausstrahlen in die Umwelt, die Betrachtung der uns bewegenden Zeit- und UmwTeltsfragen im Lichte jüdischer Religiosität. Der Bund kann so nicht mehr Selbstzweck werden. Immer wTird er nur vorbereitendes Mittel zur Erfüllung grösserer, uns auch als Deutsche interessierender Aufgaben sein. Als ein Beispiel für solche weitergerichtete und weiterwirkende Arbeit sei hier nur die der jüdisch-liberalen Jugendvereine genannt. Es ist zu begrüssen, wenn man, wie Rosenstock schreibt, auch anderwärts wieder mehr versuchen will, jüdische Feiern, Formen usw. in das Bundesleben hineinziehen. Das wrird die Brücke zu jüdischem Erleben und damit zum ethischen Wirkungs willen im Leben unserer Unrwelt nur erleichtern. Durch die jüdische Milieubildung wird ein Wirken über den begrenzten Raum hinaus wesentlich erschwert oder gar unmöglich gemacht. Darum ist ihre Beseitigung Grundvoraussetzung für die Erziehung zum deutschen Juden. Erziehung zum deutschen luden — und ^jüdisches Milieu“ / Von Erich Vulkan (Breslau)